Die Städter-Saga.
Quotation 499

Die Leute am Land, die tun ja etwas. Die anderen reden manchmal.

Der Tiroler Schauspieler Tobias Moretti verwehrt sich in der ORF-Diskussionsrunde Im Zentrum gegen das in Österreich vielfach strapazierte Vorurteil, dass die Landbevölkerung im Gegensatz zur Stadtbevölkerung pauschal ungebildet, hinterwäldlerisch und rechts respektive unsolidarisch sei. Parallelen zu Südtirol und der gerade geschlagenen Wahl nicht ausgeschlossen.

Siehe auch:

Bildung Medien Solidarieté | Landtagswahl 2018 Zitać | | ORF | Österreich Südtirol/o | | Deutsch

How do you do?
Quotation 492 // Der latente Rassismus

Aber ich glaube, dass den Meisten nicht bewusst ist, dass das (Anm.: Rassismus) auf einer tagtäglichen Ebene passiert. Und teilweise auch auf sehr subtilen Ebenen – in gewissen Situationen, die in der Situation an sich vielleicht irgendwie harmlos wirken […]. Ich bin in Österreich, in Niederösterreich, aufgewachsen. Den Leuten ist nicht bewusst, wie normal rassistisches Verhalten ist – auf einer Ebene, dass ich teilweise auch ein gewisses Denken gehabt habe über schwarze Personen, bevor ich vor allem in Wien mehr in Kontakt getreten bin. Und das finde ich schon erschreckend, wenn ich zum Beispiel selber jemanden automatisch auf Englisch anspreche, weil ich mir denke “Na so einer kann sicher nicht Deutsch”.

Sade Stöger, Sozial- und Humanökologiestudentin und Jugendgruppenleiterin

Spätestens seit der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter den österreichischen Nationalspieler und Bayern-Legionär David Alaba bei einem ÖFB-Teamcamp in Seefeld mit “How do you do?” begrüßte*, ist die Zugehörigkeit dunkelhäutiger Österreicher ein Thema, das immer wieder öffentlich diskutiert wird.

Das ORF-Magazin “Heimat fremde Heimat” zeigte unlängst die Dokumentation “Schwarz in Wien”, die der Frage nachgeht, wie es sich mit schwarzer Hautfarbe in Wien lebt und wie sich dieses Leben von dem anderer Wiener unterscheidet. In dem absolut sehenswerten Film kommen junge Österreicherinnen und Österreicher schwarzer Hautfarbe zu Wort, die darüber berichten, wie es ist, wenn man in seiner eigenen Heimat als Fremder empfunden wird und wie prägend nicht bloß offene rassistische Anfeindungen, sondern auch nicht notwendigerweise bös gemeinter Alltagsrassismus sind.

Dazu gehört auch die eingangs von einer jungen dunkelhäutigen Österreicherin beschriebene Situation, die man mit italienischen statt englischen Vorzeichen tagtäglich in Südtirol beobachten kann. Viele — vielleicht sogar die Mehrheit — der deutschsprachigen Südtiroler sprechen Menschen mit dunkler Hautfarbe grundsätzlich auf Italienisch an. Der einzige Grund, warum sie das tun, ist das äußere Erscheinungsbild des Gegenübers. Für einen deutschsprachigen Südtiroler ist Deutsch/Dialekt die Sprache der Nähe und Italienisch eine Sprache der Distanz. Wenn ich jemanden im Südtiroler Dialekt anspreche, signalisiere ich, dass er/sie dazu gehört. Meist ist der Gebrauch des Italienischen zwar gut gemeint, aber dahinter steckt doch der Gedanke “Na so einer kann sicher nicht Deutsch”.

Wie stark diese Muster in manchen Menschen verhaftet sind, zeigt eine Episode, die ich vor einiger Zeit auf der Fahrt im Linienbus nach Feldthurns erlebt habe. Am Brixner Bahnhof stieg ein dunkelhäutiger Mann zu, der den deutschsprachigen Fahrer auf Deutsch fragte, ob und zu welchen anderen Zeiten dieser Bus nach Latzfons fahre. Der Busfahrer antwortete in holprigem Italienisch. Der Mann blickte etwas verdutzt und stellte seine Frage erneut. Wieder sprach der Busfahrer von “stazione” und “ogni ora”. Der Mann behielt seine Countenance und versicherte dem Fahrer, dass er des Italienischen nicht mächtig sei und dass er bitte Deutsch mit ihm reden möge. Im dritten Versuch schaffte es der Busfahrer dann, die Frage auf Deutsch zu beantworten, nicht aber ohne in eine etwas merkwürdige Syntax zu verfallen und ein zwei italienische Wörter einzustreuen. Eine ähnliche Situation habe ich auch schon einmal an einer Supermarktkasse erlebt.

Interessant ist, dass in Südtirol — nach meinem Gefühl — die Forderung, Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe auf Deutsch anzusprechen, eher als “rassistisch” eingestuft werden würde, als eben der Habitus, aufgrund des Äußeren zu differenzieren und Menschen mit dünklerer Hautfarbe auf Italienisch anzusprechen.

