Deutsch im Sport geduldet.

Wie Südtirol Online (Stol) berichtet, kann niemand verbieten, dass Südtiroler Fußballspieler auf öffentlichen Südtiroler Spielfeldern während eines Spiels untereinander auf Deutsch sprechen. Gleich zwei Schiedsrichter hatten das in jüngster Zeit anders gesehen.

Der Südtiroler Schiedsrichterverband — dessen Homepage übrigens einsprachig ist — geht sogar so weit, zu gestatten, dass Südtiroler Fußballspieler mit Südtiroler Schiedsrichtern auf Deutsch kommunizieren dürfen. Bislang wurde laut Angaben einiger Verantwortlicher sogar mit einheimischen Schiedsrichtern Italienisch gesprochen. Allerdings sei dieses neue Zugeständnis eine Ausnahme: Amtssprache gegenüber Schiedsrichtern ist laut Schiedsrichterverband grundsätzlich Italienisch.

Der Landeshauptmann weist (laut Stol) darauf hin, dass sich die »Südtiroler Amateurfußballer … auf das Autonomiestatut (Art. 99, 100) berufen und ihre Muttersprache ohne Einschränkung untereinander verwenden« dürfen. Eine sonderbare Auffassung der statuarischen Normen: Schließlich dürfte es in einem freien Land keines Autonomiestatutes bedürfen, um untereinander (wo auch immer) Deutsch, Französisch, Swahili oder eine andere Sprache der eigenen Wahl zu benützen. Wenn das Autonomiestatut etwas regelt, dann ist es die Amtssprache — und das ist laut Schiedsrichterverband (mit Durnwalders Zustimmung) im Sport ausschließlich die Staatssprache.

Auf einen anderen Bereich umgelegt klingt Durnwalders Aussage so, als sagte er: »Die Südtiroler können sich auf das Autonomiestatut (Art. 99, 100) berufen und auf der Straße ihre Muttersprache ohne Einschränkung untereinander verwenden. Gegenüber einem Polizisten gilt selbstverständlich Italienisch als Amtssprache.«

Dass es in Südtirol überhaupt einer offiziellen Feststellung bedarf, dass Spieler untereinander Deutsch sprechen dürfen, zeigt, wie weit wir es mit der »Vorzeigeautonomie« gebracht haben. Die Gleichberechtigung unserer Landessprachen ist noch weit von ihrer Verwirklichung entfernt.

Relationen.

von Harald Knoflach

Einkommensvergleich.Da mich diese Neid- und Lohndebatte und das Gerede vom alles regelnden Markt immer nervt, hab ich heute etwas Interessantes gebaut. Die Infografik zeigt, dass es nicht um Neid sondern um Verhältnismäßigkeit und Gerechtigkeit geht.

Ein paar Erkenntnisse:

  1. Die Verbindung zwischen Verantwortung/Wertschöpfung und Entlohnung ist völlig entkoppelt.
  2. Im Vergleich fallen Politikergehälter nicht so sehr aus der Reihe.
  3. Der durchschnittliche Italiener müsste 144.178 Jahre lang arbeiten, um John Paulsons Jahresverdienst zu erreichen.
  4. Die »Arbeit« eines Hedge-Fonds-Managers ist gleich viel wert wie jene von 6.781.461 Kenianern (17,6 % der gesamten Bevölkerung Kenias).

P.S.: Die Größenverhältnisse sind einigermaßen akkurat. Ein Pixel entspricht ungefähr 500 Euro (für Originalgröße Bild anklicken).

Sport und Intoleranz.

Wie die Tageszeitung A. Adige in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, wurde Gabriel Brugger, Spieler des ASC St. Georgen (Serie D), Opfer einer ganz besonderen (wenngleich leider nicht einmaligen) Form von Intoleranz: Während des gestrigen Spiels gegen Montichiari wurde er aufgrund seiner Muttersprache angefeindet und bedroht — und zwar nicht aus dem Publikum, sondern von Schiedsrichter Fabio Schirru aus Nichelino bei Turin, der für Fairness zuständig wäre. Als er Brugger mit einem Mitspieler Deutsch sprechen hörte, drohte er ihm mit Platzverweis. Der unglaubliche Vorfall wurde vom Sektionsleiter der Pustertaler, Georg Brugger, bestätigt. Er wirkt noch grotesker, wenn man berücksichtigt, dass beide Mannschaftskapitäne vor dem Spiel einen Aufruf gegen Fremdenfeindlichkeit an das Publikum gerichtet hatten.

