Besondere Erwähnung für Dokuzentrum.

Das Dokumentationszentrum unter dem faschistischen »Siegesdenkmal« in Bozen hatte es in die Shortlist des European Museum of the Year Award 2016 (EMYA) geschafft, doch der ganz große Traum der MacherInnen ging schlussendlich nicht in Erfüllung: In Donostia/San Sebastián (Baskenland) wurde POLIN, das Historische Museum der Juden in Polen, mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Weitere Preise gingen an das Europäische Zentrum für Solidarität in Danzig, das Stadtmuseum Vukovar in Kroatien und an das Museum Micropia in Amsterdam.

BZ ’18-’45 ein Denkmal – eine Stadt – zwei Diktaturen wurde jedoch eine von sechs besonderen Erwähnungen zuteil: Die Ausstellung reintegriere ein kontroverses Monument, das lange Zeit im Fokus von Auseinandersetzungen gestanden habe. Es handle sich um eine sehr mutige und kompetente Initiative, die Humanismus, Toleranz und Demokratie stärke.

Siehe auch:

Arch Faschismen Geschichte Kunst+Cultura | Faschistische Relikte Geschichtsaufarbeitung | | | Baskenland-Euskadi Südtirol/o | | Deutsch

Unschöne Wendung.
Quotation 263

Im Gegensatz zur Süd-Tiroler Freiheit sind alle anderen Parteien, was die ethnische Komponente betrifft, völlig austauschbar!

— Cristian Kollmann, STF-Bürgermeisterkandidat für Bozen

Eine subjektive Einschätzung dazu:

Unter Eva Klotz war die Süd-Tiroler Freiheit eine Single-Issue-Partei. Dem Ziel der Selbstbestimmung hat man alles untergeordnet. Die Bewegung hat sich zwar immer mehr oder weniger aggressiv gegen den Staat Italien ausgesprochen, eine wirklich ethnische oder gar xenophobe Komponente hatte das Ganze aber meiner Einschätzung nach nicht, da sich die STF wohl in der Tradition des mehrsprachigen historischen Tirols sah. Gleichzeitig hatte man im machiavellischen Sinne jedoch auch kaum Berührungsängste. Der Zweck heiligt die Mittel.

Auf der anderen Seite hatte ich immer den Eindruck, dass Klotz ein sehr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und ein tief verankertes soziales Gewissen auszeichneten. Ich kann mich dunkel an eine Episode nach einer Abstimmung im Landtag erinnern, in der es – glaube ich – um den Zugang von Ausländern zu irgendwelchen Sozialleistungen ging. Der Antrag kam von den Grünen. Auf Facebook tat Riccardo Dello Sbarba im Anschluss an die Abstimmung seine Enttäuschung über den PD kund, da dieser — wie alle anderen Parteien mit Ausnahme der Süd-Tiroler Freiheit und natürlich den Grünen — den Antrag abgelehnt hatte. Daraufhin kommentierte Luigi Gallo von Rifondazione Comunista: “Come mai la Klotz?”. Dello Sbarba belehrte ihn sogleich, dass die meisten Italiener ein völlig falsches Bild von Klotz hätten und dass sie eine im sozialen Denken verhaftete Person sei. Dazu passt auch, dass die Süd-Tiroler Freiheit Mitglied der EFA (European Free Alliance) ist, in welcher sehr viele linke bis linksradikale Parteien aktiv sind und die im Europäischen Parlament zusammen mit den Grünen eine Fraktion bildet. Eine Konstellation, mit der die meisten Wähler der STF in Südtirol wahrscheinlich recht wenig anfangen können.

Mit dem offiziellen Abgang von Klotz im November 2014 setzte ein schleichender Richtungswechsel ein, der der Gesinnung eines Großteils der Wählerschaft wohl gerechter wird. Eine junge Garde übernahm das Ruder. Sven Knoll rückte an die vorderste Front und in jüngster Zeit ist auch der Sprachwissenschafter Cristian Kollmann stark präsent. Beide sind rhetorisch ausgesprochen versiert und verleihen der Bewegung einen intellektuelleren Touch. Mit der verstärkten Präsenz von Knoll, Kollmann, Hofer und Co. rückt die Bewegung von der Single-Issue-Partei in Richtung Rechtspopulismus mit noch weniger Berührungsängsten zu demokratisch zweifelhaften Organisationen. Eine befremdliche Deutschtümelei gehört in der STF mittlerweile zum guten Ton. Kollmanns Bemerkungen anlässlich seiner Kandidatur zum Bozner Bürgermeister fügen sich nahtlos in diesen Befund ein.

