Kärntner Sloweninnen nicht gleichberechtigt.
Offener Brief von Hans Karl Peterlini

Der Südtiroler Hans Karl Peterlini, Dozent an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, hat einen offenen Brief über die Lage der Kärntner Sloweninnen und ihren Stellenwert in der neuen Landesverfassung initiiert. Wir geben ihn hier (via Salto) im Wortlaut wieder:

Mit Verwunderung und Besorgnis haben wir in der vergangenen Woche die politische Debatte verfolgt, wonach die gemeinsame Nennung der “deutsch- und slowenischsprachigen Landsleute” den Konsens um die neue Landesverfassung für Kärnten/Koroška in Frage stellte. Die Verweigerung einer solchen Wertschätzung, allein durch simple Erwähnung auch der slowenischsprachigen Mitbürgerinnen und Mitbürger als fraglos zu Kärnten gehörend und Kärnten mitgestaltend, stellte einen Rückschritt für das positive Klima dar, das sich mit dem Kompromiss von 2011 zur Ortstafelfrage zwischen den Volksgruppenvertretern und den politischen Entscheidungsträgern in Klagenfurt und Wien entwickelt hat und für das die derzeitige Landesregierung wichtige Akzente gesetzt hat.

Sosehr die nunmehrige Einigung zur Landesverfassung zu begrüßen ist, so sehr bleiben doch Momente des Unbehagens zurück, die auch durch den politischen Kompromiss nicht überspielt werden sollten: Die nunmehrige stärkere Betonung, dass Deutsch nicht nur die Sprache der Gesetzgebung, sondern “die” Landessprache ist und dass die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Republik Österreich in Kärnten – quasi als Beigabe – durch die slowenische Sprachgruppe zum Ausdruck kommt, stärkt die getrennte Wahrnehmung zweier Landesrealitäten, wo zuvor durch die gleichberechtigte Nennung der “deutsch- und slowenischsprachigen Landsleute” der Gedanke einer sprachgruppenübergreifenden Gemeinsamkeit zum Ausdruck kam. Dies wäre einer späten Würdigung der Rolle der slowenischen Bevölkerung in der Geschichte Kärntens und Österreichs gleich gekommen, die dieser oft schlecht gedankt wurde (man denke an die ausschlaggebende Befürwortung des Verbleibs bei Österreich bei der Volksabstimmung 1920 durch die slowenische Bevölkerung sodann an den politisch zwar wenig gewürdigten Widerstand gegen das NS-Regime, der im Sinne der Moskauer Deklaration von 1943 aber wesentlich dazu beitrug, dass Österreich von den Alliierten die staatliche Souveränität zugesprochen wurde). Die im Staatsvertrag übernommene Verpflichtung Österreichs gegenüber der slowenischen Sprachgruppe wurde nur sehr mangelhaft umgesetzt, so dass die Assimilationsprozesse fortschritten und fortschreiten. Positive Akzente wie etwa der Umstand, dass auch deutschsprachige Familien ihre Kinder in zweisprachige Schulen einschreiben, verweisen zugleich auf zarte Pflänzchen eines wachsenden Interesses aneinander.

Der von der Regierungskoalition SPÖ-ÖVP-Grüne mitgetragene Entwurf für die neue Landesversammlung war gerade durch die beanstandete und nun getilgte Formulierung von großer symbolischer Bedeutung, weil die slowenische Bevölkerung als gleichberechtigtes politisches Subjekt genannt wurde, aber eben nicht von den deutschsprachigen Mitbürgerinnen und -bürgern abgespalten, sondern ungezwungen und wie selbstverständlich aufgenommen in ein gemeinsames Konzept von ausdrücklich deutsch- und slowenischsprachigen “Landsleuten”. Diese explizite Mitnennung und Sichtbarkeit der slowenischen Sprachgruppe ist nun in der Formulierung “aller Landsleute” vermieden worden.

