{"id":100985,"date":"2026-08-24T21:43:00","date_gmt":"2026-08-24T19:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=100985"},"modified":"2026-08-24T22:00:32","modified_gmt":"2026-08-24T20:00:32","slug":"deutsch-als-wohlfuhlprogramm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=100985","title":{"rendered":"Deutsch als Wohlf\u00fchlprogramm."},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte das Thema vor wenigen Tagen schon <a title=\"Kommentar: Simon.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=79553#comment-404870\">in einem Kommentar<\/a> angeschnitten: Elio Dellantonio, Primararzt i. R. und hochrangiges <abbr title=\"Partito Democratico\">PD<\/abbr>-Mitglied, hat auf <em>Salto<\/em> <a title=\"Salto: La proporzionale \u00e8 ancora sostenibile?\" href=\"https:\/\/salto.bz\/it\/article\/20082026\/la-proporzionale-e-ancora-sostenibile\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einen Beitrag<\/a> ver\u00f6ffentlicht, mit dem er sich <a title=\"Der PD erneut gegen Proporz und Zweisprachigkeit.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=79553\">wieder<\/a> gegen Zweisprachigkeitspflicht <em>und<\/em> Proporz wendet. Dabei wirft er die beiden Ebenen auch noch in einen Topf, obwohl es sich um zwei voneinander unabh\u00e4ngige Ma\u00dfnahmen handelt.<\/p>\n<p>Im Grunde stehen in S\u00fcdtirol s\u00e4mtliche Minderheitenschutzvorkehrungen \u2014 <a title=\"Immer mehr Italienerinnen gegen Zweisprachigkeitsnachweis.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=99044\">Zwei-\/Dreisprachigkeitspflicht<\/a>, <a title=\"La scadenza della proporzionale.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=86900\">Proporz<\/a>, <a title=\"Le solite critiche al censimento linguistico.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=82274\">Sprachgruppenerhebung<\/a>, Ans\u00e4ssigkeitsklausel, muttersprachliche Schule \u2014 <a title=\"Qui siamo in Italia, e quindi si parla Hochdeutsch.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=100838\">bis hin zur Minderheitensprache selbst<\/a> von italienischer Seite permanent und systematisch unter Druck. Auch das Bekenntnis zu einem von der nationalen Einheitsidentit\u00e4t abweichenden Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl wird kaum geduldet.<\/p>\n<p>Jedenfalls aber ist das, was Dellantonio \u00fcber die Zweisprachigkeitspflicht schreibt, sehr aufschlussreich:<\/p>\n<blockquote><p>Der Zweiprachigkeitsnachweis sollte die Kenntnis der Sprachen bescheinigen, die f\u00fcr das Funktionieren einer tats\u00e4chlich zweisprachigen \u00f6ffentlichen Verwaltung erforderlich sind. Stattdessen ist er f\u00fcr einen wachsenden Teil jener, die eine Arbeit im \u00f6ffentlichen Dienst anstreben, vor allem zu einer formalen Verpflichtung, einem Hindernis und oft zu einem Albtraum geworden. Das Ergebnis ist paradox: Eine Ma\u00dfnahme, die geschaffen wurde, um die Zweisprachigkeit zu gew\u00e4hrleisten, droht zu einem der Faktoren zu werden, die vom Erlernen und spontanen Gebrauch der anderen Sprache abhalten. Deutsch wird dadurch von einer Chance zur pers\u00f6nlichen Weiterentwicklung und zur Begegnung mit einer anderen Kultur zu einer formalen b\u00fcrokratischen H\u00fcrde, die es zu \u00fcberwinden gilt. Zweisprachigkeit sollte genau das Gegenteil sein: eine Kompetenz, die man mit Interesse, Neugier und Nat\u00fcrlichkeit erwirbt, und keine administrative Verpflichtung, vor der man sich f\u00fcrchten muss. Der Zweisprachigkeitsnachweis hat eine \u00e4u\u00dferst wichtige symbolische und rechtliche Funktion. Er ist das Instrument, das gew\u00e4hrleistet, dass sich das, was vor hundert Jahren geschah \u2014 der Machtmissbrauch, die Dem\u00fctigung und der Versuch des Faschismus, die S\u00fcdtiroler Sprache, Kultur und Identit\u00e4t auzul\u00f6schen \u2014, nicht wiederholen kann. Dieser Schutz darf jedoch nicht in ein unver\u00e4nderliches Prinzip verwandelt werden, das einer Realit\u00e4tspr\u00fcfung in der Gegenwart entzogen ist, 80 Jahre nach dem Sturz des Nazifaschismus, der die Gefahr beseitigt hat. Im Gegenteil: Diese Minderheit ist heute eine der am besten gesch\u00fctzten, gefestigsten und wohlhabendsten nationalen Minderheiten Europas und der Welt. Ihre Sprache, Kultur, Autonomie und Vertretung in den Institutionen sind umfassend gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p><em><small>\u2013 Elio Dellantonio (PD)<\/small><\/em><\/p><\/blockquote>\n<details>\n<summary><em><small>\u00dcbersetzung von mir (<span