»Kulturhauptstadt« 2019 — eine Kritik.

von Thomas Benedikter*

Wie von ihren Präsidenten am 1.10.2010 beschlossen, bewerben sich die Regionen Venetien, Friaul-Julisch Venetien, die Provinzen Südtirol, Trentino und Venedig und die Stadt Venedig gemeinsam um den Titel “Europäische Kulturhauptstadt 2019”. Offiziell heißt dieses jährlich seit 1985 von der EU verliehene Siegel noch so, weil es tatsächlich in der Regel an Städte verliehen wird — auch bis 2015 sind wieder Städte dran —  während die Kulturregion Ruhrgebiet 2010 bisher eine Ausnahme war. Nun stimmen unsere Kulturpolitiker die Öffentlichkeit auf dieses sonderbare Projekt ein und Kulturprofis machen sich munter ans Werk, die Bewerbung mit Inhalt zu füllen. Wenn es dazu kommt, wäre nicht nur das Konzept der Kulturstadt gesprengt, sondern auch jenes einer “europäischen Kulturregion” überdehnt, denn diese drei Regionen sind allesamt schon für sich Regionen mit ausgeprägter kultureller Identität. Nichts spricht dagegen, europäische Kulturregionen ins Licht zu rücken, und man hätte 2-3 Jahrhunderte zu tun, um alle vorzustellen.

Was macht aber eigentlich den geografischen Raum Nordostitalien zu einer “Kulturregion”? Es wird kaum reichen, dass dieses Gebiet von 1815 (erstmals von Österreich 1797 annektiert) bis 1866 gemeinsam Teil des k.u.k-Reichs war. Es wird nicht reichen, dass es unter dem Faschismus zum “Triveneto” erklärt worden ist, ein Begriff, der in der italienischen Publizistik immer noch herumgeistert. Auch das verschwommene Konzept von Mitteleuropa gibt zu wenig an Gemeinsamkeit her. Dass es in allen Regionen Sprachminderheiten gibt, ist auch nicht das Verbindende, denn sie spielen zumindest in Venetien fast keine Rolle. Fantasievolle Redner werden gefragt sein, um für die entsprechende Aufladung mit Gemeinsamkeiten zu sorgen.

Also riecht das Ganze doch wieder nach geschickt angelegter Strategie zur touristischen Vermarktung, nach Mitnaschen am Förderungskuchen der EU, nach künstlichen Dachmarken und Plattformen für internationale Bewerbung jenseits jedes klaren Profils. Was wirklich Appetit macht ist die Tatsache, dass laut Statistik europäische Kulturhauptstädte im Schnitt ein Plus von 12% an Touristenzustrom verzeichnen konnten. Hunderte von Veranstaltungen, die ohnehin angesetzt und gut besucht würden, liefen dann eben unter dieser artifiziellen Klammer. Hat Venedig oder Verona das nötig? Braucht Südtirol mit seinen bald 28 Millionen Gästenächtigungen das überhaupt?  In der Internetwerbung der Venezianer für die Kulturhauptstadt (www.nordest2019.eu) wird Südtirol kurzerhand in die “area metropolitana del Nordest” einverleibt, eine Art Hinterland Venedigs, dem die Gäste der Lagunenstadt mal eine Stippvisite abstatten können.

Eine Region der europäischen Öffentlichkeit als “Kulturregion” zu präsentieren und über die EU zu fördern, macht Sinn, wenn sich ihre Bevölkerung einer erkennbar gemeinsamen Identität verbunden weiß. Das Konzept an sich wird ad absurdum geführt, wenn es nur als Destinationsbewerbung dient. Kasslatter-Mur hat denn auch gleich klargestellt, dass es bei der Bewerbung darum geht, sich in diesem Rahmen als deutsche und ladinische Sprachminderheit zu präsentieren. In der Kulturregion, der sich die allermeisten Südtiroler zugehörig fühlen, sind sie aber keine “Sprachminderheit”, nicht umsonst strapazieren unsere Kulturpolitiker das mehrsprachige Südtirol als besondere Realität.

