E-Commerce und Geoblocking.
Die Schattenseiten einer wichtigen EU-Verordnung

Europäisches Verbraucherzentrum Bozen

Am 3. Dezember ist die Verordnung zum Geoblocking EU-weit in Kraft getreten und in diesem Zusammenhang wurde europaweit von einem entscheidenden Schritt zum barrierefreien Online-Shopping berichtet. Auch das Europäische Verbraucherzentrum (EVZ) Italien – Büro Bozen begrüßt diesen Schritt in die richtige Richtung, möchte gleichsam aber auch die kritische Stimme sein, welche auf konkrete Probleme aufmerksam macht, welche die Verordnung leider nicht zu lösen vermag.

Die in Kraft getretene Geoblocking-Verordnung (EU) 2018/302) verbietet Online-Anbietern von Waren und Dienstleistungen, bestimmte Verbraucher aufgrund ihres Wohnsitzes oder ihrer Staatsbürgerschaft von ihrem Angebot auszuschließen, sie automatisch auf andere länderspezifische Seiten zu verweisen oder ungerechtfertigt erschwerende Geschäftsbedingungen einzufügen.

Soweit, so gut! Hier nun ein paar konkrete Fälle:

Ein kroatischer Verbraucher hat auf einer italienischen Homepage genau den Anzug gefunden, nach dem er schon lang Ausschau gehalten hatte. Nachdem er bemerkt hatte, dass die italienische Version der Seite seinen Anzug um 318 Euro mit einem zusätzlichen Preisnachlass anbot, während dieser auf der kroatischen Seite 418 Euro kostete, legte der Verbraucher sein Wunschstück in den italienischen Warenkorb und „ging zur Kasse“. Er konnte auch ohne weiteres seine kroatischen Adressangaben machen, als er aber seinen kroatischen Wohnsitz als Lieferadresse angeben wollte, wurde seine Bestellung annulliert und er wurde gebeten, diese über die kroatische Seite auszuführen, da von der italienischen Seite aus lediglich eine italienweite Lieferung gewährleistet sei.

Sie finden das ungerecht und diskriminierend? Ist es laut der am 3. Dezember in Kraft getretenen Geoblocking-Verordnung aber nicht. Die Verordnung verbietet zwar dem italienischen Online-Anbieter dem kroatischen Verbraucher den Zugang zur italienischen Version der Seite zu verwehren (sog. Rerouting), überlässt aber weiterhin alleinig dem Verkäufer die Entscheidung, ob er gewisse Länder als Lieferadressen ausschließt. Hier sei jedoch gesagt, dass der Verkäufer sehr wohl dazu verpflichtet ist, die Abholung der Ware oder aber eine selbständige Organisation der Lieferung durch den Kunden zu ermöglichen.

Peter aus Sterzing hat bei einem deutschen Online-Anbieter einen wunderschönen Schrank zum Schnäppchenpreis entdeckt, aber leider liefert die in Deutschland ansässige Firma lediglich nach Österreich um einen Einheitspreis von 100 Euro und nicht nach Italien, informiert aber: „Sollten Sie die Lieferung in ein anderes EU-Land, das sich nicht unter den Lieferländern befindet, wünschen, kontaktieren Sie uns bitte.“ Peter folgt der Aufforderung sofort, da er den 2,40 m langen Schrank auf keinen Fall in seinem Auto Platz hat. Zur Antwort bekommt er: „Gerne liefern wir Ihre Bestellung zu Ihnen nach Italien. Die Lieferkosten belaufen sich auf 700 Euro!“

Sie finden das ungerecht und diskriminierend? Auch hierzu gibt es weder in der Geoblocking-Verordnung noch in der dieser vorausgehenden Dienstleistungsrichtlinie ein für die Anbieter verpflichtendes Regelwerk, das die freie Gestaltung der Lieferkosten verhindern würde.

Sonja ist eine begeisterte Filmguckerin und würde natürlich gerne die deutschsprachigen Streamingabo-Angebote nutzen. Von Italien aus kann sie aber beim deutschen Anbieter keinen Account erstellen.

Sie finden das ungerecht und diskriminierend? Ist es aber nicht, da die Geoblocking-Verordnung diese Dienstleistungen ausdrücklich vom Diskriminierungsverbot ausschließt; in diesem Bereich kommen urheberrechtliche Regeln zur Anwendung, die eine grenzenlose Inanspruchnahme der Dienstleistung einschränken können. Andererseits gibt es aber sehr wohl eine Verordnung, die es Ihnen erlaubt, Ihre in Italien abgeschlossenen Streamingabos mit auf Reisen und gleichermaßen im Ausland in Anspruch zu nehmen.

