Spieglein, Spieglein…

Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel widmet dem Südtiroler Separatismus in seiner dieswöchigen Ausgabe einen doppelt einseitigen Bericht: Eine Seite lang und einseitig recherchiert. Um nicht zu sagen: Einfach nur schlecht recherchiert.

  1. Der Separatismus wird vor allem auf die Wirtschaftskrise zurückgeführt. Dabei ist das Wiedererstarken des Sezessionswillens schon seit der Zeit vor 2007 zu beobachten.
  2. Der Unabhängigkeitswille wird auf das europäische Nord-Süd-Gefälle heruntergebrochen, was m.E. völlig an der Realität vorbeiführt (genauso wie die Deutschen nicht für Griechenland zahlen wollen, wollen die Südtiroler angeblich nicht für Italien zahlen).
  3. Der Separatismus wird mit einem Rechtsruck gleichgesetzt, obschon dieser Wille an und für sich unideologisch ist.
  4. Es ist von römischen Kürzungen in Höhe von 120 Millionen Euro die Rede, was nur ein Bruchteil des tatsächlichen Betrags ist.
  5. Die begriffliche Schlamperei (Vollautonomie, Freistaat…), die uns aus der Südtiroler Diskussion bekannt ist, wird — auch vom »Qualitätsmedium« — unkritisch übernommen.

Demokratie oder Privatverein?

Was der AVS mit privaten Geldern nicht durfte, mit unseren Steuergeldern durchgefütterte Tourismusvereine tun es einfach (und zwar mit größerer Außenwirkung und ohne das Einschreiten von Ministern und Präfekten). Im Laufe der letzten Jahre hat sich eine haarsträubende Entwicklung sogar noch intensiviert, die man als neutolomeisch bezeichnen könnte: Ganze Tourismusregionen haben in Südtirol beschlossen, historische und von der Bevölkerung mehrheitlich gebrauchte Ortsbezeichnungen einfach per Handstreich auszulöschen. Das widerspricht nicht nur der weltweiten Tendenz, sondern hat auch nichts mit der vielbeschworenen Authentizität zu tun, von der Marketingfachleute gerne schwafeln. Ob südländisch klingende Ortsbezeichnungen für eine Bergregion überhaupt einen Mehrwert bringen, sei aber dahingestellt, weil Kulturgut ohnehin nicht für die kurzfristige Bereicherung einiger weniger zur Disposition stehen darf.

Das Vorgehen der Touristiker wirft vielmehr ein grundsätzliches politisches Problem auf, das von den Regierenden bisher einfach ignoriert wurde: Der Fremdenverkehr hat hierzulande eine so starke Präsenz, dass er den Alltag der Bürger massiv beeinflusst. Wenn also private Tourismusvereine das Geld der Bürger einsetzen, um ohne demokratische Legitimierung einen schwerwiegenden Eingriff in ein derart wichtiges, öffentliches Kulturgut (wie die Bezeichnung von Ortschaften und ganzen Regionen) vorzunehmen, kann durchaus von schwerem Missbrauch gesprochen werden. Über kurz oder lang wird sich die Bevölkerung der von »Marketingfritzen« verordneten Realitätsmanipulation nicht entziehen können, und dass dies gerade für Minderheiten eine höchst sensible Angelegenheit ist, muss hier nicht ausgeführt werden.

Was für die Beschilderung von Wanderwegen gesagt wurde, muss also genauso für die Benennung ganzer Destinationen gelten: Das ist eine hoheitliche Aufgabe der Politik, die sich ihrer Verantwortung nicht weiter entziehen darf!

Südtirol bald in der OSZE?

Auf Vorschlag der Süd-Tiroler Freiheit hat der Landtag am Dienstag dieser Woche  einen Antrag genehmigt, wonach sich die Landesregierung in Rom dafür verwenden soll, dass ein Mitglied aus Südtirol in die italienische OSZE-Delegation aufgenommen wird. Sven Knoll wies darauf hin, dass seit 1992 Minderheiten in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa vertreten seien.

Die ursprüngliche Vorlage hätte die Landesregierung dazu verpflichtet, eine eigenständige Mitgliedschaft anzustreben, auf Landeshauptmann Durnwalders Vorschlag wurde sie jedoch dahingehend abgeändert, dass Südtirol Teil der italienischen Delegation sein sollte. Dies hielt er für realistischer. Der Antrag wurde mit 18 Ja- und 2 Gegenstimmen angenommen.

