Categories
BBD

Zum Ergebnis der Flughafen-Volksbefragung.
Sparen wir uns die Par Conditio!

Ich war immer schon tendenziell für den Flughafenausbau und habe deshalb gestern konsequenterweise mit »Ja« gestimmt. Obwohl es mir viele Befürworterinnen, mit ihrem teils undemokratischen und aggressiven Verhalten (aber das gilt ja für beide Seiten), nicht leicht gemacht haben.

(Eine offizielle -Position gab es nicht, weshalb wir uns mit entsprechenden Aufrufen im Blog weitgehend zurückgehalten hatten.)

Das Ergebnis ist nun an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen: Über 70% der Abstimmenden haben sich gegen die öffentliche Finanzierung des Bozner Flughafens ausgesprochen. Doch egal wie deutlich oder knapp, es ist eine demokratische Selbstverständlichkeit, dass der Mehrheitswille jetzt ohne wenn und aber umgesetzt und nicht mehr herumgetrickst wird, wie es nach der Mediation von 2007 passiert ist.

Angesichts des klaren Ausgangs möchte ich etwas wiederholen, was ich schon nach der Brixner Seilbahnabstimmung gesagt hatte: Bitte erspart uns (z.B. im neuen Bürgerbeteiligungsgesetz) eine rigide Par-Conditio-Regelung. Obschon die Mehrheitspartei, die maßgeblichen Medien (diesmal neben dem Haus Athesia auch der A. Adige) und die große Mehrheit der sogenannten Lobbies für ein »Ja« zu Seilbahn und Flughafen plädiert hatten, stimmten die Bürgerinnen dagegen.

Damit haben sie genügend demokratische Reife und Unabhängigkeit bewiesen, vielleicht sogar ein gewisses Maß an Überdruss und Protest gegen die geballte Einflussnahme — sodass es weder nötig noch sinnvoll erscheint, den Medien bürokratische Ketten anzulegen.

Noch etwas hat sich gestern übrigens ganz eindeutig gezeigt: Die Mehrheitsverhältnisse im Landtag spiegeln selbstverständlich nicht die Position der Südtirolerinnen zu allen Sachfragen wider.

Siehe auch:

Medien Mitbestimmung Mobilität Politik Recht | | | AA Athesia Dolo Stol Südtirol News Zett | | SVP | Deutsch

Categories
BBD

Zwölf Kandidatinnen. Und einer zuviel.

Am heutigen Abend ist in der Sparkassen-Academy der Landeshauptstadt eine öffentliche Diskussion mit zwölf von sage und schreibe 13 Bozner Bürgermeisterkandidatinnen über die Bühne gegangen. Durch den von den Dolomiten organisierten Abend führten Chefredakteur Toni Ebner und Redakteur Michael Fink. Auf Südtirol Online konnte man die Debatte im Liveticker verfolgen.

Zwölf von 13 Kandidatinnen — weil Angelo Gennaccaro nicht dabei sein konnte. Damit ist auch schon die ganze Misere dieses Abends benannt: Das heißt nämlich, dass Maurizio Puglisi Ghizzi dabei war, der Bürgermeisterkandidat von CasaPound. Ein Faschist neben den anderen, den demokratischen Kandidaten (wobei diesbezüglich auch bei Tagnin und Holzmann Zweifel angebracht wären).

Maurizio Puglisi Ghizzi (Casapound) sagte, dass man ihn zum Bürgermeister von Bozen wählen sollte, da er ein Programm hat, das alle Themenbereiche – von der Einwanderung, über die Sicherheit und den Sport – abdecke. “Wir bieten zudem eine sozialere Politik, als das bisher der Fall gewesen ist.”

— Südtirol Online

Davon, dass CasaPound eine faschistische Partei ist, steht kein Wort im Protokoll von Südtirol Online. Auch nicht, dass er von Toni Ebner auf die squadristischen Methoden seiner Parteifreunde angesprochen worden wäre. Oder, dass eine/r der anderen Kandidatinnen sich geweigert hätte, mit einem erklärten Faschisten und Feind der demokratischen Grundordnung auf demselben Podium zu sitzen.