Die nunmehrigen Änderungen der Landesverfassung mit der Betonung, dass Deutsch die einzige Landessprache ist, laufen auf eine Abstufung zwischen den zwei Sprachgruppen hinaus. Dies macht deutlich, wie weit die Rechte der österreichischen slowenischen Minderheit beispielsweise gegenüber jenen der deutschsprachigen und ehemals österreichischen Minderheit in Südtirol/Italien hinterherhinken, wo die Gleichstellung der Sprachen auch als Gesetzessprache und umso unbestrittener auch als Landessprache verfassungsrechtlich verankert ist. In der neuen Landesverfassung für Kärnten/Koroška war eine gleichberechtigte symbolische Nennung offenbar schon zu viel. Dies ist ein Rückzug von der Beherztheit im ursprünglichen Entwurf für die neue Landesverfassung.

Angesichts der vielfältigen Herausforderungen in migrantisch geprägten Gesellschaften ist die historisch gegebene, sprachliche und kulturelle Pluralität Kärntens für ganz Österreich und darüber hinaus eine Ressource, die nicht durch glättende Formulierung möglichst zum Verschwinden, sondern selbstbewusst sichtbar und damit politisch und gesellschaftlich fruchtbar gemacht werden sollte. Die deutsch- und slowenischsprachige Bevölkerung Kärntens verfügt dank ihrer Geschichte ethnischer Feindseligkeiten, Ab- und Ausgrenzungen, Entrechtungen und Behauptungskämpfen über wertvolle Erprobungen von Konfliktüberwindung und Zusammenleben, die für moderne europäische Migrationsgesellschaften einen Erfahrungsschatz im Umgang mit Ethnizität und Diversität darstellen.

Hans Karl Peterlini, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung (IfEB), Abteilung interkulturelle Bildung

Cristina Beretta, Universität Klagenfurt, Institut für Slawistik

Klaus Schönberger, Universität Klagenfurt, Institut für Kulturanalyse

Bettina Gruber, Universität Klagenfurt, IfEB, Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung

Viktorija Ratkovič, Universität Klagenfurt, IfEB, Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung

Barbara Maier, Universität Klagenfurt, Kulturagenden

Kornelia Tischler, Universität Klagenfurt, IfEB, Abteilung für Schulpädagogik

Peter Gstettner, Universität Klagenfurt, IfEB (i.R.)

Reinhard Kacianka, Institut für Kulturanalyse, internationale Beziehungen

Jasmin Donlic, Universität Klagenfurt, IfEB, Abteilung interkulturelle Bildung

Marion Hamm, Universität Klagenfurt, Institut für Kulturanalyse

Jutta Steininger, Kunsthistorikerin

Karin Schorm, Universität Klagenfurt

Tina Perisutti, Universität Klagenfurt

Vladimir Wakounig, Universität Klagenfurt, IfEB, Abteilung interkulturelle Bildung (i.R.)

Alice Pechriggl, Universität Klagenfurt, Institut für Philosophie

Doris Moser, Universität Klagenfurt, Institut für Germanistik

Liepold Ute, Universität Klagenfurt, Institut für Kulturanalyse, Regisseurin

Bernd Liepold-Mosser, Stadttheater Klagenfurt, Regisseur

Mark Schreiber, Universität Klagenfurt, Institut für Anglistik und Amerikanistik

Thomas Hainscho, Universität Klagenfurt, Institut für Philosophie

Sandra Hölbling-Inzko, Universität Klagenfurt, Institut für Kulturanalyse

Marija Wakounig, Universität Wien, Institut für Osteuropäische Geschichte

Janine Schemmer, Universität Klagenfurt, Institut für Kulturanalyse

Samo Wakounig, Universität Klagenfurt, IfEB, Abteilung Systematische und Historische Pädagogik

Martin Hitz, Universität Klagenfurt, Vizerektor für Personal, Institut für Informatik-Systeme

Terezija Wakounig, Wien/Dunaj-Müllnern/Mlinče

Simone Egger, Universität Klagenfurt, Institut für Kulturanalyse

Irene Cennamo, Universität Klagenfurt, IfEB, Erwachsenen- und Weiterbildung

Ute Holfelder, Universität Klagenfurt, Institut für Kulturanalyse

Georg Gombos, Universität Klagenfurt, IfEB, Interkulturelle Bildung

Zahra Mani, Universität Klagenfurt

Gerhard Katschnig, Universität Klagenfurt

Brigitte Hipfl, Universität Klagenfurt, stellv. Dekanin Fakultät für Kulturwissenschaften

Siehe auch:

Discriminaziun Kohäsion+Inklusion Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Recht | | Hans Karl Peterlini | Salto | Koroška-Kärnten | ÖVP SPÖ Vërc | Deutsch

Feuernacht: la verità non c’è.

