{"id":10232,"date":"2012-02-12T21:09:11","date_gmt":"2012-02-12T20:09:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=10232"},"modified":"2026-02-02T09:00:19","modified_gmt":"2026-02-02T08:00:19","slug":"offener-brief-giorno-del-ricordo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=10232","title":{"rendered":"Offener Brief: Giorno del Ricordo."},"content":{"rendered":"<p><em>an B\u00fcrgermeister Luigi Spagnolli und<\/em><\/p>\n<p><em>an Giovanni Benussi, Pr\u00e4sident der<\/em><br \/>\n<em>\u00bbAssociazione Nazionale Venezia Giulia e Dalmazia\u00ab von Bozen<\/em><\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr B\u00fcrgermeister, lieber Gigi,<br \/>\nsehr geehrter Herr Benussi,<\/p>\n<p>f\u00fcr Kriegsverbrechen, wie sie gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und auch noch danach an der italienischsprachigen Bev\u00f6lkerung im oberen Adriaraum begangen wurden, kann und darf es niemals eine Rechtfertigung geben. Das jahrzehntelange \u00bboffizielle Ignorieren\u00ab der Foibe-Massaker im Nachkriegsitalien muss f\u00fcr die Betroffenen und Hinterbliebenen zutiefst dem\u00fctigend gewesen sein. Sie haben daher jedes Recht \u2013 ja ich w\u00fcrde meinen sogar die Pflicht \u2013 der Opfer der Morde und Vertreibungen zu gedenken.<\/p>\n<p>Im Sinne einer zeitgem\u00e4\u00dfen Gedenk- und Erinnerungskultur glaube ich jedoch, dass das (absichtliche?) Ausblenden des geschichtlichen Kontexts und das konsequente Verharren in der Opferrolle am \u00bbGiorno del Ricordo\u00ab dem Geschehenen nicht ad\u00e4quat Rechnung tr\u00e4gt. Es geht hierbei keinesfalls um Revanchismus oder gegenseitiges \u00bbAufrechnen\u00ab und erst recht nicht um die Verharmlosung von Gr\u00e4ueltaten, aber ich hoffe, Sie k\u00f6nnen eine Erkl\u00e4rung von einer Rechtfertigung unterscheiden. Die grausame Ermordung Unschuldiger (wie im \u00dcbrigen \u2014 nach meinem Rechtsempfinden \u2014 auch Schuldiger) ist niemals und nirgendwo gerechtfertigt &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob sich einige der Opfer selbst Gr\u00e4ueltaten schuldig gemacht haben. Dennoch bin ich der festen \u00dcberzeugung, dass ein \u00bbTag der Erinnerung\u00ab, bei dem nicht auch die Konzentrationslager, die Zwangsarbeit und die willk\u00fcrlichen Erschie\u00dfungen slawischer Bewohner von Istrien und Dalmatien durch die mit den Nazis verb\u00fcndeten Faschisten Eingang in die Reden finden, genau jenem schwarz-wei\u00df-malerischen T\u00e4ter-Opfer-Schema verhaftet bleibt, welches eine tiefgreifende Aufarbeitung der Untaten des 20. Jahrhunderts unm\u00f6glich macht; ja mehr noch, manche der Katastrophen sogar bedungen hat.<\/p>\n<p>Wie Sie bestimmt wissen, gab es im Laufe von kriegerischen Auseinandersetzungen immer wieder und vielerorts revanchistische Verbrechen an meist unschuldigen Zivilisten. Trotzdem w\u00e4re beispielsweise eine Betrachtung der Vertreibung der Sudetendeutschen, ohne sie in Zusammenhang mit der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu stellen, zutiefst befremdlich. Ebenso ist die \u00bbEthnisierung\u00ab solcher Verbrechen in der Gegenwart eine bedenkliche Praxis. So wie der Vernichtungsmaschinerie Hitlerdeutschlands nicht nur Juden sondern auch Homosexuelle, Roma und Sinti, Widerstandsk\u00e4mpfer und andere Gruppen zum Opfer gefallen sind, so landeten in den Karsth\u00f6hlen auch Gegner der Partisanen, Wehrmachtssoldaten und slawische Kollaborateure der Nazis und Faschisten.