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Südtiroler Sprachlandschaft.

Als ich vor einigen Jahren das Sprachbarometer des Landesinstituts für Statistik in meinen Händen hielt, fiel mir sofort auf, dass die meisten Daten nach Sprachgruppen getrennt angegeben waren — wodurch es schwierig ist, ein gesellschaftliches Gesamtbild zu erlangen. Das ist vermutlich Konsequenz des Südtiroler Autonomiemodells, in dem gewöhnlich alles gesondert nach Sprachgemeinschaften betrachtet wird.

Die meisten mir bekannten mehrsprachigen Länder — von Katalonien über die Schweiz bis Wales — kennen einen sehr wichtigen Indikator, der als Grundlage für die jeweilige Sprachpolitik dient, doch genau der fehlt in der Astat-Studie: Es handelt sich um die Hör-, Sprech-, Lese- und Schreibfähigkeiten aller Bürger in den unterschiedlichen Sprachen.
Im Sprachbarometer scheint zwar auf, wie gut die Südtiroler deutscher Muttersprache Italienisch und wie gut die Südtiroler italienischer Muttersprache Deutsch beherrschen, alles andere — einschließlich der Kompetenzen in der eigenen Sprache — wird jedoch ohne ganz Angabe von Zahlenwerten und ebenfalls nach Sprachgruppen getrennt (ausschließlich graphisch) zusammengefasst.

Eine tabellarische oder grafische Darstellung der Sprachfähigkeiten aller Südtiroler (also ungeachtet ihrer Muttersprache) fehlt ganz.

Ich habe nun beim Astat die entsprechenden Daten angefordert, erhalten und auf die Gesamtbevölkerung umgelegt. Daraus ergibt sich ein viel differenzierteres Bild der Südtiroler Sprachlandschaft, als die wie üblich nach Sprachgruppen getrennte Betrachtung erahnen lässt. Daten über das Leseverständnis liegen mir leider nicht vor, genausowenig wie über die Beherrschung der ladinischen Sprache. Das hier in Folge präsentierte Ergebnis müsste normalerweise einschlagen wie eine Bombe:

Rund 68% der Südtiroler haben keine Schwierigkeiten, gesprochenes Deutsch zu verstehen. Das ist rund 1 Prozentpunkt weniger, als es — laut Volkszählung — Südtiroler deutscher Muttersprache gibt. Darüberhinaus können weitere 16% der Südtiroler Zusammenhänge eines längeren Gesprächs auf Deutsch verstehen. Insgesamt befinden sich 84% der Südtiroler Gesamtbevölkerung in diesem »grünen Bereich«.

Obwohl sich bei der Volkszählung nur 26,5% der Südtiroler der italienischen Sprachgruppe zugehörig erklärt haben, geben 59% (also mehr als doppelt so viele!) an, ohne Schwierigkeiten einem Gespräch auf Italienisch folgen zu können. Betrachtet man den gesamten »grünen Bereich«, schneiden die deutsche und die italienische Sprache sogar gleich gut ab: Bei beiden Sprachen fallen 84% der Bevölkerung in die zwei höheren Kategorien.

Fast doppelt soviele Südtiroler verstehen kaum oder gar kein gesprochenes deutsches Wort (7%), wie solche, die angeben, (fast) kein Italienisch zu verstehen (4%).

Interessant ist nicht zuletzt der Vergleich mit dem deutschen Dialekt (nicht grafisch dargestellt): 13% der Südtiroler können (fast) gar nichts verstehen, wenn sie jemanden auf »Südtiroler Deutsch« sprechen hören. Das sind fast doppelt soviele, wie beim Hochdeutschen (7%). Allerdings geben im Gegenzug nur 7% an, einfache Sätze verstehen zu können, weshalb der sogenannte »grüne Bereich« beim Dialekt mit 80% nur unwesentlich kleiner ist, als im Falle des Hochdeutschen (84%). Die Einwohner Südtirols haben also insgesamt nur unwesentlich größere Schwierigkeiten, den Dialekt zu verstehen, als die Hochsprache.

Nur wenig mehr als die Hälfte der Südtiroler (55%) geben an, sich spontan und flüssig auf Deutsch ausdrücken zu können. Das sind deutlich weniger, als sich 2001 der deutschen Sprachgruppe zugehörig erklärt hatten (über 69%). Umgekehrt sprechen mit 43% der Gesamtbevölkerung wesentlich mehr Südtiroler »perfekt« Italienisch, als die Sprachgruppenzugehörigkeit vermuten ließe.