style=\"text-decoration: underline;\">Original anzeigen<\/span>)<\/small><\/em><\/summary>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Il patentino dovrebbe certificare la conoscenza delle lingue necessarie al funzionamento di una pubblica amministrazione realmente bilingue. Invece, per una parte crescente di coloro che aspirano a lavorare nel settore pubblico, \u00e8 diventato soprattutto un obbligo formale, un ostacolo e spesso un incubo. Il risultato \u00e8 paradossale: uno strumento nato per garantire la certificazione del bilinguismo rischia di diventare uno dei fattori che disincentivano l\u2019apprendimento e l\u2019uso spontaneo dell\u2019altra lingua, trasformando il tedesco da occasione di crescita e di relazione con un\u2019altra cultura in una barriera burocratica formale da superare. Il bilinguismo dovrebbe essere esattamente il contrario: una competenza da acquisire con interesse, curiosit\u00e0 e naturalezza, non un adempimento amministrativo da temere. Il patentino incarna una funzione simbolica e giuridica importantissima. Esso rappresenta lo strumento che garantisce che ci\u00f2 che accadde cento anni fa \u2014 la prevaricazione, l\u2019umiliazione e il tentativo di cancellazione della lingua, cultura e dell\u2019identit\u00e0 sudtirolese da parte del fascismo \u2014 non possa pi\u00f9 ripetersi. Tutela, per\u00f2, che non pu\u00f2 essere trasformata in un principio immutabile, sottratto alla verifica della realt\u00e0 nel presente, a 80 anni dalla caduta del nazifascismo che ha eliminato il rischio. Al contrario, quella minoranza \u00e8, oggi, una delle minoranze nazionali pi\u00f9 tutelate, solide e prospere d\u2019Europa e del mondo. La sua lingua, cultura, autonomia e presenza nelle istituzioni sono ampiamente garantite.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u2013 Elio Dellantonio (PD)<\/em><\/p>\n<\/details>\n<p>Die Kenntnis der deutschen Sprache \u2014 wir brauchen uns gar nicht vorzumachen, dass es auch um die italienische Sprache geht \u2014 soll im \u00f6ffentlichen Dienst also nicht mehr in erster Linie eine Voraussetzung daf\u00fcr sein, die Rechte der deutschsprachigen Bev\u00f6lkerung zu gew\u00e4hrleisten, sondern eine Art Wohlf\u00fchlprogramm f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Mit solch abwegigen Forderungen, die wohl kaum frei von Hintergedanken sind, ist Dellantonio in der italienischen Sprachgruppe nicht alleine.<\/p>\n<p>Weltweit und auch in Italien dienen Zertifikate ganz selbstverst\u00e4ndlich dazu, Sprachkenntnisse nachzuweisen. Das ist, wie jedes Kind wei\u00df, keine S\u00fcdtiroler Erfindung und kein Alleinstellungsmerkmal. Der Zweisprachigkeitsnachweis soll sicherstellen, dass eine \u00f6ffentliche Verwaltung, die gesetzlich dazu verpflichtet ist, mit der Bev\u00f6lkerung in ihrer Sprache zu verkehren, diese Pflicht auch gew\u00e4hrleisten kann.<\/p>\n<p>Niemand w\u00fcrde auf die Idee kommen, zu verlangen, dass Pilotinnen die zur Berufsaus\u00fcbung erforderlichen Sprachkenntnisse \u00bbmit Interesse, Neugier und Nat\u00fcrlichkeit\u00ab spontan und ohne Verpflichtung erwerben.. Genauso wenig wird man fordern, dass Pr\u00fcfungen im Medizinstudium durch freiwilliges Lernen ersetzt werden, um ja niemanden abzuschrecken. Wird dann im Operationssaal schon alles gut gehen.<\/p>\n<p>Wenn es aber darum geht, die Rechte und den Schutz einer Minderheit zu gew\u00e4hrleisten, wird eine \u00fcberall sonst v\u00f6llig \u00fcbliche Praxis pl\u00f6tzlich zu einer \u00fcberfl\u00fcssigen Schikane, einer Art legalisierter Folter, hochstilisiert. In dieser absurden Erz\u00e4hlung stehen nicht die verbrieften Rechte der Minderheit auf einen \u00f6ffentlichen Dienst im Mittelpunkt, der selbstverst\u00e4ndlich auch ihre Sprachrechte und <a title=\"In sanit\u00e0 la lingua \u00e8 una questione di sopravvivenza.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=100382\">ihre Unversehrtheit<\/a> zu garantieren hat, sondern die zarten Seelen von \u00c4rztinnen und Pflegepersonal, die sich unverbindlich an der Sprache ihrer Patientinnen \u00bbpers\u00f6nlich weiterentwickeln\u00ab sollen. Als w\u00e4re der \u00f6ffentliche Gesundheitsbetrieb ein Sommercamp oder ein Wellnessbereich f\u00fcr Medizinerinnen \u2014 und nicht in erster Linie eine unerl\u00e4ssliche Dienstleistung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Aus dem Privatsektor und aus jenem Teil des \u00f6ffentlichen Dienstes, f\u00fcr den keine Zweisprachigkeitspflicht herrscht, wissen wir ja, wie gut das mit dem spontanen Erlernen der Zweitsprache funktioniert. N\u00e4mlich meistens gar nicht. Auch die Politik, wo die Beherrschung der deutschen Sprache <a title=\"Politici monolingui e arroganti, ci risiamo.