Kolipsi II — endlich. (Endlich!)

Heute wurden an der Eurac die Ergebnisse der zweiten Kolipsi-Studie über die Zweitsprachkenntnisse Südtiroler SchülerInnen vorgestellt.

Erste Bemerkungen dazu:

  • Hurra, endlich gibt es »vergleichbare« Daten! Über Jahre hatten wir immer und immer und immer wieder darauf hingewiesen, dass es sinnlos ist, über die Entwicklung der Zweitsprachkenntnisse in Südtirol (Verbesserung? Verschlechterung?) zu diskutieren, wenn keine wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen. Und vor allem: Dass es hanebüchen sei, Schulpolitik nicht aufgrund wissenschaftlicher Erhebungen, sondern aufgrund von Mutmaßungen und Mythen zu machen.
  • Für ein mehrsprachiges Land wie Südtirol ist es wahrlich eine Schande, dass im Jahr 2017 erstmals Daten zur zeitlichen Entwicklung von Zweitsprachkenntnissen vorliegen, die nicht auf Selbsteinschätzung der Befragten beruhen. Und sie liegen noch immer nur für eine spezielle Gruppe (OberschülerInnen der 4. Klasse der Schuljahre 2007/08 und 2014/15) vor. Zudem gibt es m. W. nach wie vor keine Vergleichsdaten über die Erstsprachkenntnisse.
  • Wie wichtig solche Erhebungen sind, zeigt sich dadurch umso klarer, dass die Ergebnisse vielem von dem, was während der letzten Jahre gemutmaßt wurde, widersprechen.

  • Dass die Zweitsprachkenntnisse, die ich schon 2009 ernüchternd fand, in einem mehrsprachigen Land wie unserem weiter abgenommen haben, halte ich für eine extrem schlechte Nachricht.
    • Die Sprachkenntnisse nahmen bei den deutschsprachigen SchülerInnen deutlicher ab, als bei den italienischsprachigen. Bei ersteren gab es allerdings auch eine größere Fallhöhe.
    • Die absoluten Sprachkenntnisse der deutschsprachigen SchülerInnen sind dennoch nach wie vor klar besser, als die der italienischsprachigen.
  • Content and language integrated learning (CLIL), das vor allem in den italienischen Schulen massiv gefördert wurde, scheint nicht die erhoffte — und übrigens auch von mir erwartete — positive Auswirkung auf die individuellen Zweitsprachkenntnisse zu haben. Die sogenannte Evaluation hatte erste Hinweise in diese Richtung gegeben.
  • Angeblich ist — vor allem bei deutschsprachigen SchülerInnen — ein deutlicher Zusammenhang zwischen (außerschulischem) aktivem Gebrauch und Beherrschung der Zweitsprache erkennbar.
  • Bei Italienischsprachigen soll vor allem die Beherrschung des Südtiroler Dialekts für gute Deutschkenntnisse verantwortlich sein (wobei ich mich frage, ob erforscht wurde, welches die Ursache und welches die Wirkung ist).
  • Eine provokante Frage drängt sich mir auf: War früher alles besser? — Sprich: Warum waren die Zweitsprachkenntnisse besser, bevor begonnen wurde, ihren Ausbau immer hysterischer zu forcieren?
  • Vielleicht wäre es nun gut, bevor man von dieser Studie politische Forderungen ableitet, einen Schritt zurück zu machen, tief durchzuatmen und — endlich — besonnen nach Lösungen zu suchen.

Zur Impfpflicht…

Die italienische Regierung hat zwölf Impfungen verpflichtend gemacht, was wohl trotz Autonomie auch für Südtirol gilt. Obschon ich Impfungen grundsätzlich befürworte, sehe ich diese paternalistische Maßnahme sehr kritisch

  • weil sie — ganz besonders im beschlossenen Umfang, der in Europa seinesgleichen sucht— dem Recht auf körperliche Unversehrtheit und gesundheitliche Selbstbestimmung widerspricht;
  • weil für die/den EinzelneN eine Abwägung zwischen Risiko und Nutzen möglich sein muss;
  • weil die drakonischen Strafen (dem Vernehmen nach: Bußgelder bis 7.500€ und u. U. Entziehung des Sorgerechts) jede Verhältnismäßigkeit vermissen lassen;
  • weil die Verknüpfung mit dem Recht auf Besuch einer Kita oder eines Kindergartens wohl dazu führen wird, dass viele Kinder zuhause bleiben;
  • weil es, zumindest für diese Anzahl an Impfungen, keinen akuten Notstand gibt, der eine allgemeine (aber womöglich zeitlich beschränkte) Impfpflicht als verhältnismäßig erscheinen ließe;
  • weil die Maßnahme die Fronten zwischen ImpfbefürworterInnen und -gegnerInnen weiter verhärten könnte;
  • weil die für den allgemeinen Schutz (sog. Herdenimmunität) erforderlichen Durchimpfungsraten, die teils deutlich unter 100% liegen, wohl auch durch Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagnen erreicht werden könnten.

