RCI 2016: Kein Ruhmesblatt.
Wettbewerbsfähigkeit am Boden

Im Dreijahresrhythmus veröffentlicht das europäische Statistikinstitut Eurostat seit 2010 den regionalen Kompetitivitätsindex RCI. Die letzte Publikation ist erst wenige Tage alt und für Südtirol wahrlich kein Grund zur Freude: Von insgesamt 263 unter die Lupe genommenen Regionen belegt unser Land nur Rang 160. Anders ausgedrückt: Fast zwei Drittel der europäischen Regionen sind wettbewerbsfähiger als Südtirol.

In der Euregio Tirol befinden wir uns hinter dem Bundesland Nord-/Osttirol und dem Trentino an dritter und letzter Stelle.

Die größte Kompetitivität weist mit einem Score von 100 Punkten London auf, dicht gefolgt von Utrecht und Umgebung. Wien schafft es als bestes österreichisches Bundesland noch knapp in die Top 50, während Schlusslicht Burgenland (Rang 125) immerhin noch vor dem italienischen Meister Lombardei liegt. Die geringste Kompetitivität italienischer Regionen weist Sizilien (Rang 237) auf.

Wenn wir uns auf euregionaler Ebene die elf Teilbereiche ansehen, die in den Kompetitivitätsindex einfließen, wird schnell klar, dass Nord-/Osttirol in fast allen Disziplinen (meist sogar deutlich) die Nase vorn hat. Nur dreimal kann sich das Trentino behaupten. Südtirol landet zweimal (Labour Market Efficiency, Technological Readiness) an zweiter, sonst stets an dritter Stelle — da gibt es noch extrem viel Luft nach oben.

Fluchtinstinkt.

Man spricht von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.
Sie reden von innerer Selbstbestimmung, Vollautonomie und Euregio.

Man spricht von innerer Selbstbestimmung.
Sie reden von (staatlicher) Harmonisierung und Verfassungszwängen.

Man spricht von der Vollautonomie.
Sie reden davon, die bestehende Autonomie besser zu nutzen.

Man spricht von der Euregio.
Sie reden von der Alpenregion.

Man spricht von neuen Zuständigkeiten.
Sie sagen, das sei eine beschränkte Sichtweise.

Man spricht davon, die Autonomie zu verteidigen.
Sie sagen, ihre Grundsäulen seien obsolet.

Man spricht vom Ausbau der Autonomie.
Sie finden, die Autonomie sei perfekt.

Touristisch überhitzte Alpen?

Die Südtiroler Grünen haben kürzlich eine wichtige Debatte über die Grenzen im Tourismus angestoßen, dessen Überhitzung hierzulande schon lange im Verdacht steht, einer nachhaltigen ökologischen, kulturellen, gesellschaftlichen und sogar wirtschaftlichen Entwicklung im Weg zu stehen.

Die Alpen drohen, sich immer mehr nur noch zum Vergnügungspark der umliegenden — dicht besiedelten — Regionen  zu entwickeln und ihre eigene »Mittelpunktqualität« einzubüßen.

Als Negativbeispiel für Südtirol nennen die Grünen etwa Nord-/Osttirol. Doch bei genauerem Hinsehen liegt unser Landesteil (an der Bevölkerungszahl gemessen) bei den jährlichen Übernachtungen bereits deutlich vor seinen Nachbarn in der Europaregion: Eurostat bescheinigt Südtirol für 2015 — je 1.000 EinwohnerInnen! — rund 8.200 Übernachtungen mehr, als Nord-/Osttirol und ganze 26.900 mehr, als dem Trentino. Das sind fast doppelt soviele.

Das Balkendiagramm zeigt nicht etwa eine Auswahl, sondern die ersten 35 Plätze in der Statistik. Da liegt Südtirol europaweit nur hinter den drei insularen Mittelmeerregionen Südliche Ägäis, Balearen und Ionische Inseln (Korfu). Besser vergleichbare und weniger einseitig ausgerichtete Regionen wie Nord-/Osttirol, Trentino, Aosta, Kärnten, Vorarlberg oder Venetien liegen in dieser Wertung weit abgeschlagen hinter uns.

Solche Zahlen — selbst wenn die Bemessung an der EinwohnerInnenzahl nicht die einzig mögliche und sinnvolle sein mag — sollten wir uns in einer wichtigen Debatte, wie jener über die quantitative Einschränkung des Tourismus, die wirtschaftliche Diversifizierung und die Lebensqualität in den Alpen unbedingt vergegenwärtigen.

Siehe auch: [1] [2]

Lawinen kennen keine Grenzen.

