Nur die Verfassung verteidigen.
Quotation 462

Puigdemont weiß, wie man Aufmerksamkeit erzeugt, wie man mit Medien spielt, sich zum Opfer stilisiert: Die Separatisten gut, die spanische Zentralregierung und die Justiz böse, auch wenn sie nur die Verfassung verteidigen (und wollen wir nicht, dass Regierung und Polizei die Grundlage der Demokratie, die Verfassung, verteidigen?).

Georg Mair im dieswöchigen ff-Leitartikel.

Neben Herbert Dorfmann (SVP) und Ulrich Ladurner ist Mair ein weiterer Südtiroler Obrigkeitsfan — der hier tatsächlich den Mumm hat, das Eindreschen auf friedliche Demonstrantinnen und die Fabrikation eines mit langen Haftstrafen bewehrten Straftatbestands mit »nur die Verfassung verteidigen« zu umschreiben.

Übrigens: Dass die Verfassung die Grundlage der Demokratie sei ist eine beinahe ebenso gewagte Behauptung, wie jene implizite, dass man zu ihrer Verteidigung Grundrechte mit Füßen treten dürfe.

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Es lebe der Stillstand.

In der dieswöchigen ff ist ein Leitartikel von →Georg Mair erschienen, in dem es um Katalonien, Südtirol und — unter anderem — die »feuchten Träume« der »linken Selbstbestimmungs-Propagandisten der Brennerbasisdemokratie« geht.

Der Autor behauptet darin, dass Katalonien »tief gespalten« sei. Das stimmt. Das Land ist so gespalten, wie es Großbritannien wegen des Brexit, Schottland wegen der Unabhängigkeit oder Italien wegen der Verfassungsreform waren. Demokratie hält das aus — muss das aushalten, wenn es denn eine ist. Die genannten direktdemokratischen Weichenstellungen haben denn (ob man nun mit den jeweiligen Ergebnissen einverstanden ist oder nicht) auch in all diesen Fällen nicht dafür gesorgt, dass sich die Menschen die Köpfe eingeschlugen oder ein Krieg ausgebrochen ist.

Wer in Katalonien am ehesten zündelt, ist der Zentralstaat, der mit inakzeptabler — und einer Demokratie unwürdiger — Gewalt gegen friedliche Wählerinnen vorgehen ließ und Unabhängigkeitsbefürworterinnen hohe Haftstrafen androht, während er neonazistische Umtriebe im unionistischen Lager deckt und duldet.

Freilich, man kann natürlich immer argumentieren, dass Spannung und Spaltung zu vermeiden seien. Doch dann hätten wir wohl heute noch immer kein Frauenwahlrecht, keine (wiewohl verbesserungsbedürftige) Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA, keinen Zivildienst und — keine Diskussion über den Pestizideinsatz in Mals. In all diesen Fällen hätte man, wenn man Mairs Harmonielehre folgt, am besten auf eine demokratische Auseinandersetzung verzichtet. Denn die gesetzliche Ausgangslage war meist ungünstig und häufig waren Formen des zivilen Widerstands nötig.

Mair behauptet:

Bei den einen heißt die Religion Separatismus, bei den anderen Zentralismus. Ismen alle beide. Ismen führen oft ins Verderben.

Echt jetzt? Führen Ismen wirklich öfter ins Verderben, als politische oder gesellschaftliche Überzeugungen mit einer anderen Endung? Und was ist dann mit Humanismus, Feminismus, Antifaschismus, Liberalismus, Föderalismus, Demokratismus, Pazifismus, Idealismus, Autonomismus, Optimismus, Altruismus, Pluralismus, Internationalismus?

Wo in Südtirol eine Diskussion über die Unabhängigkeit ist, darf auch das »Argument« nicht fehlen, dass Selbstbestimmung nur möglich wäre

wenn den Südtirolern ihre Freiheitsrechte genommen würden, wenn in Rom eine autoritäre Regierung am Ruder wäre, die das Land knechtet, ihm zum Beispiel seine autonomen Zuständigkeiten entzieht.

Eine autoritäre Regierung, die das Land nicht knechtet, wäre also gar nicht ausreichend? Das sind interessante Erkenntnisse, die aber kein juristisches Fundament — und auch mit dem internationalen Recht nichts zu tun — haben. Vermutlich handelt es sich um eine persönliche Meinung des Autors, denn Beispiele für Separationen, denen keine Unterdrückung oder Gewalt vorausgegangen sind, gibt es zur Genüge.