Alarmierend ist, dass in einem Land mit deutscher Bevölkerungsmehrheit über ein Zehntel der Menschen (fast) gar nicht Deutsch sprechen kann. Das sind fast dreimal soviele, wie jene, die kein Italienisch sprechen.

Was den gesamten »grünen Bereich« betrifft, so ist er bezüglich der Sprechfähigkeit im Deutschen (74%) nur unwesentlich größer als im Italienischen (71%). Anders gesagt: Fast gleich viele Einwohnerinnen Südtirols sprechen gut Italienisch, wie jene, die gut Deutsch sprechen.

Nur knapp die Hälfte der Südtiroler traut sich zu, Texte zu komplexen Sachverhalten auf Deutsch zu schreiben. Das sind rund 20 Prozentpunkte weniger, als die, die Deutsch als ihre Muttersprache bezeichnen. Fast ein Drittel (und somit ca. 6 Prozentpunkte mehr [!], als sich »italienischer Muttersprache« erklärt haben), trauen sich dieselbe Fähigkeit im Italienischen zu. Im »grünen Bereich« der deutschen Sprache befinden sich 77% der Südtirolerinnen, in jenem der italienischen Sprache 71%: Wiederum gibt es in dieser Hinsicht keinen allzu großen Unterschied zwischen den Sprachen. Die Anzahl jener Südtiroler, die kein Deutsch schreiben können, ist um 50% höher, als jene, die kein Italienisch schreiben können.

Das sind die Daten, die man meines Erachtens — anstatt der Sprachgruppen-Zugehörigkeitserklärung — für eine seriöse Sprach- und Kulturpolitik benützen sollte, weil sie ein realeres Bild der Südtiroler Gesellschaft zeichnen. Sie könnten in zahlreichen Bereichen Anlass für eine drastische Kursänderung sein. Dabei gilt zu beachten, dass die neuen Südtiroler (Zuwanderer) in diesen Erhebungen — meines Wissens — gar nicht berücksichtigt wurden.

Die Daten beziehen sich auf das Astat-Sprachbarometer 2004 (Abschnitt 4 – Sprachidentität) und auf die Sprachgruppenerhebung von 2001. Die genauen Fragestellungen und methodologischen Hinweise sind dem Sprachbarometer zu entnehmen; ihre Ausführung würde den Rahmen eines Blogeintrags sprengen.

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Neue Südtirolerinnen in den Schulen.

Das Landesinstitut für Statistik (Astat) erhebt jährlich Südtirols Schulbevölkerung. Im Zuge der Auswertung wird auch ermittelt, wie hoch der prozentuelle Anteil an Zuwandererinnen in den deutschen, italienischen und ladinischen Schulen ist.
Das sagt aber nur indirekt etwas darüber aus, welcher Anteil dieser im wahrsten Sinne neuen Südtirolerinnen sich für eine Schule mit deutscher oder italienischer Unterrichtssprache entscheidet bzw. wie viele eine paritätische Schule in den ladinischen Tälern besuchen. Um an diese gesellschaftspolitisch relevanten Indikatoren zu gelangen, ist leider noch etwas eigene Rechenarbeit erforderlich.

Ich habe mir jetzt die Mühe gemacht, die einzelnen Daten der aktuellsten Astat-Schülerzahlen (2010/11) zusammenzutragen und in Bezug auf die Gesamtzahl an neuen Südtirolerinnen in unseren Schulen aufzuschlüsseln.

Und dies ist das Ergebnis:

Grundschulen: Knapp 53% (1.239) der neuen Südtirolerinnen entscheiden sich für eine Grundschule mit italienischer Unterrichtssprache, etwas mehr als 45% (1.063) besuchen eine Schule mit deutscher Unterrichtssprache und knapp 2% (45) gehen in den ladinischen Gemeinden zur Schule.

Mittelschulen: Hier vergrößert sich das Ungleichgewicht zugunsten der Schulen mit italienischer Unterrichtssprache (>55% entspr. 821 Schülerinnen), nur noch rund 43,5% (642) entscheiden sich für eine Mittelschule mit deutscher Unterrichtssprache und knapp 1% (14) besuchen die Mittelschule in Ladinien.