*) Alaba soll angeblich geantwortet haben: “Wieso redet denn der Englisch mit mir? Danke, gut. Sie können ruhig Deutsch mit mir reden, ich bin Österreicher.”

Siehe auch:

Discriminaziun Plurilinguismo Racism | Zitać | Günther Platter | ORF | Nord-/Osttirol Südtirol/o | | Deutsch

Aus “Aroha” zur Diversität.
Quotation 487

Te Aroha is our way of reflecting the amount of love this baby has been shown even before she arrived […] it’s also the place where all my family are from and I grew up under that mountain.

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern laut NZ Herald

Die Premierministerin und ihr Lebensgefährte haben ihr Neugeborenes Neve Te Aroha genannt. Te Aroha (was soviel wie “Liebe” bedeutet) ist auch der Māori-Name eines Berges, in dessen Umgebung Ardern aufgewachsen ist. Die Premierministerin hat überdies bekräftigt, dass sie Neuseeland/Aotearoa verstärkt zu einem zweisprachigen Land (Englisch, Te Reo Māori) machen möchte. Neve Te Aroha soll daher zweisprachig aufwachsen und die Sprache der indigenen Bevölkerung Neuseelands lernen. Laut einem Bericht auf orf.at gilt Māori in Neuseeland nicht notwendigerweise als ethnisches Konzept.

Māori ist indes allerdings keine Kategorie der Abstammung, sondern als Māori gilt in Neuseeland, wer sich dazu bekennt.

Feminæ Medien Minderheitenschutz Ortsnamen Plurilinguismo Politik | Good News Zitać | | ORF | Oceania | | Deutsch English

Urzì will Italienisch in Wien.

Am Freitag haben Südtiroler Landtagsabgeordnete in Wien an einem Treffen mit der österreichischen Außenministerin und dem österreichischen Innenminister teilgenommen, bei dem es um die doppelte Staatsbürgerschaft ging. Besonders »lustig« finde ich, dass sich der Postfaschist Urzì (FdI/AAnC) — der wohl allen Ernstes glaubt, Italien habe Südtirol von der Tyrannei befreit — in seiner Pressekonferenz beschwert hat, dass ihm keine Simultanübersetzung zur Verfügung gestellt wurde:

Urzi, der als einziger italienischsprachiger Besucher an der Arbeitsgruppe im Außenministerium teilgenommen hätte, sei die Simultanübersetzung ins Italienische verweigert worden. Er fragte sich, warum er bei einem institutionellen Treffen keine Möglichkeit auf eigene Sprache bekommen konnte.

ORF Tirol

Gerade so, als hätten deutschsprachige Südtiroler Vertreterinnen in Rom (also im — volens nolens — »eigenen« Staat) jemals Anrecht auf eine Simultanübersetzung gehabt. Ja nicht einmal im Parlament dürfen die Minderheitensprachen gesprochen werden.

Discriminaziun Faschismen Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik | Zitać | Alessandro Urzì | ORF | | PDL&Co. | Deutsch

Be afraid, Baby!

Die Wiener Stadtzeitung Falter sorgte unlängst mit einer Meldung für Aufsehen, wonach die neue österreichische FPÖVP-Bundesregierung plane, den Alternativ- und Jugendsender FM4 einzustellen. Es gab zwar Dementi, aber in einer Sitzung des ORF-Lenkungsausschusses soll über die Abschaltung diskutiert worden sein. Begründung: FM4 erfülle den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nicht.

“Wir verstehen kein Englisch”, “Ich finde die Negermusik scheiße” oder “Das sind links-linke subversive Subjekte” wären wohl ehrlichere Begründungen gewesen, denn dass FM4 den Bildungsauftrag nicht erfülle, ist lachhaft, wenn man beispielsweise das Senderprogramm mit jenem des Flaggschiffes Ö3 vergleicht.

Ö3 startet sein Programm mit dem “Ö3 Wecker”. Dort gibt es Comedy-Formate wie den Ö3-Callboy oder den Ö3-Mikromann, das Quiz “Allein gegen Kratky” und hauptsächlich internationale Popmusik. Der Anteil heimischer Musik war 2015 gerade einmal bei 16,3 Prozent und zwei Jahre zuvor sogar unter 10 Prozent. Ö3 bringt zur vollen Stunde Nachrichten und zur halben Stunde Schlagzeilen.

Das FM4-Programm beginnt mit der “Morning Show”. Die Moderation ist – wie auch bei vielen anderen FM4-Sendungen – größtenteils auf Englisch. Zur vollen Stunde gibt es Nachrichten auf Englisch, jeweils zur halben Stunde Kurznachrichten auf Deutsch oder Französisch. Der Anteil an heimischer Musik zur Förderung der österreichischen Kulturszene lag 2015 auf FM4 bei 27,7 Prozent und ist somit der höchste aller ORF-Radios.

