Auf zu Käthe!

Schon seit dem 17. März läuft im Diözesanmuseum Hofburg Brixen eine ergreifende, ja erschütternde Ausstellung mit über 60 Arbeiten von Käthe Kollwitz. Vor wenigen Tagen hatte ich nun die Möglichkeit, mich mit dem vorzüglichen Werk der sozialkritischen deutschen Künstlerin auseinanderzusetzen. Unglaublich expressiv porträtiert sie in ihren Druckgraphiken und Zeichnungen den Schlesischen Weberaufstand oder die Inbrunst der Bauernkriege. Und meint damit auch unsere Zeit. Dabei ist die Ausstellung – in Zusammenarbeit mit dem Kölner Käthe Kollwitz Museum – wunderbar kuratiert und mit angenehmer Einfachheit und Zurückhaltung inszeniert.

Gleichzeitig bot sich mir die Gelegenheit, die Sammlung des Diözesanmuseums zu besichtigen: Ein kleiner, fast unbekannter Schatz im Herzen der Bischofsstadt, der – unter anderem – mit echten Perlen aufwarten kann.

Leider ist mir auch die gähnende Leere in Gängen und Ausstellungsräumen aufgefallen. Man möchte sagen: Perlen vor die Säue. Daher meine Einladung: Stürmt diese Ausstellung, sie ist ein echter Lichtblick im Südtiroler Kulturangebot. Noch bis zum 27. Mai.

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Finger weg!

Italia.

Dass sich Südtirol selbständig vermarktet, hat nicht nur politische Gründe, sondern ab sofort auch handfeste Vorteile in Punkto Wirtschaftlichkeit und Effizienz. Während uns zentralistisch organisierte Parteien ein Tourismuslogo aufzwingen wollen, das marketingpolitisch keinen Sinn macht — und dabei gleichzeitig einen Rückschritt im Zusammenleben darstellt (A. Adige statt endlich Sudtirolo) — zeigen sie uns aus Rom wie man es »besser« macht. Und setzen für ein neues staatliches Tourismusportal eine Summe in den Sand, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Sage und schreibe 45 Mio. Euro! Fünfundvierzig Millionen. Das ist ein Betrag, den die beste Webseite der Welt nicht rechtfertigen könnte – doch hier wurden zudem Nägel gemacht, die in ihrer Form nicht einmal als solche zu erkennen sind. Wahrlich das Land der Superlative.

Nach der Vorstellung von italia.it mit seinem neuen, potthässlichen Tourismuslogo (vulgo »die Gurke«) durch Minister Rutelli, haben italienische Bürger den sehr aufschlussreichen Blog »Scandaloitaliano« in Betrieb genommen. Dort wird u.a. in mühevoller Kleinarbeit eine Auflistung der zahllosen technischen und inhaltlichen Fehler versucht, die sich das überbezahlte Portal erlaubt. Einer davon: Die SMG existiert auch Wochen nach Inbetriebnahme von italia.it nicht. Mit der Region »Trentino Alto Adige« (großteils auch im Deutschen, Frau Gnecchi) ist lediglich die Seite www.trentino.to verlinkt. Irgendwie besser, denn so sehen die spärlichen und unübersichtlichen Informationen zu »unserer« Region aus:

Wo liegt das
Es handelt sich um die nördlichste Region Italiens an den Grenzen von Schweiz und Österreich.

Das Gebiet
Die Landschaft ist ein Wechselspiel von Bergen und Tälern. Hier entspringt der Adige, der zweite Hauptfluss Italiens.

Achso, immer wieder dieser Adige.

Im Archäologischen Museum Südtirols in Bozen können Sie unter einer Myriade von Statuen, Fundstücken, Waffen und Schmuckstücken, welche die lokale Geschichte vom Paläolithikum und Mesolithikum bis zur Karolingerzeit belegen, vor allem die “Bekanntschaft” von Ötzi machen.

Was ist das für ein Satz? Und was bitte ist eine Myriade?

