Brenner Meeting »ohne« Südtirol.
Außendarstellung wird dem Zufall überlassen

Am 5. Februar fand in München das sogenannte Brenner Meeting statt, ein von EU-Koordinator Pat Cox einberufener, ergebnisarmer Verkehrsgipfel. Mit dabei — angeblich — auch Südtirol.

In München vertreten waren Deutschland, Österreich und Italien durch ihre Verkehrs- beziehungsweise Infrastrukturminister sowie Bayern durch den Innen- und Verkehrsminister und Tirol, Südtirol und das Trentino durch die Landeshauptleute.

LPA

Oder auch nicht. Denn sichtbar vertreten war unser Land — anders als das Bundesland Nord-/Osttirol und gar das Trentino — gar nicht selbst, sondern nur als Region Trentino-Südtirol. Und auch diesbezüglich haperte es noch gewaltig mit der Außendarstellung. Denn wie man den Bildern jenes Tages entnehmen kann, traten Landeshauptmann Arno Kompatscher und Umweltlandesrat Richard Theiner (beide SVP) unter dem Label »Trentino Alto Adige« auf, wiewohl das auf dem Fotomaterial des Landespresseamtes nicht ersichtlich (oder sollte man sagen: verschleiert?) wird.

Rai Südtirol.
Rai Südtirol.

Nicht einmal »Trentino-South Tyrol« hat man als Bezeichnung offenbar protokollarisch durchsetzen können — während der Trentiner Landeshauptmann ein Tischschild mit der Bezeichnung »Autonomous Province of Trento« hatte.

»Autonomous Region Trentino Alto Adige ist einfach die offizielle Bezeichnung der Region«, wird es heißen. Doch auch das stimmt nicht: In der italienischen Verfassung wird schon seit Jahren die offizielle Doppelbezeichnung »Trentino-Alto Adige/Südtirol« geführt. Und außerdem waren Bayern als »Bavaria« und Nord-/Osttirol als »Tyrol« beim Meeting vertreten.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4]

Grenzüberschreitende Rettung.

»Optimale Versorgung in Notsituationen« ist das erklärte Ziel verstärkter grenzüberschreitender Zusammenarbeit im Rettungswesen, die die Landesregierungen von Nord-/Ost- und Südtirol auf den Weg gebracht haben. Wie die beiden zuständigen Landesrätinnen, Martha Stocker (SVP) und Bernhard Tilg (ÖVP) erklären, soll das Pilotprojekt die unbürokratische Rückführung transportfähiger Patientinnen »in das nächstgelegene Krankenhaus des Heimatlandes« ermöglichen. Zudem kann der Rettungsdienst jenseits der Grenze angefordert werden, falls »für einen Rettungseinsatz kein inländisches Personal zur Verfügung stehen« sollte. Durch das Projekt soll aber — so die Hoffnung — die Zusammenarbeit der Rettungsorganisationen noch zusätzlich vertieft werden.

Einerseits ist es erstaunlich, dass es — 20 Jahre nach Entfernung des Schlagbaums am Brenner — für sowas Selbstverständliches noch eines Pilotprojekts bedarf. Dabei wird die Logik von In- und Ausland noch immer nicht infrage gestellt, sondern lediglich abgeschwächt. Andererseits: Besser spät als nie.

Siehe auch: [1] [2] [3]

Autonomer Strafvollzug gefordert.

Ohne Gegenstimme wurde neulich vom Regionalrat ein Beschlussantrag der Südtiroler Grünen angenommen, demzufolge Südtirol-Trentino die Zuständigkeit für Gerichtswesen und Strafvollzug übertragen werden sollte.

Derzeit sind die Haftanstalten in den beiden Ländern einer einschlägigen staatlichen Verwaltungsbehörde mit Sitz in Padua unterstellt, die für das gesamte nordöstliche Staatsgebiet — also neben Südtirol-Trentino auch Venetien und Friaul-Julisch Venetien — zuständig ist.