Die Diskussion ist eröffnet.

Siehe auch: [1]

K33: Ladinien und Präambel.
Selbstbestimmungsrecht in beiden Vorschlägen enthalten

In der Sitzung des K33 vom 19.5.17 wurden die Vorschläge Christoph Perathoners (SVP) zu Ladinien und zur Präambel für das neue Autonomiestatut behandelt.

Der Katalog, den Perathoner präsentierte, war sehr umfangreich und zielte darauf ab, die Rechte der Ladiner zu stärken und Anomalien zu beseitigen. Die Ladiner sind für ihn eine “Minderheit in der Minderheit”, die es besonders zu schützen gilt. Aus diesem Grund sollten alle bestehenden Diskriminierungen beseitigt werden. Als Beispiele nannte er, dass ein Ladiner im restlichen Staatsgebiet Verwaltungsricher werden kann, nur nicht in Südtirol; in der 6er-Kommission keine Ladinervertretung vorgesehen ist und dass ein Ladiner nicht Landeshauptmann-Stellvertreter werden kann.

Weitere Forderungen zielten darauf ab, die Bezeichnung des Landes Südtirol stets dreisprachig zu publizieren, eine ladinische Einheitssprache festzuschreiben, ladinischen SchülerInnen die Möglichkeit zu gewähren, auch außerhalb des ladinische Siedlungsgebietes eine Schule zu besuchen, wo die ladinische Sprache erlernt werden kann. Ladinische Exonyme sollten überall sichtbar gemacht werden, wie beispielsweise Bulsan, Tluses, Bornech. Umstritten war die Forderung, dass den Ladinern zumindest zwei Landtagsmandate garantiert werden sollen — Luis Durnwalder (SVP) bemerkte zu Recht an, dass damit die Ladiner strategische wählen könnten, da sie einem Nicht-Ladiner ihre Stimme geben könnten, mit der Sicherheit, dass ladinische Kandidaten sowieso in den Landtag gewählt würden. Diesen Punkt griffen natürlich sofort die italienischen Landtagsvertreter auf, die damit die Chance sahen, auch den Italienern eine Mindestzahl an Vertretern zu garantieren. Ich finde dies demokratiepolitisch äußerst fragwürdig, weil der Wählerwille unter Umständen nicht respektiert wäre. Ebenso umstritten war der Vorschlag, dass die Proporzregelung, wie von Perathoner und Edith Ploner (SVP) gefordert, zu Gunsten der Ladiner aufgeweicht werden sollte. Auch hier sahen die italienischsprachigen Vertreter und Riccardo Dello Sbarba (Grüne) die Chance, den Proporz im Ganzen in Frage zu stellen. Eine Dreisprachigkeitszulage für all jene öffentlichen Bediensteten, die die ladinische Sprache beherrschen, könnte als Förderung der Sprache auch für Nichtladiner angesehen werden. Ich finde den Vorschlag interessant, allerdings müsste die Finanzierbarkeit geprüft werden. Ein weiteres interessantes Detail förderte Perathoner zu Tage: So können LadinerInnen bei Gericht in ihrer Muttersprache verhört werden, das Protokoll wird aber in der Prozesssprache (Deutsch oder Italienisch) abgefasst, hingegen kann beispielsweise einE Türke bzw. Türkin in einem Prozess fordern, dass das Protokoll auf Türkisch verfasst wird. Das Anliegen der Ladiner von Col, Anpezo und Fodom wurde auch diskutiert, hier betonte Durnwalder, dass wir nicht von den anderen Regionen fordern können, dass diese Gemeinden abgetreten werden, allerdings sollte ein klares Signal an diese LadinerInnen gerichtet werden, dass wir sie mit offenen Armen empfangen würden. Die ladinischen Anliegen wurden insgesamt sehr positiv aufgenommen, die zum Teil berechtigten Einwände sollen in einen überarbeiteten Vorschlag eingearbeitet werden. Perathoner und Ploner werden diese Aufgabe übernehmen.

Der zweite Teil der Sitzung sollte sich mit der Präambel für das neue Autonomiestatut beschäftigen, wobei hier allerdings die Zeit fehlte, eingehender darauf einzugehen. Bei der nächsten Sitzung sollte der Diskurs vertieft werden. Es wurden zwei Vorschläge eingereicht, einen davon habe auch ich im Vorfeld unterstützt — er wurde von Florian von Ach an das Präsidium übermittelt.