In Deutschland wäre eine derartige Legitimierung und Verharmlosung von Rechtsextremistinnen wohl kaum möglich. Wenn wir nicht eine weitere Expansion der Faschisten in unseren Institutionen wollen, wäre es wohl an der Zeit, uns auch in Südtirol über den Begriff der »wehrhaften Demokratie« Gedanken zu machen.

Kürzlich organisierte übrigens das Demokratische Forum [sic] im Bozner Kolpinghaus eine ähnliche Veranstaltung. Auch dort war Puglisi Ghizzi selbstverständlich dabei.

Siehe auch:

Faschismen Medien Politik | Gemeindewahl 2015/16 Medienkritik Zitać | | Dolo Stol | Südtirol/o | 5SB/M5S CPI PD&Co. PDL&Co. STF SVP Vërc | Deutsch

Categories
BBD

Subtile Rechenspiele.

Wie für öffentliche so gilt auch für private Nachrichtenmedien die journalistische Ethik. Berichte sollten möglichst objektiv und ausgewogen sein. Gleichzeitig ist es aber auch nichts Ungewöhnliches oder gar Verwerfliches, wenn private Medien Position beziehen — über Leitartikel und Kommentare beispielsweise. So hat die renommierte New York Times in der Vergangenheit regelmäßig explizite Wahlempfehlungen abgegeben. Zuletzt für Barack Obama.

In Südtirol sind es vor allem die so genannten “Kampagnen” der Dolomiten, die diesbezüglich für Aufsehen sorgen. Die Tatsache, dass die Zeitung eindeutig Stellung bezieht, halte ich für legitim. Wie sie das mitunter macht, ist grenzwertig.

Im Zuge der unendlichen Geschichte um das Benko-Projekt in Bozen konnte man beim Athesia-Flaggschiff zu Beginn durchaus Sympathien für das neue Kaufhaus herauslesen. Nach einigen Vorfällen im Hintergrund war die Linie jedoch deutlich Anti-Benko.

Das Ergebnis der umstrittenen — und der Idee der partizipativen Demokratie schadenden — Volksbefragung verkündete das Tagblatt der Südtiroler so:

Kaufhaus-Befragung: 21.911 Bürger stimmen für das Benko-Projekt – Das sind 23,41 Prozent der wahlberechtigten Bürger.

Den erreichten Prozentsatz auf die Zahl der Wahlberechtigten und nicht auf die Zahl der abgegebenen Stimmen zu beziehen, ist in einer Demokratie äußerst unüblich. Wir gehen nämlich vom Verständnis aus, dass — wenn es überhaupt ein Quorum gibt und dieses erreicht wurde — die Zustimmung relativ zur Beteiligung gemessen wird. Die, die der Wahl ferngeblieben sind, kann man weder den Befürwortern noch den Gegnern zurechnen.

Subtil wird hier die demokratische Legitimation infrage gestellt. (Wobei es genügend andere, triftige Gründe gäbe, die demokratische Legitimation dieser Befragung anzuzweifeln). Nur 23,41 Prozent Zustimmung klingen natürlich im Sinne der Benko-Gegner besser als satte 64,39 Prozent.

Ähnlich agierte man bereits bei der Volksabstimmung zur geplanten Seilbahn auf die Brixner Plose. Hier das offizielle Ergebnisblatt auf stol.it. Auch damals wurde “umgerechnet” und das Ergebnis, das trotz “Kampagne” nicht im Sinne der Blattlinie ausfiel, in den Athesia-Medien im Verhältnis zur Beteiligung angegeben (29,37% relativ zu den Wahlberechtigten vs. 50,06% relativ zu den abgegebenen Stimmen waren für die Buslösung). Obgleich es damals ein Zustimmungsquorum von 25 Prozent gab, ist es nach Erreichen dieses Quorums korrekter und aussagekräftiger, das Verhältnis in Relation zu den abgegebenen Stimmen anzugeben.

