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Kontraste — einfach zum Nachdenken.

von Sabina Frei, Netzwerk für Partizipation

In der Wochenendausgabe der TAZ ging es um die Pasdera-»Studie«, eine banale (wenn vielleicht auch aufwändige) Kosten-/Leistungsrechnung, so scheint es. Schlichte Gemüter finden das offenbar eine ausreichende Basis, um ein qualitatives Urteil über das Gesundheitswesen abzugeben, es ist die Rede von »besseren« und »schlechteren« Abteilungen/Primariaten. Aufgrund quantitativer Daten, die den Aufwand an materiellen Ressourcen berücksichtigen — der wegweisende Schlüsselbegriff ist »Produktivität« (!). Und wieder einmal wird Effizienz mit Wirksamkeit verwechselt. Umso fataler, wenn es um Gesundheit(sdienste) geht. Das was ich mir als Nutzerin erwarte, ist nicht die Produktivität des Gesundheitswesens, sondern es geht mir primär um dessen Wirksamkeit. Der Kostendiskurs ist wichtig, ohne Zweifel. Aber er kann nicht isoliert betrachtet und derart überhöht werden.

Heute Mittag höre ich zufällig eine Sendung auf Radio Uno, bei der es um »Narrative (oder sprechende) Medizin« geht. Medizinisches Personal und PatientInnen kommunizieren auf Augenhöhe, es geht ums Zuhören und Verstehen unterschiedlicher Positionen und Expertisen und darum, Krankengeschichten in einen umfassenden Kontext zu setzen. Mit dem Ziel einer menschenwürdigen, wirksamen und effizienten Gestaltung von Behandlungsverläufen und Gesundheitsdiensten.

Größer könnte der Kontrast kaum sein: auf der einen Seite eine blanke Kostenrechnung, auf der anderen das Wissen darum, dass Gesundheit nur holistisch verstanden werden kann.
Gesundheit Medien Mitbestimmung Service Public Soziales Wirtschaft+Finanzen | | Sabina Frei | Rai TAZ | | | Deutsch

23 replies on “Kontraste — einfach zum Nachdenken.”

Die Unterschiede zwischen dem Gesundheitssystem in Deutschland und in Italien sind groß: bei uns ein “Servizio Sanitario Nazionale”, der einmal (zumindest) in seinen Ansprüchen universalistisch war und jetzt in eine unvollkommene und regional unterschiedlich ausgeprägte “Verbetrieblichung” abgedriftet ist, in Deutschland ein Kassensystem, das nach grundlegend anderen Logiken funktioniert und unter anderem zu den geschilderten Schwierigkeiten geführt hat.
Das was mir im zitierten Bericht zentral scheint, ist ein Hinschauen auf die Qualität der erbrachten Leistungen. Aber auch da gibt es durchaus differenzierte Herangehensweisen: geht es um eine rein evidenzbasierte Medizin oder geht es um ein verflochtenes Qualitätskonzept, das auch “narrative” Faktoren berücksichtigt, wie z.B. jene der Miteinbeziehung von NutzerInnen nicht als BewerterInnen der ihnen vorgesetzten Gesundheitsprodukte in einer Konsumlogik, sondern als gleichberechtigte (weil direkt betroffene) MitgestalterInnen von Behandlungsverläufen und Organisationsmodellen?

Hören wir nicht immer wieder, dass die rein wissenschaftlich völlig wertlose Homöopathie (weil ohne nachweisbare Wirkung) gerade deshalb so »erfolgreich« ist und massenweise Menschen in ihren Bann zieht, weil der Homöopath für gewöhnlich etwas anbietet, was die Schulmedizin vielfach verlernt hat — nämlich das direkte Gespräch mit dem Patienten, der Patientin? Und wir in Südtirol wollen jetzt krisengetrieben auch noch das wegrationalisieren, was von einem ganzheitlichen Ansatz noch in unserem Gesundheitswesen übriggeblienben ist? Das ist doch pervers…

Medizinische Leistungen der Schulmedizin werden nach wirtschaftlichen Vorgaben rationalisiert und dadurch tritt eine Medizin die den Menschen holistisch betrachtet in den Hintergrund.
Ist eine Reaktion darauf sich der Homöopathie und Impfgegnerschaft zuzuwenden nicht ein Rückschritt ins Mittelalter in eine selbstgewählte Unmündigkeit? Zudem unsolidarisch?
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/bekaempfung-von-krankheiten-wer-sich-nicht-impfen-laesst-handelt-unsolidarisch-1.2185731
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/psychologie-der-impfgegner-meinungen-schlagen-argumente-1.2257172

ja das wäre es. ein rückschritt ins mittelalter. uns muss nur klar sein, dass eine holistische schulmedizin nahezu unschlagbar ist. eine ordentliche anamnese gepaart mit therapien, die einen wirkungsnachweis vorweisen können. das kann jedoch ein rein ökonomisch orientiertes gesundheitswesen nicht leisten.

Ganz genau. Ich halte nichts von Homöopathie… gerade deshalb bin ich der Meinung, dass wir den so wichtigen ganzheitlichen Ansatz nicht (nur mehr) den HomöopathInnen überlassen sollten.

eine ordentliche anamnese gepaart mit therapien, die einen wirkungsnachweis vorweisen können. das kann jedoch ein rein ökonomisch orientiertes gesundheitswesen nicht leisten

Ein wirtschaftliches Gesundheitsystem wird auf Kosteneffizienz achten und somit logischerweise sich nicht (falls es denn wie hier dargestellt wirklich so gut für die Genesung ist) auf ganzheitliche Betrachtung/ Fürsorge verzichten.

