Blumentöpfe.
Quotation 402 // Konstruktiver Widerstand

In den Tagen vor dem Volksentscheid wurden elf Millionen Wahlzettel und Urnen konfisziert. Um dem Zugriff der Polizei zu entgehen, griffen die Katalanen in den letzten Monaten auf konspirative Methoden zurück. Die Unterlagen und die Urnen wurden bis zum Wahltag versteckt, die Zahl der Eingeweihten wurde so gering wie möglich gehalten. Jordí Plens etwa, Beamter der katalanischen Landespolizei Mossos de Escuadra [sic], nahm am Sonntag frei, um als Wahlhelfer einzuspringen. Die Art und Weise, wie er «seine» Wahlurne beschaffte, mutet geradezu abenteuerlich an. Er habe im Morgengrauen eine ältere Frau vor der Kirche San Antón de Padua getroffen. «Brauchst du Blumentöpfe?», fragte sie ihn – Blumentöpfe war das Geheimwort für Urnen. Auf sein Nicken gingen sie um die Ecke, und die Frau öffnete den Rollladen eines unscheinbaren Warenlagers, wo mindestens 30 Urnen lagerten. «Als ich zwei davon in mein Auto hievte, weinte ich fast vor Emotion», gesteht Plens. Der Kampf für die Unabhängigkeit Kataloniens hat Tradition in seiner Familie. Schon seine Eltern trafen sich während der Franco-Zeit mit Gleichgesinnten, Plens fühlt sich daher an seine Kindheitstage erinnert.

Ute Müller, NZZ

Democrazia Medien Politik Polizei Selbstbestimmung Ungehorsam+Widerstand | Referendum 1-O 2017 Zitać | | NZZ | Catalunya | Mossos d'Esquadra | Deutsch

Rigide Vorschriften.
Quotation 290

Die [italienischen] Vorschriften sind meiner Ansicht nach viel zu rigide. […] Der 24-Stunden-Dienst der Pädiatrie macht [in Südtirol] die großen Schwierigkeiten. In der Steiermark haben wir zehn Geburtenstationen, nur zwei haben einen 24-Stunden-Aktivdienst der Pädiatrie. Es wäre auch in Südtirol ausreichend, wenn diesen Dienst nur Bozen gewährt. Dort werden die Frühchen behandelt, die auch jetzt schon alle nach Bozen überstellt werden.

Wie blickt das österreichische Sanitätswesen auf uns?

Dort schüttelt man nur den Kopf.

aus dem heute in der Tageszeitung (in Zusammenhang mit der geplanten Schließung der Sterzinger Geburtsstation) erschienenen Interview von Erna Egger mit dem Grazer Gynäkologen Albrecht Giuliani.

Wenn ein und dieselbe EU-Richtlinie in Österreich weniger rigide ausgelegt und umgesetzt werden kann, als in Italien, heißt dies, dass das auch in Südtirol möglich wäre, wenn wir die Zuständigkeit zur Umsetzung selbst hätten. Leider sind wir aber offensichtlich auch in diesem Bereich nicht autonom — obschon wir zum Beispiel von ff-Journalist Georg Mair (via NZZ) erst neulich wieder erfahren durften, dass wir quasi schon alle nur erdenklichen Zuständigkeiten hätten:

Noch mehr Unabhängigkeit dürfte Südtirol von Rom allerdings kaum bekommen. «Was wollen wir denn auch noch mehr?», fragt der Journalist Mair. «Wir haben bereits grosse finanzielle und gesetzgeberische Kompetenzen.»

Siehe auch:

Gesundheit Medien Recht Vorzeigeautonomie Zentralismus Zuständigkeiten | Zitać | Georg Mair | ff NZZ TAZ | Italy Österreich Südtirol/o | EU | Deutsch

Ein alter Mythos: Die »Spaltung der Sprachgruppen«.
Südtirol-Bericht der Neuen Zürcher Zeitung

von Thomas Benedikter

»Gemeinsam einsam« ist ein Beitrag der NZZ-Romkorrespondentin Andrea Spalinger über Südtirol vom 16. Juni betitelt und bringt eine Reihe alter Märchen über unser Land. Einige Kostproben:

Vor wenigen Jahrzehnten herrschten in Südtirol noch bürgerkriegsähnliche Zustände

Wahr ist: es gab Attentate gegen Einrichtungen des Staates, Angriffe gegen Polizei und Militär, doch es gab in Südtirol nie eine verbreitete Gewalt zwischen italienischer und deutscher Zivilbevölkerung. In Südtirol herrschte in den 1960er Jahren genau so wenig »Bürgerkrieg« wie im Schweizer Jura in den 1970er Jahren.

