Wider den Stammtisch.

von Harald Knoflach

Zitat Hall.

Lieber Benno*, ich liebe Ironie und ich mag auch Polemik, wenn sie trifft. Ob dein „zynisch-böser Rundblick“ jedoch zielführend ist, in einer Diskussion die ohnehin jeder Sachlichkeit entbehrt und nahezu ausschließlich von Polemik sowie Fehlinformation und –interpretation getragen ist, weiß ich nicht. Auf welchem Niveau die Diskussion geführt wird zeigen ja allein schon die Begrifflichkeiten „Freistaat“ und „Vollautonomie“, die in Südtirol ziemlich sinnentfremdet verwendet werden (siehe BBD-Glossar).

Wer Sezessionbestrebungen mit Kleinstaaterei, Isolationismus und Egoismus gleichsetzt, macht es sich leicht. Zu leicht. Wenn man sich die führenden Unabhängigkeitsbewegungen in Europa ansieht, so haben sie etwas gemein: sie sind allesamt meist solidarischer, ökologischer, europafreundlicher und basisdemokratischer – linker, wenn man so will – als jene Staaten, von denen sie sich lossagen möchten. Die schottische SNP steht für eine soziale Marktwirtschaft a la Skandinavien, nicht für den von der Londoner City getriebenen Turbo-Finanzkapitalismus der Konservativen. Die SNP hat Studiengebühren abgeschafft, den Etat für die Entwicklungshilfe verdoppelt und propagiert das Modell des „inclusive nationalism“ – d.h. Schotte ist, wer in Schottland lebt – egal welcher Herkunft. Die SNP betreibt überdies den Ausstieg aus der Kernenergie, forciert erneuerbare Energien und ist Schengen und dem Euro nicht abgeneigt. Alles Dinge, die man in London nur vom Hörensagen kennt oder verabscheut. Dinge, die mir jedoch sehr sympathisch sind. Ähnliche Programmatik findet man auch in den Parteiprogrammen der katalanischen Selbstbestimmungsbefürworter. Warum Südtirol also nicht auf einen solchen Zug aufspringen sollte, wo es doch die besten Voraussetzungen dafür hätte, verstehe ich nicht. Ich glaube, was hier passiert, ist das Gegenteil von rückwärtsgewandt – es ist zukunftsweisend.

Wenn es je ein unabhängiges Südtirol geben sollte, dann wäre es aufgrund seiner demographischen Zusammensetzung zwangsläufig ein multiethnisches – ein Staat, der sich eben nicht national im klassischen Sinne sondern wie Schottland und Katalonien über das Territorium definiert. Ein „deutscher Freistaat“ wäre freilich und zum Glück nicht machbar und hieße nur eine Umkehrung der derzeitigen Verhältnisse.

Ein weiterer Trugschluss, dem du aufsitzt, ist, dass sich eine etwaige Unabhängigkeit und die Zusammenarbeit mit den Nachbarregionen widersprächen. In den EU-Staaten herrscht in vielen Bereichen Europarecht. In dieser Beziehung wäre es also völlig egal, ob Südtirol ein Teil Italiens, Österreichs, Schwedens oder ein unabhängiges EU-Land wäre. Die „neue Grenze“ zu Osttirol bliebe in dieser Hinsicht dieselbe. Aber überspitzt formuliert wurden in Europa ja nicht die Grenzen, sondern die Grenzkontrollen abgeschafft. Das heißt, die Staatsgrenzen haben nach wie vor einen wesentlichen Einfluss auf alle Lebensbereiche (als „Österreicher“ in „Italien“ weiß ich, wovon ich spreche). Es kommt daher auch sehr darauf an, wie durchlässig die einzelnen Staaten ihre Grenzen untereinander gestalten. Es wäre für mich undenkbar, dass ein unabhängiges Südtirol seine Grenzen zu den Nachbarregionen weniger durchlässig anlegen würde, als es Italien heute macht. Die Zusammenarbeit und der Austausch würden also erleichtert, nicht erschwert. Wahnwitzige Regelungen wie die einseitig limitlose Intrastat-Erklärung, die Italien von Unternehmern bei Einkäufen in Österreich fordert, würde ein unabhängiges Südtirol niemals aufrechterhalten (siehe). Bestimmte „Sonderbehandlungen“ für Nordtiroler Unternehmen würden wohl auch eher fallen als beibehalten werden (siehe).