Es stellt sich mir die Frage: Warum hat man bei den Landtagswahlen 2013 eigentlich nicht so getitelt?

Sattelfeste Mehrheit: SVP und PD erringen Stimmen von 37,5 Prozent der Wahlberechtigten.

Siehe auch:

Medien Mitbestimmung Recht Wirtschaft+Finanzen | Medienkritik | | Athesia Dolo NYT Stol | Südtirol/o | PD&Co. SVP | Deutsch

Categories
BBD

Ausgepinkt.
Quotation 258

Wir sind eine österreichische Bewegung. Eine Kooperation mit den Italienern ist nicht geplant.

— Stellungnahme der NEOS laut diepresse.com

In den vergangenen Tagen geisterte die Meldung durch die Medien, dass das Forum Politikerrenten Kontakte zu den NEOS geknüpft hätte und es Überlegungen für einen Südtiroler Ableger der jungen liberalen Partei Österreichs gäbe.

Nun bleibt es den NEOS freilich unbenommen, zusammenzuarbeiten mit wem sie möchten. Es mag auch gute Gründe dafür geben, warum man sich vor einer Kooperation mit dem Forum Politikerrenten hütet.

Die obige Begründung jedoch ist in Anbetracht der offiziellen Ausrichtung der Partei und ihres 9½-Punkte-Programms für Europa sagenhaft inkonsequent – um nicht zu sagen paradox. In Punkt 4 “Grenzen überwinden, Regionen stärken” des NEOS-Programms steht nämlich:

[…] Wir wol­len ein Europa der ver­netz­ten “intel­li­genten” Städ­te und Regio­nen, das sich aus der Um­klam­merung der National­staaten löst und grenz­über­schrei­tend die gemeinsamen Her­ausforde­rungen annimmt. Im Zen­trum ste­hen die Regionen und de­ren Men­schen – Basis für Kul­tur, Solidarität und To­leranz. Un­sere po­litische Visi­on ist eine re­gio­nal vernetzte, län­der­übergrei­fen­de Wirtschafts-, En­ergie-, Ge­sundheits- und Bil­dungspo­li­tik.

Trotz dieser schönen Ziele, die voll und ganz teilt, wird auch bei den NEOS fein säuberlich getrennt. “Ausländer” könnten sich an die Organisation “Neos X – das zehnte Bundesland” wenden. Man agiert also offensichtlich grundsätzlich nur innerhalb jener nationalen Grenzen, die man zu überwinden hofft. Man anerkennt keine regionalen Identitäten, obwohl man den “regionalen Menschen” als Basis für Kultur, Solidarität und Toleranz sieht. Ganz #postnationalismusfit sind die NEOS wohl noch nicht.

Grenze Medien Nationalismus Politik | Zitać | | Stol | | EU neos | Deutsch

Categories
BBD

Niemand hat die Absicht, einen Zaun zu errichten.

Nun ist es also soweit: an der nicht existierenden Grenze wird ein Zaun… pardon… ein »Grenzmanagement« eingerichtet. Sprache kann ja so unerbittlich deutlich sein und Widersprüche (Grenzmanagement, aber angeblich keine Grenze) evident machen. Die Möglichkeit, Übergänge innerhalb des Schengenraums bis zu zwei Jahre lang dichtzumachen, geht übrigens auf Forderungen von Frankreich und Italien zurück.

Hier folgt eine (natürlich völlig zynische) lose und unvollständige Zitatesammlung:

Se vogliamo uno Stato c’é bisogno di confini, e non mi potete dire che si può fare, proprio perché in Europa non ci sono più confini.