Es wäre interessant herauszufinden, welchen Status die anderen in der OSZE vertretenen Minderheiten haben. Ich habe es bislang nicht geschafft.

South Tyrol im Rückzug.

Während für Ortschaften in fremdsprachigen Texten schon seit geraumer Zeit meist Tolomeis Erfindungen zum Zug kommen, konnte sich die Landesbezeichnung »Alto Adige« nie gegen South Tyrol (Tyrol du Sud, Zuid Tyrol…) durchsetzen. Nun sind es gerade die Institutionen unserer Autonomie — in diesem Fall die EOS — die hier nachhelfen, indem sie über jede gesetzliche Verpflichtung hinaus, frewillig, das Werk der Assimilierer vollenden. Die Absicht hinter der Einführung von »Alto Adige« durch den Faschismus war es, den Hinweis der Zugehörigkeit dieses Landes zu Tirol auszulöschen. Außerhalb des deutschen Sprachraums hat dieses Ansinnen, Südtirol als eine beliebige italienische Provinz darzustellen, heute wieder große Erfolgschancen.

Damit machen wir das genaue Gegenteil von dem, was Länder wie Katalonien, Baskenland, Schottland oder Québec seit geraumer Zeit erfolgreich praktizieren: Sie versuchen, ihre Eigenständigkeit trotz der staatlichen Abhängigkeit immer mehr zu forcieren. Die Außendarstellung, die Wahrnehmung auf internationalem Parkett sind wichtige Mosaiksteine dieser Politik.

Über ähnliche Vorfälle im Weinmarketing hat BBD bereits berichtet. Während jedoch in jenem Zusammenhang die Anlehnung an das Weinland Italien nachvollziehbar — wenngleich in derart anbiedernder und selbstverleugnender Form dennoch inakzeptabel — war, ist es im Fall von Speck und Knödeln völlig unverständlich.

Ausschnitte: Broschüre »Speck Alto Adige — Typically good«, wie sie beim Bozner Genussfestival verteilt wird.

Siehe auch: [1] [2] [3]

Die Kulturhauptstadt-Lüge.

Um zu widerlegen, dass die Europaregion eine grenzüberschreitende Kulturhauptstadtregion hätte werden können, hat Kulturlandesrätin Sabina Kasslatter-Mur bei Pro und Contra vom 11. April folgendes gesagt:

Ich muss eines richtigstellen: Es stimmt nicht, dass sich zwei Staaten bewerben können. Für 2019 — ist von Brüssel aus definitiv entschieden — bekommt eine Region, eine Stadt in Italien den Zuschlag und eine in Bulgarien.

Dem offiziellen Bericht der Bewerbung Nordostitaliens zur Kulturhauptstadtregion 2019 — deren Teil Südtirol ist — entnimmt man eine gegenteilige Information:

Alcuni suggerimenti delle Linee Guida della Commissione Europea

• Il titolo viene assegnato ad una città per un determinato anno. Le città candidate al titolo hanno la possibilità di associare al loro programma un territorio regionale (anche euroregionale per le città frontaliere). Ad esempio, Lussemburgo 2007 ha associato la «Grande Regione» al proprio programma, mentre Essen 2010 ha associato la regione della Ruhr.

[...]

[Unterstreichung von mir.]

Hätte sich Südtirol eigenständig beworben, wäre also sehr wohl die Einbeziehung von Nord-/Osttirol und Trentino möglich gewesen.

»Kulturhauptstadt« 2019 — eine Kritik.

von Thomas Benedikter*

Wie von ihren Präsidenten am 1.10.2010 beschlossen, bewerben sich die Regionen Venetien, Friaul-Julisch Venetien, die Provinzen Südtirol, Trentino und Venedig und die Stadt Venedig gemeinsam um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2019“. Offiziell heißt dieses jährlich seit 1985 von der EU verliehene Siegel noch so, weil es tatsächlich in der Regel an Städte verliehen wird – auch bis 2015 sind wieder Städte dran -  während die Kulturregion Ruhrgebiet 2010 bisher eine Ausnahme war. Nun stimmen unsere Kulturpolitiker die Öffentlichkeit auf dieses sonderbare Projekt ein und Kulturprofis machen sich munter ans Werk, die Bewerbung mit Inhalt zu füllen. Wenn es dazu kommt, wäre nicht nur das Konzept der Kulturstadt gesprengt, sondern auch jenes einer „europäischen Kulturregion“ überdehnt, denn diese drei Regionen sind allesamt schon für sich Regionen mit ausgeprägter kultureller Identität. Nichts spricht dagegen, europäische Kulturregionen ins Licht zu rücken, und man hätte 2-3 Jahrhunderte zu tun, um alle vorzustellen.