Trotz obligatorischer Zweisprachigkeit beherrschen laut Studien die meisten Südtiroler die andere Sprache nur ungenügend

In zweifacher Hinsicht ein Unsinn: Weder ist es bei uns Pflicht, zweisprachig zu sein (gibt es das etwa in der Schweiz?), noch sind die Zweitsprachkenntnisse der Südtirol aller Sprachgruppen so schlecht. 75% der Deutschen können laut Astat gut oder sehr gut Italienisch, fast 40% der Italiener können sehr gut oder gut Deutsch. Spalinger hat sich die wichtigste Studie in diesem Bereich eben nicht angeschaut (Astat-Sprachbarometer 2014).

Die deutsche Rechtsopposition stellt nicht ein Drittel des Landtags, sondern 10 von 35 Abgeordneten. Diese landläufig als »patriotisch« bezeichneten Parteien als »Ewiggestrige« zu bezeichnen, rückt sie in gewissen Sinn schon in die Nähe der NPD oder von CasaPound. Gegenfrage an Spalinger: Bezeichnen Sie die Schweizer SVP und ähnliche Schweizer Gruppen auch als Ewiggestrige? Unabhängig von der jeweiligen Position zur Selbstbestimmung: Ist Eintreten für Selbstbestimmung »ewiggestrig«?

In ihrer Nachzeichnung des Südtiroler Wegs zur Autonomie unterscheidet Spalinger zudem nicht zwischen der Region Trentino-Südtirol und den autonomen Provinzen Trient und Bozen, eine grobe Unterlassung. Überdies fließen schon länger nicht mehr 90% der Steuereinnahmen wieder zurück ins Land, vielmehr sind es seit dem Sicherungspakt 2014 nur noch rund 75%.

Journalistisch unkorrekt und sachlich falsch ist dann folgende Einschätzung: Rom sei irritiert darüber, »dass die gewährten Privilegien von den Südtirolern nicht gebührend geschätzt werden und die Autonomie in gewissen Kreisen immer noch umstritten ist«. Richtig ist: Weder ist die Errichtung einer Autonomie ein Privileg, sondern vielmehr eine völkerrechtliche Verpflichtung Italiens, noch ist die Autonomie in diesem Sinn umstritten. Fast alle deutsch- und ladinischsprachigen politischen Kräfte (und auch das Trentino) betrachten die heutige Autonomie als unzureichend, weshalb vor einem halben Jahr ein institutioneller Reformprozess gestartet worden ist. Hat Spalinger das überhaupt nicht mitbekommen?

Florian Kronbichler als ersten und einzigen Nicht-SVP-Vertreter Südtirols zu bezeichnen, bestätigt die Oberflächlichkeit einer Journalistin, die nur mit Vertretern der Grünen sowie mit den beiden Journalisten Georg Mair (ff) und Gabriele Di Luca gesprochen hat. Nicht nur sitzen heute Politiker anderer Couleur im Parlament (sind Palermo, Gnecchi usw. keine »Vertreter Südtirols«?), auch früher schon gab es Südtiroler Oppositionelle im Parlament (z.B. Gianni Lanzinger).

Erste obligatorische Fremdsprache.
Quelle: Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz.

Ein in Südtirol hartnäckiger Topos ist schließlich jener der Trennung durch separate Schulen:

Aus Angst vor Italianisierung hat man danach auch Schutz durch Trennung gesetzt. Deutsch- und italienischsprachige Südtiroler besuchen vom Kindergarten bis zur Matura separate Schulen.

Hier zitiert die Autorin Spalinger Gabriele Di Luca, aber bei »Schutz durch Trennung« müssen auch in der Schweiz weniger Informierte an eine Art Apartheid denken. Wo bitte erklärt Spalinger der NZZ-Leserschaft das Südtiroler Sprachgruppenprinzip? Warum schreibt sie nicht, dass in Südtirol seit 70 Jahren das Recht auf eigenständige Schulen in den jeweiligen Muttersprachen ein Grundpfeiler des Minderheitenschutzes ist?

Aus Schutz vor Germanisierung haben die Tessiner eine italienischsprachige Schule?

Hat Spalinger jemals das Tessiner Schulsystem so beschrieben?

