Peinlicher Auftritt.
Wie aus dem Klassenbuch

Wie wir in Erfahrung bringen konnten, kam es neulich bei einer Veranstaltung des Deutschen Schulamtes in Bozen zum Eklat. Schon seit Jahren (Projektbeginn war 2010) wurschtelt das Land — ohne nennenswerte Erfolge vorweisen zu können — mit einem Team von rund 200 Personen an der Umsetzung eines »Schulinformationssystems« inklusive digitalem Klassenbuch herum. Gleichzeitig wurden dem bereits funktionstüchtigen Projekt eines (ehemaligen) Südtiroler Schülers, der in Eigenregie in wenigen Monaten ein digitales Register programmierte, das mittlerweile von dutzenden Schulen im Land genutzt wird, eher Steine in den Weg gelegt, als dass man sich ernsthaft um eine mögliche Zusammenarbeit bemüht hätte. Inzwischen wurde die Umsetzung an ein süditalienisches Unternehmen vergeben, das das Projekt gemeinsam mit der Südtiroler Informatik AG zu einem brauchbaren Ergebnis führen soll.

Unlängst fand nun eine Informationsveranstaltung für Schulleiterinnen statt, bei der die Softwarelösung aus Sizilien hätte erläutert werden sollen. Doch wie sich bald herausstellte, war der von der Herstellerfirma beauftragte Südtiroler Referent weder der deutschen Sprache angemessen mächtig, noch mit dem digitalen Klassenbuch vertraut. Mehr noch — die eigentliche Software wurde gar nicht gezeigt. Stattdessen hantierte der Vortragende ungelenk mit einer aus Screenshots bestehenden Powerpoint-Präsentation. Auf gezielte Fragen zum Programm — und waren sie auch noch so banal — vermochte er nicht einzugehen. Nach immerhin einer Stunde Radebrecherei wurde die Veranstaltung aufgrund von teils wütenden Protesten aus dem Publikum abgebrochen.

Nach einer Unterbrechung hat ein ebenfalls anwesender Techniker der Herstellerfirma die Veranstaltung — zwar nicht mehr in gebrochenem Deutsch, sondern in der »Einheitssprache« — fortgeführt. Immerhin war dieser, anders als der ursprüngliche Referent, inhaltlich mit der Softwarelösung sehr gut vertraut und konnte sie auch live präsentieren. Diese Version war dann auch schon eine weiter fortgeschrittene als jene, die der Referent Minuten zuvor per Screenshots präsentiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings schon zahlreiche Schulführungskräfte die Fortbildung verlassen. Zwar machte das Programm dem Vernehmen nach insgesamt keinen schlechten Eindruck, jedoch hinkt die Lösung jener des ehemaligen Südtiroler Schülers beispielsweise in Sachen Absenzverwaltung hinterher. Bei Letzterer können Absenzen nämlich online genehmigt werden. Beim Programm der sizilianischen Firma ist dies nicht vorgesehen und es braucht nach wie vor Zettelwerk.

Zudem ist die »Südtirolversion« der Software noch nicht ganz ausgereift, wenngleich sie laut Ausschreibung bis spätestens Mai 2019 komplett auf Deutsch zur Verfügung stehen muss. Sie soll aber dennoch bereits im kommenden Schuljahr eingesetzt werden. Es wird wohl zum »Versuch am lebenden Objekt« — also zur Entwicklung am Kunden — kommen. Man darf gespannt sein, wie sich der deutschsprachige Support dann schlagen wird.

Siehe auch: [1]

‘Teenstar’ unter der Lupe.

Wie der Wiener Falter kürzlich aufdeckte, verbreitete der ultrakonservative Verein Teenstar an österreichischen Schulen im Rahmen von Kursen haarsträubende Propaganda gegen Homosexualität (die heilungsbedürftig sei), Verhütung und Selbstbefriedigung. Diese als Sexualkunde getarnte Desinformation wurde inzwischen vom Bildungsministerium überprüft und aus den Schulen der gesamten Republik verbannt.

Doch neben Deutschland, Österreich und der Schweiz treibt treibt Teenstar auch in Südtirol sein Unwesen. Dies nahm die Landtagsabgeordnete Myriam Atz Tammerle (STF) zum Anlass, um bereits eine detaillierte Anfrage an die neue Landesregierung zu diesem Thema einzureichen. Sie will damit unter anderem in Erfahrung bringen, wie viele Kurse der bedenkliche Verein an heimischen Schulen abgehalten hat, ob der Landesregierung die Verbreitung von Falschbehauptungen bekannt sei und ob sie vorhat, den Verein auch hierzulande aus den Bildungsstätten zu verbannen.