Eine gemeinsame regionale Identität des Nordostens Italiens lässt sich weder erkennen noch aus Marketinggründen herbeireden. Im Gegenteil, die Erfindung einer Kulturregion Nordost lässt eine gewachsene Region in den Schatten treten, die es grenzüberschreitend auch institutionell wieder gibt, die von der EU gefördert wird und darauf wartet, mit mehr Inhalten und Initiativen gefüllt zu werden: die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Warum schafft man in Europa Verwirrung, indem man Südtirol einmal zu diesem Raum schlägt, einmal zum anderen; einmal sich auch kulturell ganz Italien zurechnet, dann wieder in der 150-Jahre-Einheits-Diskussion ganz den eigenständigen Tiroler gibt? Gefragt, ob das zeitliche Zusammenfallen des angepeilten Kulturregion-Jahres 2019 mit dem 100-Jahren Zugehörigkeit zu Italien ein Problem sei, antwortete Durnwalder: “Im Gegenteil, wir wollen auch im Rahmen der Bewerbung zeigen, dass Südtirol ein ganz besonderes Land mit einer entsprechenden Geschichte und Kultur ist” (im Südtiroler Bürgernetz). Mit anderen Worten: man tut sich mit anderen zusammen, um zu zeigen, dass man selbst etwas Besonderes ist.

Siehe auch:

*) Thomas Benedikter ist Wirtschafts- und Sozialforscher in Bozen. Er ist u. a. Autor von »Autonomien der Welt« (Athesia, Bozen 2007) und »The World’s Working Regional Autonomies« (Anthem, London/Neu-Delhi 2007).

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Ladinia: Lega bocciata sul proprio terreno.

La Lega Nord negli anni ha fatto dell’autodeterminazione dei popoli una delle sue bandiere più importanti, alla quale si richiama volentieri per rivendicare l’indipendenza della cosiddetta «Padania». Nel 1998 presentò al Consiglio Regionale del Veneto una risoluzione intitolata «i popoli di ieri e di oggi ed il diritto di autoderminazione», approvata col sostegno di Forza Italia e finalizzata a far esprimere liberamente il «popolo veneto» sul proprio futuro. Evidentemente però le belle parole non bastano, anche quando contenute in atti ufficiali, risoluzioni e mozioni — la coerenza politica si giudica guardando ai fatti.

Ora, l’ordinamento giuridico prevede già  forme di autodeterminazione, purtroppo limitate alle modifiche territoriali e amministrative interne, ponendo inoltre numerosi ostacoli al loro esercizio. Superando grosse difficoltà , tra cui perfino la netta opposizione del presidente Galan (PdL) e forti pressioni esterne, i tre comuni ladini del Veneto — ma storicamente «tirolesi» — riuscirono non solo a organizzare un referendum unitario, ma anche a portare a casa un vasto consenso popolare in favore della riunificazione ladina. Un impressionante 78,86% della popolazione di Cortina, Fodom e Col espresse il proprio consenso all’annessione al Sudtirolo, dal quale il così denominato «Souramont» era stato distaccato in epoca fascista per ovvie ragioni assimilatorie.

La Lega Nord partecipa al governo centrale da maggio 2008, inoltre da aprile di quest’anno esprime il presidente del Veneto — quello stesso Veneto che vide approvare la mozione leghista sull’autodeterminazione — e dunque avrebbe (avuto) la possibilità  di contribuire in maniera decisiva alla realizzazione della volontà  popolare. Invece, non solo non ha mai fatto nulla di tangibile in tal senso, né a livello regionale, né a livello statale, ma per bocca del presidente Zaia ha più volte reso esplicito che del distacco non ne vuole sapere.

Questo è un uso «proprietario» e propagandistico della democrazia, basato sull’egoismo piuttosto che su convinzioni e princà­pi universali.

Vedi anche:

Mitbestimmung Politik Selbstbestimmung | | | | Ladinia Venetien-Vèneto | Lega PDL&Co. | Italiano

»Kultivierter« Faschismus.
Quotation 9

Noch 2008 aber hatte der sich gern kultiviert gebende Mann der rechten Mitte einen durch Naziskins verübten Mord an einem jungen Mann in Verona verharmlost: Er sei weniger schlimm als die Aktionen von Linksradikalen auf der Maifeier desselben Jahres in Turin. Der unanständige Vergleich: Dort waren Fahnen Israels und der USA verbrannt worden, um gegen die Teilnahme Israels an der Turiner Buchmesse zu demonstrieren. Dies sei “viel schlimmer als das, was in Verona passiert ist”, erklärte Fini im Fernsehen.

ff – Südtiroler Wochenmagazin, Ausgabe 32 vom 12.08.2010

Faschismen Politik | Zitać | | ff | Italy Venetien-Vèneto | PDL&Co. | Deutsch

Hinterland von Venedig.