Auch um die vorgeschriebene Zweisprachigkeit dürfte es folglich nicht gut bestellt sein.

Konkret möchte der Regionalrat die Verantwortung für den Strafvollzug, die Gesundheitsversorgung, die Arbeit im inneren und außerhalb der Haftanstalten, die Berufsbildung der Gefangenen sowie für das Personal übernehmen.

Wie Riccardo Dello Sbarba (Grüne) betont, könnten die autonomen Länder effizienter in die Wiedereingliederung und Resozialisierung von Gefangenen eingreifen. Dies diene auch der Vorbeugung von Wiederholungstaten und verbessere das allgemeine Sicherheitsgefühl.

Siehe auch: [1] [2]

Milde Sorte macht Türkis-Blau net bleich.

Ein Doppelpass für alle kann in letzter Konsequenz Nationalität ad absurdum führen …wenn bloß die Progressisten es nicht verhindern.

von Benno Kusstatscher

Die Doppelpass-Debatte kommt als retropervertierte Posse daher. Gern wird es so dargestellt, als wäre diese vielstrapazierte „tiefe Verbundenheit mit dem Vaterland Österreich“ Exklusivanspruch reaktionärer Ewiggestriger. Dieser Sager, wie auch die vielseitigen, emotionsgeladenen Reaktionen darauf bedürfen wohl noch eines Seziermessers, um der Debatte mit klarem Kopf begegnen zu können.

Leichtfertig wird die Südtiroler Verbundenheit mit den österreichischen Menschen, Ländern, Bergen, Tälern und Seen ins Lächerliche gezogen. Geschichtlich, kulturell und auch im Sinne einer Zukunftsgestaltung, der ein gewisses alpenländisches Gemeinwesen zugrundeliegen könnte, wirkt jede Relativierung dieser Verbundenheit als unreflektierte Selbstverleugnung, auch als ein Verkennen, dass ohne die bis heute nachwirkende Schutzmachtfunktion unsere Autonomie, unser heutiger Wohlstand ohne jegliches Fundament implodieren würden.

Über Südtirol lacht die Sonne. Über Österreich die ganze Welt.

Dahingestellt, ob jetzt Wiener Sportmoderatoren oder erfolgreich (un)bewusster Propaganda geschuldet, jeder mag für sich analysieren, warum uns solche Sätze ein überhebliches Lächeln auf die Lippen pressen. Tatsache ist vielmehr, dass ganz Europa besorgt auf dieses Österreich schaut, nur Südtirols Junior-Visegrad-Politik sich türkis-bis-ganz-rechts anbiedert. Opportunistisch den Doppelpass mal schnell wie ein Blümlein am Wegesrand einheimsen, ganz wie es der alte Magnago gelehrt. Aber ganz anders, als es der alte Kreisky und seine niedergestimmten Nachfolger sich wohl vorgestellt hatten und auch schamlos gegen die Vorstellungen der heutigen Tiroler SPÖ. Man muss halt schauen, wo man bleibt. 2018 wird gewählt.

Da vergisst man gerne, dass man grad eben noch die Euregio hochleben lassen hatte wollen. Wenn der Platter rechts ausschwenkt, können wir das auch. Ein ius-sanguinis-Doppelpass passt da schon. Da können wir uns leicht hinter verstecken: Es ist schließlich Österreichs Hoheits-Entscheidung, wer denn doppelpassen darf und wer nicht. Die seit 1920 Zugereisten nicht, vielleicht die schon damals hier verwurzelten Italienischsprachigen, aber auf keinen Fall die südlich von Salurn, auch nicht die dortigen Deutsch- und Ladinischsprachigen. Denen zimmern wir schnell ein ausgrenzendes ius soli. „Doppelpass“ hat eben auch seine sportliche Bedeutung, und mit einem sportlich-eleganten Zickzack schleimt man sich bei türkis-bis-ganz-rechts ein und lässt neben dem gepflückten Blümlein halt ein paar Leichen am Wegesrand zurück. Im „europäischen Sinne“,  wie es der Landeshauptmann betont.