Was macht aber eigentlich den geografischen Raum Nordostitalien zu einer „Kulturregion“? Es wird kaum reichen, dass dieses Gebiet von 1815 (erstmals von Österreich 1797 annektiert) bis 1866 gemeinsam Teil des k.u.k-Reichs war. Es wird nicht reichen, dass es unter dem Faschismus zum „Triveneto“ erklärt worden ist, ein Begriff, der in der italienischen Publizistik immer noch herumgeistert. Auch das verschwommene Konzept von Mitteleuropa gibt zu wenig an Gemeinsamkeit her. Dass es in allen Regionen Sprachminderheiten gibt, ist auch nicht das Verbindende, denn sie spielen zumindest in Venetien fast keine Rolle. Fantasievolle Redner werden gefragt sein, um für die entsprechende Aufladung mit Gemeinsamkeiten zu sorgen.

Also riecht das Ganze doch wieder nach geschickt angelegter Strategie zur touristischen Vermarktung, nach Mitnaschen am Förderungskuchen der EU, nach künstlichen Dachmarken und Plattformen für internationale Bewerbung jenseits jedes klaren Profils. Was wirklich Appetit macht ist die Tatsache, dass laut Statistik europäische Kulturhauptstädte im Schnitt ein Plus von 12% an Touristenzustrom verzeichnen konnten. Hunderte von Veranstaltungen, die ohnehin angesetzt und gut besucht würden, liefen dann eben unter dieser artifiziellen Klammer. Hat Venedig oder Verona das nötig? Braucht Südtirol mit seinen bald 28 Millionen Gästenächtigungen das überhaupt?  In der Internetwerbung der Venezianer für die Kulturhauptstadt (www.nordest2019.eu) wird Südtirol kurzerhand in die „area metropolitana del Nordest“ einverleibt, eine Art Hinterland Venedigs, dem die Gäste der Lagunenstadt mal eine Stippvisite abstatten können.

Eine Region der europäischen Öffentlichkeit als „Kulturregion“ zu präsentieren und über die EU zu fördern, macht Sinn, wenn sich ihre Bevölkerung einer erkennbar gemeinsamen Identität verbunden weiß. Das Konzept an sich wird ad absurdum geführt, wenn es nur als Destinationsbewerbung dient. Kasslatter-Mur hat denn auch gleich klargestellt, dass es bei der Bewerbung darum geht, sich in diesem Rahmen als deutsche und ladinische Sprachminderheit zu präsentieren. In der Kulturregion, der sich die allermeisten Südtiroler zugehörig fühlen, sind sie aber keine „Sprachminderheit“, nicht umsonst strapazieren unsere Kulturpolitiker das mehrsprachige Südtirol als besondere Realität.

Eine gemeinsame regionale Identität des Nordostens Italiens lässt sich weder erkennen noch aus Marketinggründen herbeireden. Im Gegenteil, die Erfindung einer Kulturregion Nordost lässt eine gewachsene Region in den Schatten treten, die es grenzüberschreitend auch institutionell wieder gibt, die von der EU gefördert wird und darauf wartet, mit mehr Inhalten und Initiativen gefüllt zu werden: die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Warum schafft man in Europa Verwirrung, indem man Südtirol einmal zu diesem Raum schlägt, einmal zum anderen; einmal sich auch kulturell ganz Italien zurechnet, dann wieder in der 150-Jahre-Einheits-Diskussion ganz den eigenständigen Tiroler gibt? Gefragt, ob das zeitliche Zusammenfallen des angepeilten Kulturregion-Jahres 2019 mit dem 100-Jahren Zugehörigkeit zu Italien ein Problem sei, antwortete Durnwalder: „Im Gegenteil, wir wollen auch im Rahmen der Bewerbung zeigen, dass Südtirol ein ganz besonderes Land mit einer entsprechenden Geschichte und Kultur ist“ (im Südtiroler Bürgernetz). Mit anderen Worten: man tut sich mit anderen zusammen, um zu zeigen, dass man selbst etwas Besonderes ist.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]

*) Thomas Benedikter ist Wirtschafts- und Sozialforscher in Bozen. Er ist u. a. Autor von »Autonomien der Welt« (Athesia, Bozen 2007) und »The World’s Working Regional Autonomies« (Anthem, London/Neu-Delhi 2007).