nordest2019.Wie die Tageszeitung in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, hat die Landesregierung beschlossen, dass Bozen sich an der Kandidatur des Triveneto als Europäische Kulturhauptstadt beteiligt. Das Triveneto wurde im Faschismus eingeführt, u. a. um Südtirol in einen größeren, kulturell hegemonischen Kulturraum einzubetten und so leichter zu assimilieren. Dem wäre eigentlich nichts mehr hinzuzufügen — die kulturelle Konzeptlosigkeit und Leere ist derart trostlos und eklatant, dass sie von selbst zum Himmel schreit.

Seit Jahren wird über eine eigenständige Kandidatur Bozens und über eine gemeinsame Bewerbung der Europaregion debattiert, und nun degradieren wir uns mit einer Nacht- und Nebelaktion unserer Regierung freiwillig zum kulturellen Anhängsel Venedigs. »Weil wir auch als Euregio keine Chance gegen Venedig gehabt hätten«, wie der Landeshauptmann in vorauseilender Selbstunterschätzung feststellt. Bozens Bürgermeister Spagnolli ist mit dieser Lösung sehr zufrieden und bezeichnet die Landeshauptstadt (ohne Witz!) als Hinterland der Lagunenstadt. Wir machen uns die zentralistische Kulturauffassung des Faschismus zueigen und bestätigen sie noch 65 Jahre nach Kriegsende — aus freien Stücken.

Ende 2005 hatte ich davon geschrieben, dass die Floskel vom Schnittpunkt der Kulturen nichts anderes bezeichne, als Südtirols Peripherizität in zwei Kulturräumen, ohne ernstzunehmende eigenständige Produktion. Eigentlich hatte ich geglaubt, dass wir — durch das Erstarken zahlreicher hochwertiger Initiativen wie Transart, Festival Bozen und Tanz Bozen, durch die Austragung der Manifesta und die Eröffnung des Museions — die Überwindung dieser dunklen Phase anpeilen. Doch jetzt muss ich zur Kenntnis nehmen, dass zumindest die offizielle Kulturpolitik außerstande ist, diese Realität zur Kenntnis zu nehmen, aufzuwerten und zusammen mit anderen kulturellen Eigenheiten (die Dreisprachigkeit zum Beispiel) selbstbewusst in den Vordergrund zu stellen. Die Landesregierung begreift Südtirol nicht einmal mehr als Schnittpunkt der Kulturen, sondern sogar als kulturelles Hinterland nur einer davon. So präsentieren wir uns der Welt.

Außendarstellung Feuilleton Kunst+Cultura Zentralismus | | Luigi Spagnolli Luis Durnwalder | TAZ | Südtirol/o Venetien-Vèneto | Euregio | Deutsch

Durnwalder ausgepfiffen.

Gestern wurde den Dolomiten bei einem Staatsakt in Auronzo di Cadore (Venetien) der Titel »Weltnaturerbe« offiziell übertragen. Als er nach einer ersten Ansprache in italienischer Sprache auch einige Grußworte auf Deutsch und Ladinisch überbringen wollte, wurde der Südtiroler Landeshauptmann von lauten Pfiffen unterbrochen.

Nachtrag vom 27.08.09. Das darf doch wohl nicht wahr sein: In einem Interview mit dem Corriere dell’A. Adige rechtfertigt der italienische Unesco-Delegierte Giovanni Puglisi die Pfiffe auch noch und kritisiert, dass Durnwalder auf Deutsch gesprochen hat. Die Unverfrorenheit hat damit ein bisher ungekanntes Ausmaß erreicht.

Auszug aus dem Interview:

[…] qualcuno del pubblico ha fischiato il saluto in tedesco di Durnwalder…
Beh, li posso quasi capire.
Scusi?

Emotivamente, li posso capire, anche se ovviamente non giustificare.
In che senso?

Vada per il saluto in ladino, lingua tipica e da tutelare, ma il tedesco… Durnwalder mi ha ricordato Gheddafi [!!!!!!] che arriva in visita a Roma con sul petto le foto dei patrioti morti che hanno lottato per liberarsi dagli italiani.

Die deutsche Sprache ist also ein Affront. Das sagt ein Unesco-Delegierter, kein Ungebildeter. Vielleicht wäre endlich ein geharnischter, offizieller Protest gegen die sich ausbreitende Südtirolfeindlichkeit angebracht, die mittlerweile zum italienischen Grundkonsens geworden zu sein scheint.

