Mehrsprachigkeit in Krisenzeiten.

Der kanadische Sprachgarant (Commissioner of Official Languages) hat sich gestern wegen der derzeitigen Krisenlage mit einer offiziellen Erklärung und einem Aufruf zu Wort gemeldet:

Mit der Covid-19-Pandemie erleben wir gerade eine außerordentliche Zeit. Wie die Mehrheit der Kanadier bin ich über die Situation zutiefst besorgt und möchte die unglaublichen Anstrengungen unterstreichen, die gemacht wurden, um die Gesundheit und die Sicherheit aller Kanadier sicherzustellen.

In diesem Kontext erwartet sich die Bevölkerung, Erklärungen, relevante Anweisungen und Informationen im Interesse der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit zu erhalten, und dies jederzeit in beiden offiziellen Sprachen.

Darüberhinaus müssen die Kanadier im ganzen Land, ungeachtet ihrer offiziellen Sprache und speziell im derzeitigen Kontext, in der Lage sein, die an sie gerichteten Mitteilungen aller Bundesinstitutionen zu verstehen.

Wir haben Beschwerden über die Kommunikation der Bundesregierung während der Pandemie erhalten. Die Tatsachen, die uns zur Kenntnis gebracht wurden, werden gerade von uns untersucht. Außerdem sind wir den Erfordernissen entsprechend mit einigen Bundesinstitutionen in Verbindung.

Jenseits des Amtssprachengesetzes handelt es sich [hierbei] um eine Frage des Respekts und der Sicherheit für alle Kanadier.

Übersetzung:

Es wäre schön, wenn es — gerade in einer Ausnahmesituation wie dieser, die viele Menschen extrem verunsichert — auch in Italien Ansätze des Respekts für die sprachliche Vielfalt des Staates gäbe. Dem ist leider nicht so.

Deutschsprachige Südtirolinnen haben immerhin das »Glück«, dass wenigstens die Landesbehörden zur Zweisprachigkeit angehalten sind. Viele relevante Informationen sind aber dennoch nur in der Staatssprache verfügbar.

Ladinerinnen haben — wie Sardinnen, Friaulerinnen, Sloweninnen u.v.m. — nicht einmal diesen Vorteil.

Wenn die mehrsprachige Routine schon in normalen Lagen fehlt, so kommt sie während einer Krise umso mehr unter die Räder. Genau dann, wenn die Menschen am verletzlichsten sind.

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Kostenlose Menstruationsprodukte.
Vorreiter Schottland

Vor wenigen Tagen genehmigte das schottische Parlament in erster Lesung das sogenannte Period Products (Free Provision) Scotland Bill, auf dessen Grundlage die Abgabe von Menstruationshygieneprodukten schon bald kostenlos werden soll. Rekordverdächtige 112 Abgeordnete stimmten bei einer Enthaltung für die Vorlage, Gegenstimme gab es keine. Damit wird Schottland voraussichtlich das erste Land der Erde, wo Frauen für Tampons und Binden kein Geld mehr ausgeben müssen. In zweiter Lesung wären allerdings noch Änderungsanträge möglich.

Dem Vorschlag zufolge werden die Produkte gegen Vorlage eines Vouchers in öffentlichen Einrichtungen ausgegeben. Unter Beteiligung an den Versandspesen soll auch die Zustellung frei Haus ermöglicht werden.

In vielen Staaten — auch im Vereinigten Königreich — wurde letzthin zwar eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte diskutiert und teilweise umgesetzt. So weit wie Schottland, wo Tampons und Binden schon seit 2018 an Bildungseinrichtungen kostenlos verfügbar sind, ist bisher jedoch noch kein Land gegangen.

Unter anderem verfolgt die soziale Maßnahme, die jährlich geschätzte 24 Millionen Pfund kosten wird, das Ziel, die wirtschaftliche Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zu verbessern und die sogenannte period poverty zu beseitigen.

