Trinationale Nachbarschaft.

Von einer Schweizer Bekannten – mittlerweile eine fleißige Leserin dieses Blogs – empfange ich dankend und veröffentliche einen Bericht zur grenzüberschreitenden Kooperation.

Agglo Basel.

Die Stadt Basel hat viele Nachbarn. Die meisten davon sind keine Schweizer. Und ein Grossteil spricht eine andere Sprache. Zwei Staatsgrenzen und eine Kantonsgrenze hindern die Stadt auf allen Seiten am Wachsen und zwingen sie zum Dialog.
Drei Bahnhöfe und unzählige Grenzübergänge bilden das Tor zur Stadt. Die Hallen stehen auf Schweizer Grund. Die Gleise sind trinational: einmal schweizerisch, einmal deutsch und einmal französisch. Sie winden sich als schmale Bänder durch die Stadt. Ein knapp 10m breiter Streifen Frankreich. Und 20m Deutschland. Man kann diese Stücke Ausland auf Brücken überqueren.
Bis zu 120.000 Pendler strömen täglich zur Arbeit in die Stadt. 1Mio. Franzosen, Deutsche und Schweizer nützen das vielfältige kulturelle Angebot.

Finanziert wurde alles – vom Theater bis zur Bewältigung des Verkehrsaufkommens – bis vor nicht allzu langer Zeit vom Kanton Basel-Stadt mit seinen ca. 190.000 Einwohnern. Das war ein einseitiges Geben. Und geprägt von dauernden Bemühungen, die Unterlassungen der Anderen auszugleichen.

Also wird ein erstes Netzwerk geknüpft. Zuerst ganz klein: die VOK (Vorortskonferenz). Dann die NBK, die NBG und wie sie alle heissen. Dann etwas weiter aber immer noch innerhalb der eigenen Staatsgrenzen. Gemeinden und Städte aus vier verschiedenen Kantonen schliessen sich zusammen zur Region Nordwestschweiz. Kultur-, Transport- und Bildungswesen treten unter diesem gemeinsamen Label auf.

Parallel dazu erfolgt die Ausweitung der Verkehrskreise über die Grenzen hinweg: die Regio du Haut-Rhin, die Regio Schwarzwald-Oberrhein und die Regio Basilensis (www.regbas.ch) (als Teil der Region Nordwestschweiz) schliessen sich im Jahr 1995 zur Regio TriRhena (www.regiotrirhena.org) zusammen. Jedes Land stellt 25 Vertreter. Obwohl der Anteil der Einwohner sehr ungleich verteilt ist (10%, 30%, 60%). Es geht nicht um Macht und Geld. Sondern um ausgewogene Ideen.
Die RegioTriRhena ist ein trinationaler Lebens- und Wirtschaftsraum, der Südbaden, die Nordwestschweiz und das Oberelsass umfasst. Dieses Gebiet mit rund 2,3 Millionen Einwohnern und über 8.700km² ist durch eine jahrhundertealte gemeinsame Geschichte geprägt, was sich bis heute in Sprache (Alemannisch, Südbadisch, Schweizerdeutsch und Elsässisch), Architektur und Kultur ausdrückt. Übergeordnetes Ziel des RegioTriRhena-Rats ist es, die “trinationale Region am südlichen Oberrhein im zusammenwachsenden Europa zu stärken, um im Wettbewerb der Regionen besser bestehen zu können”.
Die Zusammenarbeit umfasst Bereiche wie Life Sciences, Banken, Transport und Messewesen. Was bedeutet, dass die Schweizer zum Beispiel endlich die Erlaubnis erhalten, mit eigenen Zügen und S-Bahnen die trinationale Agglomeration verkehrstechnisch an den Knotenpunkt anzubinden. Will ich nach Mulhouse in Frankreich, steige ich am Schweizer Bahnhof in die Schweizer S-Bahn. Natürlich kann ich auch auf den französischen Vorortszug warten, der 50m weiter vom französischen Bahnhof verkehrt. Aber der Transport im modernen Schweizer Pendlerzug ist ungleich komfortabler. Das gleiche gilt für die Verbindung nach Deutschland. Die Basler Strassenbahnen fahren sowieso schon lange bis an die Grenze. Eine Linie (die längste Strassenbahnlinie Europas, http://www.blt.ch/wir_portrait.asp) durchquert erst drei Kantone, verlässt dann die Schweiz und fährt ein Stück durch Frankreich, bevor sie auf heimatlichen Boden zurückkehrt.
Mit der Strassenbahn nach Frankreich. Zum Abendessen beispielsweise. Dann kann mal soviel guten Vin de l’Alsace trinken, wie man meint, vertragen zu können.