Georg Brugger teilte dem A. Adige außerdem mit, dass seine Spieler aufgrund von Herkunft und Sprache regelmäßig mit ähnlichen Anfeindungen konfrontiert werden. Die letzte Episode liege nur wenige Wochen zurück, als Schiedsrichter Luigi Fichera aus Catania schon vor dem Spiel in der Umkleide mitteilte, Unterhaltungen in deutscher Sprache als persönliche Beleidigung werten und Zuwiderhandlungen mit einer gelben Karte ahnden zu wollen. Das macht deutlich, wohin die nationalstaatliche Logik des einen Staates mit einer Sprache führen kann, insbesondere wenn sich jemand als uneingeschränkter Inhaber der Macht fühlt — wie bei Schiedsrichtern am Spielfeld nicht selten der Fall. Zudem stellt sich natürlich die nicht ganz unproblematische Frage, wie unparteiisch ein »Unparteiischer« mit derart minderheitenfeindlichen Ansichten überhaupt ein Spiel leiten kann. Georg Brugger machte darauf aufmerksam, dass sich seine Spieler ausschließlich in italienischer Sprache an die Schiris wendeten, untereinander aber die Sprache ihrer Wahl benutzten. Schließlich dürften alle anderen in- und ausländischen Spieler ebenfalls ihre Muttersprache gebrauchen.

Dem A. Adige, der den Vorfall kritisierte, ist für die Berichterstattung zu gratulieren, dagegen ist mir nicht bekannt, dass irgendein deutschsprachiges (Online-)Medium diese Nachricht übernommen oder irgendein Landespolitiker dazu Stellung genommen hätte*.

In derselben Ausgabe berichtet der A. Adige, dass der Mittelfeldspieler des AEK Athen, Giorgios Kathidis, vom griechischen Sportverband auf Lebzeit von der Nationalmannschaft ausgeschlossen worden sei, weil er nach einem Sieg gegen Veria den römischen Gruß zeigte. Dass sich der Spieler entschuldigte und angab, die Bedeutung seiner Geste nicht gekannt zu haben, nützte ihm nichts. Doch selbst wenn das Strafmaß gemindert werden sollte — ein ähnlich klares Vorgehen gegen den ehemaligen Lazio-Stürmer Paolo Di Canio, der den römischen Gruß regelmäßig in Richtung Fankurve erhob, hat man stets vermisst.

*) Nachtrag: Inzwischen haben sich auch die Onlineportale SüdtirolNews und Tageszeitung Online der Sache gewidmet. Die Freiheitlichen haben eine Landtagsanfrage vorbereitet. (19.03.2013)

Doch Südtiroler in Schladming.

Bei der Meldung der Tageszeitung und anderer Medien, wonach der italienische Skiverband eine offizielle Beschwerde eingereicht hätte, weil einige Athleten in Schladming vom offiziellen Speaker als »unsere Freunde aus Südtirol« und nicht als Italiener vorgestellt worden waren, handelt es sich offenbar um eine Ente. Ich hatte die Nachricht hier wiedergegeben, zeitgleich jedoch auch den Präsidenten des Skiverbandes, Flavio Roda, angeschrieben und um eine Erklärung gebeten. Seine Antwort lässt kaum Interpretationsspielräume:

Gentilissimo
A nome della Federazione e mia sono stupito della sua mail, visto che non esiste nessuna protesta, anche perché non vedo ragione in merito, non so da dove vengano queste affermazioni e ho provveduto personalmente a smentire tramite ANSA queste voci, e le garantisco di essere onorato di avere tanti sud-tirolesi che rappresentano la nostra Italia. La saluto cordialmente Flavio Roda

Traurig, dass wir als Blog es sind, die für Aufklärung sorgen — und es professionelle Medien offenbar nicht für nötig erachten, bei den im Bericht genannten Personen nachzufragen. Trotzdem drängt sich die Frage auf, wer solche Nachrichten überhaupt in Umlauf setzt.

