»Wohin entwickelt sich die Demokratie?«

von POLITiS

Nicht so sehr die Zukunft als viel mehr die heutigen Baustellen der Demokratie sind Thema eines 7-teiligen Bildungsangebots von POLITiS diesen Herbst in Brixen.

Wir haben eine stabile Demokratie, in Südtirol, Italien, Europa, aber in mancher Hinsicht löst dieses System seinen Grundanspruch auf wirkliche Teilhabe der Bürger und Bürgerinnen an den politischen Entscheidungen nicht ein. Kleine politische Eliten, Interessenverbände und Parteiapparate haben die Macht in der Hand, die Distanz zwischen »den Menschen draußen« und den Gewählten wird immer spürbarer. Die soziale Grundlage für echte politische Teilhabe in Form von gerecht verteilten Ressourcen ist fragwürdig, immer mehr wird auf internationaler Ebene entschieden, ohne demokratische Kontrolle und Mitsprache. Neben dem Marktversagen auch ein »Demokratie-Versagen«? Ist diese Art repräsentativer Demokratie das Ende der Geschichte? An welchen Maßstäben lässt sich die Qualität einer Demokratie messen? Wohin entwickelt sich dieses politische System in Südtirol, Italien und international?

Die Reihe »Wir sind das Volk! Na und?« lädt ein zum gemeinsamen Nachdenken und Austausch über die aktuellen Veränderungen und offenen Baustellen unseres politischen Systems. Es geht nicht nur um die Defizite dieses Systems, sondern auch um den Reformbedarf und mögliche Reformen. Zudem geht es darum, den grundlegenden Anspruch von Demokratie neu zu definieren und das Potenzial moderner Demokratie neu auszuloten. Wie kann das demokratische System auf allen Ebenen weiterentwickelt werden? Wie wird die Demokratie seinem Grundanspruch auf politische Beteiligung und Vertretung der Bürger und Bürgerinnen gerecht? An welchen Maßstäben muss sich Demokratie messen lassen?

Der Themenbogen spannt sich vom Bedarf transnationaler Demokratie über Populismus, Lobbyismus, direkte Demokratie bis hin zur Frage »Selbstbestimmungsrecht und Demokratie«. Zum Einstieg der Reihe am Dienstag, 19. September, 18.00-20.00 Uhr, wird die Geschichte der Demokratie bis heute im Zeitraffer durchgespielt. Die von Thomas Benedikter koordinierten Treffen finden in der Cusanus Akademie in Brixen statt (ohne Anmeldung, ohne Gebühren). Eine gute Gelegenheit für einen Gedankenaustausch zur Entwicklung unseres politischen Systems, auch mit Bezug zu Südtirol und Italien, ausgehend von einer Einführung ins jeweilige Thema. Das Programm findet sich hier.

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BZ48H oder der Graben zwischen Nord und Süd.

Vom 22. bis zum 24. September findet in Bozen der Kurzfilmwettbewerb BZ48H statt, der von der Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit der PD-nahen Cooperativa19, dem Verkehrsamt, der Zelig School und dem Filmclub organisiert wird. In der Grande Capitale del Plurilinguismo und in unserem schönen Südtirol, das sich gern als Brücke zwischen Nord und Süd versteht, hat man es aber nicht geschafft, eine zweisprachige Jury zusammenzustellen. Weshalb die Wettbewerbsausschreibung folgende Klausel enthält:

Alle Dialoge, die nicht auf Italienisch erfolgen, müssen mit italienischen Untertiteln versehen sein. Die Untertitel […] dürfen nicht ausblendbar sein. Die Kurzfilme in deutscher Sprache werden von den Organisatoren für die Jury übersetzt.

Wer auch nur ansatzweise Ahnung vom Film hat, weiß natürlich, dass gerade letzteres ein absolutes No Go ist.

Siehe auch:

P.S.: Die rührige Genossenschaft ist übrigens auch am Cohousing-Projekt von Land und Wobi beteiligt… weshalb ich mir auch schon vorstellen kann, wie gut hier »für die Jury übersetzt« werden soll. Vermutlich wird da jeder deutschsprachige Beitrag unfreiwillig zur Komödie.

Discriminaziun Kunst+Cultura Plurilinguismo Sprachpfusch Tech&Com | | | | | PD&Co. |

Alle Wege führen zum Brenner…
... und hören dort auf

Wir wissen, dass der Brenner keine normale Grenze ist. Landeshauptmann Arno Kompatscher bezeichnete den Alpenübergang unlängst sogar als “Symbol für den europäischen Einigungsprozess”. Daher sorgt am Brenner auch bereits die Ankündigung von Grenzkontrollen für europaweites Unbehagen, während an anderen innereuropäischen Staatsgrenzen seit geraumer Zeit tatsächlich und nahezu widerstandslos kontrolliert wird.