— Luis Durnwalder, damaliger LH, A. Adige vom 15.12.2011

Hundert Jahre österreichische Südtirolpolitik stehen auf dem Spiel. Zäune sind kurzsichtiges Handeln und ein Ausdruck der Schwäche von Politik. […] Wir laufen in Gefahr, in Kürze mehr Zäune in Europa als in Zeiten des Kalten Krieges zu haben. Dies wäre das historische Scheitern einer Politikergeneration.

— Othmar Karas (MEP/ÖVP), Herbert Dorfmann (MEP/SVP), Pressemitteilung vom 11.02.2016

Es gibt den Druck der Regierung, am Brenner dieselben Maßnahmen zu treffen wie in Spielfeld und in Kärnten. Doch ich bin überzeugt, dass es uns gelingen wird, die Situation anderweitig zu lösen. Durch Kooperation. – Denn ich versichere Ihnen, es ist niemandes Intention, dass es so weit kommt.

— Ingrid Felipe (Grüne), LH-Stv. Nord-/Osttirol im Salto-Interview vom 12.02.2016.

Einen Zaun am Brenner schließe ich aus. Österreich plant verstärkte Grenzkontrollen, alles Weitere ist Spekulation.

— Arno Kompatscher (SVP), Südtiroler Landeshauptmann, Anfang Februar 2016 laut Stol.

Es kommt weder ein Zaun zu Ungarn noch nach Slowenien. Wer glaubt, Flüchtlingsprobleme mit Zäunen zu lösen, ist am falschen Dampfer. […] Aufgrund von Zäunen wird nicht ein Flüchtling weniger kommen, diese Technik ist noch nicht erfunden.

— Werner Faymann (SPÖ), österreichischer Bundeskanzler, ORF ZiB2, Oktober 2015.

Der Nationalismus wächst und damit eine immer radikalere Konzentration auf nationale Scheinlösungen. Das ist die ganze Innenpolitik. Wohin ein immer trotzigerer, herrischer Nationalismus führt, könnte man aus der Geschichte wissen. Und er wird auch diesmal kein Problem lösen, sondern immer größere Probleme produzieren und am Ende untergehen. […] Jedem denkenden Gemüt ist natürlich klar, dass kein Nationalstaat, nicht einmal ein großer, wirtschaftlich starker und politisch einflussreicher wie Deutschland, und schon gar nicht ein kleiner, irgendein relevantes Problem, mit dem wir heute und verstärkt in Zukunft konfrontiert sind, alleine wird lösen können. […] Weil die nationalen Lösungen nicht funktionieren, werden noch mehr Menschen nach noch radikaleren nationalen “Lösungen” schreien. Und noch mehr dumme Politiker, in Panik um ihre nationalen Wählerstimmen, werden sich erbötig machen, für ein paar tausend Stimmen zweihundert Jahre Aufklärung zu verraten, und sie werden alle scheitern. […] Ja, die Nationalstaaten werden sterben, und wie 1914 und wie 1939 sind sie noch einmal bereit, sich ihr Überleben mit der Misere und dem Elend der auseinanderdividierten Massen zu erkaufen.

— Robert Menasse im Interview mit der Tiroler Tageszeitung

Siehe auch:

Grenze Medien Migraziun Politik | Zitać | Arno Kompatscher Herbert Dorfmann Ingrid Felipe Luis Durnwalder Robert Menasse | AA ORF Salto Stol TT | Österreich Slowenien Südtirol/o | EU Euregio SVP Vërc | Deutsch Italiano

Categories
BBD

Tag der Trikolore.

Am 7. Jänner begeht Italien den »Tag der Trikolore«. Der Südtiroler Schützenbund und die Rechtsparteien rebellieren. Der Landeshauptmann beschwichtigt: Alles halb so wild.

So der Aufmacher von Südtirol Online am 6. Jänner.

Wenn es um die nationalstaatliche Symbolik geht, gleichgültig ob es um die Trikolore oder um Südtiroler SportlerInnen im italienischen Nationalteam geht, ist immer alles halb so problematisch. Es wird relativiert und das Problem als unbedeutend dargestellt. Die Gefühle derjenigen SüdtirolerInnen, die mit der nationalstaatlichen Symbolik ein Problem haben, werden bagatellisiert oder lächerlich gemacht.