Nachtrag:

Auch die Organisatoren von Schladming bestätigen, dass es keinerlei Beschwerde gegeben hat:

Sehr geehrter Herr Constantini,

wir haben weder eine mündliche, noch eine schriftliche Beschwerde des italienischen Skiverbandes vorliegen.

Beste Grüße,

Mag. Hans Grogl
i.A. Georg Skopek
Administration Sport
schladming2013
WSV Schladming

Merkwürdig und irreführend bleibt, dass die Nachricht von einem Medium, das sich des Prädikats »approvato FISI« (mit Zustimmung des italienischen Skiverbandes) erfreut, noch immer nicht zurückgezogen wurde.

Der Unbelehrbare.

Im Rahmen der Militär-Skimeisterschaften CaSTA, bei denen sich das italienische Heer im Hochpustertal — pardon: Alta Pusteria — Jahr für Jahr als Hausherr und Gastgeber präsentiert, legen die Alpini regelmäßig einen Kranz am faschistischen Beinhaus ab, dessen erklärter Zweck es war, die heiligen Grenzen der italienischen Patria zu markieren. Und somit Süd- von Osttirol, Bruneck von Lienz, Pustertal von Pustertal zu trennen.

Absoluter Tiefpunkt auch in diesem Jahr: Die Anwesenheit des Innichner Bürgermeisters Werner Tschurtschenthaler (oder laut Tolomei: Dallepigne) bei der Kranzniederlegung. Mit umgehängter Trikolore-Schleife und trotz massiver Kritik im Vorjahr, auch aus den eigenen Reihen. Dies, während seine Partei, die SVP, landesweit stark an Glaubwürdigkeit und Zustimmung einbüßt.

Die CaSTA-Skimeisterschaften wurden 1931 vom faschistischen Regime eingeführt und finden seit 1995 ausnahmslos in Südtirol statt.

Olympia abseits der Nationen.

I.
Feldhockey ist eine der verbreitetsten Sportarten in Katalonien, 16 von 18 Spielern der spanischen Olympiamannschaft stammen aus der Region. Bei manchen internationalen Bewerben tritt Katalonien bereits mit einem eigenen Team an, bei den Spielen in London war das jedoch nicht möglich. Nun hat einer der Spieler, Alex Fabregas, öffentlich mitgeteilt, dass er zwar gerne mit der (spanischen) Mannschaft spiele, jedoch nicht »für Spanien«, sondern nur »für mich selbst, meine Teamkollegen und die Zuschauer«. Er fühle sich als Katalane, habe jedoch »keine Wahl« gehabt. Auf seine Aussagen folgte über die sozialen Netzwerke postwendend die Aufforderung, ihn aus der Mannschaft auszuschließen, es kam sogar zu Morddrohungen. Die spanische Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Fremdenfeindlichkeit.

II.
Der Vater der Fußballstürmerin Eugénie De Sommer schwang während des Spiels zwischen Frankreich und den USA die Flagge der Bretagne. Umgehend wurde er von der Sicherheit aufgefordert, die Flagge wieder einzupacken; bei den olympischen Spielen seien ausschließlich die Flaggen der teilnehmenden Nationen gestattet. Man wollte ihn sogar des Stadions verweisen. Erst nach einer längeren Diskussion durfte er das Spiel seiner Tochter zu Ende sehen — ohne Flagge.

III.
Vor dem Fußballstadion von Glasgow, wo olympische Fußballbewerbe ausgetragen werden, weht ganzjährig die schottische Flagge. Im Juni befahlen die Organisatoren, sie abzunehmen und durch eine britische zu ersetzen. Erst die Proteste der Bevölkerung und eine sehr erfolgreiche Onlinepetition führten schlussendlich dazu, dass auch die schottische Flagge »im Namen der olympischen Werte, der internationalen Kameradschaft und des Respekts« hängen bleiben durfte.