Keiner der 17 Landtagsabgeordneten wäre es im europäischen Sinne eingefallen, Doppelbürgerschaft für alle EVTZler und EVTZlerinnen zu fordern. Einen österreichischen Zweitpass für Südtirol und Trentino. Einen italienischen für Nord- und Osttirol. So simpel. So symmetrisch. Aber halt zu europäisch für Türkis. Beschämend, wie ich finde.

Immer wieder der selbe alte Kas, Blut und Boden, Volk und Rass

Und so ist sonnenklar: Es geht nicht um die Verbundenheit mit österreichischen Menschen, Ländern, Bergen, Tälern und Seen, sondern ums Vaterland — in der reaktionärsten aller Definitionen. Gegenposition wird zur Pflicht der Progressisten. Die lautesten Doppelpasskritikerinnen sind bestimmt nicht jene, die Transvestiten zwingen wollen, sich bipolar zu erklären, bevor sie ein Damen- oder Herrenklo benutzen. Aber in Passfragen sollen alle sitzpinkeln. Sich als Männlein oder Weiblein zu erklären, sich der Sprachgruppe zu erklären, kann demütigend sein — ist unzeitgemäß. Sich der Nationserklärung passiv zu ergeben, soll es nicht sein?

Es greift eben der übliche Mechanismus: Sämtliche Gegenreaktionen sind, wenn überhaupt, höchst indirekt in „europäischerem Sinne“, sondern dienen gewollt oder ungewollt erst einmal der Position der italienischen Nation. Der natürlich wünschenswerte EU-Pass, wie ihn die Grünen zahnlos fordern (immer dann, und nur dann, wenn er der Verhinderung des Doppelpasses dient) tut das genauso, wie unser Vorzeigebergsteiger, der einst unbändig sein Taschentuch zur einzig wahren Fahne erklärte, um sich heutzutage mit dem einen Pass als vollständig einorden zu lassen. Lei net rogln!

Schon gut, mit Option vergleichen wir hier gar nichts, aber: Immerhin wissen wir seit der Option, wie deppert man dasteht, wenn man plötzlich gar keine Staatsbürgerschaft mehr hat, und wie viel lieber die „falsche“ ist, als gar keine. Auch mit Katalonien wird nicht verglichen, aber von dort gelernt: Wer die „falsche“ Staatsbürgerschaft verliert, steht schneller ohne jede EU-Bürgerschaft da, als eine gesellschaftliche Debatte Dinge wieder ins Lot bringen könnte. Und ja, bestimmt hätte sich Puigdemont in Tagen wie diesen (anno 2017) über einen belgischen Zweitpass gefreut. Pässe und Staatsbürgerschaften sind eben (noch) keine Nebensache. Notiert!

Europäischer Mehrfachpass

Der Begriff der Nation hat schlicht keinen Platz für Mehrfachzugehörigkeiten. Wer den österreichischen Zweitpass emotional herbeisehnt, hat sich emotional gegen Italien entschieden. Auch gegen das Trentino. Ein Herz kann nur für eine Herzensangelegenheit schlagen. All jene, die zwischen den Stühlen stehen, sind bekanntlich Verlierer dieses Konzeptes der Nation. In Südtirol sind wir deren viele. Perfide, wer emotional motiviert, rational argumentiert, wie modern und zeitgemäß ein Doppelpass denn wäre, um uns in technisch anmutendem Nebel zu verschleieren. Umso überfälliger ist deshalb ein Perspektivenwechsel. Beleuchten wir den Doppelpass aus der Perspektive derer, für die eine echte Weltbürgerschaft die Herzensangelegenheit ist.