«Alto Adige» wines for the US.

von Wolfgang Niederhofer

Vor einem knappen Jahr, im April 2010, referierte Johannes Gutmann, Inhaber der Firma Sonnentor, an der Berufsschule Brixen, im Rahmen des „Tages der Meister“ zum Thema „Vom Spinner zum Winner“. Der Niederösterreicher Gutmann, dessen Markenzeichen die abgewetzten Lederhosen seines Großvaters sind, vermarktet heute weltweit bäuerliche Bio-Spezialitäten unter der Marke „Sonnentor“. Von Null ist es dem Querdenker Gutmann gelungen eine Weltmarke zu kreieren. Neben einigem Glück bedarf es hierfür auch ein ausgezeichnetes Gefühl für die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt.
Den anwesenden Südtiroler MeisterInnen und Meistern gab er zwei Ratschläge mit: Erstens in ihren Produkten Geschichten zu erzählen. Südtirol sei ein reiches Land an Traditionen und Geschichten und diese müssen mit den ausgezeichneten Produkten, die unser Land erzeuge, erzählt werden. Zweitens beschwörte er die SüdtirolerInnen die Chancen zu erkennen, die unter anderem der italienische Markt für hochwertige Produkte aus den Alpen böte.
In einem Gespräch im Anschluss seiner Ausführungen fragte ich Gutmann um eine Meinung, ob sich Südtirol in Italien unter dem Begriff „Sudtirolo“ oder „Alto Adige“ zu vermarkten.
Sudtirolo war seine Antwort — wie soll man denn unter einem historisch aufgezwungenen Namen auch seine Traditionen und Geschichten verpacken.

Die EOS (Export Organisation Südtirol), die für die Vermarktung der Südtiroler Betriebe zuständig ist, beschreitet in den USA wieder einmal andere Wege. Alto Adige — wines of the Italian Alps ist der Leitfaden der durch die Webseite [Link] führt. In einem Untermenü erklärt man den BesucherInnen in einem Nebensatz zwar, dass Alto Adige die älteste Weinregion des deutschen Sprachraumes ist, ansonsten vermeidet man sämtliche historisch gewachsenen Ortsnamen wie der Teufel das Weihwasser. „Today there are about 12,750 acres of vineyard planted in Alto Adige, which lie in the valleys along the Adige River between Silandro and Salorno along the Isarco River between Bolzano and Bressanone.”

Lieber als eine starke eigene Marke “South Tyrol” aufzubauen, die die Vielfalt unseres Landes betont, fährt man im Kielwasser des “stile italiano” der im Bereich der hochwertigen Lebensmittel sicherlich einige Vorteile bringt, aber eben nicht unser Land in der vollen kulturellen, sprachlichen und historischen Bandbreite darstellt. Sind dies die Geschichten, die wir mit unseren Produkten erzählen wollen?

Nicht verwunderlich, dass der Name Südtirol international so gut wie unbekannt ist. Vor etlichen Jahren wurden weltweit die 1000 bekanntesten Tourismusdestinationen ermittelt. Während Nordtirol sehr wohl dazu zählte fand man Südtirol nirgendwo. Ohne Namen existiert man eben nicht oder noch schlimmer, unter falschem Namen verleugnet man den Inhalt – eine marketingmäßige Todsünde. Eine Binsenweisheit, die noch nicht zu unseren hochbezahlten Marketingexperten der EOS vorgedrungen zu sein scheint.

HGV konstruktiv.