Dem vielbeschworenen olympischen Geist zum Trotz hat es die kulturelle Vielfalt unseres Kontinents auch im 21. Jahrhundert schwer, gegen die verordnete Nationalstaatlichkeit zu bestehen. Die Tendenz zu Unterdrückung und Kriminalisierung ist so stark wie eh und je.

Siehe auch: [1] [2]

Zweifaches Kontrastprogramm.

von Harald Knoflach

Der olympische Geist:

Citius, altius, fortius! oder doch eher pecunia non olet? Jedenfalls sind die 30. Olympischen Spiele der Neuzeit eröffnet und somit steht einmal mehr der Wettstreit der Nationen für gut einen Monat im Mittelpunkt des Weltinteresses. Und immer wenn ich dann im Fernsehen oder im Internet den Medaillenspiegel präsentiert bekomme – und das ist ziemlich oft – fällt mir Terje Håkonsen ein:

I just think our generation is more about individual performance than about your country getting a medal. When you look at the newspapers during the Olympics, it’s hardly ever about the individuals. It’s about how many medals every country has. And then we can go out to the bar and talk about how great our countries are. I think nationalism, with people traveling and having friends all over the world, in different generations, I think it’s a really old school format by now.¹

Terje wer? … Terje Håkonsen ist eine Ikone des Snowboardsports. In den 1990er-Jahren galt er in der Königsdisziplin Halfpipe als unbesiegbar, da er tatsächlich nahezu jeden Bewerb gewann, an dem er teilnahm (Weltmeister 1993, 1995 und 1997, Europameister 1991, 1992, 1993, 1994, 1997²). 1998 in Nagano wurde Snowboarden erstmals olympisch. Terje hätte sich das Gold – und damit Ruhm und in der Folge auch einiges an Geld – wohl nur abzuholen brauchen. Doch der Norweger verzichtete – aus rein idealistischen Gründen. Erstens gefalle ihm der nationalistische Charakter der Spiele nicht und zum Snowboardsport passe dieser schon gar nicht. Zweitens weigere er sich, an den Qualifikationsbewerben teilzunehmen, da diese von der FIS (Anm.: Internationaler Skiverband) und nicht von einer Snowboarderorganisation ausgetragen würden. „Snowboarding is about fresh tracks and carving powder and being yourself, and not being judged by others. It’s not about nationalism and politics and big money. Snowboarding is everything the Olympics isn’t.“ Einige andere – vor allem amerikanische – Snowboardgrößen folgten Terjes Beispiel und so kam es, dass der damals völlig unbekannte Schweizer Gian Simmen erster Halfpipe-Olympiasieger wurde. Ob Håkonsen seinen damaligen Entschluss jemals bereut hätte? „No. Hell no!“

Szenenwechsel. In den heutigen Medien wird Markus Rogan, österreichischer Weltklasseschwimmer und Fahnenträger der rot-weiß-roten Mannschaft wie folgt zitiert: „Ich war noch nie so stolz, Österreicher zu sein!“ Wenngleich man sich beim bekannten Spaßvogel Rogan nie hundertprozentig sicher sein kann, ob seine Aussagen nicht ironisch verstanden sein wollen, dürfte er diesen Sager wohl ernst gemeint haben, denn er schoss nach: „Es war noch viel schöner als erwartet!“ Keine Frage, es ist bestimmt beeindruckend und bewegend, unter dem Jubel Zehntausender, eine Mannschaft ins Stadion zu führen. Jedoch bestätigt Rogans Aussage genau jene Kritikpunkte, die Håkonsen als Argumente für seinen Boykott ins Treffen führte. Wieso sollte man auf ein Merkmal, zu dem man meist nichts beigetragen hat, da hineingeboren, stolz sein? Man mag froh, glücklich oder zufrieden sein, dass man in einem wohlhabenden, schönen oder friedlichen Flecken Erde wohnt bzw. geboren ist. Aber stolz? Stolz impliziert Wertigkeit und Hierarchie. Wenn dann jedoch alle – zurecht? – stolz auf ihre Nation, auf ein recht schwammiges Kollektiv, sind, was dann? Dieser Stolz hat nämlich zur Folge, dass Sportarten – und damit Sportlerinnen und Sportler – die sonst kaum beachtet werden (ich denke da an Sportschützen oder Synchronschwimmer), plötzlich zu Nationalhelden werden; jedoch nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie einer bestimmten Nation angehören. Ich gönne jedem von Herzen seine „15 Minutes of Fame“, aber würde es tatsächlich um die individuelle Leistung gehen, die diese Sportler ja auch abseits der Olympischen Spiele erbringen, dürften sie vor und nach den Spielen sowohl in medialer als auch in finanzieller Hinsicht nicht so ein Schattendasein fristen.