Auch in der Schweiz gilt überall, auch in den zweisprachigen Kantonen wie Freiburg und Wallis, der jeweilige Vorrang der Kantonssprache oder Kantonsteilsprache in der obligatorischen Schulbildung. Sind die Walliser deshalb »gespalten« oder getrennt?

Eine direkte Frage an Andrea Spalinger zum Abschluss, weil sie Südtirol so »gespalten« sieht: Ist die Schweiz in vier Sprachgruppen »gespalten«? Sorry, aber gerade von der NZZ hätte ich mir etwas mehr Sorgfalt in Recherche und Urteil erwartet.

Siehe auch:

Außendarstellung Grundrechte Kohäsion+Inklusion Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Recht Selbstbestimmung Umfrage+Statistik | Sprachbarometer | Florian Kronbichler Thomas Benedikter | ff NZZ | Svizra Ticino | CPI SVP Vërc | Deutsch

NZZ-Bericht über die Situation in Südtirol.

Schon wieder ist in einem internationalen Medium ein — aus meiner Sicht — äußerst unausgewogener und schlecht recherchierter Bericht über Südtirol erschienen, diesmal in der NZZ. Allein schon, dass den Beitrag eine Karte ziert, auf der zwar die Region Trentino-Südtirol hervorgehoben, diese jedoch als »Südtirol« beschriftet ist, zeigt, wie tiefgreifend die Recherche und wie hoch die Ansprüche wohl waren.

Auch sonst wiederholt der von Rom-Korrespondentin Andrea Spalinger verfasste Artikel großteils die weithin bekannten Klischees (und manche Idealisierungen). Von einem Qualitätsmedium aus der ebenfalls mehrsprachigen Schweiz hätte man sich jedenfalls mehr erwarten dürfen.

Dass Bozen wie »eine deutsche Kleinstadt«, nur charmanter und lebensfreudiger wirke, lasse ich mal wohlwollend unkommentiert, es kann unter »harmlose Pauschalisierungen« verbucht werden.

Einige andere Passagen kann man aber kaum unwidersprochen lassen:

Die Autonomie hat nicht nur Frieden gebracht, sondern auch beeindruckenden Wohlstand. […] Und selbst im Vergleich mit dem benachbarten österreichischen Bundesland Tirol schneidet Südtirol deutlich besser ab.

Deutlich besser? Von der Arbeitslosigkeit über die Indikatoren für Forschung & Entwicklung bis hin zu BIP, Wertschöpfung und »verfügbarem Einkommen« schneidet das Bundesland Tirol in fast allen wirtschaftlich relevanten Bereichen besser ab, als Südtirol. Eindrucksvoll belegt durch offizielle Statistiken. Auf welche Quellen sich Frau Spalinger bezieht, ist hingegen unklar.

Noch mehr Unabhängigkeit dürfte Südtirol von Rom allerdings kaum bekommen. «Was wollen wir denn auch noch mehr?», fragt der Journalist Mair. «Wir haben bereits grosse finanzielle und gesetzgeberische Kompetenzen.»

Das ist eines der Lieblingsklischees hiesiger Politiker und Journalisten und wird im NZZ-Beitrag unhinterfragt übernommen. Dabei mögen die Zuständigkeiten im Vergleich zum sonst sehr zentralistischen Italien groß sein. Doch eigentlich ist die Autonomie in vielerlei hinsicht nicht einmal mit der eines normalen deutschen Bundeslandes vergleichbar, geschweige denn mit jener eines Schweizer Kantons. Landespolizei? Fehlanzeige. Primäre Schul- und Bildungskompetenz? Nicht vorhanden. Justiz? Keineswegs. Finanzhoheit? Höchstens ansatzweise.

und trotz obligatorischer Zweisprachigkeit beherrschen laut Studien die meisten Südtiroler die andere Sprache nur ungenügend.

Auch hier wäre es nett, wenn im Artikel eine Quelle genannt würde. Denn laut offiziellem Sprachbarometer nahmen die Zweitsprachkenntnisse im Laufe von zehn Jahren deutlich zu — und zumindest bei den Italienischkenntnissen der deutschsprachigen Bevölkerung kann von »ungenügend« kaum die Rede sein. Ob man noch besser werden könnte? Keine Frage.

Gemäss der letzten Volkszählung (2011) sind 63 Prozent der rund 500 000 Einwohner der Provinz Südtirol deutschsprachig, 23 Prozent italienischsprachig. 4 Prozent gehörten der ladinischen Minderheit an, die Romanisch spricht.