Non ho intenzione di entrare nel merito della discussione sugli attentati dinamitardi del 1961, perché è un tema che ho sempre sentito lontano dalla mia sensibilità e dunque, lo ammetto, non ho mai approfondito a sufficienza. Fosse stato possibile, avrei volentieri fatto a meno di toccare la questione, ma le modalità con cui viene discussa in sede pubblica mi «impone» una breve riflessione.

Come ha scritto Franceschini sulla Tageszeitung di qualche giorno fa (edizione di pentecoste), c’è chi sta tentando di imporre una presunta verità storica che non esiste. Storici di «prima classe», come Steininger e Steurer, sostengono la tesi che gli attentati della «Feuernacht» furono perfettamente inutili, se non addirittura controproducenti. Chi, come Hans Karl Peterlini o lo stesso Franceschini, sostiene tesi più frastagliate, esprime dubbi senza giungere a un giudizio definitivo, tranciante, viene di fatto relegato in «seconda classe».

Ora, mi sembra ovvio che un giudizio cristallino su un periodo storico talmente intricato, durante il quale si sovrapposero attori e interessi difficilmente analizzabili per compartimenti stagni, sarebbe possibile esclusivamente nel caso in cui venissero trovate prove veramente inconfutabili.

Nessun politico serio ammetterebbe che gli attentati siano serviti a qualcosa, per evitare di giustificare e favorire l’uso della violenza. Man non esistono nemmeno documenti segreti e «declassificati» a sostegno di una o dell’altra tesi.

Non essendoci nessun documento e nessuna testimonianza sufficientemente autorevole da poter confermare un’influenza (positiva o negativa) degli attentati sulla politica, e non essendoci nemmeno la certezza che quegli avvenimenti eclatanti non abbiano (direttamente o indirettamente) influenzato le trattative, e fosse anche uno solo dei partecipanti, le tesi degli storici rimangono per forza tali — delle tesi.

È perfettamente legittimo che gli storici si facciano un’opinione e la difendano, anche appassionatamente, o che una società si faccia un’idea e dia un giudizio politico e morale su ciò che è avvenuto cinquant’anni fa. Ma bisogna sempre diffidare da chi vuol imporre una verità senza avere prove sufficienti.

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Cusanus-Akademie: Termine.

Von Sentieri Interrotti/Holzwege übernehme ich auf Gabrieles Vorschlag folgende Terminhinweise für Brixen:


Hans Karl Peterlini, Journalist, Bozen
Cusanus-Akademie, Brixen
Dienstag 03.03.2009, 20:00 Uhr

Die Politik geht mit vielem auf Stimmenfang. Mit Geschenkartikeln, mit Versprechungen, aber vor allem mit einem: mit Sprache.
“Die Politik ist das Paradies zungenfertiger Schwätzer”, so sah es der Literat George Bernard Shaw. Auch wer es nicht ganz so zynisch und negativ ausdrücken möchte, muss eines zugeben: Ob in einer Wahlrede, bei einem Fernsehauftritt oder bei der Wahlwerbung, PolitikerInnen möchten mit dem, was sie sagen, positive Gefühle auslösen, Eindruck machen, überzeugen. Schließlich befinden sich PolitikerInnen – vor allem, aber nicht nur in Wahlkampfzeiten – in einem ständigen “Bewerbungsgespräch” mit ihren potentiellen WählerInnen.
Welche sprachlichen Strategien wenden PolitikerInnen an, um ihre Ziele zu erreichen? Das Ohr nah am Volk, der Mund ebenso? Oder vielleicht doch lieber Worte, die gut klingen, aber wenig sagen? Und welche Muster und Denktraditionen verbergen sich hinter den Worten?
Hans Karl Peterlini hat sich die Sprache der Politik in Südtirol genauer angeschaut, insbesondere den Wahlkampf der letzten Landtagswahl und wird über seine Eindrücke auch aus tiefenpsychologischer Sicht berichten.


