Zweitsprachkenntnisse nehmen zu.

Während der vergangenen Jahre wurde, auch von relativ ranghohen Politikern, mehrfach behauptet, dass die SüdtirolerInnen deutscher Muttersprache heute schlechter Italienisch sprechen, als die SüdtirolerInnen italienischer Muttersprache Deutsch. Oder zumindest, dass die Zweitsprachkenntnisse der ItalienerInnen im Vergleich zu »früher« zunähmen, wohingegen die der Deutschsprachigen abnähmen.

Dieses diffuse »Früher« zu definieren ist nicht leicht, noch schwieriger ist es jedoch, für »früher« belastbare und vergleichbare Daten zu finden.

Ich habe nun aber die Veröffentlichung des zweiten Astat-Sprachbarometers zum Anlass genommen, die heutige Situation mit jener von vor zehn Jahren zu vergleichen, als das erste Sprachbarometer erschienen war.

Der vorliegende Beitrag befasst sich mit den ermittelten Zweitsprachkenntnissen, wobei es sich jeweils um Selbsteinschätzungen der Befragten handelt. Trotzdem dürften diese Angaben — auch aufgrund der relativ klaren Zuordnungskategorien — ziemlich verlässlich sein, wie das Landesstatistikinstitut meint.

Zweitsprachkenntnisse 2004/2014.

Zur Erstellung des obigen Diagramms wurden die Anteile der beiden höheren (von jeweils vier) Beherrschungsstufen in den untersuchten Kompetenzbereichen (lesen, schreiben, sprechen und hören) summiert. Daraus ergibt sich der Prozentsatz jener BürgerInnen, die die Zweitsprache »gut« beziehungsweise »sehr gut« beherrschen, wie ich es definiert habe.

Im Detail:

  • Knapp 71% der Deutschsprachigen können in der Zweitsprache (Italienisch) alle schriftlichen Texte oder »Berichte zum Zeitgeschehen« verstehen. Dieser Wert ist während der letzten zehn Jahre um rund 7,5 Prozentpunkte gestiegen.
  • Mit 29,8% können anteilsmäßig weniger als halb so viele SüdtirolerInnen italienischer Muttersprache ähnlich komplexe Texte auf Deutsch verstehen. Dies ist der einzige Wert einer Sprachgruppe, der sich im Laufe des letzten Jahrzehnts verschlechtert hat, und zwar um rund einen Prozentpunkt (von 30,9% im Jahr 2004).
  • Über sieben Zehntel der SüdtirolerInnen deutscher Muttersprache können einfache oder gar komplexe schriftliche Texte auf Italienisch verfassen. Ein Wert, der sich in zehn Jahren um rund zehn Prozentpunkte verbessert hat.
  • Bei den Italienischsprachigen verortet sich mit 39,3% ein deutlich geringerer Anteil in den beiden höheren Kompetenzstufen, eine Einschätzung, die sich aber seit 2004 deutlich verbessert hat, nämlich um rund 13 Prozentpunkte.
  • Fast drei Viertel der Deutschsprachigen fühlen sich in der Lage, auf Italienisch fließend und/oder »über vertraute Themen« zu sprechen. Diese Fähigkeit hat in zehn Jahren eine Zunahme von rund 15 Prozentpunkten erfahren. Das ist der höchste Anstieg, der in einer Kategorie verzeichnet wurde.
  • Mit knapp 40% fühlen sich etwas mehr als halb soviele (und deutlich weniger als die Hälfte der) SüdtirolerInnen italienischer Muttersprache imstande, fließend Deutsch zu sprechen und/oder sich »über vertraute Themen« zu unterhalten. Das ist aber trotzdem eine beachtliche Zunahme von über 12 Prozentpunkten in zehn Jahren.
  • Deutlich mehr als 80% der SüdtirolerInnen deutscher Muttersprache können alles oder wenigstens Zusammenhänge verstehen, wenn sie jemanden Italienisch sprechen hören. Das sind noch einmal fast 6 Prozentpunkte mehr, als 2004.
  • Dies ist die einzige Sprachfertigkeit, bei der sich auch die SüdtirolerInnen italienischer Sprache mehrheitlich in den beiden höheren Kompetenzstufen ansiedeln, nämlich 53,5% von ihnen — bei einer Zunahme von ebenfalls fast 6 Prozentpunkten in zehn Jahren.

Die BürgerInnen italienischer Sprache wurden ausdrücklich nach ihren Kompetenzen in Bezug auf die deutsche Standardsprache befragt, womit die Tücken des Dialekts nicht zum Tragen kommen.

Die Zweitsprachkenntnisse in Südtirol nahmen also während der letzten zehn Jahre deutlich zu, und zwar in beiden großen Sprachgruppen. Ob der Immersionsunterricht an italienischen Schulen für die Verbesserungen mit verantwortlich ist, lässt sich durch diese Studie nicht nachvollziehen. Jedenfalls scheint das traditionelle Schulsystem den Deutschsprachigen nach wie vor deutlich bessere Zweitsprachkenntnisse zu vermitteln; selbst die erneute Verbesserung während der letzten Jahre scheint beachtlich.

Insgesamt beherrscht ein sehr großer und nach wie vor wachsender Anteil der SüdtirolerInnen deutscher Muttersprache »gut« beziehungsweise »sehr gut« Italienisch, während nach wie vor nur eine — immerhin wachsende — Minderheit an ItalienerInnen ebenso gute Deutschkenntnisse hat. Bei der Lesekompetenz gibt es hier sogar einen leichten Rückgang.

Die eingangs erwähnte Verschlechterung der Zweitsprachkenntnisse bei den Deutschsprachigen lässt sich durch das Sprachbarometer genausowenig bestätigen, wie ein etwaiges »Überholen« der Deutschen durch die Italiener.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]

9 Replies to “Zweitsprachkenntnisse nehmen zu.”

  1. Ich frage mich angesichts dieser Daten schon, warum so viele Eltern deutschsprachiger SchülerInnen (angeblich) die Immersion fordern. Die Meinung, dass man nur so ausreichend Italienisch lernen könnte, scheint sich nicht zu erhärten.

    Womöglich schätzen die SüdtirolerInnen die allgemeinen Zweitsprachkenntnisse schlechter ein, als jeweils ihre eigenen. Könnte das sein?

    Umgekehrt allerdings könnten die relativ schlechteren Deutschkenntnisse der ItalienerInnen nahelegen, dass man sich für das »katalanische« System entscheidet. Oder aber für die heutige deutsche Schule — mit einigen Anpassungen — als Einheitsschule für alle. Dies würde zudem den Kontakt der SchülerInnen verschiedener Muttersprachen fördern und somit den informellen Spracherwerb erleichtern.

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