Oberschulen: Über zwei Drittel (66,9%, entspr. 845) der Neuen, die sich für den Besuch einer Oberschule entscheiden, sind heuer an einer Einrichtung mit italienischer Unterrichtssprache eingeschrieben. Das sind mehr als doppelt so viele, wie jene (rd. 32,5% oder 411 Schülerinnen), die eine Oberschule mit deutscher Unterrichtssprache besuchen. Nur 0,55% (7) besuchen hingegen eine Schule in Gherdëina oder Badia.

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Südtiroler Deutsch.

Hunter hat mich — aus welchem Grund auch immer — auf diesen Wikipedia-Eintrag über die Südtiroler Varietät der deutschen Sprache aufmerksam gemacht. Ich will ihn hier wiedergeben und nur in den Kommentaren sagen, was ich davon halte. Mich würde natürlich auch die Meinung der Leserinnen interessieren.

Südtiroler Deutsch ist eine Varietät des Deutschen und durch Interferenzen aus dem Italienischen geprägt.

Typisch zweisprachige Aufschrift in Südtirol mit Grammatikfehler (Kohlern bei Bozen).

Entstehung des Landes Südtirol

Anders als z.B. im Falle der sog. nationalen Varietät Österreichisches Deutsch sind in Südtirol unstrittig sowohl die Voraussetzungen zur Herausbildung einer an geographisch-politischen Grenzen festzumachenden sprachlichen Sonderentwicklung als auch faktisch konstatierbare Südtirolerismen gegeben, die definitionsgemäß tatsächlich auf Südtirol beschränkt sind und in Südtirol heute vom Großteil der Sprecher als standardsprachlich angesehen werden.

Bis zum Ersten Weltkrieg war das Gebiet des heute so benannten Südtirol (italienischer Verwaltungsbegriff: Provincia Autonoma di Bolzano) Teil der Grafschaft Tirol, die auch große rein italienischsprachige Gebiete umfasste (sog. Welschtirol, z.B. Trentino) und seit dem Tod Margaretes von Maultasch durch Personalunion der neuen Tiroler Landesherren zum Habsburgerreich gehörte. Durch den Vertrag von Saint-Germain kam jedoch auch das überwiegend deutschsprachige Gebiet südlich des Alpenhauptkammes bis Salurn an Italien und wurde mit dem Trentino zu einer mehrheitlich italienischsprachigen Region vereint.

Unter Mussolini wurde der Versuch unternommen, Südtirol zu italianisieren bzw. an die italienische Kultur zu assimilieren, d.h. Orts- und Familiennamen wurden von Ettore Tolomei durch italienische, oft frei erfundene Namen ersetzt und die Zuwanderung von Italienern aus anderen Regionen gefördert. Dadurch entstand südlich von Bozen ein ausgedehntes Gewerbegebiet (Alu-Werke) und westlich der Talfer eine italienische Neustadt mit faschistischer Architektur (Siegesdenkmal, jetziger Corso della libertà ). Eine Enteignung oder Vertreibung der Tiroler Volksgruppe, die in Südtirol zahlenmäßig immer die Mehrheit stellte und wirtschaftlich durch die einträgliche Landwirtschaft abgesichert war, bzw. eine ethnische Säuberung wurde von den italienischen Faschisten dagegen nie betrieben oder geplant. Erst Hitler strebte eine Umsiedlung der Tiroler Volksgruppe an. Im Zuge der sog. Option mussten die Südtiroler 1939 zwischen einem Verbleib in einem italianisierten Südtirol oder der Aussiedlung in die später von den Nazis im Zweiten Weltkrieg besetzten Ostgebiete wählen.

Die überwältigende Mehrheit der Südtiroler stimmte zwar für das vermeintliche Deutschtum bzw. die Auswanderung, doch verließ wegen der Kriegswirren nur ein kleiner Teil tatsächlich Südtirol und wurde größtenteils in Südtiroler-Wohnsiedlungen in Österreich aufgefangen. Nach dem Weltkrieg kehrten viele der sog. Optanten dank des Gruber-De-Gasperi-Abkommens wieder nach Südtirol zurück, zumal sich Italien im Geiste der Aussöhnung verpflichtete, den Optanten wieder die italienische Staatsbürgerschaft zu verleihen.