Die spanische Regierung hat die Pflicht, die Verfassung zu schützen. Was wäre das für eine Regierung, die das nicht täte?

Das stimmt. Aber: Sie hat erstens weder die Pflicht, noch das Recht, die Verfassung durch Rechtsbeugung und überzogene Gewaltanwendung zu schützen. Darüberhinaus hätte sie zweitens vor allem die Pflicht, politisch zu agieren — also ein Problem wie das katalanische als solches zu erkennen und mit der Regionalregierung zu verhandeln. Die Verfassung schützen allein, dazu braucht man keine Politikerinnen, das kann auch ein Verfassungsgericht. Da bringt Mair eine völlig mechanistische, bürokratische Auffassung von Politik zum Ausdruck — als ob »Recht« in Stein gemeißelt wäre.

Zum Abschluss noch ein Klassiker, der niemals fehlen darf: die Südtiroler Vorzeigeautonomie. Mair legt den Katalaninnen nahe, so lange zu verhandeln

bis es eine Autonomie gibt, die schon an Selbstbestimmung grenzt, wie in Südtirol. […] Gewähren wir im Notfall Carles Puigdemont Asyl, er könnte in Südtirol lernen, dass es keine formelle Unabhängigkeit braucht, um selbstbestimmt zu sein.

Das ist sowas von überheblich und anmaßend, dass sich eigentlich jeder inhaltliche Kommentar verböte. Es sei aber trotzdem auf den Autonomievergleich von Thomas Benedikter und auf den »systematischeren« Regional Authority Index verwiesen. Beide bescheinigen Katalonien deutlich weiterreichende Autonomierechte, als Südtirol. Was Puigdemont hier aber durchaus lernen könnte, ist ungenierte Selbstbeweihräucherung.

Siehe auch:

Democrazia Feminæ Grundrechte Medien Mitbestimmung Politik Recht Selbstbestimmung Ungehorsam+Widerstand Zentralismus | afk Medienkritik | Georg Mair | BBD ff | Catalunya | | Deutsch

Beim Feind mitgelesen.
Quotation 410

Südtirol schaut nach Deutschland oder Österreich, wenn dort gewählt wird. So als würden wir in Deutschland oder Österreich leben. Wir lesen dann den Spiegel, Die Zeit oder womöglich auch die Junge Freiheit. […] Das „Vaterland“ gab sich einen Rechtsruck, und wir kommentierten ihn, als hätten wir mitgewählt. Die Grünen beweinten das Desaster ihrer Brüder und Schwestern, die ­Blauen feierten den Erfolg ihrer Kameraden jenseits des Brenners.

Georg Mair in seinem dieswöchigen ff-Leitartikel

Was fällt diesen Südtirolerinnen, denen man tagein/tagaus einbläut, wie hinterwäldlerisch sie doch sind, auch ein, über den Tellerrand zu schauen? Über die »nicht existente« Grenze hinaus, die auf ewig unsere unteilbare Zugehörigkeit zu Italien besiegelt. Was fällt ihnen ein, neben Dolomiten und ff auch überregionale Medien zu verfolgen, als lebten wir in einem geeinten Europa? Es muss ein Ende haben.

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Die Vielgescholtenen treffen.

Georg Mair (ff) und Ulrich Ladurner (Die Zeit, gelegentlich ff) sind zwei Vielgescholtene hier auf . Zu oft verstiegen sich die beiden Südtiroler Journalisten in die Konstruktion abenteuerlicher Zusammenhänge und Argumentationen bzw. Nicht-Zusammenhänge und Nicht-Argumentationen. Von Bauchgefühlen die zu (falschen) Fakten hochstilisiert werden, über haltlose Behauptungen, Pauschalisierungen und Vorurteilen bis hin zu unverholenem Chauvinismus gepaart mit einer Art (Auto)-Rassismus.