Der demokratische Geist:

Dass die (Neu!)-Benennung einer Straße nach einer militärischen Einheit, die sich nie für Kriegsverbrechen entschuldigt oder von faschistischen Angriffskriegen distanziert hat, für ein demokratisches Gremium wie den Brixner Gemeinderat absolut anachronistisch und unverständlich ist, will ich gar nicht länger ausführen. Auch dass „martialische“ Benennungen für überzeugte Pazifisten und Grüne generell tabu sein sollten, ist mir an dieser Stelle keine weiteren Worte mehr wert. Vielmehr möchte ich die Brixner Entscheidung für eine „Alois-Pupp-Anlage“ mit einer Episode vergleichen, die sich unlängst in Wien zugetragen hat.

Dr. Karl Lueger war Wiener Bürgermeister um die Jahrhundertwende. Während seiner Zeit erlebte die österreichische Hauptstadt einen ungemeinen Modernisierungsschub. Straßenbahnen wurden gebaut, die Wasserversorgung wurde erneuert, die Stadt großflächig elektrifiziert. Dementsprechend allgegenwärtig ist Karl Lueger noch heute. Es gibt einen Dr.-Karl-Lueger-Platz, eine Dr.-Karl-Lueger-Statue, eine Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche und es gab den Dr.-Karl-Lueger-Ring. Dieser war Teil der Wiener Ringstraße, an der so prominente Gebäude wie das Burgtheater und die Universität gelegen sind. Neben seinem verwalterischen Geschick zeichnete Lueger aber auch noch eine andere Eigenschaft aus: er war überzeugter und aggressiver Antisemit. Daher kämpften Intellektuelle, Künstler, Universitätsbedienstete sowie grüne und sozialdemokratische Politiker schon seit Jahren für eine Umbennenung dieses Teils der Wiener Prachtstraße. Universität und Burgtheater wollten nicht länger mit einem Antisemiten in Verbindung gebracht werden, indem sie unter „Dr.-Karl-Lueger-Ring“ firmierten. Umbenennungen sind im Gegensatz zu Neubenennungen meist schwieriger zu bewerkstelligen, da ersteren oft der Nimbus des „Auslöschens“ und „Färbens“ anhaftet. Der zuständige Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny betonte sogar, dass die Umbenennung eine Ausnahme bleiben würde: „Ich habe grundsätzlich nicht vor, Umbenennungen in der Stadt vorzunehmen”, betonte er. Denn schließlich solle Wiens Straßenkarte nicht “ausgeweißelt” werden. Namensgebungen spiegelten immer auch die Geschichte einer Stadt wider – und “man soll nicht so tun, als ob es keine dunklen Seiten gegeben hätte”.³ Dennoch gab der Gemeinderatsausschuss dem Druck der Gegner des Dr.-Karl-Lueger-Rings nach und beschloss die Umbenennung in „Universitätsring“, um Wiens Vorzeigeadressen eine „würdigere“ Anschrift zu geben.