Discriminaziun Medien Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo | Zitać | Luis Durnwalder | Corriere | Südtirol/o Venetien-Vèneto | UNESCO | Deutsch Italiano

Arpejon naturala dla umanité.

Dolomites.

Ai 26 de jugn à la UNESCO nominé la Dolomites arpejon naturala dla umanité tla sentada de Sevilla. Am 26. Juni wurden die Dolomiten zum Weltnaturerbe der UNESCO ernannt. Il 26 giugno l’UNESCO ha nominato le Dolomiti patrimonio naturale dell’umanità.

Es gibt weltweit nur 176 UNESCO-Naturerbestätten, an einer davon hat jetzt auch Südtirol Anteil. Diese Auszeichnung, welche die besondere Schönheit und die Einzigartigkeit der Dolomiten unterstreicht, muss Auftrag sein, besonders behutsam damit umzugehen — und nicht, sie wirtschaftlich auszuschlachten.

Siehe auch:

Ecologia Wirtschaft+Finanzen | Good News | | | Friaul-Friûl Ladinia Südtirol/o Trentino Venetien-Vèneto | UNESCO | Deutsch Italiano Ladin

La Ladinia »unida« te Europa.

[EN] Ladins visit the Intergroup for traditional minorities of the European Parliament

A delegation of Ladins from South Tyrol and from Fodom/Cortina d’Ampezzo in Italy has visited on November, the 20th the Intergroup for traditional minorities in the European Parliament in order to explain the desire to re-unificate the three Ladin municipalities of the Province of Belluno in the Veneto region with South Tyrol. At the end of October 2007, the three Ladin municipalities of Cortina, Fodom and Col, which in 1923 were separated from South Tyrol and administratively allocated to the Veneto region, have expressed within a referendum with the convincing majority of nearly 80% their claim to be re-unificated with the autonomous Province of Bolzano/South Tyrol. In these three municipalities, where the population since 1971 has decreased by more than a third, are living approximate 8,000 persons the half of which still are native Ladin speakers. They need urgently the minority protection which is guaranteed in South Tyrol and which they have bitterly missed since the separation from South Tyrol 85 years ago. In Italy the possibility of changing the administrative allocation (article 132 of the Constitution) is linked to very close preconditions. But on the other hand, the Council of Europe-Framework Convention for the Protection of National Minorities (art. 16) and the European Charter for Regional or Minority Languages (art.7, para.1 lit.b) have recommend to the state parties, to which Italy is belonging, to regulate their administrative divisions in a manner which is fair to minorities.

Ⓛ Enconteda di referendars con raprejentanc europeics

Na delegazion de Ladins dl Südtirol y de Souramont (Fodom, Col y Anpezo) à  vijité ai 20 de november 2008 l Grup interfrazional per les mendranzes tradizionales dl Parlament Europeich per ti prejenté y splighé les aspirazions de reunificazion con l Südtirol che i trei comuns ladins dla provinzia de Belun à . A la fin d’otober 2007 à  i trei comuns de Anpezo, Col S. Luzia y Fodom, che é dl 1923 vegnus destachés dal Südtirol y sourandés a la region Venet, declaré te na maniera clera tres n referendum davagné con prest 80 % dles oujes de volei endò vegnì reunifichés con la provinzia autonoma de Bulsan/Südtirol.

Te chisc trei comuns, che à  perdù dal 1971 inant prest 1/3 de sia popolazion, vìvel al didancuei ca. 8.000 persones, de cheles che demé plu ca. l mez (40% t’Anpezo y 90% ta Fodom) rejona ladin. Chisc ladins à  assolutamenter debojegn dla sconanza dles mendranzes preveduda y garantida tla provinzia da Bulsan, na sconanza, che ti é vegnuda nieda da 85 agn encà , da canche i trei comuns é passés al Venet.
Tla Talia él la poscibelté de mudé confins aministratifs (art. 132 dla costituzion dl 2001), ma l iter prevedù é dret rie. Da l’autra pert él la Convenzion cheder dl Consei d’Europa per la sconanza dles mendranzes nazionales (art. 16) y la Cherta Europeica per i lingac regionai o de mendranza (art. 7 prum coma let. b) che ti recomana ai Stac firmatars, pro chi che al auda ence la Talia, de tré i confins aministratifs te na maniera che ai respete i debojegns dles mendranzes dailò residentes.