Nicht so umgekehrt. Als vor etlichen Jahren einige Unterlandler Gemeinden die Andreas-Hofer-Hymne, die die offizielle Tiroler Landeshymne ist, zur Gemeindehymne erheben wollten, waren die Befindlichkeiten derjenigen SüdtirolerInnen, die damit ein Problem haben könnten, plötzlich von großer Bedeutung.

Wobei man beide Symbole nicht einmal direkt vergleichen kann: Hier die italienische Trikolore als Symbol, das einen nationalstaatlichen Narrativ verkörpert, also für einen Teil der SüdtirolerInnen immer ausschließend wirkt; und dort die Tiroler Landeshymne, für die es sogar eine italienische Variante gibt und die somit zumindest vom historischen Kontext unser mehrsprachiges Land verkörpert, auch wenn zeitgemäßere Südtiroler Symbole durchaus wünschenswert wären.

Wenn wir in den nationalstaatlichen Narrativen gefangen bleiben wollen, könnten wir ebensogut am 26. Oktober die österreichische Flagge auf allen öffentlichen Gebäuden hissen, da Österreich ja schließlich die Schutzmacht Südtirols ist; oder gar am 3. Oktober, wenn wir es ganz nationalstaatlich machen wollen, die deutsche Flagge, da Südtirol ja in bestimmter Weise Teil des deutschen Kultur- und Sprachraumes ist. Mal sehen, was da unsere Relativierer vom Dienst so von sich geben würden und ob da etwaige Befindlichkeiten auch bagatellisiert bzw. lächerlich gemacht würden.

Das Online-Portal Salto hat zu diesem Thema etliche Bürgermeister befragt: Merans Bürgermeister Paul Rösch hätte, wäre er schon im Amt gewesen, die Trikolore sogar zum 100-jährigen Eintritt Italiens in den 1. Weltkrieg gehisst. Der Hoffnungsträger Rösch überspringt die sich bietenden Fettnäpfchen nur ungern.
Ansonsten wird bei den drei befragten Bürgermeistern abgewiegelt: Man habe wichtigeres zu tun. Bleibt noch die Frage, wie das Regierungskommissariat, das die Gemeinden zum Trikolore-Hissen ja immer penibel auffordert, reagieren würde, wenn der eine oder andere Bürgermeister, da es ja anscheinend ein »problema di secondo piano« (Salto) ist, dem Hissen der Trikolore nicht nachkommen würde?
Da wäre dann wohl Schluss mit lustig und die Carabinieri würden einschreiten, wie damals bei den Wanderschildern.

Noch eine Frage: Wie gedenkt denn unser Landeshauptmann Fortschritte im Bereich Autonomie-Patriotismus zu erreichen, wenn im Zweifelsfall immer die nationalstaatlichen Symbole zum Zug kommen? Den Vorschlägen in Richtung Südtiroler Symbolik, wie z.B. eigenständige Südtiroler Sportmannschaften, erteilt die Autonomie-Patriotismuspartei ja immer eine Absage.

Geschichte Kohäsion+Inklusion Medien Nationalismus Politik Polizei Sport Symbolik Vorzeigeautonomie Zentralismus | Zitać | Arno Kompatscher Paul Rösch | Salto Stol | Südtirol/o | Carabinieri Freiheitliche Regierungskommissariat Schützen STF SVP Vërc | Deutsch

Categories
Autorinnen und Gastbeiträge

60+6 Jahre Piffrader-Reflief am Finanzgebäude.

Gastbeitrag von Harald Mair

Sechs Jahre sind vergangen, seit der damalige italienische Kulturminister Sandro Bondi dem Land Südtirol schriftlich mitteilte, dass es das Mussolinirelief entfernen darf.