Bis zum vollständigen Inkrafttreten des Autonomiestatutes prägten ethnische Spannungen und sichtbare Polizei- und Militärpräsenz weiterhin den Alltag in Südtirol, spätestens seit den Neunzigern ist aber von einer breiten Zustimmung der Südtiroler zur Zugehörigkeit zum Staat Italien auszugehen. Politische Bestrebungen, eine Eigenstaatlichkeit oder sog. Selbstbestimmung (Eva Klotz) anzustreben, sind auf kleinste Gruppierungen beschränkt und eine Rückkehr zur Schutzmacht Österreich, deren internationalem Engagement auch vor der UNO die Erlangung der Autonomie zu verdanken ist, wird von keiner politischen Partei gefordert. Auch die langjährige Regierungspartei SVP, eine ursprünglich rein ethnisch definierte Sammelpartei, strebt keine Änderung des Status Quo oder gar eine Volksabstimmung an, da mit einem breiten Bekenntnis zur Zugehörigkeit zum Staat Italien zu rechnen wäre und damit dem durch das Autonomie-Statut dem Land Südtirol eingeräumten Sonderstatus die Legitimation entzogen würde. De facto bewirkte das Autonomie-Statut eine Art Eigenstaatlichkeit Südtirols, übergeordnete (d.h. staatliche bzw. italienische) Kontrollinstanzen fehlen weitgehend und auch in jenen Bereichen, in denen keine Autonomie vorgesehen wäre (Oberschulen), werden staatliche Gesetze nur bedingt verwirklicht, zumal in der rechtspraxis oft Unklarheit herrscht, wieweit nationale, d.h. italienische Bestimmungen auf Südtiroler Verhältnisse zu übertragen wären.

Sprachliche Faktoren

Die Situation des Deutschen in Südtirol unterscheidet sich von jener der Nachbarländer und ähnelt in gewissem Sinne der Rolle der Mundart und dem Einfluss des Romanischen in der Schweiz:

  • fehlende Verstädterung: der Großteil der Südtiroler lebt in Dörfern und Kleinststädten, selbst in der einzigen Großstadt, d.h. Bozen, erreicht der Anteil der deutschen Bevölkerung gerade einmal die Ausmaße einer Kleinstadt.
  • Lebendigkeit des Dialekts: in vielen Bereichen des täglichen Lebens (selbst an höheren Schulen, für die gesetzlich der Gebrauch des Standarddeutschen vorgeschrieben wäre) dominiert die Mundart, eine überregionale Umgangssprache fehlt weitgehend und eine dialektfreie Standardsprache, wie sie in weiten Teilen Deutschlands vorherrscht, wird als fremd abgelehnt, weshalb auch nur bedingt von Diglossie gesprochen werden kann.
  • Distanz zur Schriftsprache: die deutsche Standardsprache wird oft als fremd empfunden und Defizite im sprachlichen Ausdruck sogar der Gymnasiasten wurden im Auftrag der Südtiroler Landesregierung u.a. durch die Studie DESI wissenschaftlich nachgewiesen.1/
  • fehlender Austausch mit sprachlich verwandten Regionen: anders als z.B. in Österreich, wo sich ein reger Bevölkerungsaustausch unter den einzelnen Dialekt(unter)gruppen nachweisen lässt, ruht Südtirol gewissermaßen in sich selbst. Mit der Errichtung universitärer Bildungseinrichtungen auch in Kleinststädten wie Brixen und Bruneck (Fachhochschulen wie die sog. Freie Universität Bozen oder die Europäische Akademie u.ä.) besteht für junge Südtiroler keine Notwendigkeit mehr, den Heimatort jemals zu verlassen. Das Südtiroler Schulamt weigerte sich sogar noch bis 2007 grundsätzlich, nämlich bis zum Unterliegen in vier Prozessen vor dem Verwaltungs- und Arbeitsgericht Bozen, österreichische Lehrer, deren Lehramt vom italienischen Unterrichtsministerium nach der EU-Richtlinie 89/48 anerkannt worden war, als reguläre Lehrer mit unbefristetem Dienstvertrag einzustellen, obwohl Südtiroler Lehrer auch ohne Lehramt solche Dauerstellen (insegnanti di ruolo / Stammrollenlehrer) erlangen konnten.
  • Isolation und latente Xenophobie bzw. Ethnozentrismus: Nach einer Verlautbarung der CARITAS vertreten 40% der Südtiroler bzw. laut ASTAT-Studie sogar zwei Drittel der Jugendlichen die Meinung, es gebe in Südtirol zu viele Ausländer,2/ obwohl die Migrationsproblematik Südtirol erst sehr spät und bislang nur in kleinem Maßstab erfasste. Einwanderer-Kinder besuchen fast ausschließlich italienischsprachige Schulen: im Jahr 2007 betrug an deutschsprachigen Oberschulen (15- bis 19-Jährige) der Ausländeranteil nur 1,7%; lässt man jene Ausländer, die nur formal, d.h. wegen der Verheiratung eines ihrer Südtiroler Elternteile mit einem Österreicher oder Deutschen, als Ausländer zählen, außer Acht, sinkt der Ausländeranteil sogar auf 1,2% – an den italienischsprachigen Oberschulen in Südtirol beträgt er aber fast 9%. An den Grund- und Mittelschulen ist das Missverhältnis ähnlich: 2,6% zu 15,2% bzw. 2,4% zu 16,4%.
  • mangelnde Vertrautheit mit Fachsprachen und Verwaltungsterminologie: vielfach kennen Südtiroler Verwaltungsbedienstete zwar die italienischen termini technici, sind aber i.d.R. nicht mit den entsprechenden Ausdrücken und Wendungen in österreichischen oder deutschen Paralleltexten vertraut, weshalb Südtiroler fachsprachliche Texte für Nicht-Südtiroler oft wenig fachsprachlich und zuweilen auch unverständlich wirken.
  • Superstrat-Wirkung des Italienischen: in weiten Bereichen des Alltags müssen Verwaltungsbedienstete ohne Dolmetsch-/ Übersetzungsausbildung laufend rasch italienischsprachige Texte übersetzen, wodurch Interferenzen oft unvermeidbar sind. Viele der in aller Eile und ohne Sorgfalt geschaffenen Neologismen und Ausdrucksweisen werden mühelos in die Alltagssprache übernommen und gelten dank der Autorität der Behörde oft als richtig. Dies gilt für viele zweisprachige Aufschriften.