Quelle/source/fontana: Amisc dla Ladinia Unida.

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»Der trügerische Reiz der Steuerautonomie«

Von Thomas Benedikter* erhalte und veröffentliche ich gerne:

Der Landeshauptmann hat Mitte Mai offiziell die Steuerautonomie für Südtirol gefordert, im Sinne einer umfassenden Befugnis des Landes für die gesetzliche Regelung, Einhebung und Kontrolle der Steuern. Eine solche Perspektive – von Unternehmen, Verbänden und Oppositionsparteien schon länger gefordert – ist für viele Südtiroler reizvoll, weil man die Steuerlast als zu hoch und das italienische Steuersystem als ganzes als ein kompliziertes Korsett für Wirtschaft und Steuerzahler empfindet. Die Finanzhoheit wäre ein weiterer Schritt, nämlich die ausschließliche Zuständigkeit des Landes für die öffentlichen Einnahmen und Ausgaben innerhalb Südtirols. Die SVP weckt mit einer solchen Forderung Hoffnungen, dass eine möglichst weitreichende Steuerautonomie unter Beibehaltung der jetzigen Regelung der 9/10-Aufkommensbeteiligung nicht nur das bisherige üppige Einnahmenniveau des Landes sichern, sondern Spielraum für einen maßgeschneiderten Fiskus bieten wird. Man kann mit guten Gründen dafür eintreten, dass eine umfassende Autonomie theoretisch auch die Regelung der Steuern umfassen sollte. Dennoch sind solche Hoffnungen trügerisch.

Der Grund dafür liegt in zwei Herausforderungen, der sich die neue italienische Regierung unmittelbar stellen muss und will: die Einführung von mehr Steuerföderalismus und die Fortsetzung des Sparkurses beim Zentralstaat. Wie SWZ-Chefredakteur Weißensteiner in der SWZ vom 11.4. treffend ausgeführt hat, ist Südtirol schon seit langem ein Netto-Empfänger bei den öffentlichen Finanzflüssen, mit anderen Worten: wenn man alle öffentlichen Ausgaben und Einnahmen bezogen auf das Territorium konsolidiert (gegeneinander aufrechnet, unabhängig von der Aufteilung der Zuständigkeiten auf die Regierungsebenen), bezieht es mehr öffentliche Gelder als auf seinem Territorium an Steuern aller Art eingenommen werden. Dies ist für die armen Regionen Süditaliens der Tropf fürs Überleben, doch schwer legitimierbar für die reichste Region Italiens gemäß BIP pro Kopf, nämlich Trentino-Südtirol. Dieser Umstand ist vom früheren Unterstaatssekretär Roberto Brambilla am detailliertesten untersucht worden (“La regionalizzazione del bilancio statale, Bancaria editrice, 2005), dem es um die Klärung der strukturellen Benachteiligung der norditalienischen Regionen ging. Diesen Regionen liegt zwar mehr an der Gesundschrumpfung des Wasserkopfs Rom, doch spätestens seit sich Grenzgemeinden in Venetien, der Lombardei und Piemont reihenweise abspalten wollen, hat das Ausmaß von 800-900 Millionen jährlichen Nettozuflusses an beide Autonomen Provinzen wachsenden Unmut erzeugt. Man kann als Südtiroler diesen Umstand begrüßen, aber als nüchterner Beobachter muss man auch die Probleme Italiens realistisch einschätzen und begreifen. Heute sitzen jedenfalls die PDL- und Lega-Politiker des Nordens am Ruder, für die eine Steuerautonomie nur für die Regionen mit Sonderstatut nicht in Frage kommt, schon gar nicht für Südtirol und das Trentino alleine mit Beibehaltung desselben Finanzierungsmodus. Warum?