Die Reise- und somit Stauwochenenden der vergangenen Sommermonate zeigten aber auch einmal mehr, dass der Brenner trotz aller Euregio-Sonntagsreden nach wie vor eine sehr spürbare Grenze ist. Spürbarer als viele andere Grenzen innerhalb Europas. Auch ohne Personenkontrollen.

Während zwischen Deutschland und Österreich seit Jahren Regionalzüge grenzüberschreitend verkehren, heißt es am Brenner nach wie vor “Umsteigen!” und quer über einen Bahnhof mit nordkoreanischem Charme hetzen.

Und auch für die Betreibergesellschaft der A22 (Brennerautobahn) endet die Welt am niedrigsten Alpenpass. Bis heute hat man es nicht fertig gebracht, zusammen mit der Asfinag (Betreiberin der A13 Brennerautobahn in Nordtirol) die Verkehrsmeldungen aufeinander abzustimmen, geschweige denn ein gemeinsames Online-Verkehrsinformationssystem zu etablieren.

Glücklicherweise sind Österreichs größter Radiosender Ö3 und Südtirols privater Platzhirsch Südtirol 1 weniger hinterwäldlerisch und wagen den Blick über den Tellerrand. Ö3 bezieht in seine Verkehrsinformationen die Situation auf Südtirols Straßen stets mit ein und Südtirol 1 berichtet – laut Auskunft ihrer Verkehrsredaktion – auch über Staus auf der Nordtiroler Seite des Brenners, wenn sie länger als zwei Kilometer sind.

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Die Betreiber der A22 scheitern jedoch bereits an viel banaleren Dingen. Selbst für den Südtiroler Abschnitt bringt es die mehrheitlich in öffentlichem Besitz befindliche Autobahngesellschaft nicht zuwege, die Verkehrsinformationen auf der “deutschsprachigen” Variante der Internetseite auf Deutsch zu publizieren. Die sprachlichen Missstände hat schon vor Jahren und mehrfach aufgezeigt. Sogar ein Treffen mit dem Präsidenten der Autobahngesellschaft, bei dem Besserung und “sofortige Maßnahmen” versprochen wurden, hat es diesbezüglich gegeben. Das war 2011.

Siehe auch:

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Kolumbus fällt vom Sockel.

Der Bürgermeister von New York, Bill de Blasio, hat die Kolumbusstatue von Central Park in ein Verzeichnis zu entfernender Denkmäler einfügen lassen. Stattdessen soll ein Mahnmal errichtet werden, das an die Unterjochung und Ausrottung der Native Americans durch die europäischen Erobererinnen erinnern soll.

Schon lange ist das positive Gedenken an Kolumbus, den angeblichen »Entdecker« der »Neuen Welt«, auf dem gesamten amerikanischen Kontinent äußerst umstritten. Im Zuge der Aufarbeitung der Konföderation gerät er jetzt in den USA einmal mehr in den Fokus. Dabei haben mehrere Städte, darunter Los Angeles, auch beschlossen, fortan nicht mehr den Columbus Day zu begehen.

Protest kam übereinstimmenden Medienberichten zufolge aus dem italienischen Außenministerium, das den Genueser (auf dessen Namen übrigens das Wort »Kolonialismus« zurückgeht) und seine Taten als »Erbe der Menschlichkeit« bezeichnete. Italienische Kulturverbände in den USA kündigten an, gegen die neue Geschichtsauffassung kämpfen zu wollen, die die eurozentrische Weltsicht infrage stellt und stattdessen die Eingeborenen stärker in den Mittelpunkt rückt.

De Blasio, der selbst teils italienischer Abstammung ist, bezeichnete das Kolumbusdenkmal in seiner Stadt hingegen als »rassistisch«.

Siehe auch:

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Zuviel Sünd’ auf der Alm?

Wollen wir uns auch mal über motorisierten Verkehr auf Bergen und Almen unterhalten?

Vorausgeschickt: Ich war desöfteren in der Schweiz wandern und bin dort auch auf fahrtauglichen Wegen (fast) nie einem Motorfahrzeug begegnet, während mir dies in Südtirol (fast) jedes Mal passiert. Das mag natürlich Pech sein und jedenfalls nicht repräsentativ, aber eine gewisse Regelmäßigkeit stelle ich schon fest. Es ist sogar so, dass die einzigen Autos, die mir je in der Schweiz bei einer Bergwanderung begegnet sind, ein Südtiroler Kennzeichen hatten — das war im Val Müstair, wo vielleicht Vinschger Bauern Almen besitzen, wie ich mir zusammengereimt habe.

Aktueller Anlass für diesen Artikel ist das letzte Wochenende (26./27. August) als ich mit Freunden auf der Brixner Hütte und auf der Rodenecker Alm war.