Und dennoch ist das EVZ Italien – Büro Bozen der festen Auffassung, dass die neue Verordnung zum Geoblocking ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist, dass aber noch ein langer Weg vor uns liegt, um barrierefreies Online-Shopping tatsächlich möglich zu machen.

Auf der Internetseite der Europäischen Kommission finden Sie eine Reihe von Fragen & Antworten zum Thema Geoblocking.

Siehe auch:

Discriminaziun Grenze Tech&Com Verbraucherinnen Wirtschaft+Finanzen | | | | | EU |

Sonderbares Deutsch im ‘Onlinestore’.

Mit Onlinestore aus Kastelbell im Vinschgau ist in Südtirol auch ein Internet-Versandhaus beheimatet. Während der entsprechende Webauftritt am Anfang ganz offiziell nur in italienischer Sprache verfügbar war, gibt es schon seit einiger Zeit eine deutsche Sprachoption. Wählt man die, sieht das dann allerdings so aus:

Einige Produktbeschreibungen gibt es auch in deutscher Sprache, doch ohne Italienischkenntnisse ist das Einkaufen nach wie vor unmöglich. Gefühlte 90% der Inhalte sind nicht auf Deutsch verfügbar, nicht einmal die Bezeichnungen der elf Hauptkategorien (»Casa e Cucina«, »Per Lui e Per Lei«…) wurden übersetzt. Eine Aufgabe, die wohl in 10 Minuten bewältigt wäre.

In Katalonien oder Québec wäre ein solches Unternehmen ohne vollständiges Service in katalanischer bzw. französischer Sprache illegal. Nicht so hierzulande* — wo sich das nach wie vor so gut wie einsprachige Unternehmen sogar mit dem Standortzeichen der Südtirol-Dachmarke schmücken darf:

Wenigstens letzteres hätte man an die Mehrsprachigkeit knüpfen können.

Siehe auch:

*) in Südtirol wäre es laut italienischem Konsumentenschutzgesetz vermutlich illegal, ein solches Webangebot nicht zumindest in italienischer Sprache anzubieten.

Comparatio Discriminaziun Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Recht Sprachpfusch Tech&Com Verbraucherinnen Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen | | | | Catalunya Québec | |

Peinlicher Auftritt.
Wie aus dem Klassenbuch

Wie wir in Erfahrung bringen konnten, kam es neulich bei einer Veranstaltung des Deutschen Schulamtes in Bozen zum Eklat. Schon seit Jahren (Projektbeginn war 2010) wurschtelt das Land — ohne nennenswerte Erfolge vorweisen zu können — mit einem Team von rund 200 Personen an der Umsetzung eines »Schulinformationssystems« inklusive digitalem Klassenbuch herum. Gleichzeitig wurden dem bereits funktionstüchtigen Projekt eines (ehemaligen) Südtiroler Schülers, der in Eigenregie in wenigen Monaten ein digitales Register programmierte, das mittlerweile von dutzenden Schulen im Land genutzt wird, eher Steine in den Weg gelegt, als dass man sich ernsthaft um eine mögliche Zusammenarbeit bemüht hätte. Inzwischen wurde die Umsetzung an ein süditalienisches Unternehmen vergeben, das das Projekt gemeinsam mit der Südtiroler Informatik AG zu einem brauchbaren Ergebnis führen soll.

Unlängst fand nun eine Informationsveranstaltung für Schulleiterinnen statt, bei der die Softwarelösung aus Sizilien hätte erläutert werden sollen. Doch wie sich bald herausstellte, war der von der Herstellerfirma beauftragte Südtiroler Referent weder der deutschen Sprache angemessen mächtig, noch mit dem digitalen Klassenbuch vertraut. Mehr noch — die eigentliche Software wurde gar nicht gezeigt. Stattdessen hantierte der Vortragende ungelenk mit einer aus Screenshots bestehenden Powerpoint-Präsentation. Auf gezielte Fragen zum Programm — und waren sie auch noch so banal — vermochte er nicht einzugehen. Nach immerhin einer Stunde Radebrecherei wurde die Veranstaltung aufgrund von teils wütenden Protesten aus dem Publikum abgebrochen.

Nach einer Unterbrechung hat ein ebenfalls anwesender Techniker der Herstellerfirma die Veranstaltung — zwar nicht mehr in gebrochenem Deutsch, sondern in der »Einheitssprache« — fortgeführt. Immerhin war dieser, anders als der ursprüngliche Referent, inhaltlich mit der Softwarelösung sehr gut vertraut und konnte sie auch live präsentieren. Diese Version war dann auch schon eine weiter fortgeschrittene als jene, die der Referent Minuten zuvor per Screenshots präsentiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings schon zahlreiche Schulführungskräfte die Fortbildung verlassen. Zwar machte das Programm dem Vernehmen nach insgesamt keinen schlechten Eindruck, jedoch hinkt die Lösung jener des ehemaligen Südtiroler Schülers beispielsweise in Sachen Absenzverwaltung hinterher. Bei Letzterer können Absenzen nämlich online genehmigt werden. Beim Programm der sizilianischen Firma ist dies nicht vorgesehen und es braucht nach wie vor Zettelwerk.