Man mag sich daran stören, in eine Schublade gesteckt worden zu sein, Männlein, Weiblein, Sprachgruppe, Nation, oder auch nicht. Es muss doch für alle Platz sein. Wie sollen wir Grenzen abbauen, wenn wir die Passvergabe nach alten, nationalen Mustern weiterpflegen? Ein echter EU-Pass würde das Schubladendenken auf dem Kontinent überwinden. Der Doppelpass aber gäbe uns wenigstens die Möglichkeit, uns in mehreren Schubladen zu beheimaten, Grenzen weiter aufzuweichen. Auf mehreren Hochzeiten zu tanzen, mag opportunistisch klingen. Es geht aber nicht darum, zwei Stühle zu beanspruchen, sondern nur darum, dass es sich zwischen zwei Stühlen manchmal nicht gut sitzt. Je genauer wir hinschauen, umso mehr Menschen werden wir erkennen, die zwischen Stühlen sitzen — in dieser bunten, sich globalisierenden Welt umso mehr. Aufzubegehren, zu rogln und laut „Ich will hier raus!“ zu schreien kann seine Emotion nicht verleugnen, hat aber – feinseziert — mit obiger Emotion fürs Vaterland wenig zu tun.

Derzeitige Protagonisten aparte, ist ein Doppelpass also das genaue Gegenteil von Renationalisierung, sondern ein Schritt zur Überwindung von Nationen. Vielleicht sogar europäischer als Ulrike Guérots 15-Millionen-Regionen-Schubladen oder der selbstbestimmten Verwaltungsgrenzen à la Brennerbasisdemokratie. Mehrfachzugehörigkeit ist ein spannender Zauberbegriff von zentraler Relevanz. Je mehr Mitbürger sich mit Doppel- und Tripelpässen ausstatten, umso absurder wird der nationale Gedanke. Umso freier wird der Weg zu einem postnationalen EU-Pass. Versuchen sich seit Marx die Linken zur angestrebten Weltverbesserung mit transnationaler Verbrüderung, laufen die heutigen Linken Gefahr, die neuen Konservativen zu werden. Die Bewahrer des traditionellen Monopasses. Zementierer der Nation. Sie haben die Themenhoheit verloren, sind getrieben von den einpeitschenden Slogans der Rechten, die immer mehr Themen besetzen und sie so wie die Doppelstaatsbürgerschaft in die denkbar schlechteste Richtung treiben. Was bleibt anderes übrig, als auf die Bremse zu steigen, mögliche interessante Ansätze als kategorisch uneuropäisch schlechtzureden? Dabei böte gerade die Doppelpassthematik dermaßen viel Gelegenheit, die inkonsistenten, unausgegorenen Populismen zu entlarven und — sie mit den eigenen Waffen schlagend — den europäischen Weg neu zu justieren. Man kann die Welle auch reiten, anstatt sich ihr entgegen zu stemmen.

Niemand muss sich dem Pathos von Fendrichs „I am from Austria“ entziehen, um bei De Gregoris „Viva l’Italia“ textsicher mitzugrölen. Solche Zeiten haben wir hinter uns. Was heute Not tut, ist keineswegs die Verhinderung der Doppelpässe, sondern dass die „Wilde Sorte, da werd’n Braune bleich“, so wie von Schiffkowitz (STS) in „I bin aus Österreich“ besungen, endlich wieder konstruktiv mit Visionen im Gepäck die Bühne betritt. Dann sähe ich der Doppelpassdebatte gelassen entgegen und könnte mich gar an beiden Positionen erfreuen.

Dieser Beitrag ist auch auf Salto erschienen.

Alpini wählen Leitspruch von Mussolini.

Nach 2012 in Bozen findet das Fest der italienischen Gebirgsjäger im kommenden Jahr schon zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit in der Euregio statt. Diesmal heißt der Schauplatz Trient, wo manche das Timing — 100 Jahre nach dem Ende des ersten Weltkriegs, das zur Annexion von Tirol bis zum Brenner durch das italienische Königreich führte — als Provokation empfinden.

Nicht besonders hilfreich war da auch die mehr als unglückliche Aussage, man wolle mit der Veranstaltung auch der vielen Trentiner gedenken, die »als Italiener mit der falschen Uniform« gekämpft hätten, wie die Alpini-Vereinigung ANA vor rund einem Jahr verlautbarte. Gemeint war die Uniform des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs.

