Stenodienst am Gericht.
Quotation 440

Wie berichtet, beklagen die Anwälte — aber auch die Staatsanwälte und Richter — dass die Protokolle oft nicht dem entsprechen würden, was im Gerichtssaal gesagt wurde. Vieles sei völlig unverständlich — besonders die deutschsprachigen Protokolle. Auch hätten Verhandlungen schon vertagt werden müssen, weil die Niederschriften zu spät übermittelt wurden, beklagte Fava. Begonnen hätten die Probleme, als im vorigen Sommer eine neue Gesellschaft den Steno-Dienst übernahm.

‘Dolomiten’ vom 29.01.2018 über den mangelhaften Stenographie-Dienst am Gericht Bozen.

Siehe auch:

Discriminaziun Medien Plurilinguismo Recht Service Public Sprachpfusch | Zitać | | Dolo | | |

Militärisch erobern.
Quotation 353

Bei der Wintertagung des Landesbeirates der Eltern zur Mehrsprachigkeit am 18. Februar marschierten auch die Schützen auf. Efrem Oberlechner, Medienreferent der Schützen, war einer der Teilnehmer an der Podiumsdiskussion, die auf die Referate folgte. Wie den Autonomiekonvent versuchten die Schützen auch die Tagung militärisch zu erobern, über den Saal verteilt und mit Spickzetteln, die kursierten. Ihre Argumente gegen die “gemischte Schule” (so der abschätzige Kampfbegriff): Schutz der Muttersprache, Italienisch sei Fremdsprache (die freilich mit modernen  Methoden unterrichtet werden müsse), Wissen werde so nicht angemessen vermittelt, Stellen abgebaut.

ff 11/2017 “Die deutsche Angst” zum Thema mehrsprachige Schule.

Jeder urteile selbst, wer hier eigentlich abschätzig spricht. Zudem sollte man mit Begriffen wie “militärisch” sehr vorsichtig umgehen.

Medien Plurilinguismo Scola | CLIL/Immersion Zitać | | ff | | Schützen | Deutsch

Umdenken in der Transitpolitik?

Die letzten Meldungen zum Abgasskandal ( hat bereits frühzeitig berichtet) sollten auch ihren Widerhall in der Transitpolitik finden. Seit Jahrzehnten gilt das Mantra, dass die LKWs unser Land überrollen und dadurch die Lebensqualität — insbesonders die Luftqualität — massiv beeinträchtigt wird. Dieser Grundsatz mag vor 20 Jahren richtig und wichtig gewesen sein; in der Zwischenzeit hat sich einiges getan, allerdings wurde nie wirklich konsequent gegen Umweltsünder vorgegangen. Um die Luftqualität in den Städten, aber vor allem entlang der Autobahn, steht es nicht am besten, beispielsweise werden die Grenzwerte für Stickoxid regelmäßig überschritten, ohne dass es zu einschneidenden Maßnahmen gekommen ist. In der Bevölkerung hat sich das Bild verfestigt, dass die LKWs maßgeblich an diesen Überschreitungen schuld seien. In den letzten Tagen haben die Medien die neuesten Ergebnisse der Abgasmessungen im Realbetrieb bekannt gegeben, die die verfestigten Meinungen über die Luftqualitätsproblematik allerdings auf den Kopf stellen: Wie beispielsweise Spiegel Online berichtet, zeigen aktuelle Messungen bei den PKWs durchschnittlich die doppelten Stickoxidemissionen wie bei modernen LKWs. Diese paradoxe Situation ist vor allem darauf zurückzuführen, dass für Lastwagen und Busse strengere Abgasmessungen vorgenommen werden und diese über dementsprechend aufwändigere Abgasreinigungssysteme verfügen.