Für Freunde des Wintersports gibt es gute Nachrichten. Eine längst überfällige Euregio-Maßnahme soll laut der ORF-Sendung Tirol Heute vom 5. Dezember 2016 ab dem Winter 2017/18 Realität werden: der euregioweite Lawinenwarndienst und somit ein einheitlicher Lawinenlagebericht für den gesamten Tiroler Alpenhauptkamm. 800.000 Euro stehen für dieses wichtige — weil potentiell lebensrettende — Projekt zur Verfügung. Wind und Wetter halten sich bekanntlich nicht an irgendwelche Verwaltungsgrenzen. Für Skifahrer und Snowboarder, die entlang des Alpenhauptkammes unterwegs sind, sollte es dann ab dem kommenden Jahr egal sein, ob sie nördlich oder südlich abfahren — sie erhalten einheitliche, professionelle Informationen über das Risiko aus einer Hand. Es soll eine gemeinsame, dreisprachige Webseite (Deutsch, Italienisch und Englisch) geben und auch die Wetterberichte der drei Länder Trentino, Südtirol und Bundesland Tirol werden auf die gesamte Euregio ausgedehnt.

Benvenuto, comun de Sèn Jan.

Questo finesettimana le cittadine e i cittadini dei comuni fassani di Vich, Poza, Mazin e Soraga hanno deciso sulla fusione delle loro rispettive amministrazioni, e dalle urne è uscito un responso molto chiaro: Vich e Poza si uniranno, mentre Mazin e Soraga per ora preferiscono rimanerne fuori.

Le fusioni sono un progetto della vicina provincia di Trento per ridurre il numero dei comuni, che ora ammontano a 277 (mentre in Sudtirolo se ne contano 116).

Dall’unione di Vich e Poza nascerà il nuovo comune ladino di Sèn Jan, il cui nome non avrà traduzione in «italiano». D’altronde, l’orientamento in Trentino da anni è quello di rendere visibili i toponimi storici e/o minoritari: dalla Comunità Rotaliana-Königsberg all’Alta Valsugana e Bersntol (e non più «Valle dei Mocheni») passando per il Comun General de Fascia (in sostituzione del vecchio comprensorio «Ladino di Fassa»).

E ora… diamo il benvenuto a Sèn Jan!

Vedi anche: [1] [2] [3]

K33: Europa und Euregio.

Der Konvent der 33 hat sich gestern mit den Themenbereichen Europa und Euregio befasst. Univ. Prof. Esther Happacher gab eine Einführung in die Thematik. Sehr anschaulich arbeitete sie die kritischen Punkte heraus, vor allem die Beziehungen Land-Staat-EU. Die Problembereiche ergeben sich vor allem daraus, dass de facto der Staat immer intermediär zwischen dem Land und der EU auftritt. Für Südtirol wäre es deshalb wichtig, dass ohne Umweg über den Staat direkt mit der EU verhandelt werden könnte, dies ist bisher nicht der Fall. Zudem sollte ein Beteiligungsrecht bei Erarbeitung neuer Richtlinien und Gesetze angestrebt werden. Es gibt jede Menge Hürden und Einschränkungen, beispielsweise müssen Regionen und Länder das Unionsrecht umsetzen, ohne am Enstehungsprozess beteiligt zu sein; sollten Verstöße vorkommen, so geht die Vertragsverletzungsklage an den Staat, allfällige Strafen müsste aber das Land zahlen. Zusammengefasst wären die wichtigsten Punkte der Aufbau direkter Beziehungen zur EU und das Beteiligungsrecht bei neuen Richtlinien.

Seit 2006 gibt es die Verordnung zu den EVTZ (Europäischer Verbund für territoriale Zusamenarbeit), welche Körperschaften öffentlichen Rechts darstellen. Die Mitglieder können im Rahmen ihrer Verfassungskompetenzen zusammenarbeiten und auch hoheitliche Rechtsakte erlassen. Insgesamt aber sind die Möglichkeiten auf regionaler Ebene sehr beschränkt.

Es herrschte (gefühlter) Konsens, dass sowohl hinsichtlich der EU und Euregio bzw. EVTZ zusätzliche Kompetenzen angestrebt werden sollen.

Alt-LH Durnwalder (SVP) pflichtete weitgehend bei und betonte, dass in Bereichen, wo das Land Zuständigkeiten hat (z.B. Landwirtschaft), wir auch angehört werden müssten. Sinngemäß verkauft der Staat etwas, was uns übertragen worden ist. Bezüglich des EVTZ waren Durnwalder zwei Punkte wichtig: Verbesserung der Zusammenarbeit auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Für Südtirol sollte es möglich sein, einen Vertreter in die Kammer der Regionen zu entsenden.