Koalitionsgespräche: Themenabgleich.

Nach der Wahl vom 21. Oktober hatte ich auf der Grundlage des Fragenkatalogs von Wahllokal.it dargestellt, welche Themen mit welcher Gewichtung im Landtag vertreten sind. Da die SVP nun Koalitionsverhandlungen mit dem Duo Grüne/PD und mit der Lega führt, habe ich mir auf derselben Grundlage — auf die ich für die genauen Fragestellungen verweise — angesehen, inwieweit sich die Positionen der Sammelpartei mit jenen der möglichen Koalitionspartnerinnen decken*:

++ sehr wichtig | + wichtig | – weniger wichtig

Natürlich kann eine solche Darstellung schon deshalb nicht viel mehr als eine schematische sein, weil eine genauere Gewichtung der Fragen fehlt: Bei welchem Thema sind die einzelnen Parteien — jenseits der Einstufung nach »sehr wichtig«, »wichtig« und »weniger wichtig« — eher bereit, eine Abweichung hinzunehmen? Wo sind mögliche Koalitionspartnerinnen der SVP vielleicht gar bereit, programmatische Abstriche zu machen? Und sind hier überhaupt alle wichtigen Themen berücksichtigt? Davon abgesehen, dass zum Beispiel in der Frage des Flughafenausbaus schon ein »Rollentausch« zwischen SVP und Lega stattgefunden zu haben scheint. So schnell sind Wahlversprechen obsolet.

Und außerdem: Wie ich in anderen Kommentaren bereits zu bedenken gegeben habe, sollten Fragen der Menschlichkeit — und da sind die Unterschiede zwischen SVP und Lega besonders eklatant — meines Erachtens nicht Teil der Verhandlungsmasse sein, weil schlicht und ergreifend unverhandelbar.

All diesen Überlegungen zum Trotz finde ich den vorliegenden Themenabgleich aufschlussreich. Gerade beim Thema Autonomie(-Ausbau) vergeben die Grünen leider wertvolle »Punkte«.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]

*) hellgrün = Übereinstimmung ja/ja bzw. nein/nein | dunkelgrün = Übereinstimmung einschl. Gewichtung | hellrot = fehlende Übereinstimmung bei +/- oder -/- | dunkelrot = fehlende Übereinstimmung bei +/+ oder mindestens einem ++.

La difesa dell’italianità.
Quotation 501

[…] a quali condizioni entrerete in giunta?
Non a qualsiasi condizione; non siamo disposti — tanto per capirci — a svendere l’italianità. A questo punto molto meglio stare all’opposizione.

Su cosa sarete irremovibili?
Sulle questioni linguistiche, ad esempio.

Si riferisce alla toponomastica.
Ovviamente. Per noi tutti i toponimi devono essere bilingui e nelle valli ladine trilingui.

Parliamo di scuola. Gran parte della popolazione la vorrebbe bi o addirittura trilingue.
Il modello al quale mi ispirerò è quello ladino, dove le lezioni si fanno in tre lingue e funziona benissimo.

Dall’intervista a Massimo Bessone (‘Lega’) apparsa oggi sull’A. Adige.

Vedi anche: [1] [2] [3] [4]

Der Krieg in der Schule.

Am 15. Oktober waren die Unterlandler Schützen in Tramin, um an der Grund- und Mittelschule während der regulären Schulzeit eine Veranstaltung abzuhalten, die dem Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren gewidmet war.

Nur drei Tage später ging eine Veranstaltung des italienischen Verteidigunsministeriums über die Bühne: 450 Schülerinnen beteiligten sich an »Gesprächen« zum Thema 4. November – Tag der nationalen Einheit und der Streitkräfte, die von Ministerin Elisabetta Trenta (5SB) in Ostia bei Rom organisiert worden waren. Anlass auch in diesem Fall: 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs.

Es war der Auftakt zu einem Veranstaltungszyklus, in dessen Rahmen Vertreterinnen von Heer, Marine, Luftwaffe und Carabinieri Schulen in 28 Städten auf Staatsebene aufsuchen werden, um über den 4. November und »die Bedeutung der nationalen Einheit« zu referieren. Ob sich darunter auch Südtiroler Schulen befinden, konnte ich bislang nicht eruieren.