Interferenzen

Als typische Interferenzen aus dem Italienischen können gelten:

  • lexikalische Interferenzen: z.B. Identitätskarte (nach it. carta d’identità ) statt Personalausweis, Schulführungskraft (nach it. dirigente scolastico) statt Schulleiter (offizielle Bezeichnung in z.B. Österreich und Bayern) oder Direktor (Alltagswort für Schulleiter in Österreich und in deutschen Bundesländern), Neologismen wie Stammrollenlehrer (nach it. insegnante di ruolo = verbeamteter Lehrer, zumindest mit unbefristetem Dienstvertrag), wobei hier auch von einem Sachspezifikum gesprochen werden kann;
  • semantische Interferenzen: didaktische Tätigkeit(en) (nach it. attività  didattiche) statt dt. Unterricht in Wendungen wie: die Wiederholungsprüfungen müssen vor dem Beginn der didaktischen Tätigkeit abgeschlossen sein, die didaktische Tätigkeit endet Mitte Juni – die Interferenz liegt darin, dass didaktisch sich im Standarddeutschen immer auf die Didaktik, also die Wissenschaft vom Unterrichten, bezieht und nicht synonym mit Unterricht verwendet werden kann; Literat auch im Sinne von Latein-Deutschlehrer (nach it. materie letterarie).
  • syntaktische Interferenzen: häufig begegnen Genitivattribute oder auch lange Genitivattribut-Reihen anstelle von Komposita oder Präpositionalausdrücken nach dem Vorbild der italienischen di/della/…-Ausdrücke: z.B. die Vergabe der Stellen der Zweitsprachlehrer der Grundschule statt: die Stellenvergabe für Zweitsprachenlehrer (= Deutschlehrer an italienischsprachigen Schulen) an Grundschulen.
  • phraseologische/idiomatische Interferenzen: typisch Südtirolerisch ist die Verwendung der Präposition innerhalb auch mit Zeitpunkten, obwohl im Standarddeutschen innerhalb nur mit Zeitstrecken kombiniert werden kann (innerhalb zweier Tage, innerhalb von fünf Tagen), also z.B: das Gesuch (= Südtirolerisch fast immer statt sachlich richtigem: Antrag) muss innerhalb 31. Oktober eingereicht werden, wobei die italienische Konstruktion: entro il 31 ottobre falsch übertragen wurde; einen Gefallen machen steht für einen Gefallen tun (nach it. fare un piacere).
  • phonetische Interferenzen: z.B. die Aussprache des Digraphs <<qu>> als ku̯ wie im Italienischen statt kv wie im Standarddeutschen; Lanthaler vermutet, diese erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingetretene Entwicklung gehe auf Volksschullehrerinnen zurück, die den Schülern im Schreibunterricht einschärften, qu dürfe nicht kw geschrieben werden, wobei das Italienische nur indirekt diese Ausspracheveränderung bewirkt hätte.