Wir sind natürlich für die Italiener wählbar. Und zwar für jene Italiener, die auch wollen, dass Bozen eine deutschere Stadt wird.

Kohäsion+Inklusion Nationalismus Selbstbestimmung | Zitać | Cristian Kollmann Eva Klotz Sven Knoll | | | PD&Co. STF Vërc | Deutsch

‘CasaPound’ expandiert in Bozen.

Die Faschisten des dritten Jahrtausends, wie sich die Anhänger von CasaPound Italia (CPI) selbst bezeichnen, breiten sich in der Landeshauptstadt weiter aus. Während am letzten Samstag die beiden rechtsextremistischen Parteien Forza Nuova und NPD unbehelligt durch Bozen marschieren konnten, wird eine Woche später — am übermorgigen 9. April — ein neuer Parteisitz von CPI in der Haslacher Straße (Stadtviertel Oberau) eröffnen.

Bei den letzten Gemeinderatswahlen errang CasaPound mit Andrea Bonazza erstmals einen eigenen Sitz in einem Stadtparlament. Bei den in kürze angesetzten Neuwahlen werden es die Faschisten mit dem Immobilienmakler Maurizio Puglisi Ghizzi als Spitzenkandidat erneut versuchen.

Immer wieder gelangen CPI-Mitglieder wegen (meist politisch motivierten) Gewalttaten in die Schlagzeilen. Stadtviertelrat Davide Brancaglion muss sich demnächst vor Gericht verantworten, weil er einen Jugendlichen krankenhausreif geschlagen haben soll.

Faschismen Politik Termin | | Andrea Bonazza | | Südtirol/o | CPI | Deutsch

HC Straches Adjutanten.

Beschädigungen, Verletzungen und Verhaftungen am Brenner. HC Strache und alle anderen Rechtspopulisten Europas wird’s freuen. Gut vorstellbar, dass der FPÖ-Chef gestern mit Popcorn und Bier vor dem Fernseher gesessen ist und sich genüsslich das FPÖ-Propagandavideo live vom Brenner reingezogen hat. Ein paar gehirnamputierte Arschlöcher haben dort nämlich alles in ihrer Macht stehende getan, um die fragile Stimmung in der Bevölkerung in Richtung Fremdenhass und Grenzschließung zu kippen sowie den rechten Populisten und Blendern in die Hände zu spielen.

Gleichzeitig haben es die Berufschaoten geschafft, Hundertschaften von friedlichen Demonstranten in Misskredit zu bringen und deren Anliegen zu diskreditieren. Wenn mir die Kernbotschaft der Demonstration (keine Grenzschließungen und menschlicher Umgang mit Flüchtlingen) auch nur einen Deut Wert ist, muss ich von vorne bis hinten um Deeskalation bemüht sein und darf ja keinen Polizeieinsatz riskieren. Selbst wenn die Polizei unverhältnismäßig vorginge, müsste ich alles in meiner Kraft stehende tun, um als der Besonnene und Gute dazustehen (der ich auf den mitgetragenen Schildern vorgebe zu sein). Vorausgesetzt ich habe zumindest noch zwei funktionierende graue Zellen, muss mir absolut klar sein, dass Bilder wie die von gestern kontraproduktiv sind und der Sache an sich enorm schaden. Auch die Schilder, auf denen Politikern (Salvini) der Tod gewünscht wird, würde man eher bei Pegida oder in nazifaschistischen Kreisen vermuten, denn auf einer Demonstration im Zeichen der Menschlichkeit.

Beängstigend ist folglich, dass mittlerweile sogar die Neonazis mehr Verstand haben, als gewisse Gruppen, die sich als Speerspitze der Progressiven und Liberalen ausgeben, aber das Gegenteil davon sind. NPD und Forza Nuova haben es nämlich geschafft, den öffentlichen Raum in Bozen ohne gröbere Zwischenfälle und Beschädigungen (soweit mir bekannt) für ihre menschenverachtenden Zwecke zu missbrauchen. Die haben längst schon verstanden, welche Wirkung sie dadurch haben und wie sie so die Toleranzschwelle ihnen gegenüber zu ihren Gunsten verschieben.

Die Rädelsführer der Aktion am Brenner (Anm.: der Konfrontation mit der Polizei nicht der Demonstration an sich wohlgemerkt) sind dafür entweder zu dumm oder es geht ihnen überhaupt nicht um eine offene Gesellschaft und einen menschlichen Umgang, sondern ausschließlich um sich selbst und ihre niedrigen Bedürfnisse. Diese auf dem Rücken und auf Kosten von Notleidenden auszuleben ist mitunter das Widerlichste, was man sich vorstellen kann.