Auf die Frage der Ministerin, was er von dem Tag in Ostia mitnehme, antwortete ein Schüler:

Ein schönes Bild davon, was die Streitkräfte machen und den Traum, eines Tages ein Teil davon zu sein.

Und das ist die einzige Äußerung eines Kindes, die es — neben Zitaten von Elisabetta Trenta — in den offiziellen Bericht des italienischen Heeres geschafft hat. Junge Menschen für ein Leben unter Waffen zu begeistern, das scheint also eines der Ziele dieser Veranstaltungen zu sein.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4]

Tramin: Schützen in der Schule.

Chefredakteur Christoph Franceschini thematisiert auf Salto, dass die Schützen am Montag während der regulären Unterrichtszeit an der Grund- und an der Mittelschule Tramin eine Veranstaltung zum Thema »100 Jahre Kriegsende« abhalten konnten. Darüber soll sich eine Elterngruppe beschwert haben.

Die Kritik daran, dass die »Aktion« unmittelbar vor den Landtagswahlen stattgefunden hat, muss man wohl kaum kommentieren, da die betreffenden Schülerinnen nicht selbst wählen und wohl auch kein Einfluss auf das Wahlverhalten der Eltern zu befürchten ist.

Dass aber die Schützen — noch dazu zu ihren Bedingungen — Unterricht gestalten, ist höchst problematisch und meiner Meinung nach keineswegs opportun. Der paramilitärische Verein ist weder überparteilich noch unparteiisch: er pflegt mitunter Kontakte nach ganz weit rechts und hat gerade im Unterland erst letztes Jahr ein untragbares Bildungsverständnis unter Beweis gestellt. Dass eine solche Veranstaltung eine »patriotische« Schlagseite haben würde, war das mindeste, was man sich erwarten musste.

Es ist übrigens auch nicht dasselbe, wenn eine Lehrperson aus eigener Initiative jemanden (z.B. von den Schützen) in den eigenen Unterricht einlädt, da das erstens ein anderer Rahmen und andere Bedingungen sind und zweitens eine bessere thematische Kontextualisierung möglich ist.

Freilich kann man auch im vorliegenden Fall nicht ausschließen, dass es den Lehrpersonen gelingt, ihre Schülerinnen ausgleichend zu informieren. Doch das ist nicht der Punkt, denn das wäre nur »Schadensbegrenzung«.

Für ähnlich problematisch halte ich übrigens die Tatsache, dass der italienische Partisaninnenverband ANPI an Südtirols Schulen über den Zeitraum von 1919 bis 1948 und die Geschichte des Widerstands aufklären soll. Wiewohl die Schützen und das ANPI zwei völlig unterschiedliche Vereine — mit gänzlich unvergleichlichem Profil — sind, frage ich mich, warum man den Lehrpersonen nicht zutraut, den entsprechenden Stoff selbst im Unterricht zu verarbeiten. Sie haben dafür die besten pädagogischen Voraussetzungen. Speziell in Südtirol hatte der Partisaninnenverband eine geschichtlich zweifelhafte Rolle und vertritt bis heute einen ziemlich aufdringliche Form von Verfassungspatriotismus.

‘Wahllokal’: Mehrsprachige Schule.

Ich setze hiermit meine Beschäftigung mit der Positionierung der wahlwerbenden Parteien und Listen in Hinblick auf die baldige Landtagswahl fort, wie sie aus dem Wahllokal des Jugendrings hervorgeht.

Bezüglich der Frage, ob in Südtirol neben den drei bestehenden Schulmodellen zusätzlich mehrsprachige Schulen eingeführt werden sollen, signalisieren neun Kandidaturen eine zustimmende und vier Kandidaturen eine ablehnende Haltung.

Wobei mir unklar ist, warum hier drei Schulmodelle erwähnt werden, nachdem das ladinische bereits paritätisch gestaltet ist und eine Erhaltung neben einer neuen, zusätzlichen mehrsprachigen Schule wohl kaum Sinn ergäbe.

Abgelehnt wird das »vierte Schulmodell« von der STF, den Freiheitlichen und der SVP (»sehr wichtig«) sowie von der BürgerUnion (»wichtig«). In der zu Ende gehenden Legislaturperiode stellten diese Parteien 27 von 35 Mandatarinnen.

Im Sinne der Mehrsprachigkeit als »Wettbewerbsvorteil« befürwortet das Team Köllensperger (TK) ein zusätzliches Schulmodell (»sehr wichtig«), von dem man sich auch eine Entlastung der deutschen Schulen und Kindergärten verspricht.