Mit diesem Schreiben möchte ich Ihnen auch mitteilen, dass ich bereits die Erlaubnis des zuständigen Ministers (Finanzminister Giulio Tremonti; Anm.d.Red.) erhalten habe, dass die faschistischen Relikte im Stadtzentrum an andere Standorte, u. a. in museale Einrichtungen, verlegt werden können, die geeigneter sind, ihren historischen Wert zu unterstreichen. Im Besondern gilt das für das Piffrader-Relief, welches am Finanzgebäude auf dem Bozner Gerichtsplatz angebracht ist. Die Entfernung desselben kann auch von der Provinz durchgeführt werden.

— Übersetzung von Südtirol Online.

Noch ist am Finanzgebäude alles beim Alten geblieben. Dazu einige Aussagen welche seitdem getätigt wurden.

09.06.2011 Luis Durnwalder:

Der Brief des ehemaligen Kulturministers Sandro Bondi habe demnach nach wie vor volle Gültigkeit und das Land das Recht, das Relief am Finanzamt zu entschärfen.

— Südtirol Online.

30.09.2014 Arno Kompatscher:

Der Brief kommt aus dem Kulturministerium: “Wir hatten schon die Zusicherung der Unterstützung von Seiten des Ministeriums, nun hat der aktuelle Minister diese noch einmal schriftlich bekräftigt”, so Kompatscher. Diese Zusicherungen aus Rom hat die Landesregierung zum Anlass genommen, die Landesabteilung Hochbau mit der konkreten Planung der Historisierung des Reliefs zu betrauen. Bekanntlich soll diese durch das Anbringen eines Zitats von Hannah Arendt erfolgen.

— Südtirol Online.

14.04.2015 Arno Kompatscher:

Im Sommer soll mit der Ausschreibung der Arbeiten begonnen werden, die Anbringung der Schrift und der Aufbau der Informationsstelle soll im Oktober erfolgen.

— SüdtirolNews.

07.10.2015 Christian Tommasini:

Das Vorprojekt sei von den Ministern begutachtet worden, das Ausführungsprojekt müsse noch von der Agentur für die Staatsdomäne begutachtet werden. Ziel sei eine Ausschreibung im Winter und ein Beginn der Arbeiten im Frühjahr 2016.

— unsertirol24.

Dazu einige Überlegungen: Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Selbstsicherheit regierende Politiker Aussagen treffen und Termine nennen, bei welchen sich im nachhinein herausstellt, dass diese wahrscheinlich schon von vorneherein falsch waren. Allen »deutschen« Südtiroler Parteien nehme ich es ab, dass sie das Relief zumindest entschärfen wollen. Wobei der derzeitige Plan mit dem Hannah-Arendt-Zitat für mich persönlich nur eine sehr leichte Entschärfung ist, die eher Richtung fauler Kompromiss geht. Ein fauler Kompromiss mit denjenigen in unserer Gesellschaft, welche sich noch immer mit derartig faschistischem Geist anfreunden können. Leider scheint dies m.E. in der italienischen Bevölkerung und Parteienlandschaft öfters der Fall zu sein. Wie ist es sonst zu erklären, dass mehr als 60 bzw. 6 Jahre vergehen, ohne dass nicht einmal diese geplante Minimallösung mit dem Zitat zur Anwendung kommen kann.

Diplomatie ist sicherlich meist der richtige Weg. In diesem Falle wäre aber etwas mehr Mut von Seiten der Landesregierung gefragt. Wenn schon anscheinend die Zusagen da sind, dann hätte man das Relief doch gleich und eventuell auch provisorisch entschärfen können.

Abschließend noch meine ganz persönliche Meinung zu den Südtiroler Grünen im Umgang mit Rechtsradikalismus. Die Grünen bekämpfen diesen aktiv, wenn mit wenig Widerstand zu rechnen ist. Sind bei gewissen Themen jedoch größere Widerstände und gegenteilige Meinungen aus der z.B. italienischen Bevölkerung zu erwarten, dann verhalten sie sich passiv bzw. haben keine Einwände.