Während unserer Wanderung zur Brixner Hütte (Samstag) fuhren mehrmals landwirtschaftliche Gefährte und ein Geländefahrzeug Staub aufwirbelnd, lärmend und stinkend nach oben. Auf der Ladefläche und gar auf der Baggerschaufel eines Traktors: Menschen — und Gepäck. Insbesondere da, wo der Weg durch querende Rinnsale feucht und matschig war, hinterließen die Fahrzeuge tiefe Spuren mit unangenehmen Nebenwirkungen für das Schuhwerk der Wandernden. Mehrmals konnte ich die Beschwerden der zu Fuß Gehenden hören, die sich über das unerwartete Verkehrsaufkommen ärgerten.

In der Hütte angekommen erschloss sich uns der Grund für das rege Treiben: Die Einweihung des neuen Gipfelkreuzes für die Wilde Kreuzspitze stand an, musikalisch umrahmt von einer Musikkapelle.

Da stellen sich mir ein paar Fragen:

  1. Kann man den Musikantinnen den wirklich nicht sehr anstrengenden Fußmarsch mit ihrem jeweiligen Instrument echt nicht zumuten?
  2. Wenn nein: Warum kann man die Musikinstrumente nicht am Vorabend (oder zu früher Morgenstund) zur Hütte transportieren, wie dies offenbar mit dem Kreuz geschehen ist? Dann könnte man sich tagsüber einige Fahrten ersparen, indem man nur die Musikanten nach oben fährt — oder eben diese zu Fuß laufen lässt.
  3. Warum informiert man die Wandernden nicht darüber, was oben stattfindet und bittet vorab um Verständnis? Man hätte sich die eine oder andere Verärgerung vielleicht ersparen können.
  4. Und überhaupt: Muss eine Segnung tatsächlich in den Bergen stattfinden? Könnte das nicht schonender im Tal geschehen?

Am Sonntag war ich dann mit Freunden, darunter eine Frau mit Kinderwagen, auf der Rodenecker Alm spazieren. Am Parkplatz (Zumis) angekommen, bemerkten wir, dass die Fahrzeuge von einem energisch gestikulierenden Herrn dazu angeleitet werden, weiterzufahren — direkt auf die unbefestigte Almstraße. Das Durchfahrtsverbotsschild hatte man mit einem Plastiksack verdeckt. Wir beschlossen, wenig weiter am Wegesrand zu parken und wie ursprünglich geplant zu Fuß weiterzugehen. Nach wenigen hundert Metern mussten wir jedoch einsehen, dass das nicht möglich war: Dutzende von Autos und Minibussen wirbelten so viel Staub auf, dass an unbeschwerte Atmung nicht zu denken war. Touristen hielten sich Jacken und Pullover vor die Nase und schüttelten die Köpfe. Zunächst versuchten wir noch, auf einen parallelen, nicht befahrbaren Pfad auszuweichen, doch erstens war dort mit dem Kinderwagen kein Vorankommen und zweitens breitete sich die Staubwolke auch bis dorthin aus.

Wir sahen also von unserem Ansinnen gänzlich ab und begaben uns zur nahegelegenen Oberhauserhütte — wo man uns eröffnete, dass weiter oben ein Almfest stattfand.

Auch hier wieder ein paar Fragen:

  1. Kann man den Besucherinnen eines Almfests tatsächlich nicht zumuten, eine halbe oder dreiviertel Stunde zu Fuß zu laufen?
  2. Wenn nein: Wozu gibt es dann ein Almfest? Wäre nicht ein Wiesenfest weiter unten im Tal eine »ehrlichere« Alternative zu dieser — pardon — Almverwüstung und Ruhestörung?
  3. Und auch hier: Könnte man die Gäste nicht bereits im Tal (oder wenigstens am Parkplatz) darüber aufklären, dass an eine normale Wanderung nicht zu denken ist? Soviel Respekt fände ich nicht übertrieben.

Ich höre es schon: Sollen diese »Stadtler« doch in der Stadt bleiben, wenn es ihnen bei uns auf der Alm nicht passt. Aber: Zumindest im Fall von Rodeneck geht es doch um (angebliche) Bespaßung von Gästen und — in beiden Fällen — keineswegs um nötigen Verkehr zur Almbewirtschaftung. Wobei mir auch dieser in Südtirol (siehe Vergleich mit der Schweiz) oft maßlos übertrieben scheint.

Ich bin mir bewusst, dass an diesem Wochenende auch Pech dabei war. Trotzdem sollten solche Vorfälle in einem Land, das sich gern Klimaland schimpft, nach meinem Dafürhalten Anlass für eine ernsthafte Diskussion sein. Gemeinsam und im Rahmen von Überlegungen zum nachhaltigen Tourismus, zur Landwirtschaft und zur Ökologie im allgemeinen.

Siehe auch:

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