Anatomie des “disagio”/ Anatomia del “disagio”
Cusanus-Akademie, Brixen
Donnerstag, 05.03.2009, 20:00 Uhr

Referate und Diskussion / Relazioni e discussione:
Lucio Giudiceandrea + Mauro Minniti
Einführung und Moderation / Introduzione e moderazione:
Gabriele Di Luca

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Interview mit HKP.

Gerne übernehme ich, auf Étrangers Anregung, dessen Gespräch mit Hans Karl Peterlini in originalsprachlicher Fassung. Hier geht es zum übersetzten Text, so wie er in der Lokalbeilage des Corriere della Sera erschienen ist.

Hans Karl Peterlini, scrittore di confine.

Che cosa distingue un giornalista da uno scrittore? Apparentemente la risposta è facile. Il primo scrive articoli che durano il tempo di una veloce lettura, prevale un contenuto informativo, e il giorno dopo sono già quasi dimenticati. Gli articoli di un giornale sono “foglie destinate a perdersi sull’acqua”, diceva sornione Umberto Eco. Uno scrittore invece scrive dei libri, cioè oggetti culturali generalmente più “solidi”, fatti per durare, e nei quali si allude ad una stratificazione di senso che il linguaggio artistico della prosa dovrebbe rendere manifesto. Ovviamente la distinzione appena tracciata è molto labile. Il confine tra i due profili poroso. Esistono giornalisti che hanno scritto bellissimi libri e scrittori che sono abilissimi giornalisti. Si possono leggere articoli stratificati e densi come una pagina di un romanzo e libri che presentano una tale facilità di esecuzione e sono così ricchi d’informazioni da risultare fluidi come un articolo di giornale. Hans Karl Peterlini è sicuramente un autore per il quale è possibile affermare che il confine tra giornalismo e letteratura sia particolarmente sottile. Anzi, considerato il suo prevalente ambito d’interessi (la storia locale), bisogna aggiungere che egli rappresenta uno scrittore di confine tout court. Per questo motivo sarebbe anche auspicabile che i suoi libri venissero tradotti in italiano e resi così accessibili ad un pubblico più vasto.

Hans Karl Peterlini, sei noto come giornalista (hai guidato per anni la redazione del settimanale “FF”) e come autore di libri sulla recente storia del Sudtirolo. La sensazione è che queste due attività  non si siano sviluppate completamente in parallelo, ma che dalla prima sia progressivamente sbocciata la seconda. Si tratta di un’impressione sbagliata?

Nein, der Eindruck stimmt, wenngleich das Bedürfnis nach Vertiefung von Anfang an da war. Mein erstes Buch habe ich 1992 geschrieben, das war “Bomben aus zweiter Hand”. Ich stand damals mehrere Jahre ziemlich ausgesetzt an der Front der Ermittlungen und Recherchen zu den Attentaten der 80er Jahre, eine Enthüllung jagte die andere, vor allem als die Affäre Gladio platzte. Der Überblick ging verloren. Ich habe mein Buch immer nur “Dokumentation” genannt, ich hatte einfach das Bedürfnis besser zu verstehen, klarer zu sehen, die Dinge in einen größeren Rahmen zu stellen. Und dieses Bedürfnis wurde umso größer, je stärker der Haupttrend im Journalismus – mit einigen löblichen Ausnahmen – in Richtung schneller, hektischer, oberflächlicher Information ging. Die Kollegen begannen zu witzeln, dass meine Artikel immer länger würden – das Buch ist da eine geeignete Form. Allerdings hat auch mein Verleger Gottfried Solderer jüngst schon gescherzt, wenn ich von 200 Seiten spreche, müsse er vorsichtshalber mit 400 kalkulieren. Ich möchte einfach die Themen ernst nehmen, die ich behandle.

Anche alla luce della tua esperienza di caporedattore di una testata che ha sempre cercato di esercitare il diritto/dovere della critica, come caratterizzeresti il panorama editoriale sudtirolese?