In der ff-Ausgabe 02/2016 jedoch sind zwei Artikel erschienen – einer von Mair und einer von Ladurner – die Aspekte der gegenwärtigen Flüchtlingskrise gekonnt und vor allem ehrlich beleuchten. Mair geißelt in “Wer jetzt nicht zweifelt …” die Hetze der Rechtspopulisten und mahnt gleichzeitig zu nüchterner Besonnenheit ob der Gefahr der Aushöhlung unserer demokratischen Grundordnung.

ad Demokratiegefährdung:

Der Jargon, den Rechtspopulisten (eigentlich ein verharmlosender Begriff) in ganz Europa anschlagen, ist durchgängig ekelhaft – und er hat das Zeug, den Grundkonsens in unserer Gesellschaft über Bürger- und Menschenrechte zu zerstören.

ad straffällige Asylwerber:

Es gibt kriminelle Asylwerber und Migranten. Es ist logisch, dass es sie gibt, so wie es Verbrecher unter deutschsprachigen Südtirolern gibt. […] Doch unsere Gesellschaft zeichnet aus, dass jeder die gleichen Rechte hat, also auch auf die Unschuldsvermutung und ein faires Gerichtsverfahren.

ad politischer Diskurs:

Rechtspopulisten sind nur allzu gerne dazu bereit, zu tun, was sie anderen vorwerfen: Gesetze zu beugen oder zu brechen, Recht zu verletzen oder auszuhebeln, Regeln eines friedlichen Zusammenlebens zu missachten (dazu gehört auch eine Wortwahl, die kein Maß kennt). Für die dazwischen ist in der Diskussion oft kein Platz mehr, es bleibt kein Raum mehr für ein Gespräch.

Ulrich Ladurner spart in seinem Beitrag nicht mit sympathischer Eigenkritik.

Ich habe mich zwar viele Jahre lang mit der Welt “da draußen” beschäftigt, aber ich schrieb immer aus der Position eines Menschen, der “drinnen” war.

Und trotz seiner vielen Reisen in Kriegs- und Krisengebiete habe er die Flüchtlingskrise so nicht kommen gesehen.

Hätte ich nicht wissen müssen, was auf Europa zukommt?

Als Lösung fordert Ladurner ein, dass Europa wieder zum Akteur – immer auf Basis des Rechts – werden muss, anstatt ein Getriebener zu sein, der nur reagiert.

Ja, wir sind alle in der Welt angekommen, mittendrin. Wir werden uns durch das Errichten von Mauern nicht wieder “herausnehmen” können – doch es ist gewiss keine Lösung, die Grenzen einfach einzureißen. Denn EINE Welt, in der wir leben, braucht notwendigerweise eine Struktur, wenn sie nicht zum Chaos führen soll. Und Grenzen geben ihr eine.

Ladurner redet hier aber nicht der Abschottung das Wort. Die Anerkennung von Grenzen ist für Ladurner die Rückkehr zum geordneten Verfahrensablauf – und damit einhergehender Rechtssicherheit für alle Beteiligten, die im Moment nicht gegeben ist.

[Grenzen sind] notwendige Gestaltungsinstrumente. Sie dienen zum Beispiel dazu, dass Massenmigration so gesteuert werden kann, dass die europäischen Gesellschaften die vielen Hunderttausenden nach und nach absorbieren können. Dabei haben diese Zielländer der Migranten das Recht zu entscheiden, wer aufgenommen werden soll und wer nicht.

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Titelgeschichte über CLIL und Sprachunterricht.
Wochenmagazin »ff« verbreitet Unwahrheiten

Sprache und Sprachunterricht sind in Südtirol sehr emotionale Themen […] — und über nichts wird hierzulande so kenntnisfrei geredet wie über Spracherwerb.

Ein interessanter und wahrscheinlich gar nicht so abwegiger Befund, den ff-Autor Georg Mair in seine dieswöchige Titelstory (»So schwere Sprachen«) einflicht. Eine wünschenswerte Konsequenz daraus wäre gewesen, sich einen Überblick über die tatsächliche Situation in Südtirol anzueignen, bevor man sich an den Computer setzt und einen Artikel darüber schreibt. Geschehen ist dies aber wohl höchstens in überschaubarem Umfang, wenn Mair in einem einzigen Absatz so viele leicht widerlegbare Vorurteile unterbringt, wie etwa hier:

Helfen ein Jahr in der zweiten Schule, neue Richtlinien für den Sprachunterricht oder Projekte wie Clil, bei dem zwei Fächer auf Englisch oder Italienische [sic] unterrichtet werden, wenn es auf dem Land keinen Kontakt zwischen den Sprachgruppen gibt? Die letzten Italiener weggezogen, Carabinieri, die Deutsch sprechen, Ämter, auf denen man sich leicht in der eigenen Muttersprache durchschlagen kann, und im Landtag eine starke deutsche Opposition, die “los von Rom” will.