Daneben treten im Südtiroler Deutsch Sprachformen auf, die nicht als Interferenz erklärbar sind, sich aber dennoch aus der besonderen Situation des Südtirolerischen erklären. So wird ähnlich wie in der Schweiz schriftlich als Relativpronomen meist das veraltete, im Mittelalter nach lateinischem Vorbild (qui/quae/quod) eingeführte und von Duden als papierenes Deutsch bezeichnete welcher/welche/welches benutzt, das aber im gesprochenen Deutsch in Südtirol kaum verwendet wird, also keineswegs der natürlichen Ausdrucksweise entspricht. Auch werden bestimmte, als politisch korrekt erfundene, Wörter wie z.B. das in der Schweiz gängige Lehrperson (statt Lehrkraft/Lehrkörper) benutzt. Oft ist eine für Mundartsprecher bezeichnende Unsicherheit der Grund für nicht-standardsprachliche Ausdrücke wie z.B. Einreichefrist mit unüblichem Fugen-e statt Abgabetermin o.ä. Andere Erscheinungen des Südtiroler Deutschen werden von Südtirolern selbst als mundartlich empfunden und sind in der Schriftsprache nicht anzutreffen, etwa das von vielen Nordtirolern als das Südtiroler Kennwort empfundene Pronomen: sell/semm bzw. verhaucht: hell (vermutlich aus der Amtssprache: < selbiger, selbigem) statt demonstrativem der/die/das, Beispiel: sell woas i nit für: «das weiß ich nicht».

Oft überschätzt wurde die Übernahme italienischer Wörter (Sachspezifika oder praktische Kurzwörter wie targa für “Kennzeichen/KFZ-Nummerntafel”) und Interjektionen (Oschtia < it. ostia; magari usw.) in die Alltagssprache, die keine tiefergehende Beeinflussung des Sprachsystems an sich vermuten lassen und oft kurzlebig sind. In Stellenanzeigen fand sich etwa oft der Ausdruck militärfrei (für it. militesente), durch den der Bewerberkreis auf Männer mit abgeleistetem Militärdienst eingeschränkt wurde, der jedoch mit Abschaffung der Wehrpflicht ebenso schnell wieder verschwunden ist. Für Südtirol, obgleich nicht für das Deutsche in Südtirol, typisch ist auch die umgekehrte Beeinflussung. Italienische Aufschriften entsprechen häufig nicht den italienisch-standardsprachlichen, im eigentlichen Italien üblichen (vgl. attendere prego im Sinne des dt. Bitte warten! statt si prega di attendere oder un attimo). Da heute viele Italiener v.a. außerhalb der Großstadt Bozen einer starken Assimilierung an die (Süd-) Tiroler, d.h. deutschsprachige Kultur in Südtirol unterliegen und ihre Kinder vielfach in deutschsprachige Schulen schicken, um ihnen sozialen Anschluss und größere Arbeits-Chancen zu sichern, ist in bestimmten Bereichen mit dem Entstehen einer Interlanguage zu rechnen.