Von anderen sehr wahrscheinlichen positiven Effekten wie der Normalisierung der Südtiroler Parteienlandschaft, da der autonomistische Rechtfertigungsdruck des „Andersseins“ entfiele, will ich gar nicht sprechen. Kann aber auch sein, dass sich viele „offene und tolerante“ Südtiroler dies gar nicht wünschen, da mit dem Zerfall der SVP der gemeinsame Feind, über den man sich definiert und somit die Existenzberechtigung wegfällt. Andererseits wären „Nordtiroler Verhältnisse“ doch auch recht schön: ein ökosozialdemokratisches Wählerpotential von rund 40 Prozent inklusive einer Grünpartei, die in der Landeshauptstadt an der 20-Prozent-Marke kratzt.

Was das Belluno betrifft ist es vielmehr so, dass nicht Südtirol sich Souramont unter den Nagel reißen will, sondern dass die dortige Bevölkerung direktdemokratisch ihren Willen kundgetan hat. Das ist zu respektieren. Ganz ohne Polemik.


*) Dieser Artikel ist bei Salto.bz als Antwort auf einen Artikel von Benno Kusstatscher erschienen.

Quotation (LXVIII): Unterstreichen.

Die zahlenmäßig stärkste Entwicklung erfuhr die italienische Sprachgruppe in der Zeit des Faschismus in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, als das Mussolini-Regime versuchte, durch eine massive Zuwanderung aus dem Süden den »italienischen Charakter« Südtirols zu unterstreichen.

Quelle: Broschüre »Das ist Südtirol«

Und das deutsche Reich versuchte wohl fast zeitgleich, den »deutschen Charakter« Polens zu unterstreichen.

Tolomeische Urständ am Stilfser Joch.

Seit gestern ist die neue Greenpass-Homepage online, die das Land der Kfz-Maut auf dem Stilfser Joch widmet.

Was den Umgang mit den Südtiroler Ortsnamen betrifft, macht sich nach einem kurzen Blick auf die Seite Ernüchterung breit: Nicht nur die »privaten« (aber öffentlich finanzierten) Tourismusvereine, sondern auch die Institutionen des Landes bringen diesbezüglich offensichtlich nicht die mindeste Sensibilität auf.

  • In der englischen Sprachversion der Seite werden größtenteils die italienischen Ortsbezeichnungen benutzt. Selbst die gewählte Landesbezeichnung ist »Alto Adige«. (Die Bezeichnung »high-alpin road« muss wohl ein misslungener Sprachwitz sein — Englisch ist es jedenfalls nicht.)
  • Obwohl das Land über eine eigene, zweisprachige Onlinekartographie verfügt, hat man sich  für Material von Google Maps entschieden, weshalb die Landkarte auch in der deutschen Sprachversion der Greenpass-Homepage fast ausschließlich die italienischen Ortsbezeichnungen berücksichtigt.

Die spürbare Euregio.

Neulich war ich nach längerer Zeit wieder in Bregenz, wo ich erstaunt feststellen durfte, wie weit die grenzüberschreitende Zusammenarbeit am Bodensee gediehen ist. Gemäß dem Motto wo ein Wille, da ein Weg, hat man sich auch von zwei EU-Außengrenzen (zu Schweiz und Liechtenstein) und unterschiedlichen Währungen nicht abschrecken lassen.

Von der Euregio wird dort offensichtlich nicht nur in Sonntagsreden geschwafelt, sie wird auch so umgesetzt, dass im Alltag für Bürger und Gäste spür- und sichtbare Ergebnisse daraus hervorgehen. Und das, obwohl es keine Jahrhunderte währende gemeinsame Geschichte gibt, wie sie hierzulande stets beschworen wird.

Nicht nur, dass die S-Bahn Vorarlberg, wie ich sogleich feststellen konnte, das deutsche Lindau über Bregenz mit St. Margarethen in der Schweiz verbindet. Schon seit 1972, als nur Deutschland EU-Mitglied war, wird großräumig in der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK) zusammengearbeitet, um die Spürbarkeit der Grenzen zu verringern.

Seit 2008 hat die IBK ein neues Leitbild, welches gezielte und konkrete Maßnahmen beinhaltet, um die Region noch enger zusammenwachsen zu lassen. Ein Blick auf die Webseite der Organisation verdeutlicht, wie engmaschig das Netz der Zusammenarbeit inzwischen ist: Es gibt gemeinsame Fahrscheine für den öffentlichen Nahverkehr, eine gemeinsame Hochschule, die Handelskammern wurden über die Grenzen hinweg zusammengeschlossen — um nur einige Erfolge zu nennen.