Laut Volkszählung 2011 wächst der Italieneranteil in fast allen Bezirken unseres Landes. »Carabinieri, die Deutsch sprechen« und »Ämter, auf denen man sich leicht in der eigenen Muttersprache« durchschlagen kann, gibt es immer seltener: Laut Astat-Sprachbarometer 2014 gab es bezüglich Zweisprachigkeit im Amt nicht nur keine Verbesserung, sondern im Lauf von nur zehn Jahren gar eine dramatische Verschlechterung. Was die starke Opposition, die »los von Rom« will, mit den Sprachkenntnissen zu tun haben soll, ist schleierhaft. Das Sprachbarometer belegt jedenfalls, dass selbst die deutschsprachigen SüdtirolerInnen Italienisch (noch vor Deutsch) für die wichtigste Sprache halten, um in Südtirol zu leben. Und wenn man eine Sprache für wichtig hält, wird man sie wohl kaum vernachlässigen.

Denn die Selbstverständlichkeit, sich in der eigenen Muttersprache verständigen zu können, hat zu einer weit verbreiteten Einsprachigkeit geführt.

Auch hierzu hat das Sprachbarometer 2014 eine Antwort parat: Im Vergleich zu 2004 sind die Zweitsprachkenntnisse deutlich besser geworden — sprachgruppenübergreifend. Mair liegt also wieder falsch.

“Die Haltung, wir brauchen die zweite Sprache nicht mehr”, sagt etwa der Sprachwissenschaftler Franz Lanthaler, bis zu seiner Pensionierung Englischlehrer an einer Meraner Oberschule, “macht sich vor allem bei deutschsprachigen Südtirolern breit.” Lanthaler nennt als abschreckendes Beispiel eine Meraner Oberschülerin, die bei der Matura sagte: “Io andare a …”

Eine Quelle für Lanthalers verallgemeinernde Behauptung wird nicht genannt. Einzelfälle sind vielleicht recht einprägsam, aber sicher nicht repräsentativ.

Immerhin deckt Mair in seinem Beitrag auf, dass Südtiroler CLIL-Lehrer nur eine 150-stündige Ausbildung absolvieren (Standard wären 500 Stunden) und dass immer noch keine Daten über Erfolg und Misserfolg der CLIL-Methode vorliegen, deren Evaluierung man einer römischen Erziehungswissenschaftlerin übergeben hat. Trotzdem scheint die aktuelle Titelgeschichte eine weitere verlorene Chance zu sein, mit der nötigen Akribie und Sachkenntnis an die Materie heranzugehen. Einmal mehr werden falsche Vorurteile unter die Leute gebracht, was einer sachlichen Diskussion nicht wirklich zuträglich ist.

Siehe auch:

Faktencheck Medien Plurilinguismo Scola Umfrage+Statistik Wissenschaft | CLIL/Immersion Medienkritik Sprachbarometer Zitać | Georg Mair | ff | Südtirol/o | | Deutsch

Pauschalisierungsprojekt ff-Georg Mair.

Die heute erschienene Ausgabe des Wochenblatts ff enthält — mal wieder, möchte man sagen — einen Leitartikel zum Thema Selbstbestimmung, der nur so vor Vorurteilen, Pauschalisierungen und Totschlagargumenten strotzt. Anlass diesmal: Die katalanische Parlamentswahl von letztem Sonntag, bei der die Unabhängigkeitsbefürworter knapp 48% der Wählerstimmen erhielten, während die Unabhängigkeitsgegner etwas mehr als 39% auf sich vereinigen konnten.

Die Parteien, die eine Abstimmung über die Staatszugehörigkeit Kataloniens befürworten, kommen auf weit über 50% der Wählerstimmen.

Der Autor, Georg Mair, stellt seinen Leitartikel unter den vielsagenden Titel »Egoismusprojekt Selbstbestimmung«, einen gemeinamen Nenner, den er unter die Bestrebungen von Katalanen, Schotten und Südtirolern schiebt. Obschon erstere genauso wie letztere nie eine freie und demokratische Abstimmung über die Unabhängigkeit durchführen durften, weiß Mair:

In Katalonien [gibt es] keine Mehrheit für ein unabhängiges Katalonien.

So demokratisch sind unsere Unabhängigkeits- und Selbstbestimmungsgegner, dass sie das Ergebnis schon kennen, bevor jemals eine Abstimmung stattgefunden hat.