Leider wird gerade von internationalen BeobachterInnen immer wieder übersehen, dass diese Volkszählungsdaten keinerlei Aussagen über die tatsächlichen Sprachkenntnisse machen. Nachdem die Erhebung die Grundlage für den ethnischen Proporz bildet, kann davon ausgegangen werden, dass zahlreiche Angaben aus Opportunismus gemacht werden. Wie wenig die amtlichen »Volksgruppen« mit der Sprachlandschaft korrelieren, hatten wir zum Beispiel anhand des Sprachbarometers von 2004 aufgezeigt.

Dem Landeshauptmann bereitet das Erstarken dieser Ewiggestrigen Sorgen. Früher hätten diese argumentiert, innerhalb des italienischen Staates könne das deutsche Volkstum nicht geschützt werden, sagt Kompatscher. Mittlerweile sei das Gegenteil bewiesen.

UnabhängigkeitsbefürworterInnen pauschal als ewiggestrig darzustellen, ist ein Unding, an das wir uns nie gewöhnen werden. Inwiefern aber bewiesen sein soll, dass die deutsche Sprache in Italien geschützt werden kann, bleibt wiederum offen. Das hängt wohl auch davon ab, welche Maßstäbe man anlegt. Während nämlich die Bevölkerung immer zweisprachiger wird, nimmt die Bedeutung der italienischen Staatssprache in Südtirol zu, sodass sie nun (ungeachtet der oben erwähnten Volksgruppenstärken) von allen Sprachgemeinschaften schon als die wichtigste Landessprache empfunden wird. Die Gleichstellung von Deutsch und Ladinisch mit Italienisch ist nicht nur ungenügend, sondern verschlechtert sich zunehmend.

Jene, die sich von Italien loslösen wollten, brächten nun ökonomische Argumente vor. Italien gehe es schlecht und man wolle nicht mit dem sinkenden Schiff untergehen, heisse es.

Keine der im Artikel genannten Parteien, aber auch keiner der sonstigen gesellschaftlichen Akteure, die sich für die Unabhängigkeit aussprechen — ob sie nun rechts oder links einzustufen sind — bemüht ausschließlich oder vordergründig ökonomische Motive, sondern vor allem kulturelle, sprachliche und solche der Eigenverantwortlichkeit und Autonomie. Die einen tun dies mit egoistische(re)n Hintergedanken (die wir als ökosozial inspirierte Plattform heftig kritisieren), die anderen mit Blick auf ein solidarisches, inklusivistisches, subsidiäres Europa. Dagegen muss schon mehr her, als der Vorwurf der »Ewiggestrigkeit«.

Die historisch gewachsene Sonderbehandlung wird im Parlament aber kaum infrage gestellt.

Das ist nun wirklich hanebüchen. Immer wieder werden im römischen Parlament Vorlagen zur Abschaffung der Sonderautonomien präsentiert. Sowohl der heutige Ministerpräsident Renzi, als auch Reformministerin Boschi hatten sich solchen Forderungen bereits angeschlossen. Auch sonst ficht Rom (Regierung oder Parlament) immer wieder Landesgesetze vor dem Verfassungsgericht an und kürzt einseitig die Finanzmittel.

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Alltagsrassismus, Kolonialismus.
Quotation 259

Der Umgang mit dem einstigen Kolonialismus ist in Italien bis heute ein Mix aus Folklore, Nationalstolz und fahrlässigem Rassismus. Das Geburtshaus von Mussolini in Predappio wird als Pilgerziel nostalgischer Faschisten ebenso toleriert und teilweise öffentlich finanziert wie das Mausoleum von Rodolfo Graziani in dem Dorf Affile westlich von Rom. Graziani, laut einem Uno-Tribunal ein schwerer Kriegsverbrecher, nannte sich «Vizekönig von Äthiopien» und setzte dort Giftgas für den Massenmord ein.

aus Rassismus in Italiens Alltag – Schwarzhemden und Negermädchen, NZZ

Siehe auch:

Faschismen Geschichte Medien Militär Nationalismus Racism | Geschichtsaufarbeitung Zitać | | NZZ | Afrika Italy | UNO | Deutsch

SNP geht durch die Decke.

Es gibt Nachrichten, die werden in Südtirol gerne kleingespielt, weil sie nicht sonderlich ins Bild (der SVP) passen.