Dieselbe ANA, der seit wenigen Jahren auch die lange Zeit geächteten Alpini der faschistischen Republik von Salò angehören, hat nun mit dem Motto für den Aufmarsch von 2018 noch eins draufgesetzt. Es lautet:

»Per gli Alpini non esiste l’impossibile«.

Dieser Leitspruch wurde von italienischen Gebirgsjägern während des zweiten Weltkriegs in die Felswand des Hügels »Doss Trento« gemeißelt, wo er nach wie vor prangt. Dabei handelt es sich um die verkürzte Form von »Per gli Alpini d’Italia non esiste l’impossibile«, einem Motto, das sich Diktator Benito Mussolini persönlich ausgedacht hatte — und das nur deshalb verkürzt werden musste, weil die Felswand zu klein war.

Warum man sich für Trient 2018 nicht gleich für »Credere – Obbedire – Combattere« entschieden hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4]

Grenzwertige Kommunikation.

Vergangene Woche hatte ich wieder einmal ein kombiniertes Zug-Grenz-Erlebnis. Am Mittwoch um ca. 5 Uhr früh entgleiste bei Klausen ein Wartungszug. Zunächst waren beide Geleise, später nur mehr ein Gleis gesperrt. Ich kam unterdessen mit dem ÖBB-Railjet von Innsbruck kommend pünktlich um 10:28 Uhr am Brenner an.

Dort erwartete mich und ein paar Dutzend Mitreisende die Bildschirmauskunft, dass der Anschlusszug nach Meran (10:38 Uhr) ausfällt. Soweit ich das überblicken konnte, wollte kein einziger Fahrgast auf den Brenner, sondern – wie wohl auch sonst in 90 Prozent der Fälle – weiter in Richtung Sterzing, Brixen, Klausen, Bozen oder Meran.

Seit dem Unfall – der natürlich passieren kann – und der damit einhergehenden Gleissperre waren mittlerweile mehr als fünf Stunden vergangen. Dennoch gab es bis auf das lapidare “Ausfall” auf dem Informationsbildschirm und einem kurzen “si scusa per il disagio” keinerlei Information (Grund, Dauer, Ersatzverbindungen usw.) von Seiten der Trenitalia/SAD. Auch hält man es in solchen Fällen nicht für nötig, sich mit den ÖBB abzustimmen, auf dass Fahrgäste bereits in Innsbruck über den Ausfall des Anschlusszuges vorgewarnt werden und sich umorganisieren können. Aber was will man auch erwarten von einer Verkehrspolitik, die es nicht zuwege bringt, eine ordentliche regionale Zugverbindung zwischen den beiden Landeshauptstädten über eine “nicht existierende” Grenze herzustellen, bei der man nicht genau an eben dieser “nicht existierenden” Grenze umsteigen muss. Dass dann ein Schienenersatzverkehr nur zwischen Bozen und Franzensfeste eingerichtet wurde und man die Fahrgäste am Brenner stehen ließ, setzte dem Kommunikations- und Organisationsfiasko die Krone auf. Zumindest das Loacker-Café im Outlet-Center hat an dem Vormittag ein gutes Geschäft gemacht.

Rossi und Kompatscher schreiben Briefe.

Die beiden »Präsidenten« der »Provinzen« Trento und »Bolzano« (sic) haben sich auf gemeinsamem — und einsprachig staatssprachlichem? — Briefkopf an den Präsidenten von Katalonien, Carles Puigdemont (auf Katalanisch), und an den Regierungschef von Spanien, Mariano Rajoy (auf Kastilisch), gewandt.

Neuer Briefkopf?

Sie geben an, sich nicht in eine »spanische« (sic) Debatte einmischen, sondern lediglich »die Daseinsberechtigung« eines »differenzierten Regionalismus« und die »Notwendigkeit, den Autonomismus im Rahmen verfassungskonformer Prozeduren zu verfolgen« bezeugen zu wollen.