Angesichts dieser Erkenntnisse müsste bei den Umweltverbänden eigentlich eine völlige Neuausrichtung der Transitkritik erfolgen. Von ca. 10 Millionen Fahrten über den Brenner entfallen rund 2 Millionen auf Lastkraftwagen. Nach meiner Milchmädchenrechnung dürften Lastwagen bei einem PKW-Dieselanteil von etwa 50% das geringere Problem darstellen. Man kann davon ausgehen, dass die ca. 4 Millionen Diesel-PKWs auf der Autobahn mindestens das  Fünffache an Stickoxiden im Vergleich zum Schwerverkehr emittieren — wahrscheinlich noch mehr, da die Abgasanlagen vieler PKW-Modelle bei hohen Geschwindigkeiten komplett abgeschaltet werden.

Damit sollte konsequenterweise der Fokus in der Diskussion über die Luftverschmutzung in unserem Land stärker auf die Diesel-PKWs gerichtet werden. Eine Maßnahme könnte sein, dass bei hohen Stickoxidwerten ein rigoroses Tempolimit angewandt wird; in Extremfällen müssten, ähnlich wie es bereits einige deutsche Städte mit der blauen Plakette andenken, sogar Fahrverbote für Diesel-Pkws ausgesprochen werden. Politisch aber sind derartige Forderungen wohl kaum durchsetzbar: Welch einen Aufschrei würde es geben, wenn der Schwerverkehr fahren dürfte, Diesel-PKWs aber nicht.

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Abgehängte Jugend.

Der letzte Bericht zur sozialen Lage der Nation des Forschungsinstitutes Censis offenbart eine grundlegende Malaise, in welcher das Land steckt. Es gibt sicherlich viele Faktoren, die den Zustand einer Gesellschaft beschreiben können; nur ein Gesamtbild ist meist objektiv, aber trotzdem sind die neuesten Ergebnisse laut dem jährlichen Bericht geradezu erschreckend:

  • Im Vergleich zur Jugend vor 25 Jahren haben die heutigen italienischen Jugendlichen ein um 26,5% geringeres Einkommen, während die ältere Generation (65+) im Vergleich ihr Einkommen um 24,3% steigern konnte.
  • Zum Durchschnitt der Bevölkerung haben die Haushalte mit weniger als 35 Jahren ein um 15,1% geringeres Einkommen und ihr Vermögen (“ricchezza”) ist um 41,1% geringer. Vor 25 Jahren waren die Einkommen der Jugend im Vergleich zur Gesamtbevölkerung um 5,9% höher.
  • Der Anteil der NEET (Not in Education, Employment or Training) ist mit 24,2% die höchste in ganz Europa.
  • 61,4% der Bevölkerung glauben, dass ihr Einkommen in den nächsten Jahren nicht steigen wird, ebenso sind 57% der Bevölkerung der Meinung, dass ihre Kinder und Kindeskinder schlechter leben werden als sie heute.
  • Gleichzeitig erleben die sogenannten Voucher einen Boom, in den Jahren 2008-bis 2015 wurden 277 Mio. davon ausgegeben. Im heurigen Jahr wurden bisher allein 70 Mio. Voucher für zeitlich befristete bzw. unregelmäßige Tätigkeiten registriert. Ein Zeichen, dass vor allem “lavoretti” boomen.
  • In diesem Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Geburten im Jahre 2015 mit 485.000 einen neuen Tiefstand erreicht hat. Die Zahl der Kinder pro Frau ist auf 1,35 gesunken, notwendig wären 2,1 um eine Bevölkerung zu erhalten. Der Anteil der Älteren (65+) ist mit 22% höher als jene der Jungen (0-18 Jahre: 16,5%).

Für mich sind diese Ergebnisse geradezu erschreckend. Der Trend der letzten Jahre hat sich verfestigt. Ein Gemeinwesen, welches nicht in der Lage ist, Zukunftsperspektiven für die eigene Jugend zu bieten, kann als gescheitert angesehen werden. Wenn jemand keine Aussicht auf eine geregelte und angemessen bezahlte Arbeit hat, dann wird er sicherlich nicht eine Wohnung kaufen und eine Familie gründen. Dieser Teufelskreis wirkt sich gesamtgesellschaftlich und gesamtwirtschaftlich immer stärker aus. Nicht geborene Kinder werden auch in Zukunft keine Nachfrage generieren und die ungeborenen Kinder ihrerseits wiederum keine Kinder bekommen — letztlich ein sich selbst verstärkender Prozess, der unweigerlich in eine immer tiefere Krise führen wird. Vor diesem Hintergrund ist das anstehende Verfassungsreferendum geradezu ein Witz. Wie soll dieses Land angesichts der Dynamik, wie sich eine Vielzahl an Indikatoren entwickeln, je wieder auf die Beine kommen? Vor allem ist es aber ein Verrat an unseren Kindern; diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass die ältere Generation geradezu auf Kosten der jüngeren Generation lebt, wird uns noch alle teuer zu stehen kommen.