Südtirol trägt an einem Fluch, der zugleich seinen Reiz ausmacht: es ist ein sehr, sehr kleines Land. Ein Mikrokosmos, wunderbar zu erforschen und zu erzählen, hier lässt sich Geschichte, lässt sich Soziologie, lässt sich Politik, lässt sich Konfliktarbeit wie in einem Reagenzglas betrachten, man kann ins Kleine gehen, kann vertiefen. Aber es gibt es ein Aber. Für alles, was man hier macht, sind die Grenzen sehr eng gezogen. Der Markt ist klein, das Themenangebot ist klein, die politische Bühne, über die der Journalismus schreibt, ist ein Billardtisch, die Kugeln, die darauf herumrollen und sich stoßen, sind immer dieselben, die Werbekunden sind dieselben Leute, über die man schreiben sollte. Auf der einen Seite bringt dies das Risiko einer ständigen Selbstüberschätzung dessen, was hier passiert, eine Aufblähung. Und andererseits herrscht Erstickungsgefahr. Deshalb finde ich jede Anbindung Südtiroler Medien an größere Realitäten wichtig. Der Corriere ist für mich ein wichtiges Experiment, auch wenn es zugleich alle Schwierigkeiten des Marktes offensichtlich macht. Südtirol ist wie jeder Regionalmarkt, die Platzhirsche grasen alles ab, für den Rest bleiben ein paar Heubüschel.

In Sudtirolo, terra plurilingue, a qualcuno viene ogni tanto in mente di pubblicare un “foglio” redatto per l’appunto in più lingue. Questo anche per contrastare il meccanismo di ripiegamento all’interno dei diversi gruppi linguistici che poi, inesorabilmente, porta ad una comunicazione incapace di offrire alla popolazione locale uno specchio nel quale essa possa riconoscersi come appartenente ad uno “stesso” territorio. Che cosa impedisce, a tutt’oggi, la realizzazione di un grande progetto editoriale plurilingue?

Eine kleine Gruppe hat im vorigen Jahr versucht, das Projekt “etcetera” zu lancieren, ausgegangen ist die Idee von Aldo Mazza, Edi Rabini, Toni Colesselli, Reinhard Cristanell und anderen, ich wurde beigezogen und fand die Herausforderung spannend, auch wenn ich selbst nicht mehr “an die Front” zurück möchte. Wir haben eine Angel ausgeworfen, und gemeldet haben sich sehr viele intelligente Leute aus dem Südtiroler Kulturleben, viele junge Leute beider Sprachgruppen – eine viel versprechende Basis. Wer sich nicht gemeldet hat, war bisher leider die Wirtschaft. Anderen Initiativen ist es ähnlich ergangen, denken wir nur, dass Riccardo Dello Sbarba in der FF geschrieben hat und dann nicht mehr ersetzt wurde, ich habe einiges versucht, aber es gelang nicht, eine zukunftsträchtige Basis zu entwickeln. Die deutsche Seite im Alto Adige ist weggespart worden. Es hat wohl auch mit dem Effizienzdrall im modernen Medienwesen zu tun, es gibt immer weniger Bereitschaft von Verlegern, auf eine Idee zu setzen, sie wachsen zu lassen. Das hat früher den großen Journalismus ermöglicht, denn manche Saat braucht Zeit. Heute wird weggespart, was nach einigen Monaten nicht schon Auflagensteigerung oder, noch wichtiger, ein Plus an Inseraten bringt.

Veniamo adesso a considerazioni di carattere storico. Semplificando e riducendo all’osso la questione, possiamo dire che il grande racconto con il quale i sudtirolesi di lingua tedesca hanno interpretato l’evoluzione dell’autonomia è quello di una progressiva emancipazione dalla sfera d’influenza di uno Stato giudicato sempre come “occupante”. Per gli altoatesini, invece, questa stessa evoluzione ha finito per rendere in un certo senso più evidente la loro emarginazione, condensata poi nella formula giornalistica ma anche sociologica del “disagio”. Tu hai cercato di parlare di questa doppia chiave di lettura in un libro: “Wir Kinder der Südtiroler Autonomie”. Qual è il senso della tua analisi?