Arch+Raum Faschismen Geschichte Medien Politik | Faschistische Relikte Geschichtsaufarbeitung Zitać | Arno Kompatscher Christian Tommasini Harald Mair Luis Durnwalder | Stol Südtirol News UT24 | Südtirol/o | PDL&Co. SVP Vërc | Deutsch

Categories
BBD

Copy-Paste-Journalismus.

Es liegt keinesfalls in der Intention des Schreibers, anlässlich des Todes einer der bedeutendsten Südtiroler Persönlichkeiten, eine billige Polemik über Plagiate vom Zaun zu brechen. Vielmehr möchte ich auf ein grundlegendes Problem des Journalismus – insbesondere des Online-Journalismus – hinweisen.

Nach dem gestrigen Tod Franz Thalers hat tageszeitung.it als Meldung einfach den gesamten Wikipedia-Artikel zum Südtiroler Widerstandskämpfer ohne Quellenangabe online gestellt. stol.it hat hingegen einige Abschnitte – ebenfalls ohne Quellenangabe – wortwörtlich aus Wikipedia übernommen.

Abgesehen davon, dass es illegal ist, fremdes geistiges Eigentum (auch solches, das als “freier Inhalt” gilt) ohne Quellenangabe, noch dazu für kommerzielle Zwecke, wie es ein Online-Nachrichtenportal ist, zu übernehmen, offenbart die Vorgehensweise der Online-Journalisten ein tieferliegendes Problem.

Im Kampf um die schnelle Meldung und angesichts prekärer finanzieller Ausstattung vieler Online-Redaktionen, werden journalistische Grundregeln über Bord geworfen. Gewissenhafte Recherche, journalistische Ethik und geistige Eigenleistung? Fehlanzeige! Es liegt die Vermutung nahe, dass auch viele andere Inhalte – zumindest in Online-Medien – auf ähnlich Weise zustande kommen: schnell zusammenkopiert aus irgendwelchen, unüberprüften Quellen.

Zudem finde ich, dass sich Franz Thaler mehr verdient hätte, als ein bequemes und illegales “Copy-paste” aus einer freien Online-Enzyklopädie. Mit Journalismus hat das nicht mehr viel zu tun.

Wer sich selbst ein Bild zum “Online-Journalismus” über Franz Thalers Tod machen möchte, findet im Anschluss die entsprechenden Auszüge.

Franz Thaler ist tot: Der Überlebende des KZ Dachau ist am Donnerstag im Alter von 90 Jahren gestorben.

Franz Thaler ist tot!

Der Autor, Federkielsticker und Überlebende des KZ Dachau und des KZ Hersbruck ist am Donnerstag im Altersheim verstorben..

Franz Thaler wurde 1925 in der Gemeinde Sarntal in Südtirol geboren.

Als sich sein Vater im Jahre 1939 gegen die Abwanderung ins Deutsche Reich entschied, folgte für die Familie eine Zeit der Schikanen und der Ausgrenzungen: So wurde Franz Thaler vom Schulunterricht ausgeschlossen. 1944 erhielt er trotz seiner italienischen Staatsbürgerschaft den Stellungsbefehl für die deutsche Wehrmacht.

Zwar versteckte er sich vorerst vor den Nationalsozialisten, stellte sich jedoch letztendlich, als der Familie die Sippenhaft angedroht wurde. Franz Thaler wurde von einem Kriegsgericht zu zehn Jahren Konzentrationslager verurteilt.

Im Dezember 1944 kam er im Konzentrationslager Dachau an und wurde noch im selben Monat nach Hersbruck (ein Außenlager des KZ Flossenbürg) verlegt, wo er fortan im Bautrupp arbeiten musste. Am 29. April 1945 wurde das KZ von amerikanischen Truppen befreit; Franz Thaler wurde in einem französischen Gefangenenlager inhaftiert.

