Städtepartnerschaft Bozen-Erlangen.

Der Gemeinderat der Landeshauptstadt hat am heutigen  Donnerstag mit 38 zu null Stimmen bei drei Enthaltungen (von CasaPound) die Begründung einer Städtepartnerschaft mit Erlangen beschlossen. Hintergrund dieser zu begrüßenden Entscheidung ist, dass der inzwischen seliggesprochene Bozner Widerständler Josef Mayr-Nusser Anfang 1945 in der fränkischen Stadt verstarb. Er war mit einem Sonderzug auf dem Weg ins KZ Dachau, weil er im Oktober 1944 den Eid auf den sogenannten »Führer« verweigert hatte.

Mayr-Nusser ist seit 2010 Ehrenbürger von Bozen.

Siehe auch: [1]

Bologna gegen faschistische Devotionalien.
Vorbild für Südtirol?

Ende März hat der Gemeinderat der Stadt Bologna beschlossen, den Verkauf faschistischer Devotionalien einzuschränken. Waren, auf denen Personen, Bilder oder Symbole abgebildet sind, die dem Faschismus zuzuordnen sind, dürfen fortan nicht mehr feilgeboten werden.

Für die kommunale Neuregelung stimmten unter anderem PD und 5SB, dagegen waren Forza Italia und die Lega.

Das Verbot umfasst nur zeitgenössische Erzeugnisse, während historische Ware (aus dem Faschismus) nach wie vor verkauft werden darf.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4]

Quotation (460): Ist es richtig?

Die Feigheit fragt ‘Ist es sicher?’
Der Opportunismus fragt ‘Ist es diplomatisch?’
Die Eitelkeit kommt dazu und fragt ‘Ist es populär?’

Doch das Gewissen fragt nur ‘Ist es richtig?’

Und es kommt eine Zeit, in der man eine Position einnehmen muss, die weder sicher, noch diplomatisch, noch populär ist, die man jedoch einnehmen muss, weil einem das Gewissen sagt, dass sie richtig ist.

— Martin Luther King

Der US-Bürgerrechtler Martin Luther King, unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Afroamerikanerinnen, wurde heute vor 50 Jahren in Memphis ermordet. Er hatte den zivilen Ungehorsam als Mittel des politischen Kampfes gegen soziale Ungerechtigkeit propagiert.

Siehe auch: [1] [2]

In Spanien werden 37 Jahre Frieden gefeiert.
Gemeint ist die Franco-Ära 1939-1976

Dies twitterte die Fundación Nacional Francisco Franco (FNFF) gestern, am Jahrestag des Sieges der Franquistinnen über die Republikanerinnen:

Heute feiern wir einen ebenso gerechten wie verdienten Sieg.

Sobald der Tag des Sieges beendet ist, werden wir euch weiterhin über die 37 Jahre Frieden informieren, [die es] trotz Behinderung durch die großen Demokraten, die Vorgänger der gelben Schleifen [katalanische Unabhängigkeitsbewegung, Anm.] und der Terrororganisation ETA [gegeben hat]. Lest die Geschichte, Spanien gewinnt immer.

Die »37 Jahre Frieden« wurden bezahlt mit zehntausenden Toten, die zu einem erheblichen Teil in Massengräbern verscharrt wurden, die laut spanischem Gesetz bis heute nicht geöffnet werden (dürfen), sowie mit einer brutalen Diktatur, der Verweigerung grundlegender Menschenrechte und natürlich von Demokratie.

Anders als die Suche nach sterblichen Überresten republikanischer Opfer wurde die Francisco-Franco-Stiftung von PP-Regierungen immer wieder mit öffentlichem Geld gefüttert.

Zudem wurde vor wenigen Tagen durch den spanischen Staat die Übertragung des Titels Duque de Franco, con Grandeza de España an die Enkelin von Francisco Franco eingeleitet, nachdem kurz zuvor ihre Mutter (und Franco-Tochter) Carmen Franco gestorben war, die den Titel vom Diktator geerbt hatte.

Dies ist der angebliche Rechtsstaat, dem die Europäische Union und deren Mitgliedsstaaten — wenigstens offiziell — in der Katalonienfrage blindes Vertrauen ausgesprochen haben. Das ist in meinen Augen mindestens genauso empörend und verstörend, wie die hier geschilderten Fakten selbst.

Übrigens: Die Tweets der FNFF sind in Deutschland, dessen Justiz nun über die Auslieferung des katalanischen Präsidenten zu entscheiden haben wird, gesperrt, weil sie dort gegen geltendes Recht verstoßen.

Siehe auch: [1] [2] [3]

Murer – Anatomie eines Prozesses.

von Oliver Hopfgartner

Letztes Wochenende ging das Filmfestival Diagonale in Graz zu Ende. Ausgezeichnet wurde ein Film, der sich mit der braunen österreichischen Vergangenheit auseinandersetzt.

Trailer des auf der Diagonale prämierten Films

Die Diagonale — das Festival des österreichischen Films — findet jedes Jahr in Graz statt. Graz ist die zweitgrößte Stadt Österreichs und seit jeher politisch stark polarisiert. So wurde der Stadt Graz im dritten Reich der »Ehrentitel« »Stadt der Volkserhebung« veriehen, da bereits vor dem Anschluss 1938 ein national-sozialistischer Putsch erfolgte. Dieses Jahr wurde ein Film ausgezeichnet, der den Finger in diese Wunden legt.