Das Land Südtirol bekennt sich

  • zur Freiheit und Würde des Menschen;
  • zu den jüdisch-christlichen Traditionen des Landes im Geiste von Aufklärung, Humanismus und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung;
  • zum mehrsprachigen Charakter Südtirols mit seinen drei autochthonen historischen Landesprachen und zum friedlichen Zusammenleben;
  • zum besonderen Minderheitenschutz für die deutsche und die ladinische Volksgruppe;
  • zum Pariser Vertrag, wobei dieses Autonomiestatut einen wesentlichen Durchführungsakt des Pariser Vertrages darstellt;
  • zur Rolle Österreichs als Vaterland und Inhaber der völkerrechtlichen Schutzmachtfunktion für die deutsche und die ladinische Volksgruppe;
  • zu einem freien und vereinten Europa der Regionen, wobei das Eintreten für die Einheit der Tiroler Landesteile ein wesentlicher Ausdruck dieses Bekenntnisses ist;
  • zum Völkerrecht und zum demokratischen Selbstbestimmungsrecht, um über Südtirols politischen Status frei zu entscheiden und frei die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung zu bestimmen.

Dieser Vorschlag spiegelt für mich sehr gut den Charakter und die möglichen gesellschaftlichen Ziele unseres Landes wider, einzig auf die Formulierung “zur Rolle Österreichs als Vaterland” hätte ich lieber verzichtet.

Der zweite Text wurde, nachdem Florian von Ach signalisiert hatte, auch diesen zu unterstützen, eingehender diskutiert. Das Dokument ist juridisch wesentlich ausgefinkelter formuliert und wurde von allen Seiten grundsätzlich positiv aufgenommen, auch wenn Roberto Bizzo (PD) und Dello Sbarba und wahrscheinlich auch alle übrigen italienischsprachigen VertreterInnnen mit Ausnahme von Walter Eccli, den Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht ablehnen. Entgegen anderslautenden Medienberichten kam es im Konvent nicht zu hitzigen Diskussionen, dazu gab es kaum Zeit. Dello Sbarba lehnte auch den Vorschlag ab, einen Verweis auf die “christlich-abendländischen Wurzeln” in das Dokument aufzunehmen. Rechtsexpertin Esther Happacher meinte, dass dieser Entwurf einem Verfassungstext gleiche und fragte in die Runde, ob unser Konvent einen Alleingang ohne Trient beabsichtige.

Die Präambel hat gefühlt eine enorme Wichtigkeit für den Konvent. Bei der nächsten Sitzung wird weiter diskutiert, vermutlich wird sich alles um die Gretchenfrage drehen, ob das Selbstbestimmungsrecht verankert wird oder nicht.

F100: Abschlussveranstaltung im K33.

Die acht Arbeitsgruppen des F100 hatten am 12. Mai Gelegenheit, ihre Ergebnisse dem K33 vorzustellen. Leider waren die Landtagsabgeordneten nicht anwesend, sie saßen in der Landtagssitzung zum neuen Wahlgesetz fest.

Entgegen der in den Medien immer wieder verbreiteten Ansicht, das Forum der 100 sei zerstritten, einseitig ausgerichtet und unterwandert, wurden gestern Ergebnisse präsentiert, die in ihren Vielschichtigkeit und Umfang sehr gut den Pluralismus in unserem Land widerspiegeln. Besonders der Umstand, größtenteils im Konsens gearbeitet zu haben, spricht für diesen BürgerInnenprozess. Ich hatte den Eindruck, für viele TeilnehmerInnen war es eine persönliche Bereicherung, im Forum der 100 mitgearbeitet zu haben. Das Enddokument ist auf der Website des Konvents verfügbar und in jedem Fall wert, gelesen zu werden. Da die Arbeitsgruppen autonom gearbeitet haben, werden die Forderungen nicht vom gesamten Forum der 100 geteilt, sondern nur von der jeweiligen AG. Im folgenden die wichtigsten Ergebnisse:

ArbeitsgruppensprecherInnen bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Die AG 1 beschäftigte sich mit dem Thema Ausbau der Autonomie, die Rolle der Region, den Beziehungen zu Wien und Rom, der doppelten Staatsbürgerschaft. Im Konsens wurde entschieden, dass sämtliche primäre, sekundäre und tertiare Kompetenzen in “ausschließliche” umgewandelt, die Europaregion gestärkt und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Autonomiestatut verankert werden sollen. Die Region Trentino-Südtirol soll zu einem auschließlichen Instrument der Zusammenarbeit werden und als “Regionale Union” bezeichnet werden. Zwischen Wien und Rom soll eine ständige bilaterale Kommission eingerichtet werden. Die doppelte Staatsbürgerschaft wird als kein Gegenstandsbereich des Autonomiestatuts angesehen.