Was gibt es zu sehen
Wer keine typischen Klischees mag, für den ist Südtirol das ideale Reiseziel.

[…]

Natürlich dürfen in den Dolomiten die Bergseen (es gibt 297 eingetragene Seen) nicht fehlen: diese reichen vom Gardasee bis zum Molveno See und den Seen von Caldonazzo, Levico, Ledro und Prags.

Ja, der Gardasee liegt bekanntlich in den Dolomiten. Und was unterscheidet eingetragene von nicht eingetragenen Seen?

In Bezug auf Orangenblüten (normalerweise jeden zweiten Sonntag im Januar) findet in Kastelruth alljährlich eine Bauernhochzeit statt, eine Erinnerungszeremonie, welche das auf der Hochebene übliche Brauchtum seit den 70er Jahren aufleben lässt.

Was bitte bedeutet dieser Satz? Kann Brauchtum unüblich sein? Und blühen die berühmten Kastelruther Orangen nur jeden zweiten Sonntag, dafür aber schon im Jänner?

Für besonders Neugierige gibt es im August in Longariù (Bozen) das Mühlenfest mit ladinischen Spezialitäten und der Besichtigung der noch aktiven Mühlen, während die Feinschmecker am Speckfest in Bozen (im Mai) teilnehmen können. Dann werden noch die Tage des Sterzinger Joghurts (im Juli) veranstaltet.

Die Chronologie stimmt da wohl nicht ganz. Und Longariù (ladinisch Lungiarü, italienisch Longiarù, deutsch Campill) gibt es gar nicht.

Werbeträger
Der Extremsportler und Bergsteiger Reinhold Messner und der Olympiasieger im Alpenski Gustav Thöni wurden in dieser Region geboren. Doch auch andere historische Persönlichkeiten hielten sich hier auf. Zu diesen zählen die Söldnerführer Maximilian I von Österreich, Napoleon Bonaparte und Vittorio Emanuele III.

Alpenski? Werbeträger Napoleon? Wo hat der sich denn aufgehalten? Naja.

Zimmer mit Ausblick
Es gibt unterschiedliche Arten, den Urlaub in Trentino- Südtirol zu genießen. Doch die originellste Art besteht in einem Urlaub auf dem Bauernhof: Typische Holzhäuser mit stark abfallenden Dächern, die einen an den Hof von Heidis Großvater erinnern. Hier können Sie herrlich entspannen und sich von der ehrlichen Gastlichkeit der Hausbesitzer verwöhnen oder einer alpinen Wellnessbehandlung “verzaubern” lassen. Zudem kommen Sie hier in den Genuss von traditionellen Gerichten, die Sie in keinem Restaurant der Stadt finden würden.

Heidis Großvater? A propos keine Klischees. Und Gerichte die man in keinem Restaurant der Stadt (welche? die Stadt Trentino-Südtirol?) finden würde? Hä?

Scandaloitaliano deckt aber auch noch weitere lustige, vom Steuerzahler teuer bezahlte Fehler auf. Ein echter Skandal. O-Ton:

Questo blog, aperto al contributo di tutti i professionisti del multimedia italiano, nasce per motivare meticolosamente, analiticamente, punto per punto perchè www.italia.it – il sito da 45 (quarantacinque) milioni (milioni) di euro (di soldi pubblici) – è un portale mal progettato, mal realizzato, mal scritto, e che grida vendetta nel suo essere scandaloso spreco di denaro pubblico, nonché un’offesa alla competenza e alla professionalità  dei lavoratori del web italiano.

Kein Wunder, dass die Region Venetien im Interesse des eigenen Tourismus’ beantragt hat, gänzlich aus italia.it gelöscht zu werden.

Herr Landeshauptmann, Herr Engl: Finger weg von diesem Portal! Südtirol muss auch im Marketing unabhängig bleiben. Jetzt erst recht.

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Seltene Eintracht.

