{"id":101627,"date":"2026-09-26T18:55:09","date_gmt":"2026-09-26T16:55:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=101627"},"modified":"2026-09-26T18:55:55","modified_gmt":"2026-09-26T16:55:55","slug":"welche-geschichte-bauen-wir-wieder-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=101627","title":{"rendered":"Welche Geschichte bauen wir wieder auf?"},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 15px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><em>von Josef Prackwieser (Gastautor)<\/em><\/p>\n<p>\u00bbEine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine F\u00e4lschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine L\u00fcge.\u00ab Mit dieser Provokation er\u00f6ffnete der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger 2010 die M\u00fcnchner Ausstellung <em>Geschichte der Rekonstruktion \u2013 Konstruktion der Geschichte.<\/em> Beispiele, auf die sich Nerdinger beziehen konnte, gab es genug. Der eingest\u00fcrzte Campanile von San Marco wurde in Venedig <em>com\u2019era, dov\u2019era<\/em> wiedererrichtet. Auch der Bergfried von Schloss Tirol, heute scheinbar selbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil der mittelalterlichen Burg, ist in seiner oberen H\u00e4lfte ein Ergebnis des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Vom mittelalterlichen Turm waren nur drei Geschosse erhalten; wie er urspr\u00fcnglich aussah, ist weder bildlich noch schriftlich \u00fcberliefert.<\/p>\n<p>Nerdingers Ausstellung richtete sich gegen die bequeme Gleichung, wonach das Original gut und die Rekonstruktion falsch sei. Ihre eigentliche Pointe war aber eine andere: Wer rekonstruiert, holt die Vergangenheit nicht einfach zur\u00fcck, er w\u00e4hlt vielmehr aus ihr einen Zustand aus, um ihn in der Gegenwart wieder sichtbar zu machen. In diesem Sinn ist jede Wiederherstellung auch eine Konstruktion von Geschichte.<\/p>\n<p>Seit dem Einsturz des Mitteltrakts des Bozner Gerichtsgeb\u00e4udes am 16. Juli ist diese Frage in S\u00fcdtirol unerwartet konkret geworden. Der Landtagsabgeordnete J\u00fcrgen Wirth Anderlan begr\u00fc\u00dfte zun\u00e4chst den Fall eines \u00bbfaschistischen Tempels\u00ab, die <em>S\u00fcd-Tiroler Freiheit<\/em> verlangte Abriss und Neubau. Landesrat Marco Galateo <em>(Fratelli d\u2019Italia)<\/em> forderte ebenso wie sein Parteikollege Alessandro Urz\u00ec dagegen umgehend die vollst\u00e4ndige Wiederherstellung des Geb\u00e4udes, und zwar so, wie es zuvor gewesen sei.<\/p>\n<p>Ein Teil der Reaktionen folgte auff\u00e4llig vertrauten ethnisch-politischen Mustern, die keineswegs verschwunden sind und blo\u00df auf anlassbezogene Reaktivierung lauern: hier das faschistische Bauwerk als Symbol italienischer Fremdherrschaft und Diktatur, dort seine Erhaltung beinahe als Verteidigung italienischer Geschichte und Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re indes ein Fehler, die bauliche Zukunft des Gerichts in diesem Gegensatz zu entscheiden. Landeskonservatorin Karin Dalla Torre hat eine dritte M\u00f6glichkeit skizziert: Die f\u00fcr das Ensemble pr\u00e4gende S\u00e4ulenreihe und die erhaltenen Flanken sollen, sofern technisch m\u00f6glich, bewahrt werden. Eine minuti\u00f6se Rekonstruktion des eingest\u00fcrzten Teils h\u00e4lt sie nicht f\u00fcr zeitgem\u00e4\u00dfe Denkmalpflege; an seine Stelle solle hochwertige zeitgen\u00f6ssische Architektur treten. Das Land l\u00e4sst inzwischen mehrere Varianten in einer Machbarkeitsstudie pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Die eigentliche Debatte beginnt mit dem Blick auf vergleichbare F\u00e4lle. Deutschland f\u00fchrt sie \u00fcber die baulichen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus seit Jahrzehnten. Am N\u00fcrnberger Reichsparteitagsgel\u00e4nde werden Zeppelintrib\u00fcne und Zeppelinfeld gesichert, aber nicht in ihre einstige monumentale Geschlossenheit zur\u00fcckversetzt. Einen vergangenen Zustand wiederherzustellen, hei\u00dft schlie\u00dflich auch, ihm erneut r\u00e4umliche Pr\u00e4senz zu verleihen.