Die AG 2, an der ich mich beteiligte, beschäftigte sich mit den Themen Selbstbestimmung, Euregio, Beziehungen zu Österreich und Italien, Südtirolaktivisten. Die Arbeiten wurden erstaunlicherweise im Konsens abgeschlossen. Die Selbstbestimmung wird einerseits als demokratisches Grundrecht und andererseits als im Völkerrecht verankert angesehen. Dabei ist wichtig zu betonen, dass die Selbstbestimmung als ergebnisoffener und zweistufiger Prozess behandelt wird. Die Euregio wird als wichtiges Kooperationsmodell anerkannt und sollte auch im Rahmen des EVTZ ausgebaut werden. Die Region hingegen sollte abgeschafft und zwei Länder Südtirol und Trentino geschaffen werden. Die Südtirolaktivisten sollten nach über 50 Jahren begnadigt werden, der Landtag sollte sich damit auseinandersetzen.

In der AG 3 wurde der Themenbereich Kultur, Bildung und Toponomastik behandelt und es war die einzige Arbeitsgruppe, deren Ergebnisse von zwei Vertretern vorgestellt wurden, da kein Konsens in vielen Punkten erreicht werden konnte. Entsprechend unterschiedlich waren auch die Ergebnisse: Auf der einen Seite das Festhalten am Muttersprachprinzip und die Ablehnung mehrsprachiger Schulen, auf der anderen Seite die Forderung nach mehrsprachigen Schulen und  neuen Unterrichtsmodellen wie CLIL. Uneinig war man sich auch bei der Kultur: Während die Identität der einzelnen Volksgruppen als Reichtum angesehen und entsprechend gestärkt werden sollte, sahen andere Mitglieder ein verstärktes Zusammenleben und das Aufbrechen der Sprachgruppengrenzen als Erfolgsmodell. Für mich ist das Ergebnis Ausdruck der verschiedenen Ansichten im Lande und keine Gruppe sollte hieraus einen Meinungsführungsanspruch ziehen, was leider immer wieder versucht wurde. Bei der Toponomastik fanden sogar drei Vorschläge Eingang in das Enddokument.

Sprachgruppenzugehörigkeit, Proporz, Interessen/Vertretung Ladinia, Zwei- bzw. Dreisprachigkeit in der öffentlichen Verwaltung waren die Themen in der AG 4. Lange Diskussionen gab es beim Proporz, wo gefordert wird, dass Ortsansässige auch zu jeder Zeit eine Ersterklärung abgeben können sollen. Die Sprachgruppenzugehörigkeit sollte zudem nicht länger als vertrauliche Information gehalten werden. Die Prüfungen bei öffentlichen Stellen sollten in beiden Landessprachen abgehalten werden, damit die KandidatInnen ihre effektive Zweisprachigkeit unter Beweis stellen müssen. Die Rechte der Ladiner sollten ausgebaut werden, indem beispielsweise in der 6er und 12er Kommission auch ladinische VertreterInnen aufgenommen werden; eine einheitliche ladinische Sprache für den Schriftverkehr eingerichtet wird. Ladinische Exonyme sollten bei Städten wie Brixen oder Bruneck auch offiziell angewandt werden. Die drei ladinischen Gemeinden außerhalb Südtirol-Trentinos sollten in die Region eingegliedert werden.
 
In der AG 5 wurden die Themen Nachhaltigkeit (Umwelt), Wirtschaft, Forschung, Arbeit behandelt. Dabei wurde beispielsweise die Gleichstellung von öffentlichen und privaten Arbeitsplätzen, aber auch die von Männern und Frauen, behandelt. Ein Grundrecht für ein menschenwürdiges Leben, familienfreundliche Arbeitszeiten, permanente Weiterbildung und vieles mehr wird gefordert. Als ein weiterer wichtiger Themenbereich wurden Forschung und Innovation identifiziert, welche durch eine Vielzahl an Maßnahmen gestärkt werden sollten.
 
Sehr umfangreich sind die Vorschläge der AG 6 zu den Themen Soziales, Gesundheitswesen und Sport. Hier wurden Themen wie ein existenzwürdiges Leben als Grundrecht, die Chancengleichheit von Männern und Frauen, Familie, Überalterung, Gemeingüter und noch anderes mehr behandelt.
 
Die kleinste AG (7) gab es zum Thema Integration der Menschen mit Migrationshintergrund, Zusammenleben, Mehrsprachigkeit. Die Forderungen richten sich unter anderem auf eine Einführung zusätzlicher  Sprachgruppen bei der Volkszählung, wie etwa “Gemischtsprachige” und “Neubürger”. Ein weiterer Punkt war die Einführungs des Faches “Ethik” in den Schulen für all jene, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen.
 