Dafür ist sich Mair nicht zu schade, den Südtiroler Selbstbestimmungsbefürwortern — pauschal, wohlgemerkt! — vorzuwerfen, »ein gelassener Umgang mit anderen Anschauungen oder Respekt für Minderheiten« gehöre nicht zu ihren Tugenden. Aha. Bislang fällt in Südtirol jedoch vor allem auf, dass mit Unabhängigkeitsbefürwortern paternalistisch und herablassend umgegangen wird. Eine ergebnisoffene Diskussion wird gerade auch von Medien wie der ff nicht zugelassen, sondern mit Totschlagargumenten (Egoismus! Zündelei! Krieg!) erstickt.

Mair schreibt:

Was passiert etwa mit den Italienern in Südtirol, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist? Müssten diese sich einfach beugen, sollte der (unwahrscheinliche) Fall eintreten, dass die Mehrheit der Südtiroler eine Loslösung von Italien befürwortet?

Für den Fall, dass sich eine Mehrheit der Südtiroler für die Loslösung von Italien entscheidet, ist es zunächst äußerst unwahrscheinlich, dass die Gegner allesamt »Italiener« und die Befürworter allesamt »Nichtitaliener« sein werden. Aber drehen wir die Frage einfach um, Herr Mair:

Was passiert etwa mit den Menschen aller Sprachgruppen in Südtirol, die die Unabhängigkeit wollen? Müssten diese sich einfach beugen, sollte der (wahrscheinliche oder unwahrscheinliche, das sei dahingestellt) Fall eintreten, dass die Mehrheit der Südtiroler einen Verbleib bei Italien befürwortet?

Auf eine Antwort wäre ich gespannt. Ich gehe kaum davon aus, dass Herr Mair Schwierigkeiten hätte, den Unabhängigkeitsbefürwortern die Folgen einer demokratischen Unterlegenheit zuzumuten. Das unterstelle ich jetzt mal, so wie er gern mit Unterstellungen arbeitet.

Selbstbestimmung klingt gut. Ich bin selbstbestimmt, der Nachbar links und der Nachbar rechts auch. Und dann kommen wir uns in die Haare, selbstbestimmt wie wir sind, beharren wir auf unserem Recht und vor allem darauf, dass der arme Nachbar keineswegs von unserem Wohlstand profitieren darf.

Es ist völlig unklar, warum die bestehenden Staaten diesem Beispiel folgend einen höheren Anspruch auf Eigenregierung haben, als neue Staaten, die einem Selbstbestimmungsprozess entspringen. Glaubt Mair wirklich, dass sich letztere — aus welchem Grund? — häufiger in die Haare geraten, als erstere? Und was unterscheidet die »staatliche« Selbstbestimmung in dieser Hinsicht von der individuellen Selbstbestimmung? Sollten wir letztere etwa aufgeben, damit wir uns nicht mit unserem Nachbarn streiten? Nachvollziehbare Argumente gegen die Unabhängigkeit, und solche gibt es, klingen anders.

Selbstbestimmung ist auch ein Egoismus-Projekt. Das wurde besonders in Katalonien deutlich: Die reichen Katalanen wollen nicht mit den armen Galiziern teilen, nur um einen Namen zu nennen.

Dieses immer wiederkehrende »Argument« hat etwa Peter Kraus in seinem exzellenten Beitrag entkräftet, den wir hier wiedergeben durften. Weshalb ich mich weiterer Ausführungen enthalte.

Am schlimmsten und gleichzeitig am aufschlussreichsten finde ich aber diese Passage im Leitartikel von Georg Mair:

Politisch ist die Selbstbestimmung für Südtirol sowieso ein schwieriges Geschäft und wäre mit schweren Konflikten verbunden, weil sie nur im Streit mit dem Staat erfolgen könnte, zu dem Südtirol gehört. Und dieser Staat wird es nicht erlauben, dass Südtirol sich davonmacht.

Was ist das für eine Demokratie und was ist das für ein Demokrat, der so etwas behauptet? Politische Konflikte sind also grundsätzlich zu vermeiden, wir sollen kuschen? Mit dieser Anpassungsmentalität hätten wir heute nicht nur kein Autonomiestatut, sondern wahrscheinlich auch kein Frauenwahlrecht, keinen Zivildienst und vieles mehr. Politische Errungenschaften sind fast immer durch Missachtung oder zumindest Herausforderung des juristischen Status Quo entstanden.

Warum neue Konflikte provozieren, warum Unfrieden zwischen den Sprachgruppen schüren, warum einen Spalt in die Gesellschaft treiben – wo sich doch in anderen Ländern zeigt, dass Selbstbestimmung ein Land in etwa genau gleiche Teile teilt.