Das Argument Mailath-Pokornys, wonach Namensgebungen immer auch die Geschichte einer Stadt widerspiegelten, würde vielleicht (!) für die Beibehaltung einer „Alois-Pupp-Anlage“ sprechen, wenn es diese schon seit Jahrzehnten gäbe. In solch einem Fall wäre eine entsprechende Erklärung zur Person (wie sie zum Beispiel auf Innsbrucks Straßenschildern üblich ist) zielführender als eine Umbenennung. Denn würde man alle „dunklen Seiten“ beseitigen wollen, müsste wohl ein Gutteil der Straßen, die Monarchen, Schlachten oder Heeresführern gewidmet sind, umbenannt werden. Die Botschaft einer Neubenennung, wie sie kürzlich in Brixen passiert ist, hat jedoch eine ganz andere Dimension. Hier wird Pupp trotz des Wissens um seine (freiwillige) NSDAP-Mitgliedschaft nun nach Jahrzehnten mit einer Straßenbenennung geehrt, (wiederum mit den Stimmen der grünen Bürgerliste wohlgemerkt). Eine derartige Würdigung kann nicht mehr aus dem „geschichtlichen Kontext“ heraus erklärt oder gerechtfertigt werden. Der Unterschied zwischen der Wiener und der Brixner Entscheidung könnte größer nicht sein.


1) Vollständiges Interview im Snowboarder Magazine.
2) Snowboard-Europameisterschaften wurden jährlich, Weltmeisterschaften alle zwei Jahre ausgetragen.
3) Quelle: Der Standard.

Guardiolas nächste Herausforderung.

Kurz nach Beendigung seiner erfolgreichen Trainerkarriere bei Rekordmeister FC Barcelona hat auch Pep Guardiola sich jetzt als Befürworter der katalanischen Unabhängigkeit geoutet. Er war nicht nur herausragender Teamchef, sondern zuvor schon gefeierter Ausnahmespieler, der für die erste Mannschaft von Barça insgesamt 263 Spiele absolvierte. Zudem war er jahrelang in der spanischen Nationalelf und Kapitän der katalanischen Auswahl.

Nach dessen Rücktritt als Barça-Präsident hatte sich vor ihm auch Joan Laporta als Sezessionist geoutet und gründete 2010 die Partei Solidaritat Catalana (SI), deren Hauptziel die Loslösung Kataloniens von Spanien ist. In ihr sind mehrere bereits bestehende Kleinstparteien aufgegangen, darunter die grüne Alternativa Verda. SI ist derzeit mit drei Abgeordneten im katalanischen Parlament vertreten.

Mit dem erwarteten politischen Engagement von Pep Guardiola bestätigt sich der katalanische Fußballklub einmal mehr als politische Kaderschmiede für die Unabhängigkeitsbefürworter des Landes. Schon während des Frankismus repräsentierte die Mannschaft den Widerstand gegen den spanischen Zentralismus und die Diktatur. Seit Rückkehr der Demokratie engagiert sich der Verein aktiv für die Förderung der katalanischen Sprache und der Selbstverwaltung sowie für die Anerkennung eines von der spanischen Roja unabhängigen katalanischen Teams bei internationalen Bewerben.

Siehe auch: [1] [2]

Napolitano und Fußballsiege.

von Wolfgang Niederhofer

Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano stellt neuerdings einen Zusammenhang zwischen Erfolg bei der Fußball-EM und der Fähigkeit einer Nation zur Krisenbewältigung her«.

»Die Wirtschaftskrise und die Fußball-EM sind zwar im Grunde zwei verschiedene Dinge — ist aber ein Land in Krisenzeiten auf dem Fußballplatz erfolgreich, so ermutigt das die Bevölkerung und das ganze Land bei der Krisenbewältigung«, so Napolitano.

Dass Fußball-Großereignisse gesellschaftlich zentrale Veranstaltungen sind, beweist schon die Tatsache, dass sämtliche Ministerpräsidenten bzw. Staatsoberhäupter ihren Nationalteams die Aufwartung machen. Napolitano bildet hier keine Ausnahme. Die Medien befeuern ihrerseits die nationalstaatliche »Sache« mit teils archaisch, militärisch anmutendem Vokabular. Eine von mir geschätzte Oberschullehrerin beschrieb Fußball-Großereignisse als Ersatzkriege. Wie dem auch sei, die Faszination Fußball begeistert und beschäftigt die Massen. Ein Spiel mit simplen, leicht verständlichen Regeln, das im afrikanischen Hinterhof ebenso gespielt werden kann, wie in einer modernen Arena. Ein Spiel, das trotz Korruptionsskandalen und knallhartem wirtschaftlichen Business den Traum von der Durchlässigkeit der Gesellschaft nährt. Hier zählen zumindest theoretisch weder Hautfarbe noch soziale Herkunft, sondern einzig Können und Talent.