Auf Ö3 folgen die musiklastigen Formate “Ö3-Vormittagsshow”, “Der Song deines Lebens – 60 Minuten Lieblingshits”, “Die Ö3-Musikshow”, “Ö3 Drivetime-Show”, “Ö3-Charts”, “Treffpunkt Ö3” und “Ö3-Wunschnacht”. Dazu gibt es “Ö3 Sternstunden” (eine Horoskopsendung), “Die Ö3-Beziehungscouch” (wo man seine Beziehung öffentlich auf den Prüfstand stellen kann) oder “Frag das ganze Land”. In letzterer Sendung können Hörer ganz Österreich laut Ö3-Webseite zu derart gehaltvollen Problemen befragen wie:

  • Meine Nachbarn sind irrsinnig laut beim Sex!
  • Ich will seine Ex nicht bei unserer Hochzeit haben!
  • Mein Partner rückt sein Facebook-Passwort nicht raus!
  • Ich bin verliebt in in den Freund meiner Schwester!
  • Meine Freundin hat wahnsinnig zugenommen!
  • Mein Freund ist nicht lustig und checkt’s nicht!

Auf FM4 geht’s weiter mit “Update”, einer Infotainment-Sendung, wo unter anderem “the artist of the week” porträtiert wird. “Reality Check” ist ein zweistündiges Reportageformat, in dem aktuelle Themen (Syrienkrieg, Finanzkrise, Gewalt an Frauen usw.) ausführlich und hintergründig beleuchtet werden. Danach folgt mit “Unlimited” eine musiklastige Show. Bei “Connected” gibt es ebenfalls Infos und Musik, aber auch politische Diskussionen und Interviews. Genauso wie bei “Homebase”, wo viel Gesellschaftspolitik thematisiert wird. Spätabends gibt es reichlich (heimische) Musik bei “Heartbeat”, “Fivas Ponyhof” und “Sleepless”.

Wie gesagt, man muss FM4 nicht gut finden. Aber dass der Sender seinen Bildungsauftrag nicht erfülle, während Ö3 dies offenbar schon tue, ist objektiv nicht nachvollziehbar. Auf keinem anderen ORF-Radio (mit Ausnahme von Ö1) gibt es so viele Reportage-, Diskussions- und Interviewformate zu Politik, Kultur und Gesellschaft wie auf FM4.

Man wird den Eindruck nicht los, dass die neue Regierung in Österreich nicht genehmen Journalismus – öffentlich-rechtlichen zumal – unterbinden will, wie auch der Angriff des Vizekanzlers H. C. Strache auf ORF-Anchorman Armin Wolf belegt. In Sachen Pressefreiheit liegt Österreich laut “Reporter ohne Grenzen” weltweit auf Platz 11. Ob das so bleibt?

Siehe auch:  

Bildung Comparatio Faktencheck Medien Politik | | Heinz-Christian Strache | ORF | | | Deutsch

Eine schweigende Mehrheit?

Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy hielt sich gestern zum ersten Mal seit Inkrafttreten des Artikels 155 in Katalonien auf. Bei einer Parteiveranstaltung des Partido Popular sprach er in Barcelona zu seinen Anhängern.

Unter anderem appellierte er an die “schweigende Mehrheit” sich bei den kommenden Wahlen gegen die sezessionistischen Parteien auszusprechen. Und auch der ORF schreibt diesbezüglich von Tatsachen:

Eine Mehrheit der Katalanen ist gegen die Unabhängigkeit, jedoch verschafft sie sich seit Monaten weniger Gehör als die Befürworter der Trennung.

Doch niemand kann wissen, was eine Mehrheit der katalanischen Bevölkerung tatsächlich denkt. Im Parlament haben die Parteien, die die Unabhängigkeit befürworten, die absolute Mehrheit, wenngleich sie bei der Wahl nur 48 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnten. Die expliziten Unabhängigkeitsgegner landeten bei 40 Prozent. Bei einem für verfassungswidrig erklärten Referendum, an dem aus diesem Grund und wegen massiver Gewaltanwendung von Seiten des Staates weniger als 50 Prozent der Bevölkerung teilnahm, sprachen sich 90 Prozent für die Unabhängigkeit aus. Regelmäßig erscheinende Umfragen zeichnen ein knappes Bild, wo meist die Unabhängigkeitsgegner die Nase vorn haben. Richtig wäre also:

Laut Umfragen ist eine Mehrheit der Katalanen gegen die Unabhängigkeit […]

Die einzige Möglichkeit, definitiv herauszufinden, was der demokratische Wille der katalanischen Bevölkerung ist, wäre, sie in einer regulären Wahl abstimmen zu lassen. Doch genau das will man nicht zulassen und spekuliert lieber darüber, was die Menschen in Katalonien wollen bzw. stellt Vermutungen als Tatsachen hin.

Democrazia Faktencheck Medien Politik Selbstbestimmung | Zitać | Mariano Rajoy | ORF | Catalunya | PP | Deutsch