Das Problem wird gern mit linearer Kausalität betrachtet. Dann heißt es: Die Italiener haben versäumt, auf den Autonomiezug aufzuspringen, jetzt schauen sie hinterher, selber schuld. Und umgekehrt: Die Deutschen haben uns übervorteilt, sie haben uns mit der Autonomie zur Minderheit gemacht. Wir wissen aus den Sozialwissenschaften, dass solche Entwicklungen zirkulär sind, dass das Ei nicht nur das Produkt der Henne ist, sondern auch deren Ursprung. Versäumnisse, Übervorteilungen, Ausgrenzungen und Selbstausgrenzungen gehen Hand in Hand. Mit der Schuldfrage kommen wir nicht weiter. Die Frage muss lauten: Was können die Deutschen gewinnen, wenn sich die Italiener auch wohl fühlen in der Autonomie? Was können die Italiener gewinnen, wenn sie sich auf die Geschichte, die Kulturen, die Sprachen dieses Landes einlassen. Im Grunde tragen wir an einer doppelten Erblast: Die Deutschen mit dem Andreas-Hofer-Erbe, dieses Land gegen alles Fremde verteidigen zu müssen, die Italiener mit der Last der Eroberer, die an einem Sieg festhalten, um sich hier daheim fühlen zu können, während das Loslassen des Sieges ihnen das Land viel leichter öffnen würde. Im Grunde halten sich ein Verteidigungsmythos und ein Eroberungsmythos gegenseitig in Schach. Mythen sind große Erzählungen, mit denen nach Freud kollektive Traumata nur “schief geheilt” werden. Das Gegenmittel wäre die kleine Erzählung: wo kommen wir her, warum sind wir aus der Basilicata, aus Umbrien, aus Latium hierhergekommen, warum hatten wir dort keine Heimat, und warum zog meine Familie vom Berghof herunter, warum wanderte sie aus, warum sprengten unser Väter Masten in die Luft. Sich gegenseitig die eigene Vergangenheit erzählen ist der Ausweg aus der Schuldzuweisung. Das wäre mein Traum nach dem Journalismus: in Bozen eine Erzählgruppe zu bilden, mit Menschen aller Gruppen – Einwanderer eingeschlossen –, die sich ihre Herkunft und ihr Hiersein erzählen.

Alla fine dell’anno appena trascorso, hai dato alle stampe due libri incentrati su due personaggi che hanno caratterizzato il percorso dell’autonomia sudtirolese: Silvius Magnago e Hans Dietl. Leggendoli se ne ricava l’idea che sotto la superficie della storia ufficiale permanga come uno strato di possibilità latenti, che non sono giunte ad esprimersi compiutamente. Puoi cercare di illustrare questa relazione?

Magnago und Dietl sind beide Väter und Opfer des Autonomiekampfes, der unglaublich viel menschliche Kraft verschlissen hat, der Aufopferung von persönlichem Lebensglück für einen politischen Kampf verlangt und gekostet hat. In Magnago ist diese große Anstrengung zum Erfolg, zum Licht gelangt, in Dietl ist sie im Dunkeln geblieben. Die beiden hatten eine gemeinsame Herkunft, Jugend im Krieg, Hoffnung auf Befreiung Südtirols durch Hitler-Deutschland, schwere Enttäuschung, Kriegsverletzungen, ein Aufraffen nach dem Krieg im Kampf um die Autonomie. Magnago hat all dies gewissermaßen in “seinem” Paket sublimieren können, damit erlebte er einen großen Erfolg, aber letztlich auch wieder eine Einschränkung, wie immer, wenn eine Vision wirklich wird. Dietl musste seine Lebenskraft umwandeln, und es ist ihm etwas großes Unverwirklichtes gelungen, die Begründung einer Südtiroler Oppositionskultur und eines linken Patriotismus, den es in Südtirol nie gegeben hat, während er im Baskenland eine immense, wenn auch ebenfalls unterdrückte Kraft darstellt. Das Verwirklichte und das Unvollendete – dieses Nebeneinander erzählen zu können, war ein schönes Geschenk.