Auch das muss und kann eine reife Demokratie aushalten. Es geht nicht um Spaltung, sondern um ganz normale Konfliktfähigkeit, die für jeden demokratischen Entscheid vonnöten ist.

Kraus schreibt hierzu:

Katalonien ist keineswegs eine tief gespaltene Gesellschaft. Zwar polarisiert die Frage »Unabhängigkeit ja oder nein« die Bürger. Wie sollte es auch anders sein? Doch diese Polarisierung wird — ähnlich wie im vergangenen Jahr in Schottland oder 1995 in Québec — demokratisch gut ausgehalten. In den Straßen und Bars Barcelonas ist von tiefen Spaltungen nichts zu spüren. Und auch unter Politikern, die für diametral entgegengesetzte Optionen stehen, wie Xavier García Albiol, der Nummer eins der spanisch-konservativen Volkspartei in Katalonien, und Raül Romeva, dem Spitzenkandidaten der sezessionistischen Koalition Junts pel Sí­, bleibt der Umgangston jovial.

Mairs Rundumschlag hingegen endet mit einem wahren Feuerwerk an Vorurteilen:

Denkt europäisch, wer neue Grenzen schaffen will? Was wollen wir noch: Eine Armee, eine eigene Polizei (Gott bewahre uns vor dem Südtiroler Kontrollwahn!), Grenzkontrollen in Salurn und am Brenner? Wollen wir Mauern bauen, um die Zuwanderung zu verhindern oder Flüchtlinge aufzuhalten?
Wer die Selbstbestimmung will, höhlt die Autonomie aus, die wir haben und die das Maximum ist, das wir haben können. Sind wir etwa unfrei, werden in Südtirol die Menschenrechte eingeschränkt, hat jemals ein Schütze nicht gegen Italien wettern oder für die Selbstbestimmung eintreten dürfen? Die Antwort ist nein.
Also muss mir erst einmal jemand erzählen, welche Vorteile die Selbstbestimmung hätte: Sind wir dann freier, aufgeschlossener, europäischer, besser an die Welt angebunden, betreiben wir weniger Nabelschau, geht es uns wirtschaftlich besser?

  • Südtiroler Kontrollwahn? Gibt es dafür irgendeinen Anhaltspunkt? Geht es Ländern mit laschen Gesetzen und Kontrollen besser, ist dort die Lebensqualität höher?
  • Grenzkontrollen in Salurn und am Brenner? Am Brenner gibt es schon heute eine Staatsgrenze, ohne dass es dort Kontrollen gäbe. Wir haben in Europa nicht »keine Grenzen«, sondern weitgehend »offene Grenzen«. Besser sind mehr offenere Grenzen als wenigere geschlossene Grenzen. Verwaltungsgrenzen werden wir stets benötigen, wenn die EU nicht als zentralistisches Monster nach italienisch-französischem Vorbild regiert werden soll.
  • Die Autonomie als das Maximum, das wir haben können? Warum? Wer sagt das? Ist die Geschichte schon zu Ende oder darf nicht sein, was Herr Mair nicht will?
  • Wer die Selbstbestimmung will, höhlt die Autonomie aus? Wo liegt der Zusammenhang? Ist es wennschon nicht umgekehrt? Um die Schotten zum Verbleib im Vereinigten Königreich zu bewegen, machte London große Zugeständnisse, die einen nie dagewesenen Autonomieausbau für Schottland bedeuten würden.
  • Unfrei, Menschenrechte? Worum geht’s? Wir sprechen hier doch über Demokratie, über das ganz normale Recht, frei und demokratisch über die Zukunft unseres Landes zu befinden. Um dies tun zu dürfen, sind Unfreiheit und Verletzung der Menschenrechte keine Voraussetzung — sondern vielmehr der Wunsch, die Lebensverhältnisse für alle zu verbessern.

Ich habe den Verdacht, dass ein selbstbestimmtes Südtirol ein altes Südtirol wäre: selbstbezüglich, verfilzt, intolerant und mit dem festen Glauben, der Nabel der Welt zu sein.

Ist das Georg Mairs »gelassener Umgang mit anderen Anschauungen«? Eine verhaltenere und vorurteilsbehaftetere Stellungnahme als seine ist für mich eigentlich schwer vorstellbar.

PS: Wenn er ein Anliegen teilt, ist er zu ganz anderen Ansichten fähig, die den hier zum Ausdruck gebrachten teils diametral widersprechen.

Siehe auch:

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