Christoph Perathoner (SVP) möchte die Umsetzung des EU-Rechts im Autonomiestatut verankert sehen sowie die Teilnahme der Autonomen Provinz Bozen bei Rechtssetzungverfahren. Den Regionen sollte es ermöglicht werden, einen direkten Weg zu den Organen der EU zu nehmen (Stichwort: Multi-Level-Governance). Südtirol braucht auch ein Klagerecht, ohne über den Staat gehen zu müssen, eine fixe Vertretung im Ausschuss der Regionen und letztlich die Möglichkeit, Außenbeziehungen durch regionale Vernetzung selbst gestalten zu können.

Riccardo Dello Sbarba (Grüne) bezeichnete die Ausführungen und Forderungen als „piacevoli“ und jede „cooperazione esterna ci fa bene“. Die Euregio hat laut ihm die Schwachstelle, dass die Umsetzung der Beschlüsse wieder zurück auf die Landtage geschoben wird. Dello Sbarba möchte die Euregio weiter entwickeln und sieht vor allem die Alpenkonvention als Magna Carta und der richtige Bezugsrahmen für die Weiterentwicklung.

Wolfgang Niederhofer betonte, dass alle Möglichkeiten im Rahmen der sogenannten Vollautonomie ausgeschöpft werden und alle Einschränkungen durch das „nationale Interesse“ abgeschafft werden sollten. Wichtig war uns auch, dass wir eine Vision für eine Region erarbeiten, welche ohne den nationalstaatlichen Rahmen auskommt. Angesichts der Krisenenwicklungen in Italien und Europa braucht es auch einen Plan B.

Der Konvent vereinbarte, dass uns die Rechtsexpertinnen Happacher und von Guggenberg bis zur nächsten Sitzung Unterlagen zukommen lassen, die sich mit einer besseren Absicherung Südtirols befassen.

Abschließend wurde noch zum wiederholten Male eingehend über die zukünftige Arbeitsweise diskutiert. Es wurde mit großer Mehrheit entschieden, nach der nächsten Plenumsitzung den Versuch zu unternehmen, mit drei Arbeitsgruppen ein Thema aufzuarbeiten und anschließend im Plenum die Ergebnisse vorzustellen. Der nächste Konvent wird sich mit den internen Bezehungen (z.B. Gemeinden) als letzten Themenbereich befassen.

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Nonstaler Ladiner: Die Rekonstruktion einer Sprachgruppe.

von Thomas Benedikter

Waren es im Nonstal 2011 noch 18,8% offiziell erklärte Ladiner gewesen, so stieg deren Anteil 2012 auf 23%. Von einem Jahr aufs andere erlebte das Nonstal einen Zuwachs von 1.928 Ladinern. Bei der Volkszählung 2011 zählte man im Trentino insgesamt 18.550 Ladiner. Während sich im Fassatal 81,54% der Bevölkerung als Ladiner erklärten, sind es im Nonstal zwar erst 23%, doch leben jetzt zahlenmäßig schon mehr Ladiner im Nons- und Sole-Tal als im Fassatal. Einige Ortschaften wie Romallo im oberen Nonstal sind schon zur Hälfte „ladinisch“ geworden, zahlreiche Gemeinden am Noce zu einem Drittel. Wie geht eine solche Metamorphose zum Rätoromanischen vor sich? Stehen die Nònesi eines Morgens auf und merken, dass sie Ladinisch sprechen? Bekanntlich wird ethnisch-kulturelle Identität sozial konstruiert: Ist sie in diesem Fall auch etwas politisch konstruiert worden?

Eigentlich sind die rätoromanischen Idiome im Nonstal (anaunico) und im Sole-Tal (solandro) schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts völlig trentinisiert worden. Wikipedia klassifiziert das Nones als romanischen Dialekt. Linguisten sind sich aber nicht einig, ob das Nonstalerische eine Variante des Ladinischen, ein italienischer Dialekt oder eine eigene Sprache ist. „Das ‚reine‘ Nones weist lexikalische und grammatikalische Gemeinsamkeiten mit dem Rätoromanischen, dem Dolomiten-Ladinischen und dem Rumantsch als auch mit Trentiner Dialekten auf,“ sagt der Ladinerexperte Erwin Valentini, „kaum zu bezweifeln, dass das moderne Nones inzwischen so stark mit Italianismen versetzt ist, dass es eher dem Italienischen zuzuordnen ist. Dies gilt mehr oder weniger für alle Mundarten der sog. ‚anfizona ladina‘ wie das Fleimstal, Agordo und Cadore in der Provinz Belluno.“ Sehr skeptisch zu dieser Sprach-Renaissance sind auch die Fassa-Ladiner. Das dortige Ladinische Kulturinstitut hat wissenschaftliche Untersuchungen zum Nonstaler Dialekt angemahnt und sich für nicht zuständig für die dortige Sprachentwicklung erklärt. Es mahnt außerdem zu größter Vorsicht bei Ausmaß und Motivation der Sprachgruppenerklärungen der Nonstaler und verweist darauf, dass sich die meisten Nonstaler bisher nie als Ladiner betrachtet hätten.