Oberrhein.

Seit neustem in Planung ist die Verlängerung der Linie 8. Bisher hat sie an der Grenze halt gemacht. Aber das ist so mühsam. Denn hinter der Grenze muss man dann zu Fuss laufen. Anstatt also Endschlaufen an der Grenze zu bauen und die Strassenbahn über die gleiche Strecke zurückzuführen, soll sie nun in einer grossen Kreisbewegung durch Deutschland über die Dörfer nach Basel zurück fahren. Initiiert und finanziert wird das ganze hauptsächlich wie gewöhnlich von der Stadt Basel (im Falle der S-Bahnen von der Schweizer Bundesbahn) mit Beteiligung der beschenkten Gemeinden. Die Pendler können aufs Auto verzichten. Und die ausländischen Nachtschwärmer in aller Ruhe das Ausgeh-Angebot der Stadt nutzen. Und dabei fleissig Geld ausgeben.
Der Basler Flughafen (www.euroairport.com) ist das Umkehrsystem der Bahnhöfe: er liegt auf französischem Boden und nur die Zufahrtsstrasse und die Betriebsgebäude sind schweizerisch.
Die deutschen tragen ihn zu einem Drittel mit. Deshalb heisst er Euroairport Basel-Mulhouse-Freiburg.
Verkehrskreise sind nützlich. Und man kann nie genug davon haben. Also gibt es zusätzlich seit einem Jahr den Trinationalen Eurodistrict Basel, den TEB oder eben ETB (www.eurodistrictbasel.eu). Er kümmert sich – in Weiterführung der Aufgaben des TAB (Trinationale Agglomeration Basel, anerkannt auf nationaler Eben in allen drei Ländern als Planungsregion) um die grenzüberschreitende Raumplanung.
Und die Oberrheinkonferenz (www.oberrheinkonferenz.org) begründet ihre Daseinsberechtigung wie folgt: “Das deutsch-französisch-schweizerische Oberrheingebiet stellt sich für seine Bewohner als gemeinsamer Lebensraum dar. Die unterschiedlichen Kulturen und Traditionen sind heute kein Hindernis mehr, sondern begründen den besonderen Reichtum dieser Region im Herzen Europas.” 9 Arbeitsgruppen setzen sich mit Themen wie Transport und Verkehr, Klimaschutz, Kultur und Bildung, Gesundheit, Wirtschaft u. Raumordnung auseinander. Der Oberrhein als europäisches Modell für grenzüberschreitende Nachbarschaft.

Eurodistrict.

Nachbarschaftsbeziehungen sind gemäss Definition funktional. Gute Nachbaschaftsbeziehungen benötigen für ihr Gedeihen eine optimale funktionale Verknüpfung. In allen Bereichen. Und für alle in der Muttersprache.

Grenze Mobilität | | | | Elsass Svizra | Euregio |

So schaut’s aus.

Umfrage.

Eine Studie des Innsbrucker “Soffi-Institutes” hat jüngst folgendes Ergebnis zutage befördert: Die große Mehrheit der Nord- und Osttiroler (etwa 54%) wünscht sich eine gemeinsame Zukunft mit dem südlichen Landesteil. Rund 26% waren dagegen, während 20% der Befragten keine gefestigte Meinung zu diesem Thema hatten.

Dieses Resultat räumt (einseitig) so manchen Zweifel an folgendem Punkt des -Manifests aus:

• Eine gemeinsame politische Entwicklung mit dem österreichischen Bundesland Tirol und dem Trentino wird prinzipiell angestrebt. Dieses Ziel bleibt jedoch dem freien demokratischen Willen der Einwohner dieser Länder untergeordnet und wird auch dem Südtiroler Wahlvolk gesondert vorgelegt;

Die nördlichen und östlichen Nachbarn könnten sich also eine Lösung vorstellen, die das Projekt der Plattform in einen größeren regionalen Kontext stellen würde. Bezeichnend ist jedoch, dass die Ablehnung einer wie auch immer gearteten politischen Vereinigung mit steigendem Bildungsstand zunimmt. Dies ist wohl zum einem dem größeren Realismus, andererseits jedoch besonders einer einseitigen Besetzung dieses Themas durch rechte und rückwärtsgewandte Kräfte zuzuschreiben. Aus dieser Erkenntnis macht sich die Plattform auch weiterhin zum Auftrag, einen sozialliberalen und alternativen Ansatz auszuarbeiten, der vor keiner Gesellschafts- und Bildungsschicht halt macht.
Mitbestimmung Umfrage+Statistik | | | | | Euregio |

Zahlen. Spielchen.