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83977\">weitgehend der Muse von Landesr\u00e4tinnen und Abgeordneten \u00fcberlassen ist<\/a>, kann als Beispiel dienen.<\/p>\n<p>Keine Sprachminderheit weltweit \u00fcberlebt und prosperiert dank des freiwilligen Entgegenkommens der Mehrheitsbev\u00f6lkerung \u2014 jedenfalls nicht ohne klare und einforderbare Schutzma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Dellantonio und andere, die \u00e4hnlich wie er argumentieren, schlagen auch keine alternativen Mechanismen vor, mit denen die Sprachrechte der Bev\u00f6lkerung und der Fortbestand der deutschen Sprachgruppe konkret gew\u00e4hrleistet werden k\u00f6nnten. Der ehemalige Primar beruft sich vielmehr ausgerechnet auf den (angeblichen) Erfolg der bestehenden Ma\u00dfnahmen: Weil die deutsche Sprachgruppe gut gesch\u00fctzt und wirtschaftlich erfolgreich sei, m\u00fcsse der Schutz gar nicht mehr aufrecht erhalten werden, so die absurde Logik. Diese Einstellung als \u00bbminderheitenfeindlich\u00ab einzustufen, ist also keineswegs \u00fcbertrieben, sondern notwendig.<\/p>\n<p>Auch die Behauptung, der Sturz des Faschismus habe \u00bbdie Gefahr beseitigt\u00ab, ist an Naivit\u00e4t \u2014 oder B\u00f6swilligkeit \u2014 schwer zu \u00fcberbieten. Die Gefahr f\u00fcr Minderheitensprachen besteht nicht erst dann, wenn versucht wird, sie gewaltsam zu unterdr\u00fccken. In S\u00fcdtirol selbst wurde die faschistische Majorisierungspolitik auch in der Nachkriegszeit munter fortgef\u00fchrt. Und auch heute stehen weltweit Minderheiten unter Druck, wobei Assimilation in den allermeisten F\u00e4llen ziemlich unspektakul\u00e4r abl\u00e4uft: Die Mehrheitssprache ist zahlenm\u00e4\u00dfig st\u00e4rker, hat einen deutlich besser abgesicherten rechtlichen Status und ist im gesamtstaatlichen Kontext allgegenw\u00e4rtig. Zudem wird sie von der Minderheit meist deutlich besser beherrscht als deren Sprache von der Mehrheitsbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Das Wiedererstarken minderheitenfeindlicher und autorit\u00e4rer politischer Ideologien, wie es auch und gerade in Italien zu beobachten ist, tr\u00e4gt ebenfalls nicht dazu bei, die Lage zu verbessern.<\/p>\n<p>Genau deshalb reicht es nicht, darauf zu vertrauen, dass die Mehrheit die Minderheitensprache im Sinne eines freiwilligen Entgegenkommens oder aufgrund von Neugier erlernt. Sprachrechte m\u00fcssen gesetzlich gew\u00e4hrleistet sein, sonst sind sie letztlich vom enden wollenden guten Willen der Mehrheit abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Auch eine der am besten gesch\u00fctzten nationalen Minderheiten genie\u00dft \u00fcbrigens nur einen kleinen Bruchteil der strukturellen Absicherung, die einer Mehrheitsgesellschaft in jedem Nationalstaat selbstverst\u00e4ndlich zur Verf\u00fcgung steht \u2014 und deshalb steht auch S\u00fcdtirol so oft in der Defensive.<\/p>\n<p>\u00dcber eine Weiterentwicklung der Schutzinstrumente kann man nat\u00fcrlich gerne diskutieren. Wer sie aber abschw\u00e4chen oder beseitigen will, ohne gleichwertigen Ersatz anzubieten, nimmt letztendlich die Assimilierung billigend in Kauf.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"PD will Zweisprachigkeit und Proporz lockern.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=75025\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Medici e professionisti si impegnano per la lingua catalana.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=85234\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Wenn Sprachen im Wettbewerb stehen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83082\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"Proporz und Sprache wieder unter Beschuss.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=93703\"><code>04<\/code><\/a> <a title=\"Rechter Frontalangriff auf die Zweisprachigkeit.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94896\"><code>05<\/code><\/a> <a title=\"Noch mehr Einsprachigkeit im Krankenhaus Bozen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=97789\"><code>06<\/code><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte das Thema vor wenigen Tagen schon in einem Kommentar angeschnitten: Elio Dellantonio, Primararzt i. 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