Nachdem es durch Durnwalders Ankündigung, nicht an den Feierlichkeiten zur italienischen Einheit teilnehmen zu wollen (nach Anfeuerung durch diverse Medien) zu Spannungen und Protesten gekommen war, hat nun HGV-Direktor Walter Meister einen exzellenten Vorschlag unterbreitet, wie man darauf reagieren könnte. Anders als im Falle der Wanderschilder, als der Chefhotelier noch auf Anbiederung gesetzt und einen Rückzieher der Politik gefordert hatte, geht er diesmal besonnener vor. Er regt an, die Kulturressorts von Tommasini und Kasslatter-Mur möchten doch eine Broschüre ausarbeiten lassen, mittels derer die Urlauber kurz und bündig über die Geschichte und die besonderen gesellschaftspolitischen Verhältnisse in unserem Lande informiert werden. Die kompakte Publikation könnte man in Hotels und Tourismusämtern aufliegen lassen.
Durch Aufklärung für Verständnis zu werben ist nicht nur redlicher als der Ausverkauf unserer berechtigten Anliegen — und somit im Interesse beider Seiten — sondern auch mittelfristig sinnvoll, da Vertrautheit eine hervorragende prophylaktische Wirkung entfachen kann: Möglicherweise finden in Hinkunft gewisse Hetzkampagnen keinen fruchtbaren Boden mehr; Vorurteile, denen sogar die Bürgermeister von Florenz und Turin aufgesessen sind, könnte man abbauen. Im Hinblick auf eine weitere Entwicklung der Eigenregierung oder auf die Auflösung des Verbunds mit dem Nationalstaat ist eine angemessene, objektive Außendarstellung ohnehin unentbehrlich.

P.S.: Eine derartige Broschüre wäre die ideale Gelegenheit, die einschließende italienische Landesbezeichnung »Sudtirolo« erstmals in einer amtlichen Publikation zu benützen, nachdem es uns Minister Bondi in seinem Brief vorgemacht hat.

Kulturhauptstadt Italia Nord-Est.

von Wolfgang Niederhofer

Vier Länder, drei Sprachen, fünf Regionen mitten in Europa – zum ersten Mal ist eine Großregion zur Kulturhauptstadt Europas gewählt worden.

Wir reden nicht von Südtirol oder von der Europaregion Tirol. Luxemburg hat sich 2007 zum ersten Male in Form einer länderübergreifenden Initiative den Titel Kulturhauptstadt Europas geholt.

Zusammen mit Luxemburg wurden die Wallonie in Belgien, das französische Lothringen sowie die beiden deutschen Bundesländer Saarland und Rheinland-Pfalz zur Kulturhauptstadt Europas gewählt. Rund ein Drittel der 450 Projekte waren grenzüberschreitend. „Über die Grenzen“ war der rote Faden, der durch das Jahr leitete. Damit nicht genug: Von Luxemburg, das den Titel Kulturhauptstadt Europas schon 1995 trug, wurden 2007 nicht nur Brücken länderübergreifend in die Nachbarregionen geschlagen, sondern mit 30 Projekten sogar bis nach Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien, der zweiten Kulturhauptstadt im Jahre 2007. Die auch heute noch in Hermannstadt lebenden Siebenbürger Sachsen sind Nachfahren der Stadtgründer im 12 Jh.. Ihre Sprache ähnelt dem Moselfränkischen zwischen Rhein und Mosel. Die Luxemburger Kulturfabrik hat deshalb in Esch/Alzette im Jahre 2007 Künstler aus dem Siebenbürger Raum zusammen mit Künstlern aus der Großregion Luxemburg präsentiert.

Szenenwechsel: Dezember 2010. Der Landeshauptmann von Südtirol unterzeichnet in Venedig das Bewerbungsschreiben zur Kulturhauptstadt „Italia Nord Est“. Südtirol als Anhängsel einer rein italienischen Großregion — es wäre interessant zu sehen, wie Italien und auch Südtiroler Intellektuelle reagieren würden, wenn sich Südtirol mit München unter dem Begriff „Deutschlands Süden“ um die Kulturhauptstadt Europas bewerben würde.
Der kulturellen Vielfalt Südtirols entspricht Italia Nord Est ebenso wenig wie eine hypothetische Bewerbung für eine Großregion Deutschlands Süden. Für eine Bewerbung in einem Kontext, welcher der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Südtirols gerecht wird, scheint die Kreativität unserer Regierungspartei derzeit nicht zu reichen.

Während man 2007 in Luxemburg europäische Kulturgeschichte geschrieben hat, degradiert sich Südtirol mit dieser Bewerbung zu einem Wurmfortsatz des ominösen Triveneto. Nicht nur eine Bankrotterklärung der Südtiroler Autonomiepolitik, sondern auch der in Sonntagsreden immer wieder krampfhaft bemühten Europaregion Tirol. Sind dies die Konzepte und Visionen unserer Regierungspartei?

Möglicherweise befindet sich Südtirol schon länger auf einem gefährlichen Blindflug mit höchst ungewissem Ziel.

Siehe auch: [1]