@Liberté du hast grundsätzlich Recht, wenn du sagst, dass der Effizienzbegriff (eigentlich) jenen der Wirksamkeit (also der Effektivität) miteinschließt. Gleichzeitig ist es aber so, dass Effizienzdiskurse im Gesundheits- und Sozialbereich eine starke Schlagseite in Richtung Produktivität haben (so auch in dieser Pasdera-Diskussion) und dass jene “weichen” (verkürzender Begriff, aber er wird nun mal verwendet) Faktoren, die wesentlich zur Wirksamkeit beitragen, weitgehend außer Acht gelassen werden.

Diese werden vor allem deshalb außer acht gelassen da es sich nicht um einen freien Wettbewerb handelt, die volle Dimension, und auch die Verantwortlichkeit, ist den handelten Politikern nicht bewusst. Sie agieren als starre Verwalter entkoppelt von den üblichen Marktgesetzen.

Ob die “weichen” Faktoren in einem freien Wettbewerb mehr zum Tragen kommen würden, wage ich zu bezweifeln. Aber damit wären wir dann wieder bei unserer Grundsatzdiskussion, von liberal zu sozial & wieder zurück, sozusagen :-).

Die Kunden* sind mir jetzt mal egal, da es mir darum ging aufzuzeigen dass der freie Markt darauf achtet.

*ich bin mir durchaus des Bedarfes einer geschlechtergerechten Sprache bewusst, leider kann mich kein Konzept überzeugen, deshalb verzichte ich darauf.

Das hab ich verstanden, der Punkt ist aber trotzdem, wer Zugang zu Gesundheitsleistungen auf dem freien Markt hat und wer nicht. Für mich ist wesentlich, dass die Basisversorgung im öffentlichen Gesundheitswesen “ganzheitlichen” Kriterien entspricht. Und das wäre durch eine (quasi-)Marktsituation mittels Akkreditierung von privaten Anbietern noch lange nicht garantiert, im Gegenteil…da gibt es eine Reihe von eklatanten Beispielen aus der Nachbarschaft, z.B. Lombardei…
PS Ja, das mit der gendergerechten Sprache ist ein Kreuz und für eine Sprachästhetin ist das Binnen-I eine echte Zumutung, also einfach Kundin schreiben, das ist schon OK ;-)

Ich bleib (vorerst) dabei, und behaupte mal bei diesen Beispielen wurde, da quasi Monopol, „geschlampt“.
Die Basisversorgung kann ja durch Voucher etc. geregelt werden.
Falls es, wie bei allen, natürliche Monopole, die Bezirkskrankarnhäuser wären ein Beispiel, gibt so ist, zumindest, die Infrastruktur durch die öffentliche Hand zu schaffen.
Hier kann die private Trägerschaft, mit regelmäßigen Ausschreibungen, eine Option zur implantation des ganzheitlichen Ansatzes sein, muss aber nicht.
Was aufjedenfall schiefgehen wird sind Politiker*innen die, anstatt qualifizierter Fachkräfte, entscheiden.

Das mit dem Voucher-System bei der Basisversorgung wurde im Gesundheitswesen in der Lombardei versucht, mit desaströsen Effekten. Die sind nur zum Teil dem System „an sich geschuldet“, aber zum Teil auch diesem. Die Implementierung von Voucher-Systemen in Verbindung mit Basisversorgung ist per se nicht unmöglich, aber auf jeden Fall zu problematisieren. Die Frage ist auch hier immer wieder jene, ob Akkreditierungssysteme mit umfassenden Qualitäts(sicherungs)maßnahmen verknüpft werden und auch, ob das Voucher-System im jeweiligen Kontext sinnvoll ist, weil es eine *effektive* Wahlfreiheit bietet oder ob es sich ausschließlich um eine Umwegprivatisierung handelt, mit der man der Kostensteigerung Herr werden will.
Zu den EntscheidungsträgerInnnen: ich möchte eigentlich nicht, dass politische Entscheidungen (und in diesem Fall handelt es sich um politische Entscheidungen) *ausschließlich* von Fachkräften getroffen werden. Es gibt eine Reihe von AkteurInnen, die in diesen Diskurs ihre je eigene Expertise einbringen können, dazu zählen PolitikerInnen, BürgerInnen, Fachkräfte, WissenschaftlerInnen…

Exzellentes Interview, das Peter Trenkwalder für Salto mit dem Schweizer Gesundheitsökonomen Willy Oggier geführt hat. Danke an die Sterzinger, die ihn hierher nach Südtirol eingeladen haben.

Oggier sagt, dass die Pasdera-Studie für die Katz‘ ist, weil man nicht ein großes Krankenhaus in der Ebene mit einem Kleinkrankenhaus am Lande vergleichen kann und weil man die quantitative nie losgelöst von der qualitativen Ebene betrachten darf; dass uns Privatisierung und Wettbewerb in diesem Bereich nicht weiterhelfen; und schließlich, dass wir die Kleinkrankenhäuser in Zukunft sogar mehr brauchen werden, als in der Vergangenheit. Ohne Versorgungssicherheit werde es bald wohl auch keine Industriebetriebe, Gastbetriebe und andere wirtschaftliche Strukturen mehr geben.

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