Als er im August 1945 zurück in die Heimat kam, begann Franz Thaler seine Erinnerungen aufzuschreiben, die 1989 erstmals in Buchform erschienen. Thaler arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Federkielsticker im Sarntal.

Thalers 1989 erstmals veröffentlichte Memoiren Unvergessen trugen in Südtirol maßgeblich zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bei.

2010 wurde er von der Stadt Bozen gemeinsam mit dem NS-Gegner und -Opfer Josef Mayr-Nusser zum Ehrenbürger ernannt.

Der Trauergottesdienst für Franz Thaler findet am Samstag, 31. Oktober, um 14.30 Uhr in der Pfarrkirche von Reinswald statt.

— tageszeitung.it

Der KZ-Überlebende aus dem Sarntal Franz Thaler ist tot. Er starb am Donnerstag im Alter von 90 Jahren. Seine Erinnerungen hielt er im Buch “Unvergessen” fest

Thaler wurde 1925 in Reinswald/Sarntal geboren. Als sich sein Vater 1939 gegen die Abwanderung ins Deutsche Reich entschied, folgte für die Familie eine Zeit der Schikanen und Ausgrenzungen: So wurde Franz Thaler vom Schulunterricht ausgeschlossen.

1944 erhielt er trotz italienischer Staatsbürgerschaft den Stellungsbefehl für die deutsche Wehrmacht. Zuerst versteckte er sich vor den Nationalsozialisten, stellte sich jedoch letztendlich, als man seinen Vater bedrohte.

Von einem Kriegsgericht wurde er zu zehn Jahren Konzentrationslager verurteilt. Sein Leidensweg führte ihn durch mehrere Gefängnisse ins Konzentrationslager Dachau. Im August 1945 kam er, zwanzigjährig, seelisch und körperlich gebrochen, nach Hause und begann, seine Erinnerungen aufzuschreiben.

Diese erschienen 1988 als Sonderdruck der Kulturzeitschrift “Sturzflüge”, 1999 erstmals in Buchform unter dem Titel “Unvergessen”. Es wurde zu einem Schlüsseltext der Südtiroler Zeitgeschichte, ins Italienische und Englische übersetzt.

Das Buch liegt – überarbeitet und ergänzt – in der fünften Auflage vor. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Federkielsticker im Sarntal. 2010 wurde Thaler gemeinsam mit NS-Gegner und -Opfer Josef Mayr Nusser zum Ehrenbürger der Stadt Bozen ernannt.

Der Trauergottesdienst für Franz Thaler findet am Samstag in der Pfarrkirche von Reinswald statt. Beginn: 14.30 Uhr.

— stol.it

Fett bzw. schwarz [Hervorhebungen von mir] sind die Bereiche, die wortwörtlich aus Wikipedia übernommen wurden.

Wikipedia -Artikel erscheinen unter einer Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0) Lizenz. Einfache Zitate sollen laut Wikipedia mittels der Zitierhilfe wie folgt gekennzeichnet werden.

Seite “Franz Thaler”. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. Oktober 2015, 21:48 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Franz_Thaler&oldid=147515541 (Abgerufen: 30. Oktober 2015, 08:48 UTC)

Werden jedoch ganze Absätze oder gar vollständige Artikel übernommen, kommen die umfangreicheren Regeln der Attribution-ShareAlike 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0) Lizenz zum tragen.

Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders.

Weitergabe unter gleichen Bedingungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder anderweitig direkt darauf aufbauen, dürfen Sie Ihre Beiträge nur unter derselben Lizenz wie das Original verbreiten.

Südtirolnews und salto.bz haben sich – soweit ich das überprüfen konnte – für mehr Eigenleistung entschieden. Zumindest wurden nicht im großen Stile Textstellen aus Wikipedia oder anderen Online-Quellen kopiert.

Faschismen Geschichte Medien | Medienkritik Zitać | | Salto Stol Südtirol News TAZ | | | Deutsch