<\/p>\n<p>Hans D\u00f6llgasts ber\u00fchmte Alte Pinakothek in M\u00fcnchen verweist auf eine andere M\u00f6glichkeit: Er schloss die gro\u00dfe Kriegszerst\u00f6rung des Geb\u00e4udes, lie\u00df daf\u00fcr aber andersfarbiges, unverputztes Ziegelmauerwerk verwenden, sodass die sichtbare \u00bbVerwundung\u00ab erkennbar bleibt, ganz im Sinne der <em>Charta von Venedig<\/em> von 1964, die Erg\u00e4nzungen vom historischen Bestand unterscheidbar halten will.<\/p>\n<p>F\u00fcr Bozen ist das ein verf\u00fchrerisches Vorbild, aber keine Blaupause. Der Einsturz des Gerichts war keine Kriegszerst\u00f6rung; aus dem Bauunfall nachtr\u00e4glich ein antifaschistisches Mahnmal zu machen, w\u00fcrde ihm eine Bedeutung zuschreiben, die das Ereignis nicht hatte. Das hei\u00dft jedoch nicht, dass der Einsturz unsichtbar werden muss. Dalla Torre etwa versteht auch ihn als Teil der Geschichte des Geb\u00e4udes, der in dessen k\u00fcnftiger Gestalt nicht ausgel\u00f6scht werden sollte.<\/p>\n<p>Entscheidend ist letztlich, was wir wiederherstellen, wenn wir das Gerichtsgeb\u00e4ude rekonstruieren, und ob eine sichtbare \u00bbWunde\u00ab bleibt. Der Gerichtsplatz war Teil der faschistischen Planung f\u00fcr das \u00bbNeue Bozen\u00ab. Die konkave Front des Gerichtsgeb\u00e4udes antwortete bewusst auf die konvexe <em>Casa Littoria<\/em> gegen\u00fcber, geplant als Sitz der faschistischen Partei.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit der Christk\u00f6nigskirche entstand ein Ensemble, in dem staatliche, rechtliche und ideologische Autorit\u00e4t r\u00e4umlich inszeniert wurden. Auch die niemals historisierte monumentale lateinische Inschrift des Gerichts mit ihrer imperial-faschistischen Botschaft geh\u00f6rt zu dieser irritierenden politischen Semantik.<\/p>\n<p>Eine originalgetreue Rekonstruktion w\u00e4re deshalb mehr als die \u00bbReparatur\u00ab von Mauerwerk, sie w\u00fcrde die formale Geschlossenheit dieser durchaus problematischen Inszenierung wiederherstellen. Das bedeutet nicht zwangsl\u00e4ufig, dass jeder, der daf\u00fcr eintritt, faschistische Architektur verherrlicht. Bauten ver\u00e4ndern ihre Bedeutung, was gerade der Bau des Justizpalastes zeigt: 1939 begonnen, wurde er erst 1956 fertiggestellt und diente seither \u00fcber Jahrzehnte der Rechtsprechung einer demokratischen Republik. Der Bau tr\u00e4gt das totalit\u00e4re Erbe seiner Entstehung ebenso in sich wie seine demokratische Nachgeschichte.<\/p>\n<p>Die Rede vom \u00bbOriginal\u00ab ist deshalb durch und durch problematisch. Welches w\u00e4re das? Der faschistische Entwurf von 1939 in den Baupl\u00e4nen? Das 1956 vollendete Geb\u00e4ude? Oder der vielfach ver\u00e4nderte Zustand vom 15. Juli 2026? Wer rekonstruiert, muss eine dieser Zeitschichten privilegieren. Hierin liegt der politische Gehalt einer scheinbar rein denkmalpflegerischen Entscheidung.<\/p>\n<p>Bozen besitzt Erfahrung darin, solche Entscheidungen nicht als Entweder-oder zu behandeln. Beim Siegesdenkmal wurde die faschistische Architektur nicht beseitigt, das 2014 er\u00f6ffnete Dokumentationszentrum machte vielmehr das Monument selbst zum Gegenstand der historischen Kritik. Beim Piffrader-Relief blieb Mussolinis Bildprogramm ebenfalls erhalten; Hannah Arendts Satz \u00bbKein Mensch hat das Recht zu gehorchen\u00ab legte eine zweite, demokratische Bedeutungsschicht dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Wie wenig damit ein Konflikt ein f\u00fcr alle Mal erledigt ist, zeigte die j\u00fcngste Debatte um die Sanierung des Siegesdenkmals. Als das Kulturministerium deren Vorbereitung ank\u00fcndigte, wurden erneut Abriss, Verzicht auf die Restaurierung oder die Entfernung faschistischer Symbole verlangt.<\/p>\n<p>Der Historiker Hannes Obermair hielt gerade Letzteres f\u00fcr falsch: Entfernte man Liktorenb\u00fcndel und Beile, verschw\u00e4nden jene Zeichen, an denen der totalit\u00e4re Charakter des Bauwerks \u00fcberhaupt ablesbar ist.<\/p>\n<p>Die Denkmalpflege steht hier vor einem Paradox: Ausgerechnet das politisch Abzulehnende kann als historisches Zeugnis erhaltenswert sein. Konservierung ist nicht automatisch Zustimmung, und das Verschwindenlassen eines Symbols ist noch keine Aufarbeitung.