Ebenfalls dafür (»sehr wichtig«) sprechen sich — ohne nähere Kommentare — Grüne, PD und die Vereinte Linke aus.

Lega Nord und Fünfsternebewegung (5SB) beziehen sich bewusst auf das ladinische Schulmodell als Vorbild, wobei der 5SB ein paritätisches Schulmodell in englischer, italienischer und deutscher Sprache vorschwebt. Beiden ist dieses Ziel genauso wie Noi A. A. Südtirol »sehr wichtig«.

Ohne weiteren Kommentar (»wichtig«) ist auch Forza Italia dafür.

Zum Thema: Die -Position zur mehrsprachigen Schule kann unter anderem hier nachgelesen werden.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5] | [6] [7] [8] [9]

Politische Bildung als eigenes Schulfach.
Volksbegehrensvorschlag des ANCI

von Thomas Benedikter

Vor 28 Jahren ist Politische Bildung als eigenes Fach aus den Schulprogrammen verschwunden. Sie wurde zum „transversalen Unterrichtsprinzip“ erklärt, quer durch alle Fächer ohne Note und zentrale Verantwortung. Entsprechend stark gesunken ist ihr Stellenwert im Schulprogramm. Vielleicht hat man damals angenommen, es genügten für diesen Stoff einige Stunden Projektunterricht pro Jahr oder gar, dass sich jeder Staatsbürger auf seine Weise politisch bilden solle.

Nach einigen misslungenen Anläufen — z.B. bei der Gelmini-Reform von 2008/09 — hat jetzt der Verband der Gemeinden Italiens ANCI dieses Anliegen aufgegriffen und die Wiedereinführung des Fachs „educazione alla cittadinanza“ in beiden Schulstufen mit eigener Benotung verlangt. Am 20. Juli 2018 hat ANCI einen Gesetzesvoranschlag als Volksbegehren lanciert, der nach Unterzeichnung durch 50.000 Bürgerinnen vom Parlament behandelt werden muss. Durch die Umgestaltung der Fächer Rechtskunde, Geschichte und Philosophie sollen pro Schuljahr 33 Stunden gewonnen werden, die nur der Politischen Bildung dienen. Das ist auch noch wenig, wenn man bedenkt, wie viele komplexe Politikthemen weit mehr als eine Wochenstunde für eine etwas vertiefte Behandlung mit zeitgemäßer Didaktik erfordern. In den meisten Bundesländern Deutschlands sind dem Fach Sozialkunde oder Politische Bildung zwei Stunden gewidmet.

Im Begleitbericht zum Volksbegehren erläutert ANCI mit Leidenschaft und Realitätssinn die Gründe für die Wiedereinführung dieser Materie als eigenständiges Schulfach. Man könnte noch anfügen, dass es in einer Zeit, in der die Jugendlichen politische Fragen vor allem in ihren social-media-Kommunikationsblasen behandeln und die Zeitungslektüre ziemlich rar geworden ist, umso dringlicher geworden ist, politische Bildung im Schulprogramm zu verankern. So könnten nicht nur zumindest einige komplexe politische Fragen der Zeit mit fachlicher Vorbereitung und Begleitung gemeinsam regelmäßig behandelt werden, sondern auch mehr politisches Interesse geweckt werden. Um das Interesse für Politik steht es nämlich unter Südtiroler Jugendlichen gar nicht gut. Andererseits sind sie der politischen Bildung nicht abgeneigt. Laut ASTAT-Jugendstudie 2016 befürworten 59,4% der Jugendlichen die Einführung eines eigenen Schulfachs „Politische Bildung“ (ASTAT, Jugendstudie 2016, S.87).

Die Notwendigkeit, die politische Bildung zu stärken, hat auch der Südtiroler Landtag soeben anerkannt. Im Rahmen des neuen Landesgesetzes zur direkten Demokratie hat er die Einrichtung eines eigenen Büros für politische Bildung und Bürgerbeteiligung beschlossen (Art. 24 des L.G. 25.07.2018, schon in Kraft). Dies allein wird es noch nicht richten, zumal dieses Büro vor allem in der außerschulischen und Erwachsenenbildung tätig werden wird. Deshalb käme eine Reform im Sinne des ANCI gerade recht. Der Volksbegehrensgesetzentwurf kann noch bis zum 19.01.2019 in allen Gemeindesekretariaten unterschrieben werden (sofern die entsprechenden Bögen aufliegen).