Ein häufig vorgebrachter Einwand, warum man von auswärtigen Konzernen in Südtirol nicht den Gebrauch der deutschen und ladinischen Sprache verlangen könne ist, dass unser Land klein und die Südtirolerinnen zu wenige seien. Selige Vorzeigeautonomie. Obschon es stimmt, dass wir nicht zahlreich sind, hält nämlich das Argument einem internationalen Vergleich nicht stand: Es gibt zahlreiche Beispiele von Minderheiten und souveränen Staaten mit geringerer Einwohnerinnenzahl, wo wesentlich fortschrittlichere Lösungen gefunden wurden als hierzulande.

Bevölkerungstabelle.

B=Belgien | FIN=Finnland | GR=Kanton Graubünden | ST=Südtirol | TI=Kanton Tessin
Quelle: Wikipedia.

Bereits auf dargelegte Beispiele und solche die in nächster Zukunft folgen werden, zeigen: Für die Schaffung eines tatsächlich mehrsprachigen Landes sind nicht Zahlen ausschlaggebend, sondern vielmehr folgende Kategorien:

  • Respekt und politischer Wille.
  • Gesetzliche Maßnahmen.
  • Druck durch Bürgerinnen und Verbraucher.

Gerade letzteres Instrument steht jeder und jedem Einzelnen zur Verfügung und sollte verstärkt zur Anwendung kommen, denn ein selbstbewusstes ist auch ein demokratisches und liberales Südtirol — das allen Einwohnerinnen volle Rechte zuerkennt und damit reif ist, seine Zukunft in die Hand zu nehmen. wird fortan verstärkt zur Druckausübung (Lobbyarbeit) anregen und somit die Mündigkeit der BürgerInnen fördern!

Ähnliches gilt für die Unabhängigkeit. Stets wird behauptet, Südtirol sei zu klein, um als unabhängiger Staat überlebensfähig zu sein. Obschon die Größe gerade im Rahmen der Europäischen Union geradezu irrelevant ist, wäre Südtirol ohnehin weder im Dreibund mit seinen natürlichen Partnern Nord-, Ost- und Welschtirol (als »Euregio«) noch im Alleingang ein Zwerg unter den Kleinstaaten:

Bevölkerungstabelle2.
Einwohnerzahlen ausgewählter Kleinstaaten.

 

Quelle: Wikipedia.

 

Allein im europäischen Kontext gibt es zahlreiche kleinere Länder, die fast immer aus der Not eine Tugend gemacht haben, international ausgerichtet sind und wirtschaftlich prosperieren. Zugegebenermaßen nicht immer nur mit astreinen Methoden. Als — jetzt schon — laut Eurostat achtreichstes Gebiet der Union müsste sich diesbezüglich auch unser Land keine großen Sorgen machen, im Gegenteil: Vermutlich würde mehr Selbstbewusstsein auch neue ökonomische Kräfte entfesseln.

Siehe auch:

Comparatio Discriminaziun Kleinstaaten Minderheitenschutz Plurilinguismo Umfrage+Statistik Verbraucherinnen Wirtschaft+Finanzen | Bilinguismo negato Produktetikettierung | | | Finnland-Suomi Grischun Malta Ostbelgien Südtirol/o Svizra Ticino | Euregio Eurostat | Deutsch

Orden inklusive.

Laut Landespresseamt (LPA) hat sich die Landesregierung in ihrer jüngsten Sitzung dafür ausgesprochen, den Tiroler Verdienstorden künftig auch für Italienerinnen vorzuschlagen, so sie sich um das Land verdient gemacht haben. Diese Entscheidung war überfällig, zumal in einem Land, das seit jeher dreisprachig und multikulturell ist. Bisher waren Italienerinnen allein aufgrund ihrer sprachlichen und kulturellen Zuordnung von der Verleihung ausgeschlossen. Eine handfeste Diskriminierung. Ab nun hingegen soll die Grenze — spät, aber doch noch — nicht mehr ethnisch, sondern inhaltlich verlaufen. Nur über eine bewusste, gleichberechtigte Einbindung der Italienerinnen und den Abbau von Vorurteilen kann eine langfristige Zusammenarbeit zum Wohle unseres Landes funktionieren. Das ist gleichzeitig eine conditio sine qua non zur Erlangung jenes Konsens’, der eine wie auch immer geartete Selbstbestimmung für alle erstrebenswert machen könnte.

Discriminaziun Kohäsion+Inklusion Plurilinguismo Politik Selbstbestimmung | | | LPA | | Euregio SVP | Deutsch