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund \u00fcberzeugt der Vorschlag eines internationalen Architekturwettbewerbs, wie ihn sowohl Karin Dalla Torre als auch Hannes Obermair, der an der Historisierung des Siegesdenkmals und des Piffrader-Reliefs beteiligt war, f\u00fcr das Gericht ins Spiel gebracht haben. Die entstandene Z\u00e4sur sollte nicht einfach verschwinden; zugleich w\u00e4re \u00fcber Funktion und Gestalt des gesamten Ortes neu nachzudenken. Denkmalpflege wird damit auch zu einer demokratischen Frage: Jede bauliche Intervention entscheidet, welche historischen Schichten sichtbar bleiben, welche hinzukommen und wer \u00fcber ihre Bedeutung mitentscheidet.<\/p>\n<p>Ein Wettbewerb k\u00f6nnte unterschiedliche architektonische Antworten sichtbar und vergleichbar machen. Denkmalpflege, Architektur, Zeitgeschichte und Justiz sollten darin ebenso vertreten sein wie eine \u00d6ffentlichkeit, der die Entw\u00fcrfe pr\u00e4sentiert und zur Diskussion gestellt werden. Denn ein Wettbewerb allein garantiert noch keine demokratische L\u00f6sung. Sein Potenzial liegt darin, unterschiedliche Vorschl\u00e4ge \u00f6ffentlich verhandelbar zu machen. Einigkeit braucht es dabei \u00fcber das Verfahren, nicht \u00fcber die Bedeutung des Ortes.<\/p>\n<p>So lie\u00dfe sich die Entscheidung \u00fcber die Zukunft des Gerichtsplatzes aus dem alten Reflex von Wiederaufbau oder Abriss l\u00f6sen. Ein demokratischer Umgang mit einem solchen Erbe kann unterschiedliche Deutungen aushalten und sichtbar lassen, solange keine Seite beansprucht, allein \u00fcber seine Bedeutung verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass ein Architekturwettbewerb eine solche Neuinterpretation erm\u00f6glichen kann, zeigt wenige Hundert Meter entfernt die <em>Eurac.<\/em> Das Geb\u00e4ude an der Drususbr\u00fccke war f\u00fcr die faschistische Jugendorganisation errichtet worden und nach dem Krieg zunehmend verfallen. Ein internationaler Wettbewerb f\u00fchrte dazu, dass Klaus Kada die historischen Fassaden erhielt, ihnen aber neue Bauk\u00f6rper aus Glas, Beton und Stahl gegen\u00fcberstellte. Die neuen Teile imitieren das Alte nicht; sie treten mit ihm in Beziehung. Heute beherbergt der ehemalige Erziehungsbau einer Diktatur ein internationales Forschungszentrum, das sich unter anderem mit Minderheitenrechten und demokratischem Zusammenleben besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Gerichtsplatz liefert das kein direktes Rezept. S\u00fcdtirol besitzt zahlreiche Bauten des <em>Ventennio,<\/em> die in den kommenden Jahren saniert werden m\u00fcssen. Bislang hat der \u00bbBozner Weg\u00ab vor allem bei Monumenten funktioniert, die erhalten, historisch eingeordnet und kommentiert wurden. Bei der ehemaligen GIL kam das Weiterbauen hinzu. Der Gerichtsplatz k\u00f6nnte nun zum ersten gro\u00dfen Test daf\u00fcr werden, wie mit einem bedeutenden faschistisch-rationalistischen Geb\u00e4ude umzugehen ist, wenn tats\u00e4chlich historische Substanz verloren gegangen ist.<\/p>\n<p>Nerdingers Satz bleibt deshalb richtig: Eine Rekonstruktion ist keine L\u00fcge. Aber auch ein originalgetreuer Wiederaufbau ist keine neutrale Handlung, sondern schreibt eine bestimmte Vergangenheit in die Zukunft fort. Am Gerichtsplatz geht es folglich nicht darum, ob sich der Faschismus durch Architektur beseitigen oder konservieren l\u00e4sst \u2014 beides \u00fcbersch\u00e4tzt, was Bauen leisten kann \u2014, sondern darum, ob die demokratische Gegenwart f\u00e4hig ist, an einem belasteten Geb\u00e4ude ihre eigene Haltung sichtbar zu machen.<\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><small>I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i\/la aut\u00ebures ne sust\u00ebn nia for i fins de BBD. \u00b7 <\/small><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small> \u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Josef Prackwieser (Gastautor) \u00bbEine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine F\u00e4lschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine L\u00fcge.\u00ab Mit dieser Provokation er\u00f6ffnete der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger 2010 die M\u00fcnchner Ausstellung Geschichte der Rekonstruktion \u2013 Konstruktion der Geschichte. 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