Siehe auch:

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Dr. Perkmann und die Utopie.
Am Runden Tisch

von Oliver Hopfgartner*

Unlängst wurde in der Diskussionssendung Am Runden Tisch auf Rai Südtirol über die Südtiroler Sanität diskutiert. Eine Aussage von Primar Perkmann machte mich hellhörig und ich wundere mich, dass niemand weiter nachgehakt hat.
Beim Thema der Wartezeiten berichtete die Vertreterin der Südtiroler Jungärzte und Medizinstudenten Elisabeth Reiterer von der Situation in Österreich. In Österreich sind Wartezeiten praktisch inexistent, weil in Österreich sogenannte niedergelassene Fachärzte existieren. Diese betreiben eine Ordination ähnlich wie ein Hausarzt in Südtirol und können nach Zuweisung durch einen Hausarzt facharztspezifische Untersuchungen wie etwa orthopädische Visiten, Ultraschalluntersuchungen, Diabetes-Kontrollen, Augenvisiten, dermatologische Visiten et cetera durchführen. Die erbrachte Leistung wird dann bei der Krankenkasse eingereicht und nach Kassenvertrag honoriert. So wird das Krankenhaus massiv entlastet, ohne dass mehr Kosten entstehen.
Primar Perkmann bezeichnete diese Zustände als utopisch für Südtirol. Diese Aussage wurde einfach unhinterfragt im Raum stehen gelassen.
Warum aber gibt es in Südtirol keine niedergelassenen Fachärzte, die mit der Krankenkasse verrechnen können? Weil der italienische Gesundheitsplan keine niedergelassenen Fachärzte vorsieht. Die Betreuung hat primär in Krankenhäusern und in den Sprengeln zu erfolgen. Es gibt zwar vereinzelt niedergelassene Fachärzte in Südtirol, doch diese muss der Patient aus eigener Tasche bezahlen.
Hier zeigt sich ein enormes Defizit unserer Autonomie. Wir sind gezwungen, uns im Rahmen der italienischen Vorgaben zu bewegen, selbst wenn wir für alle Kosten selbst aufkommen. Warum wurde dieser fehlende Gestaltungsspielraum am Runden Tisch nicht angesprochen?
Aus meiner Sicht gäbe es vielleicht ein Schlupfloch. Womöglich könnte man ein Zusatzangebot schaffen, indem man über die Sprengel Fachärzte anstellt, die Ultraschalldiagnostik und Fachvisiten anbieten. Ein solcher Arbeitsplatz bietet andere Anreize, als eine Stelle im Krankenhaus, da Nachtdienste entfallen und die Arbeitszeit flexibler ist, was vor allem für die immer größer werdende Gruppe an weiblichen Ärzten von Interesse ist. Ich denke, es wäre sinnvoll die Möglichkeiten für so ein Konzept auszuloten.

*) Der Autor ist seit Abschluss des Studiums der Humanmedizin in Graz als Arzt in der Steiermark tätig, zuletzt arbeitete er an der Universitätsklinik für innere Medizin in Graz. Derzeit befindet er sich in Väterkarenz.

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Lleida cancella l’odonomastica franchista.

Con decreto del sindaco, Miquel Pueyo (ERC), la Città di Lleida ha abolito quattro nomi ad altrettante strade sinora dedicate a persone legate al franchismo. Addio dunque alle intitolazioni agli ex sindaci Montaña e Sangenís, a Carmelo Fenech e a Nadal Gaya.

D’ora innanzi le vie porteranno i nomi di quattro donne:

  • Virginia Woolf (1882-1941), scrittrice e femminista ante litteram;
  • Neus Català (1925-2019), antifascista catalana, reduce del campo di concentramento di Ravensbrück;
  • Dolors Sistac (1922-2018), autrice impegnata a favore dell’insegnamento della lingua catalana;
  • Elena Pàmies (1888-1974), pianista, fondatrice della Scuola di musica di Lleida, vittima della repressione franchista.