Zudem ist die »Südtirolversion« der Software noch nicht ganz ausgereift, wenngleich sie laut Ausschreibung bis spätestens Mai 2019 komplett auf Deutsch zur Verfügung stehen muss. Sie soll aber dennoch bereits im kommenden Schuljahr eingesetzt werden. Es wird wohl zum »Versuch am lebenden Objekt« — also zur Entwicklung am Kunden — kommen. Man darf gespannt sein, wie sich der deutschsprachige Support dann schlagen wird.

Siehe auch:

Bildung Bürokratismus Plurilinguismo Scola Service Public Tech&Com | | | | | |

EU schränkt Geoblocking weiter ein.

Mit dem morgigen Montag fällt dank EU eine weitere Barriere im Onlinehandel. Anbieterinnen dürfen dann Kundinnen aus anderen EU-Mitgliedsstaaten nicht mehr abweisen oder auf andere Länderversionen ihres Portals umleiten. Auch die Ablehnung ausländischer Kreditkarten soll nicht mehr möglich sein, sofern diese in der EU ausgestellt wurden. Gerade auch für Südtirolerinnen — die häufig Portale deutschsprachiger Nachbarländer nutzen — könnten die Neuerungen positive Auswirkungen haben. Bislang orientierten sich viele Angebote am Verlauf von Staatsgrenzen, heimische Kundinnen wurden vielfach auf italienische Portale ver- oder ganz abgewiesen. Abzuwarten bleibt, ob Versandhäuser versuchen werden, die neuen Regeln etwa durch abschreckend hohe Versandkosten ad absurdum zu führen. Darüberhinaus darf der physische Versand ins Ausland auch weiterhin abgelehnt werden.

Urheberrechtlich geschützte Online-Inhalte (Musik, Filme etc.) sind leider ganz von der Regelung ausgenommen.

Siehe auch:

Discriminaziun Grenze Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Tech&Com Verbraucherinnen Wirtschaft+Finanzen | Good News | | | | EU |

Elektronische Rechnung: Tolomeis Erfüllungsgehilfin.

von Egon Pramstrahler

Wie viele andere Wirtschaftstreibende musste auch ich mich mit dem Thema „Elektronische Rechnung“ beschäftigen, mit welcher uns der italienische Staat ab dem 1. Jänner 2019 beglücken möchte.

Dabei werden alle Rechnungen (Ein- wie Ausgang) in Italien von/an Firmen, aber auch an Private über ein zentrales System des Finanzamtes (SDI – sistema di interscambio) geleitet und somit weiß das Finanzamt künftig über alles Bescheid. Dadurch soll (angeblich) die Steuerhinterziehung – speziell jene der Mehrwertsteuer – bekämpft und vollständig unterbunden werden.

Unter den zahlreichen Änderungen und Informationen, die dabei auf die Firmen, Freiberufler u.a. zukommen werden, ist mir ein Punkt aufgefallen, den ich anfangs gar nicht glauben konnte: So informierte mich mein Wirtschaftsberater, dass sämtliche „anagrafischen“ Daten scheinbar nur noch in italienischer Sprache verwendet werden können, d.h. Firmenbezeichnungen und Name von Land/Provinz sowie die Ortsnamen (!) sind künftig nur noch auf Italienisch verfügbar.

Bei Rechnungen an öffentliche Institutionen und Verwaltungen ist die elektronische Rechnung schon seit 2015 Pflicht, und dort ist dies bereits so umgesetzt.

Dabei wären Mehrsprachigkeit (Schnittstellen in der Sprache der Benutzer usw.) und auch verschiedene Bezeichnungen für Orte und Länder/Provinzen nirgends so einfach implementierbar, wie in elektronischen Informationssystemen. Firmen und Private sind ohnehin über die Steuer- und Umsatzsteuernummer und Steuernummer identifizierbar. Alles andere muss nur im System hinterlegt und entsprechend zugeordnet werden.

Anders aber in Italien: Wenn sich das bewahrheitet, wonach es derzeit aussieht, machen sich hierzulande die Elektronische Rechnung und die IT zu Erfüllungsgehilfen des Herrn Tolomei und löschen handstreichartig sämtliche deutschen und ladinischen Ortsnamen aus. Und da davon auszugehen ist, dass Firmen ihre Daten nicht in verschiedenen Varianten speichern werden, kann man bereits von einem Zwang in der Wirtschaft zur Verwendung der italienischen Ortsnamen und Bezeichnungen sprechen.