Nach dem Scheitern des Unabhängigkeitsreferendums in Schottland wurde der linksliberalen SNP (Scottish National Party) und dem ganzen Land gleich dazu nicht zuletzt hierzulande der Untergang prophezeit. Parteichef Alex Salmond ist nach der Niederlage wie angekündigt zurückgetreten und überließ seiner Nachfolgerin Nicola Sturgeon das Ruder.

Senator Karl Zeller meinte damals, dass viele “Schottlandfans” hierzulande nicht verstanden hätten, dass die Situation Schottlands nun sogar schlechter sei, als jene Südtirols. Die Schotten hätten sich einen Bärendienst erwiesen, weil sie das Druckmittel Selbstbestimmung, das Südtirol nach wie vor habe, verspielt hätten und sich die Verhandlungen nun viel schwieriger gestalten würden. Man könne einfach nicht auf zwei Hochzeiten tanzen – also Unabhängigkeit und mehr Autonomie gleichzeitig fordern – hieß es meist.

Am 7. Mai 2015 finden im Vereinigten Königreich Parlamentswahlen statt. Anfang April gab es eine einzige große Fernsehkonfrontation – die so genannte Leaders Debate (vollständige Debatte auf YouTube). SNP-Chefin Nicola Sturgeon (28 %) ging dabei in einer Umfrage des renommierten YouGov-Instituts für “The Times” und “The Sun” als klare Siegerin gegen Cameron (18 %), Miliband (15 %), Farage (20 %) und Co. hervor.

Den Chef der europafeindlichen UKIP fertigte die Juristin mit einem Satz ab: “Es gibt nichts, wofür Nigel Farange nicht Ausländern die Schuld gibt.” Auch die Regierung Camerons und des Liberaldemokraten Nick Clegg bekam ihr Fett ab: Es sei ironisch zu sehen, wenn die beiden jetzt streiten, hätten sie doch fünf Jahre gemeinsam den Menschen im Land ihre Austeritätsmaßnahmen verordnet. Miliband überholte sie lässig links, als sie sich gegen Studiengebühren aussprach.

— aus www.orf.at

Andere Umfragen erklärten jedoch Cameron, Miliband oder Farage zum Sieger. Einig ist man sich hingegen über den zu erwartenden Wahlausgang. Nahezu alle Umfragen gehen derzeit von einem überwältigenden Wahltriumph der SNP aus. Sturgeons Forderungen nach einem konsequent öffentlichen Gesundheitssystem, einem Abbau der Atomwaffen und einer fairen Einwanderungs- und Integrationspolitik kommen auch außerhalb Schottlands gut an. Nach pessimistischen Schätzungen sollte die Partei ihre Sitze in Westminster (derzeit hält sie bei sechs) versechsfachen. Optimistische Studien gehen sogar von beinahe einer Verneunfachung aus wie nzz.ch berichtet. Labour und Tories würden in Schottland in die Bedeutungslosigkeit gewählt werden.

Die SNP könnte somit zur drittstärksten Kraft im gesamten Königreich hinter Labour und den Tories aufsteigen. An den schottischen linksliberalen Unabhängigkeitsbefürwortern um Sturgeon würde dann kein Weg mehr vorbeiführen, denn die zwei großen Parteien wären bei einem derartigen Erfolg der SNP auf einen Koalitionspartner angewiesen.

Karl Zeller wird uns in einem der nächsten Mittagsmagazine aber bestimmt erklären, was die SNP alles falsch gemacht und verspielt hat, und warum der Höhenflug der Unabhängigkeitspartei für die Schotten nicht von Vorteil ist. Wir dürfen gespannt sein.

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Scheidung auf Europäisch.

Die Neue Zürcher Zeitung vom 17.03.2014 spannt im Artikel »Scheidung auf Europäisch ist besser als Drohung und Zwang« (S. 10) einen Bogen vom Konflikt um die Krim bis zu den jüngsten Sezessionsbewegungen innerhalb der Europäischen Union.

Der Autor geht dabei nicht auf die zweifelhaften und fragwürdigen Hintergründe der Abstimmung auf der Krim ein, sondern stellt lapidar fest, dass die Grenzen Europas noch nicht gezogen sind. Die Volksbefragung zur Sezession der Krim würde dies eindrücklich vor Augen führen.