Anders als hierzulande, wo hinter vorgehaltener Hand noch immer zu hören ist, man müsse sich im Marketing möglichst von Nord- und Osttirol abgrenzen, um als eigenständiges Tourismusgebiet wahrgenommen zu werden (was bisweilen auch peinliche Blüten treibt*), hat man diese Haltung am Bodensee längst über Bord geworfen. Den Gästen präsentiert man sich erfolgreich gemeinsam, deshalb verfügt die Vierländerregion längst über ein einheitliches Tourismusportal im Internet. Zusammen hat man mehr zu bieten und kann als überschaubare, aber vielfältige Tourismusregion punkten: Die Festspiele in Bregenz, das Nobelpreisträgertreffen in Lindau oder die Stiftsbibliothek in St. Gallen (Weltkulturerbe) ergänzen einander bestens. Dass sich eines der Länder ohne die übrige Euregio als Europäische Kulturhauptstadt bewirbt, wie dies Südtirol gerade macht, scheint gänzlich unvorstellbar.

Auch sonst wird im kulturellen Bereich eng zusammengearbeitet, um Synergien zu nutzen und einen Mehrwert zu erzielen. Die wichtigsten Museen der Region haben schon im Jahr 2001 eine dauerhafte Zusammenarbeit (»Kulturachse«) mit gemeinsamen Ausstellungszyklen eingeleitet. Die Veranstaltungen werden nicht nur — wie das Bild zeigt — einheitlich beworben; wer mehr als ein Museum besucht, zahlt ab dem zweiten nur noch den reduzierten Preis, wodurch auch dem Besucher ein spürbarer Vorteil entsteht. Das ist nicht zuletzt ein weiterer Anreiz, die gesamte Region zu besichtigen.

Ich muss sagen, das Länderhopping — beileibe nicht nur im engeren Bodenseeraum, sondern bis Liechtenstein und Landquart — hat richtig Spaß gemacht.

Siehe auch: [1]


*) so präsentiert sich das Osttiroler Hochpustertal als solches, während das Südtiroler Hochpustertal sich auch am deutschen Markt als Alta Pusteria vermarktet; selbst ein gemeinsames Tiroler Kochbuch wurde vor einigen Jahren von Südtiroler Seite torpediert.

Rück-Schrittmacher.

Vor rund einem Jahr hatten wir die Entwicklung beanstandet, ganze Tourismusregionen in Südtirol — ohne demokratische Mitbestimmung — der nationalstaatlichen Logik folgend nur noch mit dem italienischen (meist während des Faschismus aufoktroyierten) Namen zu vermarkten.

Eines der damals genannten Negativbeispiele war das Hochpustertal, welches sich selbst deutschen Gästen nur noch als Sextner Dolomiten – Alta Pusteria präsentierte. Der in politischen Sonntagsreden verkündeten Absicht, Grenzregionen (wie das Osttiroler und das Südtiroler Hochpustertal) zusammenwachsen zu lassen, steht dies sogar diametral entgegen.

Die heurige Werbekampagne an Südtirols Bushaltestellen geht sogar noch einen Schritt weiter. Auch die Sextner Dolomiten werden jetzt sprachübergreifend nur noch als Dolomiti di Sesto bezeichnet:

Die Tourismusvereine setzen ihre Italianisierungsarbeit also unbeirrt fort. Die Entwicklung schreitet — dem subjektiven Eindruck nach — sogar so schnell voran, wie nie zuvor seit Ende der faschistischen Ära. Dies, während man sich andernorts längst auf die eigenen Wurzeln und auf Authentizität besinnt [1] [2].

Ausverkauf lohnt nicht.

Die kürzlich zu Ende gegangene Wintersaison war aus touristischer Sicht durchwachsen, wie das Landesinstitut für Statistik (Astat) vermeldet. Bezüglich der Übernachtungszahlen kann man bei einem Rückgang von 0,1% im Vergleich zum Vorjahr von Stagnation sprechen. Allerdings waren die Ergebnisse innerhalb Südtirols regional sehr unterschiedlich: Während in Gherdëina, Badia, Rosengarten-Latemar (u.a. Karerpass), am Kronplatz und im Hochpustertal deutliche Rückgänge verzeichnet wurden, konnten alle übrigen Tourismusregionen mehr oder minder deutlich zulegen.