Zurück zu den Aussagen Napolitanos. Für ein Minderheitengebiet entwickeln derartige Verknüpfungen eine besondere Brisanz. Aus verfassungspatriotischer Logik müssten SüdtirolerInnen nun wohl ebenfalls der italienischen Mannschaft den Daumen drücken? Nach derselben Logik wurde ja vor einem Jahr eine gebührende Teilnahme Südtirols an den 150-Jahr-Feiern Italiens gefordert. Auch von Leuten, die sonst gerne vom grenzenlosen Europa philosophieren.

Wer sich diesem nationalstaatlichen Druck widersetzt, muss sich jedenfalls rechtfertigen — nicht umgekehrt. In Zukunft werden sich (zahlreiche) SüdtirolerInnen, die nicht der italienischen Nationalmannschaft den Daumen drücken, wohl auch für die Wirtschaftskrise und die erhöhten Steuern rechtfertigen müssen. Laut Napolitano gibt es ja einen Zusammenhang. Leute, die noch immer vom Alpinitreffen schwärmen, wie ein Pubertierender vom ersten Alkoholexzess, werden dem Staatspräsidenten wohl sekundieren. Schließlich fördern nächtelange Hupkonzerte und grün-weiß-rote Autokorso durch Südtirols Dörfer den gesellschaftlichen Zusammenhalt und neuerdings auch die wirtschaftliche Genesung des Landes. Eigenartig nur, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Südtirol häufig über die Symbole und Logik des Nationalstaates definiert wird. Eine wirklich funktionierende Autonomie sollte hier eigentlich Alternativen anbieten und einen gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem Kontext abseits der nationalstaatlichen Logik garantieren. Südtirols Autonomie ist dazu nicht imstande — einer der gravierendsten Konstruktionsfehler unserer Autonomie, der im Rahmen eines Nationalstaates wohl auch schwerlich zu überwinden ist.

Cricket und Sprache für Pakistaner.

Den inklusivistischen Ansatz der katalanischen Integrationsbemühungen hatte ich bereits durch die Übersetzung eines Handbuchs, das von der Plataforma per la llengua (Plattform für die katalanische Sprache) gemeinsam mit der Generalitat de Catalunya (katalanischer Staat) herausgegeben wurde, zu vermitteln versucht. Darin ist unter anderem der Vorschlag gegenseitiger Integration enthalten, bei der etwa Einheimische gemeinsam mit Migranten kochen und die jeweilige Esskultur kennenlernen.

Ein sehr schönes konkretes Beispiel für die Umsetzung bidirektionaler Integration — die nicht auf Assimilierung, sondern auf gegenseitige Bereicherung setzt — kommt vom Consorci per la Normalització Linguistica (Konsortium für die Sprachnormalisierung) in Hospitalet de Llobregat: Den Mitgliedern der zahlreichen pakistanischen Gemeinde im Ort wurden unter Einbeziehung ihrer Interessensvertretung Associació de Famílies Pakistaneses kostenlos 20 Stunden Katalanisch-Sprachkurs angeboten. Während der letzten 1,5 Stunden wurde in Zusammenarbeit mit der Unió Esportiva Catalana de Clubs de Criquet speziell auf das Cricket-Vokabular in katalanischer Sprache eingegangen. Cricket ist pakistanischer Nationalsport. Anschließend wurde ein Cricket-Turnier organisiert, bei dem Katalanen — in gemischten Mannschaften — von ihren Mitbürgern pakistanischen Ursprungs die Sportart erlernten, während die Pakistaner die katalanische Sprache praktizieren und Freundschaften mit einheimischen Bürgern knüpfen konnten.