Die zentrale Erwartung, die die norditalienischen Normalregionen mit dem Steuerföderalismus verbinden, ist eine deutliche Entlastung ihrer Steuerzahler über den Ausbau der regionalen Steuerkompetenzen und eine höhere Ausgabenkapazität ihrer Regionen und Gemeinden. Sie wollen die Abgabenmasse, die ihre Steuerzahler aufbringen, in stärkerem Maße behalten und selbst verwalten. Heute sind das Piemont, die Lombardei, Venetien und die Emilia-Romagna die Melkkühe des Staates in dreifachem Sinn: sie tragen die Kosten des Zentralstaats in Rom, sie zahlen für den Süden, der bei den öffentlichen Finanzen im permanenten Defizit steckt, und zahlen obendrein – wenn auch absolut gesehen weit geringere Summen – für ihre “reichen Nachbarn”, die Spezialregionen des Nordens. Würden die nördlichen Normalregionen auch nur 40% ihres Steueraufkommens behalten dürfen – etwa wie derzeit die Region Friaul-Julisch Venetien – kämen Italiens Staatsfinanzen außer Rand und Band. Während diese wirtschaftsstarken Normalregionen ihren Bürgern ein erstaunlich geringes Leistungsniveau bieten können, sind die Spezialregionen in gewissem Sinne zu “öffentliche Ausgabenoasen” geworden. Bekämen diese auch die Regelungskompetenz für die Steuern, würden sie die Wünsche ihrer Bürger und Unternehmen erfüllen und die Steuern senken und das ganze System vereinfachen. Damit könnten Südtirol, das Trentino, das Aostatal und in geringerem Maße Friaul-Julisch Venetien nicht nur mit höheren und effizienteren Ausgaben punkten, sondern auch mit geringeren Steuern konkurrieren. In Zeiten harter Standortkonkurrenz auch zwischen den Regionen wäre eine solche Kröte für die Normalregionen kaum zu schlucken.

Auch in verändertem Kontext geht die Rechnung nicht auf und die Hoffnungen auf Steuersenkungen bleiben trügerisch. Würde nämlich Südtirol und Trentino und Aosta durch die neue Regierung gezwungen, auf einen Netto-Einnahmenzufluss zu verzichten (etwa im Sinne der EU-Regelung, wo reichere Länder in den Topf einzahlen und nicht daraus schöpfen), müsste es auf jährliche Einnahmen in der Höhe von 800-900 Millionen verzichten: ein gewaltiger Aderlass für den Landeshaushalt, der das Land zum Sparen in ganz anderen Dimensionen zwingen würde. An Steuersenkungen, auf welche die Bürger im Zuge einer Steuerautonomie hoffen, wäre nicht mehr zu denken, im Gegenteil, das Land müsste über eigene Abgaben den Aderlass ausgleichen. Dabei würde den Spezialregionen noch gar kein Beitrag für die Solidarität mit dem Süden abverlangt werden, nicht einmal ein Beitrag zu den zentralen Staatsfunktionen, sondern der bloße Verzicht auf den Nettozufluss an öffentlichen Mitteln, der im Brennpunkt der Kritik steht.

Die konkreten Aussichten, eine weitreichende Regelungskompetenz für die wichtigen Steuern (IRPEF, IRPEG und IVA machen 85% des Steueraufkommens aus) beim bestehenden Finanzierungsmodell der Autonomie zu erhalten, sind somit sehr gering. Ein solcher Schritt wäre aus zentralstaatlicher Sicht sehr widersprüchlich und würde den Unmut der Nachbarregionen überkochen lassen. Italien setzt auf mehr Steuerföderalismus, auch um mehr Effizienz bei den Staatseinnahmen und –ausgaben zu erreichen, in einem Land, wo 20-25% des BIP am Fiskus vorbeigewirtschaftet wird. Die Folgen dieser Rationalisierung gehen zu Lasten des Staatsapparats und der ärmeren Regionen. In dieser Situation die Position der finanzpolitisch bisher bevorteilten Region mit Sonderstatut noch zu stärken, wäre für keine Art von Regierung in Rom politisch zu verantworten. Deshalb tut Südtirol gut daran, seine Hoffnungen auf Steuerautonomie nicht zu hoch zu schrauben. Es könnte vielmehr kleiner anfangen, nämlich die Kompetenzen für die Einhebung und Kontrolle der Steuern übernehmen und dank seiner nachgewiesenen Verwaltungseffizienz allein schon dadurch für höhere Einnahmen für den Landeshaushalt sorgen. Auch dem Südtiroler Steuerzahler würde damit viel deutlicher als bisher signalisiert, dass wir es mit unseren Steuern sind, die das Land Südtirol und sein Ausgabenniveau alimentieren.

*) Thomas Benedikter ist Wirtschafts- und Sozialforscher in Bozen. Er ist u. a. Autor von »Autonomien der Welt« (Athesia, Bozen 2007) und »The World’s Working Regional Autonomies« (Anthem, London/Neu-Delhi 2007).

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