In der AG 8 beschäftigte man sich mit Formen der Mitbestimmung (repräsentative und direkte Demokratie, Partizipation). Es wird gefordert, dass im Autonomiestatut Formen der Mitbestimmung verankert werden sollen; die Instrumente der partizipativen und direkten Demokratie sollten gut und wirksam anwendbar sein; das Wahlrecht sollte für Personen ab 16 Jahren und auch für ansässige AusländerInnen bei direktdemokratischen Abstimmungen ermöglicht werden.
Das umfangreiche Abschlussdokument liegt in einer vorläufigen Fassung vor, die Vielfalt der Themen deckt klarerweise auch Bereiche ab, die nicht Eingang in das Autonomiestatut finden werden, aber trotzdem als eine wichtige Standortbestimmung für die Wünsche der Zivilgesellschaft angesehen werden können. Aus diesem Grund ist es sicherlich auch sehr empfehlenswert, wenn unsere PolitikerInnen das Dokument eingehender lesen und hoffentlich auf wichtige Inputs für ihre weiteren Arbeiten bekommen. Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass es nicht immer eine Meinung gibt, sondern teilweise eine Vielfalt an Meinungen — wie im alltäglichen Leben — gefunden werden kann.
 
Ganz wichtig: Die Selbstbestimmung im Sinne der BBD als ergebnisoffener Prozess zur Überwindung der Nationalsstaaten in einem europäischen Sinne, konnte verankert werden.
 
Schlussendlich bringen die Arbeiten zum Ausduck, dass ein Wille besteht, dieses Land weiterzuentwickeln und Verantwortung zu übernehmen, indem möglichst viele Kompetenzen gefordert werden. Bewährtes wird dabei aber nicht vergessen und alle Seiten erkennen die drei Sprachgruppen als Reichtum an.

Muss TAZ wirklich sein?

Die TAZ hat sich ein neues (Wieder-)Betätigungsfeld erschlossen: Gesetze aus der faschistischen Diktatur ausgraben und auf ihre Einhaltung pochen. So geschehen vor wenigen Tagen mit einer Vorschrift aus den 1920er Jahren, die vorsah, dass in jedem Klassenzimmer ein Bild des italienischen Königs hängen muss — heute, so das Blatt, müsste man natürlich das Bild des Staatspräsidenten aufhängen.

Wer hier und hier gedacht hatte, viel tiefer könne man nicht sinken, wurde eines besseren belehrt.

Mein Vorschlag für die nächste Folge: Herausfinden, ob das Bild von Mattarella laut damaliger Richtlinie über oder unter dem obligatorischen Hinweis

Es ist verboten, Deutsch zu sprechen und auf den Boden zu spucken!

hängen muss.

Antwort an den Landesbeirat der SchülerInnen.

In der dieswöchigen ff (Nr. 18/2017) ist ein — von Jasmine Rouimi und Max Ebensberger unterschriebener — Gastkommentar des Landesbeirats der Schülerinnen und Schüler zum Thema Mehrsprachigkeit erschienen, den ich hier auszugsweise kommentieren will:

Dürfen Politiker, Parteien, Vereine und Verbände mit ihren oft persönlichen und populistischen Meinungen Einfluss auf die schulische Ausbildung nehmen und damit mögliche Erfolgswege der Südtiroler Jugendlichen lang- und kurzfristig verbauen?

Ich glaube, das ist es, was wir »Demokratie« und »Mitbestimmung« nennen. Das Schulsystem betrifft zwar die SchülerInnen am unmittelbarsten, doch es hat kaum zu überschätzende Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Was gelernt wird und was nicht gelernt wird beeinflusst, wie wir uns und die anderen sehen oder welches Wissen und welche Fähigkeiten wir als Gesellschaft für so wichtig halten, dass sie von allen beherrscht werden sollten.

Wir haben ein öffentlich finanziertes, allen offenstehendes Bildungssystem, an dessen Ausrichtung die Allgemeinheit ebenso mitwirken soll und kann, wie Verteidigungspolitik nicht nur vom Militär, Wirtschaftspolitik nicht nur von Wirtschaftstreibenden und Gesundheitspolitik nicht nur von Ärzten gemacht wird. Wer sich am Einfluss von Politikern, Parteien, Vereinen und Verbänden stört, hat die Möglichkeit, eine private Schule zu besuchen.

Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse auswärtiger Sprachwissenschaftler (wo sind unsere eigenen?) deuten in eine klare Richtung: Mehrsprachigkeit fördert kognitive sowie soziale Fähigkeiten und vereinfacht Austausch und Toleranz. Die Freie Universität Bozen wartet hierzu bereits mit einem Forschungsbereich auf: “Sprachen und Ausdrucksformen in der multikulturellen und mehrsprachigen Gesellschaft”. Wen meinen die? Uns? Multikulturell und mehrsprachlich [sic]?

  • Es stimmt nicht, dass alle wissenschaftlichen Erkenntnisse auswärtiger SprachwissenschaftlerInnen in eine Richtung weisen.
  • Wo unsere eigenen SprachwissenschaftlerInnen sind?
    • Sie, die die Situation in Südtirol kennen, klagen zum Beispiel darüber, dass es hierzulande meist um »möglichst früh, möglichst alles, möglichst schnell« gehe. Sie differenzieren und bringen Verständnis für die speziellen Probleme einer Minderheit im Nationalstaat auf.
    • Außerdem warten sie mit einem Forschungsbereich auf, der den SchülervertreterInnen offenbar gut gefällt. Und natürlich meinen sie (auch) uns: Wer behauptet, Südtirol sei nicht multikulturell und mehrsprachig, sieht die Realität vermutlich durch eine dunkle Brille.

Wir beherrschen nur eine Sprache wirklich gut: unsere Muttersprache, also den jeweiligen Dialekt. Bei unserem “Hochdeutsch” wird es meist peinlich, beim Italienischen sind wir oft beim Lächerlichen.

Unser Hochdeutsch (Stichwort Diglossie — ganz ähnlich wie in der deutschsprachigen Schweiz) mag holprig sein, einschlägige Studien (Eurac, Pisa-Test) konnten aber bislang keine gröberen Mängel feststellen. Doch selbstverständlich ist es deshalb auch umso wichtiger, die Standardsprache in der Schule gut zu erlernen und zu üben.

Dass die Italienischkenntnisse der deutschsprachigen SüdtirolerInnen »lächerlich« wären — ich weiß ehrlich gesagt nicht, auf welchen objektiven Befunden diese Feststellung fußt. Auch hier spricht das, was uns vorliegt, dagegen: Die Zweitsprachkenntnisse der Deutschsprachigen sind besser, als jene der Italienischsprachigen — und in beiden Sprachgruppen nehmen sie zu.

Ein Armutszeugnis, da Südtirol zu Italien gehört und es somit unser Recht als Bürgerinnen und Bürger ist, die Landessprache Italienisch durch die Schulbildung in ausreichender Menge und Qualität vermittelt zu bekommen. Italienisch ist keine Fremdsprache, sondern eine Zweitsprache.

Hier unterwerfen sich Rouimi und Ebensberger dem nationalstaatlichen Prinzip, das in seinem Selbstverständnis nicht einer Logik von Mehr-, sondern einer von Einsprachigkeit gehorcht, wiewohl es den Autoren vielleicht nicht bewusst ist. Italienisch sollten — und das ist glaube ich ziemlich unstrittig — in Südtirol alle in ausreichender Menge und Qualität vermittelt bekommen; aber nicht, weil wir Teil des Nationalstaats Italien sind, sondern weil es sich um eine wichtige Landessprache handelt. Das ist auch der Grund, warum wir Italienisch gerne als »Zweitsprache« bezeichnen können, auch wenn es sich bei »Fremdsprache« eher um einen (manchmal missbrauchten) didaktischen Begriff handelt: Mitunter hört man in Südtirol, SchülerInnen hätten mit Englisch weniger Schwierigkeiten, als mit Italienisch, weil die englische Sprache mit einer moderneren Didaktik unterrichtet werde. In diesem Zusammenhang wird manchmal die Forderung laut, von einer Zweitsprachendidaktik zu einer Fremdsprachendidaktik überzugehen.

Wem der Zweit- oder Fremdsprachunterricht in der deutschsprachigen Schule nicht mehr ausreicht, der hat hierzulande die Möglichkeit für eines oder mehrere Jahre an eine italienischsprachige Schule zu wechseln. Meinetwegen auch, um seinen Durst nach Nationalstaat zu stillen.

Der Weg von der Ein- hin zur Mehrsprachigkeit liegt in unserem Nationalstaat Italien offen, das damit verbundene Umdenken wollen wir auch an den Schulen Südtirols verbreitet wissen.

Italien ist — obschon die SüdtirolerInnen dazu nie befragt wurden — unser Staat, aber mit Sicherheit nicht unser Nationalstaat. Unser Land genießt genau deshalb eine Autonomie, weil es sich aus »nationaler« Sicht vom Nationalstaat unterscheidet. Wenn uns das nicht mehr wichtig ist, öffnen wir nicht der Mehrsprachigkeit, sondern der nach unten nivellierenden, einsprachigen Logik des Nationalstaats Tür und Tor — die Italien übrigens mit allen anderen Nationalstaaten gemein hat.