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Gemischtsprachige Haushalte sind am reichsten.
Quotation 315

Gemischtsprachige Familien, in denen ein Elternteil Deutsch und der zweite Italienisch spricht, haben das höchste Finanz- und Immobilienvermögen in Südtirol.

Doch auch andere Ergebnisse machen hellhörig: Die “gemischtsprachigen Haushalte”, haben nicht nur das größte finanzielle und Immobilien-Vermögen, sie sind auch am wenigsten armutsgefährdet. Armutsgefährdet sind hingegen 17 Prozent der “rein” deutschen Haushalte, 14 Prozent der italienischen und 13 Prozent der ladinischen Haushalte; bei den Einwanderern sind es 35 Prozent.

SüdtirolNews zur Tagung “Ethnische Differenzierung und soziale Schichtung in der Südtiroler Gesellschaft” am 20.10.2016 in Bozen.

Ich war gestern kurz bei der Tagung und konnte die Ausführungen genau zu dem Thema hören. Explizit wurde von den Referenten darauf hingewiesen, dass nicht das Gemischtsprachige den Ausschlag gibt, sondern die Tatsache, dass gebildete Bevölkerungsschichten in der Regel höhere Einkommen erzielen und sich auch häufiger “vermischen”.

Was dann ein Journalist daraus macht, kann nun jeder selbst beurteilen.

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Gemeinden wollen abkassieren.
Quotation 304

Ich kann verstehen, dass Speedcheck-Boxen aufgestellt werden um mehr Sicherheit zu gewährleisten. Aber wenn man derzeit durch Südtirol fährt, dann stehen überall nur noch orange Säulen herum. Diese Häufung erscheint mir zu viel. Viele Gemeinden nehmen den Sicherheitsaspekt nur noch als Alibi, in Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes.

Nämlich?

Ums Abkassieren. Wenn in kleinen Gemeinden gleich vier oder fünf Speedcheck-Boxen stehen, dann ist das in meinen Augen total übertrieben.

Richard Theiner, Umweltlandesrat. Interview in der Tageszeitung am 19.08.16

Soweit ich es beobachten kann, führen die Speedboxen sehr wohl zu einem Sicherheitsgewinn, vor allem aber auch zu mehr Lebensqualität, da der Lärm massiv zurückgeht. Das Argument des »Abkassierens« zieht nicht, ein Großteil der Boxen, die ich kenne, haben nicht einmal ein Gerät drinnen; stattdessen wird periodisch das Radargerät zwischen den Boxen gewechselt. Wollten die Gemeinden abkassieren, wäre überall eines eingebaut, es wäre wahrscheinlich in kürzester Zeit abbezahlt.

Für einen Umweltlandesrat sind diese Aussagen einfach nur peinlich, auch weil er im Interview auf die vermeintliche Lösung E-Mobilität hinweist. Wir sind wahrlich von Experten umgeben. LH Kompatscher kann einem fast Leid tun.

Nachtrag: Außerdem müssen in Italien Radarkontrollen mit einem Schild angekündigt werden und es muss (wenn auch nicht unbedingt sichtbar) innerorts stets ein Beamter dabeistehen. Die Hürden für ein eventuelles »Abkassieren« sind also so hoch wie nirgendwo sonst.

Siehe auch:  

Ecologia Gesundheit Medien Mobilität Recht Sicherheit | Zitać | Arno Kompatscher | TAZ | | SVP |