Auswahlbibliographie

  • AUFSCHNAITER, Werner von. Sprachkontaktbedingte Besonderheiten der deutschen Gesetzes- und Amtssprache in Südtirol. In: Germanistische Mitteilungen, 16 (1982), S. 83-8.
  • BAUER, Roland. Deutsch als Amtssprache in Südtirol. In: Terminologie et tradtition. Hg. W. Osterheld. S. 63-84. Luxembourg: Office des publications officielles des communautés europeénnes. 1994.
  • EGGER, Kurt. Die Vielfalt der sprachlichen Ausdrucksmittel in der Umgangssprache von Schülern in Bozen. In: Vielfalt des Deutschen. Festschrift für Werner Besch, S. 653-63. Frankfurt a.M., 1993.
  • KRAMER, Johannes. Deutsch und Italienisch in Südtirol. Heidelberg: Winter, 1981.
  • LANTHALER, Franz und Annemarie Saxalber. Die deutsche Standardsprache in Südtirol. In: Österreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Hg. Rudolf Muhr, Richard Schrodt und Peter Wiesinger. S. 287-304. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995.
  • MOSER Hans und Oskar Putzer. Hg. Zur Situation des Deutschen in Südtirol. Sprachwissenschaftliche Beiträge zu den Fragen von Sprachnorm und Sprachkontakt. Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft – Germanistische Reihe, Band 13. Innsbruck, 1982.
  • PERNSTICH, Karin. Der italienische Einfluss auf die deutsche Sprache in Südtirol, dargestellt an der Südtiroler Presse. Schriften zur deutschen Sprache in Österreich, Band 11. Wien: Braumüller, 1984.
  • RIEDMANN, Gerhard. Die Besonderheiten der deutschen Schriftsprache in Südtirol. Duden Beiträge 39. Mannheim: Bibliographisches Institut, 1972.
  • RIEDMANN, Gerhard. Bemerkungen zur deutschen Gegenwartssprache in Südtirol. In: Standardsprache und Dialekt in mehrsprachigen Gebieten Europas. Hg. P. Sture Ureland. Linguistische Arbeiten, Band 82. Tübingen, 1979.

Anmerkungen

  1. DESI wurde zusammen mit der ersten regionalen Auswertung der PISA-Studie in Südtirol 2003 durchgeführt, allerdings so wie auch PISA irregulär: ein Drittel der (schlechten) Schüler wurden von vornherein von der Teilnahme ausgeschlossen und der gesamte Englisch-Testteil wurde wegen angeblicher Benachteiligung der Südtiroler Schüler, die als erste Fremdsprache Italienisch lernen, nicht durchgeführt. Das DESI-Südtirol-Ergebnis liest sich nüchtern: am Wortfeld Bahnhof scheiterten alle Schüler, kein einziger konnte beispielsweise ein Stellwerk als solches benennen. Die bundesdeutschen Testexperten sprachen mit Rücksicht auf ihre offiziellen Auftraggeber wohlwollend von item bias und ignorierten die signifikanten sprachlichen Defizite – Aufgaben, in denen Südtiroler Schüler grundsätzlich schlecht abschnitten, wurden kurzerhand vor der Auswertung ausgeschlossen. Trotz dieser schönenden Faktoren fiel das Ergebnis eindeutig aus: im Wortschatztest erreichten nur 14% der Südtiroler Gymnasiasten die höchste Leistungsgruppe, der in Deutschland fast die Hälfte (!) der Fünfzehnjährigen angehört, umgekehrt lag ein Viertel (!) der Südtiroler Gymnasiasten in der allerschlechtesten Gruppe, die in Deutschland trotz aller Migrationsprobleme nur 7% ausmacht. Siehe den Offiziellen Schlussbericht der deutschen DESI-Projektgruppe auf der Homepage des PI: http://www.schule.suedtirol.it/pi/publikation/Desi.htm. Ergebnis des Wortschatztests (22,6 gegenüber 7,6% unter schlechtester Gruppe A, 44,2 vs. 14,2% in bester Gruppe C): S. 36; Ausschluss der Berufsbildung (= 30%!!): S. 7; Item-Bias: «Brötchen» nicht gekannt, S. 12; DIF-Analysen (Differential Item Functioning), bei Wortfeld Bahnhof völlig versagt, S. 17.
  2. Siehe http://www.social.bz.it/pressarchive.php?art_id=67611. Abgerufen am 20. November 2010.
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Più sudtirolesi che altoatesini.

Che ci siano più sudtirolesi che altoatesini sarebbe un’affermazione ridondante se riferita all’uso che molti fanno dei due termini, «sudtirolesi» per definire i cittadini di lingua tedesca e «altoatesini» per quelli di lingua italiana. Un uso teminologico che non solo descrive, ma contribuisce a riprodurre una separazione concettuale che dovremmo finalmente lasciarci alle spalle. Seguendo tale logica i sudtirolesi sarebbero «esattamente» il 69,15% della popolazione e gli altoatesini il 26,47%, come insegnano le dichiarazioni di appartenenza.