Ein Stillstand im Bildungsapparat, bei der Weiterentwicklung und Änderung des Unterrichts wird die Zukunftschancen der Südtiroler Jugendlichen zerstören.

Vieles kann man dem Südtiroler Bildungswesen vorwerfen, nur keinen Stillstand. Vielmehr wird — auch und gerade bei der Sprachvermittlung — ständig herumexperimentiert und angepasst, mitunter ziemlich leichtfertig und ohne die wünschenswerte Sorgfalt.

Um ein guter Südtiroler zu sein, braucht man niemanden zu verachten.

Diesem Satz ist zuzustimmen — doch ich kann beim besten Willen nicht erkennen, dass das derzeitige Schulsystem irgendetwas mit der Verachtung anderer zu tun hat.

Wir setzen uns klar für einen mehrsprachigen Unterricht an Südtiroler Schulen ein. Die geeigneten Methoden dafür, die optimale Didaktik, die Qualifizierung des Lehrpersonals müssen von Politikern und Schulämtern gemeinsam mit Forschungsinstitutionen erarbeitet und eingeführt werden. Das sind ihre Aufgaben in der neuen, modernen Schulpolitik, die wir einfordern.

Wenn ich das — im Kontext mit dem ersten Absatz — richtig verstehe, sollen Politiker und Schulämter »Befehlsempfänger« von Forschungsinstitutionen sein. Forderungen (zum Beispiel die nach mehrsprachigem Unterricht) kann man in einer Demokratie natürlich jederzeit erheben, wer die Politik jedoch der Wissenschaft unterordnen will, ist auf dem Weg in die Technokratie.

Spätestens dann stellt sich außerdem die Frage: Welche Wissenschaft? Kaum eine Meinung — auch nicht jene zur Sprachvermittlung — ist in der Wissenschaft unumstritten.

Es gibt Kinder auch aus Nicht-EU-Ländern, diese lernen ihre Muttersprache familienintern, in der Schule lernen sie Deutsch, Italienisch und Englisch, und auf dem Schulhof oder im Umgang mit uns Einheimischen auch noch den Dialekt.

Interessant: Die Südtiroler SchülerInnen werden angeblich nicht in die Lage versetzt, eine zweite Sprache ausreichend zu lernen, während Zuwandererkinder neben ihrer Muttersprache — an denselben Schulen — drei Sprachen und (mindestens) einen Dialekt lernen? Wenn das bloß kein Widerspruch ist, in den sich Rouimi und Ebensberger verstrickt haben, um das nächste Argument einzuführen:

Bis heute ist kein Fall bekannt, bei dem ein Jugendlicher durch diesen Sprachenmix und -austausch Schaden genommen hätte. Doch die Botschaft des Austausches ist in den Köpfen vieler Südtirolerinnen und Südtiroler noch nicht zur Gänze angekommen. So zum Beispiel in der deutschen Schule. Sie will deutsch bleiben. Ist dies zukunftsweisend?

Meines Wissens kann etwa CLIL sehr wohl negativen Einfluss auf den Erwerb von Fachwissen haben, wenn gewisse Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Auch nach den »modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen«. Dies auszublenden bringt weder BefürworterInnen noch GegnerInnen etwas.

Doch noch grundsätzlicher: Hier wird so getan, als wäre die deutschsprachige Schule monolingual und als widersetze sie sich der Vermittlung anderer Sprachen. Wahr ist hingegen, dass wir es in Südtirol mit einem funktionierenden, leistungsfähigen, inklusiven und anderen Sprachen gegenüber offenen Schulsystem zu tun haben und dass es in (fast) allen einschlägigen Diskussionen um das wie und nicht um das ob des Spracherwerbs geht.

Wer sich nicht anpasst, wer nicht im Fluss der Entwicklungen bleibt und stattdessen auf unveränderbaren Traditionen beharrt, stirbt.

Ziemlich apokalyptisch, was uns da aufgetischt wird.

Unsere Vision ist es, dass Südtirol im internationalen Vergleich der Mehrsprachigkeit nicht zurückbleibt, sondern seine idealen Grundvoraussetzungen für das Erlernen einer Zweit- und Drittsprache erkennt und damit Vorteile für Südtiroler Schülerinnen und Schüler ausschöpft, denn ohne gut ausgebildete Jugend hat das Land keine Zukunft.