Die »Präsidenten« zweier Länder, die vielleicht mehr Geld, aber deutlich weniger Zuständigkeiten als Katalonien haben (wie selbst SVP-Senator Zeller eingesehen zu haben scheint)

  • schalten sich also mit einer »konservativen« Argumentation in den katalanischen Prozess ein;
  • fordern Puigdemont indirekt dazu auf, von der Infragestellung des etablierten Nationalstaats abzusehen;
  • anerkennen die — selbst nach Auffassung von Arno Kompatscher undemokratische — spanische Verfassung als einzig möglichen Rahmen;
  • legen Katalonien nahe, auf den internationalen rechtlichen Rahmen zu verzichten;
  • erwähnen die von Menschenrechtsorganisationen, OSZE und Vereinten Nationen verurteilten Exzesse des spanischen Staates mit keinem Wort;
  • vergessen — wiewohl sie den Pariser Vertrag erwähnen — offenbar, dass Südtirol und Trentino ihre Autonomie keineswegs auf der Grundlage der italienischen Verfassung und innerstaatlicher Prozeduren, sondern dank eines Friedensvertrags (und dem damit einhergehenden internationalen Druck) erlangt haben, weil Italien ein Kriegsverlierer war und
  • dass selbst dieser Friedensvertrag von Italien zunächst nicht eingehalten wurde, sondern von einem anderen Land (Österreich) vor die UNO gebracht werden musste.

Die Präsidenten von Trento und Bolzano haben nur vergessen, Puigdemont vorzuschlagen, statt der staatlichen Unabhängigkeit den Zusammenschluss Kataloniens mit einer kastilischsprachigen Region anzustreben, um auch diesbezüglich dem segensreichen Vorbild von Trentino und Südtirol zu folgen.

Zur italienischen Fassung des Briefs, die von der Provinz Trient veröffentlicht wurde. Eine offizielle deutsche Übersetzung scheint es hingegen nicht zu geben.

Siehe auch: [1] [2]

Von der Emanzipation der Regionen.

von Benno Kusstatscher

Katalonien, 1. Oktober 2017. Lombardei und Veneto, 22. Oktober 2017. Andere Vorzeichen, andere unschöne Begleiterscheinung, aber doch genau das gleiche Thema: In Selbstbewusstsein erstarkte Regionalisten gegen Zentralisten, die ihrerseits den Vorwurf retournieren, dass eben die Regionalisten Nationalisten seien, Mikronationalisten eben, im Wettbewerb sich gegenseitig mit nationalistischen Argumenten nationalistische Motivation vorzuwerfen. Stagnierende Nationen, die im Prinzip pulsierenden und weniger florierenden Regionen gerecht werden wollen, und aus eben diesem Prinzip, beziehungsweise aus pflichtbewusster Panik, diesem Prinzip nicht mehr gerecht werden zu können, den florierenden Regionen ihr Selbstbewusstsein vermiesen, anstatt sich von deren Tatkraft beflügeln zu lassen.

Darüber die Klammer der EU, der EU der Nationen, die von Nationen gegründet wurde, von Nationen bezahlt wird und letztlich aus Nationen besteht. Eine EU, die eine EU der Bürger, eine EU der Werte sein wollte, die aber wir, das Wahlvolk der einzelnen Nationen, gerade dazu explizit nicht legitimierten. Nun ringt sie mit sich, diese unsere EU, ob sie sich deutlich gegen ihr Mitglied Spanien stellen sollte, ob Klienteldiplomatie und Legalität von dieser zur Zeit nur durch Verträge und nicht etwa von Empathie zusammengehaltenen EU hinten angestellt werden sollten, um Bürger und moralisches Recht wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Im Falle Kataloniens hat die EU wohl ganz Europa enttäuscht, wird aber gerade von jenen empört angeprangert, die die EU bis dato am lautesten daran gehindert hatten, sich aus der EU der Nationen zu schälen, um wirklich eine EU der Bürger und Bürgerinnen zu werden. Das Bashing hat System und ist mit Sicherheit nicht konstruktiv.