Hai dedicato due libri anche al tema degli attentati (“Bombenjahre”, il più recente). Qual è l’eredità di quella stagione di tensione? In che modo ha influenzato il successivo corso degli eventi?

Für mich gehören die Attentate zur Autonomiegeschichte, sie lassen sich nicht herausoperieren wie ein böses Geschwür. Damit will ich sie nicht rechtfertigen, sondern darstellen: Was hat junge Leute bewogen, in den Untergrund zu gehen, das waren die Hoffnungen, die sie hatten, was waren die Missverständnisse, denen sie erlegen sind? Und: Wie “gut” die Gewalt auch gemeint war, sie trug – wie jede Gewalt – den Keim der Eskalation durch staatliche Gegengewalt, durch Steigerung der Mittel auf Seiten der Gejagten und Gefolterten, durch Gegenterror und Geheimdienstmanöver leider von Anfang an in sich. Viele der Protagonisten jener Zeit waren unglaublich wertvolle Menschen, ich kann sie nicht verurteilen, ich kann nur mit ihnen traurig sein, dass sie keinen anderen Weg sahen.

Proviamo a riguadagnare uno sguardo dall’alto. Come vedi il Sudtirolo tra cinquant’anni? Quali cambiamenti ti auguri?

Am meisten wünsche ich mir eine Verdünnung der Außengrenzen. Südtirol hat sich abgeschottet, zuerst nach Italien, weil von dort alles Böse kam, dann von Nordtirol, von Österreich, weil es sich emanzipieren musste. Das hat uns abgesichert, aber auch klein gemacht und könnte uns provinziell machen. Hier leben zu können und zugleich an den großen Entwicklungen in Europa, in der Welt teilzunehmen, nicht mehr so fixiert sein müssen aufs Südtiroler-Sein – das ist vielleicht gar kein so verwegener Traum, die jüngeren Generationen haben den Kopf freier, scheint mir. Und dann spukt mir noch das alte Tirol im Kopf herum, ein größeres Gebiet, vom Kufstein bis zum Gardasee, dreisprachig, zwischen Deutschen und Italienern ausbalanciert, ein Raum, der atmen könnte, in dem wir europäische Tiroler sein könnten, ohne uns in Deutsche und Italiener, in Trentiner, Südtiroler, Nordtiroler aufspalten zu müssen. Ich glaube, da ist unter bösartigem Nationalismus auf beiden Seiten – denken wir an die Ermordung von Cesare Battisti durch die Österreicher – viel verschüttet worden, was eine neue, nicht mehr nationalistische Perspektive bieten könnte. Die größte Herausforderung dieses Gebietes ist der Umgang mit Fremdheit, zu lernen, dass wir so, wie wir sind, nicht vom Herrgott geschnitzt wurden wie die Grödner Korpusse, sondern selbst aus Wanderung, aus Begegnung, aus Vermischung und Verschmelzung hervorgegangen sind.

Quali sono i tuoi progetti futuri?

Ein Projekt wäre die Erforschung dieses alten Tirols. Und ich möchte weiter lernen, in einem Projekt für ein Forschungsdoktorat an der Universität in Brixen möchte ich den Südtiroler Verteidigungsmythos besser verstehen. Ich möchte Südtirol hinter mir lassen, indem ich mich durch diesen geballten historischen, psychologischen Stoff durcharbeite wie ein Nagetier oder wie ein Maulwurf, in der Hoffnung, irgendwann den Kopf im Freien zu haben. Wir haben hier die unglaubliche Chance zu lernen, wie sich historische Konflikte lösen lassen, wie Mythen umgeschrieben oder zumindest in kleinere Erzählungen gebrochen werden können, wie statt Schuldsuche ein gegenseitiges Zuhören und Erzählen angeregt werden könnte. In diesem Sinne möchte ich ein Erzähler bleiben. Journalismus war für mich immer ein Erzählen, in Zeitungen, in Büchern, vielleicht aber auch unter Menschen, in einem Zelt, auf der piazzetta vor dem Kondominium, in Kaffeehäusern … dieses Erzählen droht der Menschheit verloren zu gehen und sie braucht es mehr denn je.

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