Ein gutes Zeichen vor Gründung der Demokratischen Partei war die jüngste Haushalts- und Kürzungsdebatte zwischen Zentral-Rom und unserem Land. Unisono wie kaum machten sich Volkspartei und Mittelinks (und da besonders die Linksdemokraten) für eine Ausweitung der autonomen Zuständigkeiten stark, um aus dem Beitrag zur Sanierung der Staatsfinanzen eine Win-Win-Situation zu schmieden: Südtirol verzichtet nur indirekt auf Mehrzuweisungen, indem es für neue Zuständigkeiten keine finanziellen Mittel fordert, sondern diese aus dem bestehenden Haushalt finanziert. Nach der ärgerlichen Dachmarken-Angelegenheit endlich wieder eine gute Nachricht von den linken Regierungsparteien.

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Abgeschieden.

Verkehrsprojekte

Vorausgeschickt: Ich bin tendenziell für den Ausbau des Bozner Flughafens und gegen den Bau des BBT. Eine gefestigte Meinung habe ich jedoch vor allem zu letzterem noch nicht, weil ich zugeben muss, dass ich mich bis dato zu wenig damit auseinandergesetzt habe. Mit Sicherheit stört mich die bürgerferne, arrogante Vorgangsweise der BBT-Bauer.

Dennoch drängt sich mir die Frage auf, ob diejenigen, die beide Projekte gleichermaßen bekämpfen, nicht viel zu leichtfertig unseren Anschluss an die Außenwelt für einen manchmal etwas populistischen Umweltschutz opfern. Wären funktionierende Flugverbindungen, außer für den Wirtschaftsstandort, nicht auch und vor allem für unseren kulturellen Fortschritt von großem Nutzen — wenn nicht gar überlebenswichtig? Sicher wäre es mit einem Airport einfacher, unsere Uni mit renommierten Dozenten und »Visiting Professors« zu bestücken. Kongresse und Messen von überregionaler Bedeutung abzuhalten. Institutionen und Veranstaltungen wie das Stadt- bzw. Landestheater, das neue Museion, die Transart oder den Tanzsommer für ein internationales Publikum attraktiv zu machen — und von einem größeren Austausch zu profitieren. Neue Veranstaltungen zu etablieren oder hierzulande anzusiedeln. Und nicht zuletzt einen aufgeklärten Kulturtourismus zu fördern, der keine weitere Naturzerstörung (für Skipisten, Bettenburgen…) benötigt, und unserem Land auch inhaltlich zu Wachstum verhülfe.

Die Argumente der Flugplatzgegner kann ich zum Teil nachvollziehen, auch wenn sie großteils nach Mission und weniger nach basisdemokratischem Kampf um die Wählergunst klingen. Aber da bin ich vielleicht durch Vorwissen (Stichwort: Nimby) belastet. So wir uns jedoch gegen den »Airport Bozen Dolomiten« aussprechen – können wir uns wirklich leisten, auch noch auf eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zu wichtigen Drehscheiben im Norden und im Süden zu verzichten? Wäre das nicht die endgültige Besiegelung unserer Zukunft als Provinzkaff, das seine besten Köpfe zur Flucht ins Ausland antreibt?

Vergleichbare Städte in der (gewiss nicht umweltfeindlich gesinnten) Schweiz haben sich für einen Flughafen und für die Anbindung an den schnellen Zugverkehr entschieden. Die Frage nach den Proportionen ist besonders im Fall des BBT mit Sicherheit erlaubt. Aber einen Rückschritt sollten wir uns nicht leisten.

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Kreativitätspreis.

Zu Ostern — als Auftakt zu einer Serie über die Bahn — ein kleines Schmankerl vom Bahnhof Franzensfeste:

Bildschirm Bhf. Franzensfeste.

I: Unità di visualizzazione momentaneamente fuori servizio
D: Masseinheit fremdleistung der sichtba[r]machung der kurzzeitig

Übrigens: Auch die französische Übersetzung ist falsch, aber leider nicht annähernd so erheiternd.

Frohe Auferstehung auch an die Bahn!