Es fällt auf, dass genau jene Gebiete Einbußen hinnehmen mussten, die — mit teilweiser Ausnahme des Kronplatzes — nicht auf Authentizität, sondern auf Anbiederung gesetzt haben. Anders als die übrigen Tourismusregionen in Südtirol konnten sie den durch die schlechte Wirtschaftslage bedingten Wegfall italienischer Gäste nicht durch Gäste aus anderen Herkunftsländern ausgleichen.

Occasione persa.

Indipendentemente da come ci poniamo nei confronti dell’adunata degli alpini in programma i giorni 11, 12 e 13 maggio prossimi, ecco un’altra occasione persa: quella di presentare la capitale sudtirolese — anche e soprattutto dinnanzi a decine di migliaia di militari — col rilievo del duce «contestualizzato» (o depotenziato, che dir si voglia). Dopo oltre un anno dalla famosa lettera del ministro Bondi, non è successo ancora nulla.

Ma che cosa c’entra il depotenziamento con l’adunata degli alpini? Sono ben tre le riflessioni che si possono fare a riguardo.

Primo: La tribuna d’onore della manifestazione si troverà proprio in piazza del Tribunale, per cui le immagini della festa militare davanti a uno sfondo poco edificante che verranno inviate in giro per «il mondo» saranno numerosissime. Poca la sensibilità degli organizzatori ad aver piazzato proprio lì il cuore dell’adunata, d’altronde però una città come Bolzano non dovrebbe proprio più disporre di spazi pubblici talmente connotati.
Su quella tribuna, probabilmente, ci sarà anche il nostro Landeshauptmann. Forse avrà occasione di riflettere.

Secondo: Un duce depotenziato e storicizzato sarebbe stato un messaggio di convivenza e un’esperienza formativa, mentre così com’è contribuirà a creare malintesi — e irritazione. Un brutto invito ai più estremisti fra gli alpini.

Terzo: L’ultima adunata degli alpini che si è tenuta a Bolzano risale all’immediato dopoguerra (1949). Paradossalmente a quell’epoca l’opera d’arte fascista non c’era ancora, fu collocata negli anni ’50. Dare un’immagine di se peggiore di 60 anni fa è inaccettabile.

Pustertaler Freiheit.

Ein Blogleser hat den Innichner Tourismusverein (TV) auf den BBD-Artikel über die Digitalanzeige am Ortseingang aufmerksam gemacht. Die Antwort, die ihm der Präsident des TV daraufhin geschickt hat, ist derart skandalös, dass er sie mir zur Kenntnisnahme weitergeleitet hat. Es hat aber noch mehrerer Tage und einiger Überredungskünste bedurft, bis sich unser Blogleser einverstanden erklärt hat, dieses Schmankerl zu veröffentlichen. Der Herr — der auch Gemeindereferent unter BM Tschurtschenthaler (SVP) ist — hat in seiner öffentlichen Rolle als TV-Präsident gehandelt. Und wie ich finde hat die Öffentlichkeit das Recht (oder zumindest ein Interesse) zu erfahren, wie manch voll…autonomer »Volksvertreter« tickt:

Sehr geehrter Herr [Blogleser]!

Es wird immer interessanter wie sich die gebildete Klasse Südtirols sich solcher Probleme annimmt!

Eigentlich müssen wir uns glücklich schätzen, dass das die einzigen Probleme sind wir in Südtirol haben!

Eines muss ich Ihnen klarstellen, dass was wir in Innichen publizieren geht sie gar nichts an und vor allem

Interessieren mich Belehrungen in dieser Art gar nicht!!!

Jedenfalls werde ich, als Verantwortlicher anordnen nichts zu ändern!

Zum guten Schluss lade ich Sie gerne zu einem persöhnlichen Gespräch im TVerein Innichen ein um noch mal

Eindringlich meinen Standpunkt zu überbringen, auch weil ich die schriftlichen Sachen als unpersöhnlich finde!

Und eins ist klar, dass wir genüber Ausländern unser Dorf in gewollter Weise immer mit San Candido kommunizieren und dies

Aus folgenden Grüden:

 seit 1920 gehören wir politisch zu Italien

 für ausländische Gäste sind wir Italiener

 interessieren unsere ausländische nicht was in Südtirol politisch
abgeht!!

4.   haben wir nicht genug Personal um allen Gästen unsere
Vergangenheit zu erklären!

Ganz zum Schluss möchte ich Ihnen sagen dass ich Doppelstaatsbürger bin AUT/ITA deswegen finde ich es als tief beleidigend mir ethische Diskurse über unser Deutschtum zu machen!

Mit freundlchen Grüssen

[Name]

Tourismusvereinspräsident