L’assessora all’Educazione, Cooperazione, Diritti civili e Femminismo di Lleida, Sandra Castro (ERC), sottolinea come le quattro donne rappresentino dei veri e propri punti di riferimento nei rispettivi ambiti e che dunque possono essere considerate degli esempi da seguire per le donne e le ragazze di Lleida. Dal canto suo il sindaco del capoluogo di provincia ha ringraziato gli storici e la Plataforma Lleida Lliure de Franquisme (Piattaforma Lleida Libera dal Franchismo) i cui consigli sono stati tenuti in considerazione nella ridefinizione delle denominazioni.

Si è optato di non cambiare nome alla via Lluís Besa, la cui supposta partecipazione al colpo di stato contro la Repubblica non si sarebbe confermata.

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Il Québec promuove la toponomastica autoctona.
Progetto opposto a quello della falsificazione

In Canada, e in Québec, un numero immenso di toponimi ufficiali è di origine autoctona e dunque, non raramente, di difficile pronuncia per la stragrande maggioranza degli abitanti, che sono di lingua inglese o francese.

Certo, per rendere la vita più semplice a tutti si potrebbe procedere a un progetto di falsificazione culturale come quello i cui effetti, da quasi un secolo, ci accompagnano in Sudtirolo, traducendo centinaia di migliaia di denominazioni. Tuttavia in Canada, come in altri paesi avanzati — e in ossequo a quanto raccomandano le Nazioni Unite —, si è scelto di intraprendere il percorso opposto, ovvero di restituire le forme storicamente stratificate anche a molti toponimi riferiti a insediamenti preesistenti all’avvento degli europei.

Per meglio promuovere e preservare un patrimonio culturale importante come quello dei nomi, in occasione dell’Anno internazionale delle lingue autoctone (2019) la Commission de toponymie del Québec ha deciso di dare il via a un nuovo e ambizioso progetto di valorizzazione e di diffusione: in collaborazione con l’Istituto culturale Avataq, la Banca dati dei nomi di luogo del Québec è stata dotata di 125 registrazioni audio con la pronuncia di altrettanti toponimi, percorso che secondo le intenzioni dovrà culminare nella dotazione di tale funzionalità di tutte le oltre 12.500 denominazioni autoctone attualmente ufficialmente riconosciute.

Come la «traduzione», anche quello messo in atto dalla Commission de toponymie è uno sforzo per rendere pronunciabili i toponimi a chi — ad esempio — non è abituato a certe combinazioni di suoni, ma parte da presupposti totalmente diversi, improntati al profondo rispetto per un patrimonio culturale di valore inestimabile.

E questa è una vera e propria lezione per il Sudtirolo, dove spesso sono tacciati di revanscismo, se non di arretratezza culturale, coloro che chiedono l’abolizione o almeno la drastica riduzione dei toponimi imposti in epoca fascista. Mentre coloro che si ritengono particolarmente aperti e progrediti non di rado propongono addirittura ulteriori traduzioni.

Il Canada invece non esita a rinunciare all’inglese e al francese, due lingue di diffusione mondiale, per lasciare (e in alcuni casi restituire) maggiore spazio e dignità alla toponomastica storicamente stratificata.

Vedi anche:

Comparatio Lingaz Minderheitenschutz Ortsnamen Recht | Best Practices Good News | | | Canada Québec Südtirol/o | UNGEGN | Italiano

Kostenlose Sprachkurse für alle.
Québec

In Québec könnten Französischkurse schon bald für alle, die ihren Hauptwohnsitz in der Provinz haben, kostenlos werden. Das ist der Vorschlag der wichtigsten Oppositionspartei, der Parti libéral du Québec (PLQ), der bei Ministerpräsident François Legault (CAQ) auf offene Ohren stößt. Die Maßnahme soll demnach nicht mehr — wie bisher — auf Zuwandernde aus dem Ausland beschränkt sein, damit auch Anglophone aus Kanada in den Genuss der kostenlosen Sprachkurse kommen. Ihre Französischkenntnisse reichen heute Erhebungen zufolge vielfach nicht aus, um ein Alltagsgespräch zu führen.

Siehe auch:

Bildung Kohäsion+Inklusion Migraziun Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik | affirmative action Best Practices | | | Canada Québec | | Deutsch