Der Film thematisiert einen der größten Justizskandale der zweiten Republik — den Prozess gegen Franz Murer, den Schlächter von Vilnius. Schauplatz dieser mit einem Freispruch endenden Farce ist ausgerechnet Graz und der Prozess endete in der Verhöhnung und Diffamierung der vor Gericht aussagenden Holocaust-Überlebenden. Der Film zeigt in schauderhafter Art und Weise die braune Durchseuchung des politischen Apparates sowohl in ÖVP als auch SPÖ auf. Aufgrund der eigenen Verstrickungen mit dem National-Sozialismus waren weder Rote noch Schwarze in der Lage, Kapital aus der Aufarbeitung der braunen Vergangenheit des politischen Widersachers zu schlagen, ohne am eigenen Ast zu sägen. Hervorzuheben ist die brillante, psychologische Betrachtung der acht bis neun Geschworenen, welche das Urteil zu fällen haben. Hierbei wird in realistischer Art und Weise der im Nachkriegsösterreich herrschende gesellschaftliche und individuelle Zwiespalt aufgezeigt.

Besonders gelungen ist dabei die neutrale, trockene Darstellung des Gerichtsfalles. Der Regisseur schafft es, die Spannung ohne viel Polemik über rund 130 Minuten aufrecht zu erhalten. Bei der Dreistigkeit der Argumentation der Verteidigung bleibt dem Zuschauer regelrecht die Spucke weg. Der Film trifft inhaltlich, künstlerisch und schauspielerisch ins Schwarze.

Quotation (452): Ranziges Ressentiment.

Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass die Unabhängigkeitsdebatte für viele Katalanen und auch für viele Spanier ein riesiges und sehr aufwühlendes Thema ist. Und versuchen Sie es weniger einseitig zu betrachten, als es die deutsche Presse oft tut. Wenn es um den katalanischen independentisme geht, übernehmen die Korrespondenten, die ja durchweg in Madrid sitzen, erstaunlich unkritisch die Haltung spanisch-zentralistischer Kreise. Da ist viel ranziges Ressentiment im Spiel, auch immer noch viel unverdaute Propaganda aus der Franco-Zeit, als der Diktator aus Spanien eine rückständige Monokultur machen wollte.

Je nach politischen Vorlieben mag man die katalanisch-spanische Geschichte unterschiedlich bewerten, zweierlei lässt sich aber kaum abstreiten. Erstens: Dass Katalonien heute zu Spanien gehört, ist die Folge einer gewaltsamen Besetzung, nicht einer freiwilligen Übereinkunft. Die Kapitulation Barcelonas im Erbfolgekrieg besiegelte 1714 die Eingliederung der katalanisch-sprachigen Gebiete in das Reich der Bourbonenkönige. Zweitens: Jahrhundertelang hat sich dieses siegreiche Spanien mal mehr, mal weniger rabiat bemüht, die katalanische Sprache und Kultur zu unterdrücken. Am schlimmsten unter dem Franco-Regime, für das die eigensinnigen Katalanen neben den Kommunisten und den Anarchisten das Hauptfeindbild waren. Vor diesem Hintergrund reagiert die katalanische Bevölkerung auch heute noch sehr hitzig, wenn der spanische Staat, so wie in den letzten Jahren, wieder versucht, ihre mühsam erkämpften Autonomierechte zurückzuschneiden.

Michael Ebmeyer, Schriftsteller, in der ‘Zeit Online’ bzw. ‘Merian’ 08/2015.

Siehe auch: [1] [2]

Quotation (448): Fehlender Kontext.

Hat das Dokumentationszentrum [am Bozner ‘Siegesdenkmal’] die offene Wunde etwas heilen können?

Ja, es ist vieles besser geworden, seit es das Dokumentationszentrum gibt. Das Denkmal wurde historisiert und steht nun auf einem neutralen Sockel. Aber der Platz und der Park sind immer noch nicht wirklich Teil des Ganzen geworden; und auch die Umgebung, also der sogenannte „italienische” Teil von Bozen, wartet meiner Meinung noch darauf, dass er in einen Kontext gesetzt wird.

aus dem Barfuss-Interview mit Adina Guarnieri, die dem Thema ihre Abschlussarbeit in ‘Beni Culturali’ an der Universität Trient gewidmet hat.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]

Quotation (445): Exkludierende Partisaninnen.

1962 wurde ein Gedenkstein auf der gegenüberliegenden Straßenseite des ehemaligen [Bozner Durchgangs-]Lagers errichtet, der allerdings bis heute immer noch von den Verbänden der ehemaligen Partisanen vereinnahmt wird und andere Häftlingsgruppen ausblendet.

Juliane Wetzel in ‘Der Ort des Terrors — Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager’, Band 9, Seite 302, Wolfgang Benz und Barbara Distel (Hrsg.), Verlag C. H. Beck, München 2009

Siehe auch: [1] [2]