Darf’s auch ein bisserl mehr sein?

Es steht außer Frage, dass Energie ihren Preis haben darf. Im Sinne ökologischer Verantwortung ist ein bewusster und sparsamer Umgang mit Strom und dessen umweltschonende Erzeugung nicht nur erstrebenswert, sondern unumgänglich.

Dennoch wirft ein neuerlicher Nord-Südtirol-Vergleich ein paar Fragen auf, auf die es wohl kaum einleuchtende Antworten gibt. Sowohl im Bundesland Tirol als auch in Südtirol gibt es eine Art “Landesenergiegesellschaft”, die sich zu 100 Prozent in öffentlicher Hand befindet. Im Norden ist dies die TIWAG (Tiroler Wasserkraft AG), deren Anteile sich zu 100 Prozent im Besitz des Landes Tirol befinden. In Südtirol gibt es seit 2016 Alperia – ein Zusammenschluss aus der Südtiroler Energiegesellschaft SEL und der Etschwerke AG – mit ihren Eigentümern Land Südtirol, SELFIN, Gemeinde Bozen und Gemeinde Meran. Sowohl Alperia als auch die TIWAG setzen aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten auf die Wasserkraft. Organisationsstruktur und Produktionsbedingungen sind also durchaus vergleichbar.

Ein Preisvergleich der beiden öffentlichen Energieversorger fördert allerdings Erstaunliches zutage.

Der Standardanschluss der TIWAG für Haushalte in Wohnungen oder Einfamilienhäusern ist mit 6 kW abgesichert. In Südtirol sind lediglich 3 kW, also genau die Hälfte, Standard. Wer mehr Netzleistung möchte (mit 3 kW kommt ein gewöhnlicher Haushalt nicht aus, ohne dass regelmäßig die Sicherung fliegt), muss auch mehr bezahlen. Viel mehr. Die Preise für einen 6 kW Anschluss sind bei Alperia ziemlich genau doppelt so hoch wie rund 60 Prozent höher als bei der TIWAG. Eine durchschnittliche vierköpfige Familie mit einem Verbrauch von 2700 kWh jährlich zahlt in Südtirol fast 800 Euro. In Nordtirol stehen für dieselbe Leistung nur knapp über 400 500 Euro auf der Stromrechnung.

Das Argument, dass die niedrige Anschlussleistung und die hohen Preise Stromsparen helfen würden, zieht in diesen Dimensionen noch nicht wirklich. Eine vierköpfige Familie mit einer zeitgemäßen Ausstattung an modernen, energiesparenden Elektrogeräten (Waschmaschine, Wäschetrockner, Computer, Fernseher, Elektroherd, Backrohr, Kühlschrank, Gefrierschrank) wird auch bei einem sehr sparsamen Umgang nicht wesentlich weniger als 2700 kWh im Jahr verbrauchen.

Warum also Alperia seinem Eigentümer (die Südtiroler Bevölkerung) so viel mehr abknöpft und die Vorteile öffentlicher, landeseigener Energiegewinnung nicht einmal annähernd in dem Ausmaß weitergibt, wie es die TIWAG tut, ist unverständlich.

Wir geben die Energie, die Südtirol uns schenkt, weiter an die Menschen. Um Energie zu spenden und damit aktiv eine energiereiche Zukunft zu gestalten. Im Einklang mit unserer kraftvollen Natur, der Quelle unserer Energie.

Quelle: alperia.eu

Seit ihrer Gründung im Jahr 1924 ist die TIWAG untrennbar mit erneuerbarer, sauberer und CO2-freier Stromgewinnung aus heimischer Wasserkraft verbunden. Damit auch künftige Generationen einen hohen Lebensstandard in einer lebenswerten Umwelt mit ausreichender Beschäftigung und wirtschaftlicher Weiterentwicklung vorfinden, sehen wir es als unsere zentrale Aufgabe, Tirol sicher und kostengünstig mit Energie zu versorgen.

Quelle: tiwag.at

Bitte nicht falsch verstehen. Die TIWAG ist mindestens ebenso skandalträchtig wie die Vorgängerorganisationen der Alperia (Stichwort SEL-Skandal). Die dubiosen TIWAG-Geschäfte mit Cross-Border-Leasing durch US-Konzerne haben nicht nur den prominentesten TIWAG-Kritiker und Aufdecker Markus Wilhelm auf die Palme gebracht. Aber zumindest das Preis-Leistungsverhältnis mutet bei der TIWAG im Gegensatz zum Südtiroler Energieriesen einigermaßen fair an. Und dass ein Standardanschluss von 3 kW in einem Industrieland heutzutage ein absoluter Witz ist, muss nun wirklich nicht neuerlich dargelegt werden.

Nachtrag:
Es ist mir überaus peinlich, aber in der originalen Ausgabe dieses Artikels ist mir ein Fehler passiert. Der Alperia-Tarifrechner rechnet brutto. Bei den TIWAG-Preisen habe ich allerdings die Nettowerte angenommen. Die TIWAG-Beträge sind also 20 Prozent höher. An der Grundaussage ändert das allerdings wenig. Die Preise liegen hierzulande durchschnittlich immer noch 60 Prozent über jenen im TIWAG-Land. Ich habe die Grafik entsprechend aktualisiert und bitte um Entschuldigung.

Siehe auch:

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