Grüne gegen falsche Doktoren.

Es ist eine Praxis, die mir jedesmal die Zornesröte ins Gesicht treibt. Nicht etwa, weil ich Titeln eine so große Bedeutung beimesse, sondern weil das Führen eines falschen Doktortitels unredlich, eine ungeheuerliche Anmaßung, eine Respektlosigkeit den echten Doktoren gegenüber und beileibe kein Kavaliersdelikt ist. Wie in den meisten anderen Ländern auch ist in Italien der Missbrauch akademischer Titel (laut Art. 498 des Strafgesetzbuches – Usurpazione di titoli o di onori) eine Straftat. Dabei macht es keinen Unterschied, ob ich mir als Nicht-Akademiker unrechtmäßig einen Titel zulege oder als Universitätsabsolvent aus meinem Master einen Doktor mache. Beides ist strafbarer Missbrauch und eine Vortäuschung falscher Tatsachen.

Dennoch schmücken sich auch hierzulande zahlreiche Menschen – vielfach auch Politiker – mit akademischen Lorbeeren, die sie niemals errungen haben. Man studiert in Österreich, schließt sein Studium als Master, Magister oder gar “nur” Bachelor ab, lässt sich den Titel in Italien als “dottore” anerkennen und schreibt dann genüsslich Dr. vor seinen Namen und lässt sich völlig schamlos als solcher ansprechen.

Dabei ist der (international umstrittene weil eben widersprüchliche) italienische Titel “dottore” (dott. bzw. dott.ssa) keinesfalls äquivalent zum deutschen “Doktor” (Dr.). Ein Doktortitel bzw. Ph.D. (Promotion) entspricht vielmehr dem italienischen “Dottore di ricerca” (Dott. Ric.). Gewöhnliche Studienabschlüsse wie Magister, Master oder Bachelor (Sponsion) müssten also entweder mit den entsprechenden deutschen Abkürzungen (Mag., M.A., B.A. usw.) gekennzeichnet oder als italienischer dott. geführt werden.

Auf der Webseite der Uni Bozen wird sogar explizit auf die Unrechtmäßigkeit der in Südtirol gängigen Praxis hingewiesen:

Zu beachten ist, dass der italienische Grad “dottore” (Dott.) in Deutsch nicht mit “Doktor” (Dr.) übersetzt werden darf. Der Grad “Doktor” steht nämlich nur den Absolventen eines Doktoratsstudiums (PhD) zu.

Laut TAZ möchten die Grünen dem Brennerdoktor nun glücklicherweise den Garaus machen. In einem Beschlussantrag fordern sie die längst überfällige intellektuelle Redlichkeit ein. Warum das nicht schon früher jemandem eingefallen ist, bleibt ein Rätsel (Ein Schelm …).

Wie selbstverständlich die Anmaßung und gleichzeitig unausgeprägt das Unrechtsbewusstsein diesbezüglich in Südtirol ist, mussten die Grünen bei ihrem Unterfangen am eigenen Leib erfahren. Der Beschlussantrag war nämlich unterzeichnet mit Dr. Heiss, Dr. Dello Sbarba, Dr.in Foppa. Der einzige, der jedoch tatsächlich promoviert hat, ist der Historiker Hans Heiss.

Darauf angesprochen meint dott.ssa Brigitte Foppa in der Tageszeitung:

Was soll ich sagen, ich habe schon so oft darum gebeten, dass man die Titel unter unseren Anträgen weglässt. Aber sogar auf den Türschildern schreibt man uns falsch.

Tatsächlich wird auf den Internetseiten der Landesregierung und des Landtages kein einziger der Politiker, die ein Studium abgeschlossen haben, mit einem niedrigeren Titel als Dr. geführt. In der Landtagsbiographie von Brigitte Foppa steht zu lesen, dass sie promoviert habe. Auf Nachfrage von berichtet Foppa von einem Kampf gegen Windmühlen:

Immer dieselbe Geschichte. Ich verwende seit Jahren meinen dottoressa-Titel, den ich in Italien erworben habe. Immer wieder wird das als Dr. wiedergegeben. Im Lande waren wir schon lang dazu übergegangen, dies in Selbstkorrektur zu ändern. aber es wird immer vom System “richtig gestellt”. Nichts zu machen.

Foppas Biographie ist mittlerweile korrigiert, wenngleich sie immer noch als L. Abg. Dr. Brigitte Foppa aufscheint. Der schleißige Umgang mit Titeln und Begrifflichkeiten zieht sich durch sämtliche Biographien der Landespolitiker. So liest man beispielsweise bei Veronika Stirner (SVP), sie habe anschließend an die Matura ein “Doktorat in Modernen Sprachen und Literatur” gemacht, obwohl sie laut italienischer Biographie “nur” eine Laurea zur dottoressa vorweisen kann.

Laut Wikipedia dürften sich nur zwei der derzeitigen 35 Landtagsabgeordneten als Doktor bezeichnen, während sich jedoch ganze 15 unrechtmäßig als solche ausgeben. In der Landesregierung sieht es – ebenfalls laut Wikipedia – nicht viel besser aus:

Seit 2014 führen sechs der acht Regierungsmitglieder in deutschsprachigen Texten Dr. und auf Italienisch dott. bzw. dott.ssa vor dem Namen. Darunter ist mit Martha Stocker eine Doktorin, die restlichen fünf führen den Dr. aufgrund italienischer Laureats- oder österreichischer Magisterabschlüsse.

Bleibt also zu hoffen, dass sich die Politiker auf Basis des grünen Antrages die Doktortitel endlich selbst aberkennen und dieser unwürdigen Praxis generell ein überfälliges Ende bereiten.