Nationalisten gibt es überall, in Katalonien, in Flandern, in Venetien, das durchschauen wir Südtiroler nur allzu gut. Es gibt sie aber auch in Spanien, in Italien und sie bleiben sich nichts schuldig. Die Mehrheit der Katalanen ruft aber nicht „Wir sind das Volk!“. Ich widerspreche all den gelehrten und gelernten Kommentatoren, dass Begriffe wie Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Freistaat der Katalanischen Gemütswelt gerecht werden würden.  „To be or not to be a nation“  ist nicht die Frage. Der Eindruck, dass dem so wäre, entspringt nur unserem phantasielosen, bipolaren Verständnis der Welt, das in der Logik der Nationen, der Logik der EU der Nationen gefangen ist.

Letztlich geht es schlicht um Emanzipation. Wer wirtschaftlich erfolgreicher ist, dem ist es kaum zuzumuten, sich als Juniorpartner behandeln zu lassen. Der Vergleich zu Eheleuten mag hinken, beschreibt es aber doch sehr anschaulich: Dort ist man Gott sei Dank von der Schuldfrage abgekommen. Es gehört zur Erkenntnis der Menschheit, dass beide sich stets und dauernd für einander bemühen müssen, wenn es auf Dauer klappen soll, und zu deren Errungenschaft, diesem „bis dass der Tod euch scheidet“ mit aufgeklärtem Traditionsbewusstsein relativierend zu begegnen. Als Gesellschaft können wir uns nur wünschen, dass das mit dem Dialog, zur Not mit der Mediation klappt, weil wir nur zu gut wissen, welche Scherben und Narben bleiben, bei Geschiedenen und auch bei ihrem Umfeld. Manchmal kann Scheidung aber doch der sinnvollere Weg sein.

Regionale Selbstbestimmung zu dämonisieren bringt genauso wenig wie sie zu befeuern. Die Regionen suchen ihren Platz auf der Welt. Irgendwo zwischen Globalisierung und Regionalkreisläufen, zwischen Patriotismus und Weltoffenheit, zwischen den bald acht Milliarden Erdenbewohnerinnen und dem Individuum, dem Bürger, warten neue Aufgaben auf die Regionen. Wir können es uns nicht leisten, auf ihre Tatkraft zu verzichten, auf ihren teils euphorischen Willen, ihren Beitrag zu leisten, sich emanzipatorisch der Verantwortung zu stellen.

Die Regionen suchen ihren Platz in Europa. Ob jetzt Europas Nationen ganz gemäß dem Menasse’schen Narrativ überrollt werden, oder irgendwie anders, die Regionen werden sich mittelfristig gegenüber den Nationen emanzipieren. Es liegt an der EU, also an uns, ob wir sie in aller Phantasielosigkeit auf diesem Weg dazu zwingen, Mikronationen zu werden, hässliche Bilder wie in Barcelona frei Haus, oder ob wir ihnen einen anderen, würdigeren Weg ins Zentrum der EU ebnen. Schließlich geht es nicht darum, Regionen und Nationen gegeneinander auszuspielen, wie heutzutage die Begriffe „Selbstbestimmung“, „Postnationalität“ und „Europa der Regionen“ wohl verstanden werden. Es geht um ein erfolgreiches und natürlich friedliches und emanzipiertes, aber auch flexibles Miteinander mehrerer Governance-Ebenen. Augenhöhe ist das Schlüsselwort.

Wir können den Fall Katalonien als Chance denn als Problem sehen. Spanien wird weder das Problem lösen noch die Chance ergreifen, genauso wenig wie Italien das mit der Lombardei und Venetien auf die Reihe bringen wird. Es ist die EU, die ein Angebot machen werden muss, und es liegt an uns, der Nationen Wahlvolk, die EU dazu zu legitimieren. Dann, und nur dann, werden es genau besagte Regionen sein, die als Avantgarde den Karren Europas aus dessen Krise ziehen.

Diese Analyse ist ursprünglich auf Salto.bz erschienen.