Darauf folgte schon vor Jahren ein erregter Disput zwischen den offiziellen Ladiner-Vertretern und den „Neo-Ladinern“ des Nonstals mit ihrer Vorkämpferin Caterina Dominici, der Präsidentin des Kulturvereins Rezia, der die Rekonstruktion der rätoromanischen Sprachgruppe betreibt. Dominici erklärte dem „Trentino“ am 8. Juli 2004:

Wir sind Ladiner mehr als alle anderen, unwiderlegbar, und zwar schon kraft einer Anerkennung vom Jahr 46 n.C. durch Kaiser Claudius, nämlich die Tavola Clesiana. Niemand vom Friaul bis zum Engadin kann das vorweisen.

Fabio Chiocchetti, Direktor des Kulturinstituts der Fassa-Ladiner entgegnete damals:

Welch eine Absurdität mit der Tavola Clesiana seine Ladinität beweisen zu wollen. Diese gewährte den Nonstalern die römische Staatsbürgerschaft, die ladinische Sprache entstand erst 1000 Jahre später.

So betrachten die Fassa-Ladiner die auch politisch motivierte Rekonstruktion der Nonstaler „Ladiner“ mit Argwohn. Die Anerkennung einer stark trentinisierten Variante des Ladinischen könnte leicht zur Verwässerung des gesamten Sprachminderheitenbegriffs führen. Eine ähnliche Auseinandersetzung spielt sich derzeit auch in der Provinz Belluno zwischen den historischen Ladinern im Fodom (Buchenstein) und den Neo-Ladinern im Agordo und Cadore-Gebiet ab. Einen sprachlichen Schulterschluss zwischen Dolomitenladinern und Nonstalern wird es also so schnell nicht geben.

Warum nehmen sich überhaupt so viele Nonstaler als eigene ladinische Sprachgruppe wahr, die seit 1945 60 Jahre lang nichts dergleichen vermeldet hatten? Werden sie künftig so eifrige Sprachpflege betreiben wie die Dolomitenladiner und Ladinisch als Schulfach einführen? Als Sprachminderheit anerkannt zu werden, wird jedenfalls sowohl für eine soziale Gruppe wie auch für ihre Provinz zunehmend politisch interessant. „Nach der rechtlichen Anerkennung der Ladiner in der Region Trentino-Südtirol“, schreibt der Sprachwissenschaftler Paul Videsott im Manuale di linguistica italiana, „hat sich die ‚neoladinische Frage‘ in zahlreichen Gemeinden der Provinz Belluno aufgetan, die sich im Zug des Gesetzes Nr.482/1999 als ladinisch erklärt haben.“

Es wird anscheinend politisch und wirtschaftlich interessanter, eine Sprachminderheit zu sein, so sind auch im Trentino die Dinge in Fluss gekommen. Vielleicht verhilft diese Rekonstruktion einer Sprachgruppe dem Trentino zu besseren Argumenten, um seine Autonomie gegenüber Rom zu verteidigen. Das könnte wieder Südtirol recht sein. Andererseits könnten sich bald auch die Vinschger, Pustrer, Sarner und Pseirer melden, um zur „Sprachminderheit“ zu avancieren.

QoG: Korruptionsindex Europa regional.

Der European Quality of Government Index (EQI) ist eine Erhebung des Quality of Government Institute (QoG) der Universität Göteborg und wurde in den Jahren 2010 und 2013 mittels Befragung von 85.000 BürgerInnen in 206 europäischen Regionen durchgeführt. Das Projekt wird von der Europäischen Union finanziert und ist Teil von ANTICORRP, einem Forschungsnetzwerk zur Korruptionsbekämpfung.

Die hier wiedergegebenen Daten beziehen sich auf das Gesamtergebnis Korruption (ein aggregierter Wert aus den fünf Bestandteilen Fremdeinschätzung Korruption, Eigenerfahrung Bestechung, Korruption im Bildungssystem, Korruption im Gesundheitswesen und Polizeikorruption) im Jahr 2013:

QoG: Korruptionsindex regional.

Grafik zum Vergrößern anklicken.

Zum guten Abschneiden unseres Landes muss relativierend festgehalten werden, dass Südtirols Wert zwischen 2010 (1,1140) und 2013 (0,8825) geradezu eingebrochen ist.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]