Siehe auch:

Discriminaziun Mobilität Plurilinguismo Satire Service Public Sprachpfusch Verbraucherinnen | Bilinguismo negato | | | Südtirol/o | RFI | Deutsch

Dreimalgut.

Drei.Ein Preis für 3. Das Unternehmen Hutchinson 3G mit Sitz in Hongkong verdient für seinen Auftritt als Telefongesellschaft (Drei) in unserem Lande besondere Anerkennung. Als einziger Mobilfunkbetreiber bietet es fast all seine Werbedrucksachen sowohl auf Italienisch als auch auf Deutsch an und zeigt somit, dass selbst große Konzerne den Verbraucher durchaus ernstnehmen können.

Sprachschutz ist Konsumentenschutz. Kundinnen werden nicht nur als Goldesel betrachtet, sondern auch als mündige Bürgerinnen, denen man Informationen in ihrer eigenen Sprache anbietet. Damit wird gleichzeitig der speziellen Situation unseres Landes Rechnung getragen und bewiesen: Respekt ist keine Frage des Geldes und schon gar keine Frage von Bevölkerungsanteilen — denn wir Südtirolerinnen machen lediglich 1% der Einwohnerinnen dieses Staates aus. Zur Nachahmung dringend empfohlen.

Hier einige Beispiele aus dem üppigen Angebot an Informations- und Werbematerial von Drei:

Tarifoptionen.
Alle Tarifoptionen in einer übersichtlichen Broschüre.
Angebot.
Werbeprospekt »Die Liebe zu 3 geht weiter…«
Telefon.
Für jedes Mobiltelefon eine spezielle Infokarte.

Über manchmal recht holprige Formulierungen kann man dabei geflissentlich hinwegsehen: Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Die katalanische Regierung bietet übrigens Betrieben, die auf die Landessprache umsteigen möchten, unentgeltliche Hilfe bei der Umsetzung. Auf ähnliche Unterstützung können Unternehmen wie Drei in Südtirol nicht zurückgreifen.

Siehe auch: [Eine Anfrage. Und ihre Antwort?]

Viersprachige Webseiten der Mobilfunkanbieter in der Schweiz:

Plurilinguismo Tech&Com Verbraucherinnen | Good News | | | | |

Heeresmuseum: Wozu?

Mit großem Befremden entnehme ich der Tagespresse, dass das Heer in Brixen mit tatkräftiger Unterstützung der Gemeinde — und angeblich fast aller Ratsfraktionen — ein eigenes Museum einrichten will. Dabei haben Kriege immer wieder großes Leid über unsere Grenzregion gebracht; Menschen aller Sprachgruppen wurden dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Und nicht zuletzt hat man für den Kasernenbau zahlreiche Grundbesitzer schamlos enteignet und in den Ruin getrieben.

Ist dieses Vorhaben tatsächlich im Interesse der Bevölkerung? Südtirol braucht, jetzt wo ein Teil der Streitkräfte endlich abgezogen wurde, wohl gewiss kein Militärmuseum! Und Brixen darf nicht ein Image als Militärstadt erhalten. Was wir brauchen ist die Fortsetzung der Entmilitarisierung sowie Frieden und Zusammenleben. Aus diesem Grund wäre es angebracht, das Engagement und eventuelle finanzielle Mittel der Gemeinde zivilen Zwecken zukommen zu lassen, die zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. Und wenn es unbedingt ein Museum sein muss, dann sollte man damit das Ehrenamt — nicht die militärische Gewalt — würdigen.

Südtirol entmilitarisieren!

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Mobilmachung.

Verkehrsverbund.

Im Rahmen der Verbraucherzentrale Südtirol wurde »Promobil« gegründet, eine Einrichtung, die den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) stärken, dessen Qualität verbessern sowie die Rechte der Fahrgäste schützen soll.

Die derzeit laufende Online-Unterschriftensammlung hat die Verlegung des Bozner Hauptbahnhofs zum Gegenstand. Außerdem werden laufend Beschwerden und Verbesserungsvorschläge entgegengenommen, die in Folge den zuständigen Stellen übermittelt werden.

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