Siehe auch:

Bürokratismus Discriminaziun Faschismen Minderheitenschutz Nationalismus Ortsnamen Plurilinguismo Recht Service Public Tech&Com Wirtschaft+Finanzen Zentralismus | Bilinguismo negato Italianizzazione | Ettore Tolomei | | Italy Südtirol/o | | Deutsch

Die Briefwahl-Schlamperei.

Wie chaotisch die postalische Auslandswahl zum Südtiroler Landtag diesmal ablaufen wird, lässt sich noch nicht genau abschätzen. Inzwischen zeigen sich Symptome mangelnder Sorgfalt bereits auf den dafür vorgesehenen Briefumschlägen:

Wir bitten für die schlechte Bildqualität um Verzeihung.

Nicht nur, dass man offenbar nicht imstande war, drei Sätze in englischer Sprache fehlerfrei zu schreiben (»as« statt »is« und fehlendes Leerzeichen zwischen »number.« und »Please«). Es gab aber auch mit Steuerung-C und Steuerung-V offenbar Schwierigkeiten, denn die Internetadresse http://www.upu.int/en/activities/letter-post-developments/ibrs.htm/ ist leider falsch (und somit unbrauchbar).

Korrekt müsste sie http://www.upu.int/en/activities/letter-post-development/ibrs.html (»development« statt »developments« und »html« statt »htm/«) lauten.

Über diese Schlamperei kann auch die ansprechend gestaltete Briefwahlinfo nicht hinwegtäuschen, die so aussieht, als habe sie eine unmotivierte Praktikantin in der Mittagspause erstellt.

Dass Medienberichten zufolge Briefwählerinnen unvollständige Wahlunterlagen zugestellt worden sein sollen, passt da irgendwie ganz gut ins Bild.

Siehe auch:

Democrazia Postdienst Service Public Sprachpfusch Tech&Com | Landtagswahl 2018 | | | | |

Auch die digitale Unterschrift ist einsprachig.

Vor wenigen Wochen habe ich mir aus beruflichen Gründen bei einer Außenstelle der Handelskammer eine sogenannte digitale Unterschrift besorgt. Anders als beim ÖSDI (digitale Identität) handelt es sich dabei nicht um ein italienisches, sondern um ein gesamteuropäisches — von der EU definiertes und eu-weit gültiges — System. Dennoch wird es wie so oft national dekliniert.

Wie so oft führt das in Südtirol dazu, dass man sich die Zwei- oder gar die Dreisprachigkeit weitgehend auf den Hut stecken kann.

Das einzige was es auch auf Deutsch gibt, sind der Antrag auf Erteilung der Nationalen Servicekarte mit Authentifizierungs- und Unterschriftszertifikat und eine Kurzanleitung (bestehend aus einer A4-Seite), die die Bedienung der einsprachig italienischen Software erläutert.

Die Software für die Registrierung, das mit ausgehändigte Infoheft mit der Anleitung, die Allgemeinen Vertragsbedingungen und eben auch die Software, mit der man die einzelnen Dokumente digital signieren kann, gibt es ausschließlich in italienischer Sprache. Genauso wie übrigens das einschlägige Webportal, auf das in der Anleitung verwiesen wird.

Selbst die Ortsnamen (Geburtsort, Wohnort, Ort der Vertragsunterzeichnung…) gibt es nur in der von Ettore Tolomei erfundenen (bzw. abgesegneten) Variante. Die scheinen dann in dieser Form auch auf dem deutschsprachigen Antrag auf, was einen Hauch von 1920er Jahren versprüht: Frau Soundso, geboren in Vipiteno und wohnhaft in Chiusa, beantragt am 20.10.2018 in Brunico einen Antrag auf Erteilung der Nationalen Servicekarte. Nachdem die digitale Signatur dann auch — ausschließlich — mit der »faschistischen« Wohnortsbezeichnung gekoppelt ist, geht mit der Digitalisierung eine erneute Teilabschaffung der historischen Ortsnamen einher. Frau Soundso aus Klausen scheint dann digital als Frau Soundso aus Chiusa auf.

Vor einiger Zeit, so versicherte mir der freundliche Kammerangestellte, seien die Ortsbezeichnungen noch zweinamig gewesen, doch das habe sich mit der Übernahme des Dienstes durch die Firma Aruba leider geändert.

Siehe auch:

Discriminaziun Minderheitenschutz Nationalismus Ortsnamen Plurilinguismo Sprachpfusch Tech&Com Vorzeigeautonomie | | | | | EU |