Quel che invece potrebbe sorprendere è ciò che si evince sfogliando il cosiddetto «barometro linguistico» dell’ASTAT, nella sua versione più recente, risalente ormai al 2004. Coloro che si autodefiniscono cittadini di lingua italiana, alla domanda relativa all’appartenenza «territoriale ed etnica» dicono di sentirsi altoatesini al 10,1%, ma la somma di chi si sente sudtirolese (2,6%), sudtirolese di lingua italiana (14,4%) o addirittura tirolese (0,3%) raggiunge un ben più pesante 17,3%.

Certo, il 52,2% dei concittadini di lingua italiana si definisce prima di tutto «italiano», ma raffrontando questi risultati all’identità monolitica che solitamente attribuiamo ai gruppi linguistici constatiamo una liquidità sorprendente. Chi è già pienamente arrivato in questa terra, emancipandosi dalla necessità di definirsi lungo un’asse «nazionale» preferisce definirsi sudtirolese piuttosto che altoatesino; un fatto che rende obsoleta la distinzione fra sudtirolesi (puramente di lingua tedesca) e altoatesini (gli italiani tutti) — ed impellente un uso più inclusivo e integrativo del termine Sudtirolo (anche da parte della popolazione di lingua tedesca).

Rafforzando l’interazione degli «italiani» con l’autonomia attuale e con i progetti di un suo sviluppo — anche in chiave «sovrana» — si contribuirebbe inoltre a far crollare ulteriormente la necessità di identificarsi con una comunità «nazionale». Non è uno sforzo fine a se stesso, se pensiamo che l’identificazione nazionale è destinata a venir delusa dalla realtà e quindi a generare disagio rispetto alle proprie aspettative.

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E ora il Bauernbund.

Da tempo si era ormai giunti al colmo — ma la caccia dell’A. Adige alle associazioni ree di non far uso del prontuario fascista continua imperterrita. Se nel caso dell’AVS era legittima l’irritazione, non tanto perché ha agito come concessionario pubblico (lo dubito), ma perché ha marcato il territorio senza attenersi alle più fondamentali regole del rispetto (bilinguismo nelle descrizioni funzionali e binomismo nei toponimi di maggior rilievo), l’attuale accusa del quotidiano non sta più né in cielo né in terra: il Bauernbund, in un opuscolo dedicato all’ospitalità  contadina avrebbe rinunciato ad alcuni nomi inventati. Ora, è vero che il Bauernbund riceve soldi pubblici, ma resta pur sempre un’associazione privata. Nessuno pensa che gli Schützen o le associazioni dei rioni «italiani», solo perché percepiscono denaro pubblico, debbano attenersi all’obbligo del bilinguismo o magari alla proporzionale etnica — sarebbe francamente ridicolo!

Fa però specie che l’A. Adige vada ora a spulciare le pubblicazioni di un’associazione, mentre non commenta (e non ha mai commentato) le evidenti e sistematiche infrazioni di istituzioni e aziende pubbliche (che pubbliche lo sono a tutti gli effetti) che come poste, ferrovie, autostrade non rispettano né il bilinguismo né la toponomastica «tedesca» e «ladina». Così diventa palese l’intento (riuscito) di creare tensioni etniche, e non di denunciare i veri soprusi da entrambe le parti.

P.S.: È già  stato notato altrove, ma è un punto da tener presente: Il 2009, anno uno dei cartelli incriminati, in cui il tema è stato reso pubblico a livello nazionale (italiano), ed in cui le minacce di boicottaggio — dirette e indirette — da parte del turista italiano erano onnipresenti, è stato invece l’anno record degli italiani. Una notizia basata sulle rilevazioni dell’Astat e molto enfatizzata proprio dall’A. Adige (che non si è reso conto della palese contraddizione?). Ovviamente, questo dato statistico, per se, non giustifica nulla, ma si limita a smontare una delle tesi predilette dei tolomeisti.

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Zukunft grün?

Die Landtagsfraktion der Grünen organisiert am kommenden Montag, den 06.11.2006 im Bozner Gemeindesaal (Gumergasse) eine Tagung zum Zusammenleben und den Entwicklungschancen der Sprachgruppen in Südtirol.

Dabei werden u.a. das neue Südtiroler Sprachbarometer (Astat) und die Studie »Giovani & Integrazione Sociale« vorgestellt. Eine gute Gelegenheit, den Grünen auf den Zahn zu fühlen.

Nähere Infos: 0471.946332

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