Das Verschwinden des Eisernen Vorhanges hatte in der Folge zur Auflösung Jugoslawiens und der Sowjetunion geführt, neue Staaten entstanden. Die Tschechoslowakei spaltet sich auf. In Georgien und in der Moldau gibt es immer noch mehr oder weniger eingefrorene Konflikte um abgespaltene Landesteile. Zugleich entwickelte das supranationale Gebilde EU eine enorme Anziehungskraft auf ehemalige Länder des sogenannten Ostblocks.

Angesichts der dramatischen Ereignisse in der Ukraine erscheinen die Anliegen anderer abspaltungswilliger Regionen Europas wenig spektakulär. Ernst zu nehmen sind sie trotzdem. In diesem Jahr steht das Referendum im September in Schottland über die Unabhängigkeit an. Kataloniens Regionalregierung hat für November 2014 eine Volksabstimmung über die Loslösung von Spanien geplant.

Während Madrid die Unabhängigkeitswünsche Kataloniens bei jeder sich bietenden Gelegenheit torpediert sieht der Autor in den Entwicklungen Schottlands einen Vorbildcharakter.

Schottland könnte zu einem Modell werden, wie auf zivilisierte Weise mit Sezessionsbestrebungen umgegangen werden kann. Unter einem gemeinsamen Dach wie der EU müssten eine Regionalisierung und das Ausleben des Subsidiaritätsprinzips erheblich leichter sein als ohne eine verbindende Klammer.

Die offiziellen Wortmeldungen aus der EU-Kommission klingen jedoch anders: Eine Region, die sich von einem Mitgliedsstaat abspaltet, ist automatisch nicht mehr Teil der EU.

Ein erstaunliches Verhalten, auch deshalb, da die Position der Kommission einer Grundlage in den europäischen Verträgen entbehrt. Die Materie ist also gar nicht geklärt, doch anstatt sich rechtlich an neue Entwicklungen anzupassen, versucht man es vorläufig mit Drohungen.

Dies verwundert auch deshalb kaum, weil die Vertreter der supranationalen Organisationen aus Repräsentanten der Zentralregierungen bestehen.

Einem jedoch auch als Friedensprojekt titulierten Gebilde, sowie den Mitgliedsstaaten würde es gut anstehen, Volksabstimmungen über Loslösungen von einem Nationalstaat zuzulassen.

Eine Zivilisierung der Rhetorik würde die Energien auf den Inhalt der Abstimmungen fokussieren. Konkret, worüber überhaupt abgestimmt wird und wie die technischen Details geklärt werden. Auch bei einer geordneten Sezession gilt es eine Vielzahl an Themen zu klären: die Währungsfrage, die Übernahme von Schulden, die Klärung von Pensionsfragen, die Nachfolge bezüglich internationaler Verträge usw.

Der Autor plädiert für ein klares Regelwerk: »Eine klar definierte Scheidung auf Europäisch wäre aber allemal besser als Drohungen und Zwang.«

Zusammen mit den auf europäischer Ebene definierten Scheidungsregeln müsste auch die Rolle des Nationalstaates neu justiert werden. Für viele Regionen ist die nationalstaatliche Ordnung einfach der falsche Rahmen. Diesen Regionen, die vielfach an den Bruchstellen der heutigen Nationalstaaten liegen, muss es ermöglicht werden, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Entgegen vielen Kritikern, die dies als Rückfall in die Kleinstaaterei sehen, wäre dies der Schlüssel für eine nachhaltige Integration der EU und möglicherweise auch der Schlüssel für eine neue Rolle der EU in Konflikten, wie dem, der sich derzeit in der Ukraine abspielt.

Jörg Baberowski, Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, unterstellt den westlichen Regierungen im Zeit-Artikel »Zwischen den Imperien« vom 13.03.2014, dass man in der Ukraine auf einen Nationalstaat im Sinne des 19. Jh. besteht. Tatsächlich ist die Ukraine ein multiethnisches Land, mit einer komplexen Geschichte.

Vielleicht hätte man durch ein besseres Verständnis, für nicht im nationalstaatlichen Sinne einheitliche Regionen und Länder, in der Ukraine zukunftsfestere Szenarien entwickeln können? Vielleicht wäre man dann sogar auf die Idee einer unabhängigen, mehrsprachigen, multiethnischen Krim gekommen und hätte sogar Moskau für eine solche Idee gewinnen können?

Wie will der Westen aber solche Szenarien international schmackhaft machen, wenn er nicht in der Lage ist, innereuropäische Sezessionsbestrebungen, ohne nationalstaatliche Bevormundungen und Drohungen, aktiv im postnationalen Sinne zu begleiten?

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