Das sind edle Gründe, doch man sollte im Anpassungsdrang — wie eingangs erwähnt — nicht die gesamtgesellschaftliche Komponente außer Acht lassen. Und die fehlt auch in diesem Aufruf wieder vollständig: Außer an bestmöglichem Spracherwerb, den in Südtirol fast niemand mehr in Frage stellt, sollten wir uns auch an einer nachhaltigen Entwicklung orientieren, die nicht nur die jetzige Jugend, sondern die Gesellschaft als Ganzes im Blick hat.

Warum wird Immersion in Ländern wie Kanada (wo sie erfunden wurde) und Finnland nur sehr selten in der staatlichen Mehrheitssprache angeboten — auch dort, wo (wie in Québec) die Minderheitensprache regional in einer Mehrheitssituation ist? Nur Zufall oder hat das gute Gründe? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht… wissen es Rouimi und Ebensberger?

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]

Nix im Schädel?

Am Freitag, den 21. April organisierten die örtliche Schützenkompanie und der Südtiroler Schützenbund in Leifers eine Podiumsdiskussion zum Thema »Italianisierung in unseren Schulen« und stellten ihn unter den — mit Verlaub — bescheuerten und beleidigenden Titel »Pizza im Kopf«.

Was soll eine etwaige Italianisierung mit einem italienischen Gericht zu tun haben, das weltweit (und auch in Südtirol) zu den beliebtesten gehört?

Der Kampf um die deutsche Schule in Südtirol hat jahrzehntelang gedauert. Heute hat Südtirol ein gut funktionierendes deutsches Schulsystem, das der wesentliche Pfeiler des Minderheitenschutzes ist. Doch neuerdings wird mit Experimenten wie „Immersion”, „CLIL” und „Mehrsprachigkeit” an unserem bewährten deutschen Schulsystem gesägt. Zwangsverpflichtungen von deutschen Schülern zur Teilnahme an nationalistischen italienischen Feierlichkeiten, wie unlängst in Leifers, tun ein Übriges.

Soll aus unserer deutschen Schule eine italienische Schule mit (teilweise) deutscher Unterrichtssprache werden? Sollen unsere Kinder zu „deutschsprachigen Italienern” erzogen werden?

— Veranstaltungsankündigung

Die Mehrsprachigkeit ist für das öffentliche Schulsystem in einem mehrsprachigen Land ein wichtiges Ziel, das man wohl kaum als »Experiment« bezeichnen kann. Es darf und muss eine vorurteilsfreie Diskussion über die Methoden der Sprachvermittlung und die damit verbundenen Risiken geben — die speziell für eine Minderheitensprache im Nationalstaat bestehen. Wir haben das stets betont.

Dies darf aber kein Vorwand sein, um auch nur implizit die Verständigung zwischen den Sprachgruppen zu unterminieren, plumpen Antiitalianismus zu betreiben oder einen Rückzug in die Einsprachigkeit zu propagieren.

Die erfolgreiche »deutsche Schule« ist schon heute fortschrittlich, offen und inklusiv — und das sollte sie auch bleiben. »Völkische« Experimente kann sich Südtirol nicht leisten.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4]

Quotation (354): Esasperazioni linguistiche.
Scuola paritetica o nazismo?

Anche la Svp, che per anni ha rimosso il ricordo di un uomo “scomodo”, adesso è favorevole all’intitolazione [a Josef Mayr Nusser, nota] del liceo scientifico di via Fago.
Mi fa molto piacere, perché finalmente ci si confronta con un pezzo della nostra storia. Ma…
Ma?
Mi piacerebbe vedere che alle parole seguono i fatti e non parlo solo dell’intitolazione della scuola.
A cosa si riferisce?
Vorrei che in nome dell’abbattimento di muri e divisioni si provasse anche a superare l’articolo 19 dello Statuto che pervede scuole separate per il gruppo italiano e tedesco. […]

Cornelia Brugger (ex PD, presto nei Verdi?) nell’intervista pubblicata oggi dall’A. Adige. Ora la scuola paritetica e il superamento dell’articolo 19 vengono reinterpretati perfino in chiave «antifascista». Come se la scuola bilingue non fosse, al contrario, nata come reazione ai torti fascisti. E invece qui si insinua che «per dimostrare che davvero non siete dei nazisti dovete abolire l’articolo 19. Un’esasperazione inaccettabile del discorso sull’apprendimento linguistico.

Vorrei inoltre ripetere che già da anni la scuola media di Vintl porta il nome di Mayr-Nusser. Personalmente sono favorevole a dedicare ulteriori scuole e strade a un personaggio che è un grande esempio per noi tutti, specie in questi frangenti. Ma è ben difficile affermare che la Svp o il mondo di lingua tedesca negli ultimi decenni abbiano sistematicamente «rimosso» il ricordo della resistenza. Piuttosto è il capoluogo a dimostrare un forte deficit in tal senso.

Vedi anche: [1] [2] [3] [4]