Faschismen Grenze Migraziun Polizei | | Heinz-Christian Strache | | Euregio | Freiheitliche | Deutsch

Schottlands virtueller Independence Day.

Was wäre, wenn…? Dann, ja dann wäre Schottland heute ein unabhängiger Staat geworden.

Zumindest stand es so im Weißbuch der schottischen Regierung um First Minister Alex Salmond (SNP): Hätten es die Schottinnen und Schotten so gewünscht — und am 18. September 2014 entsprechend abgestimmt — wäre Schottland am 24. März 2016 unabhängig geworden.

Die Zwischenzeit hätte dazu gedient, die Details der Staatswerdung zu klären und zu regeln — von der inneren Organisation über die Auflösung des Vereinigten Königreichs bis hin zum Verbleib in der (bzw. die nahtlose Wiederaufnahme in die) EU.

Frei und demokratisch durften Schottinnen und Schotten vor rund eineinhalb Jahren entstanden — und sprachen sich, zumindest vorläufig, gegen die Eigenstaatlichkeit aus.

Siehe auch:

Politik Selbstbestimmung | | Alex Salmond | | Scotland-Alba United Kingdom | EU SNP | Deutsch

Ortsnamen im Tourismus, ein Lichtblick.

Hinweistafel Alta Badia.

Das ladinische Alta Badia war eine der ersten Tourismusregionen in Südtirol, die ausschließlich auf italienische Ortsnamen (Exonyme) gesetzt hatte: Statt Calfosch hieß es touristisch nur »Colfosco«, statt La Ila »La Villa« und statt San Ciascian meist »San Cassiano«. Lediglich La Val weiter unten im Tal präsentierte sich von Anfang an authentisch mit dem ladinischen Ortsnamen (Endonym) auf dem touristischen Parkett.

Während der letzten Jahre fand die plumpe Form der Anbiederung an den Gast durch italienisch klingende Exonyme immer häufiger Nachahmer im ganzen Land. Der Karerpass setzt auf »Carezza«, das Hochpustertal auf »Alta Pusteria« (samt »Giro delle Cime«) und das ennebergische Al Plan kehrte nach einem kurzen Experiment mit dem ladinischen Endonym zu »San Vigilio di Marebbe« zurück.

Erst kürzlich stellte auch Alta Badias Schwestertal, das ebenfalls ladinische Gherdëina, seine bis dahin zweinamig exonyme Destinationsbezeichnung um — und heißt seitdem nur noch »Val Gardena«.

Doch nun scheint ausgerechnet in Alta Badia allmählich ein Umdenken und eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und Kultur, ergo auf mehr Authentizität, stattzufinden. So jedenfalls würde ich die sehr erfreuliche Entdeckung deuten, dass auf den Skipisten des Tales begonnen wurde, auf neuen Schildern die Exonyme durch die einzigartigen, historisch gewachsenen ladinischen Endonyme zu ersetzen.

Nach vielen Jahren »San Cassiano« (und »La Villa«, »Colfosco« nebst »Col Alto«) liest man endlich wieder San Ciascian (La Ila, Calfosch, Col Alt) auf den touristischen Hinweistafeln; womit die Gadertaler einem weltweiten Trend folgen, Gäste tatsächlich »bei sich zuhause« willkommen zu heißen und nicht in einer touristischen Trug- und Scheinwelt.

Wäre nicht verkehrt, wenn dieses Vorbild anderen Tourismusregionen die Irrungen der letzten Jahre ersparen könnte.

Siehe auch:

Kunst+Cultura Ortsnamen Sport Wirtschaft+Finanzen | Best Practices Good News | | | Ladinia | | Deutsch

De facto nichts getan.
Quotation 260

Während sich die SVP stolz über den gelungenen Wiedereinbau der Sonderregelung [für die Südtiroler Raiffeisenkassen, Anm.] zeigt und von langwierigen Verhandlungen spricht, heißt es vom Grüne/SEL-Abgeordneten Florian Kronbichler: »Es war kein Kampf. Die Wiedereinführung war politisch nie strittig.«
Darüber kann Renate Gebhard [SVP] nur lachen: »Aus seiner Sicht wird das wohl stimmen, weil er de facto nichts getan hat. […]«

Aus der heutigen Ausgabe der Tageszeitung.

Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen Zentralismus | Zitać | Florian Kronbichler | TAZ | Südtirol/o | SVP Vërc | Deutsch