<\/p>\n<p>Wie die Teilnahme des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schr\u00f6der an den Gedenkfeierlichkeiten zum D-Day 2004 in der Normandie und auch die bayerischen Abordnungen beim Landesfestumzug zur Erinnerung an die Bergisel-Schlachten 2009 in Innsbruck gezeigt haben, sollte mit der n\u00f6tigen Distanz eine gemeinsame Erinnerungskultur ohne lehrmeisterisches Fingerzeigen m\u00f6glich sein. Dies setzt allerdings eine Abkehr vom bipolaren T\u00e4ter-Opfer-Denken und das offene Eingest\u00e4ndnis einer \u00bbhistorischen Schuld\u00ab, die nicht als Kollektivschuld der damaligen und schon gar nicht der heutigen Bev\u00f6lkerung zu verstehen ist, voraus.<\/p>\n<p>Ich verfasse diesen Brief nicht zuletzt auch deshalb, weil die Geschichtsaufarbeitung in S\u00fcdtirol im Allgemeinen und in Bozen im Besonderen weiterhin und offensichtlich zwingend ebenfalls der revanchistischen Logik folgt. Auch die Unsitte, s\u00e4mtlichen geschichtlichen Ereignissen&nbsp; immer gleich eine ethnische\/nationalistische Dimension angedeihen zu lassen \u2014 und zwar auch dort, wo es keine gibt* \u2014 bestimmt in unserem Land nach wie vor den \u00f6ffentlichen historischen Diskurs. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass man auf allen Seiten die Gr\u00f6\u00dfe aufzubringen imstande ist, das nationalistische Konfliktdenken des 20. Jahrhunderts ein f\u00fcr alle Mal hinter sich zu lassen. Anstatt nur vom \u00bbrispetto e la consapevolezza che vi possono essere anche culture diverse dalla nostra\u00ab zu sprechen, w\u00e4re es doch sch\u00f6n, wenn Italiener, Slowenen und Kroaten sich bei den kommenden Gedenkfeiern auf Augenh\u00f6he begegnen und den vollmundigen Worten auch Taten \u2014 sprich eine bleibende gegenseitige Vers\u00f6hnung \u2014 folgen lie\u00dfen. Gem\u00e4\u00df dem Grundsatz: \u00bbVergeben ja, vergessen nie!\u00ab<\/p>\n<p><em>Harald Knoflach<\/em><\/p>\n<p><small><em>*) \u00bbEthnisierung der Geschichte\u00ab in S\u00fcdtirol: Zwei Beispiele, in denen die Ethnie keine Rolle spielt respektive spielen sollte, die jedoch eindeutig ethnisch besetzt sind:<\/em><\/small><\/p>\n<p><small>Die Frage der \u00bbfaschistischen Relikte\u00ab ist keine ethnische, sondern eine ideologische. Die Trennlinie verl\u00e4uft dabei nicht zwischen deutsch\/ladinisch und italienisch sondern zwischen demokratisch und totalit\u00e4r. Es ist absurd, aus dem Siegesdenkmal eine auch nur im Entferntesten identit\u00e4tsstiftende Komponente f\u00fcr die italienischsprachige Bev\u00f6lkerung S\u00fcdtirols konstruieren zu wollen.<\/small><\/p>\n<p><small>Obwohl der Anschein in S\u00fcdtirol ein anderer ist, hat der \u2014 durchaus kritisch zu betrachtende \u2014 Andreas-Hofer-Kult historisch gesehen keine ethnische Dimension. Andreas Hofer starb 51 Jahre vor der Einigung Italiens, er war sogar \u2014 wie es damals hie\u00df \u2014 \u00bbder walschen Sprache\u00ab m\u00e4chtig und in seinen Reihen k\u00e4mpften am Bergisel dutzende Welschtiroler (also italienischsprachige) Verb\u00e4nde freiwillig gegen Bayern und Franzosen.<\/small><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>an B\u00fcrgermeister Luigi Spagnolli und an Giovanni Benussi, Pr\u00e4sident der \u00bbAssociazione Nazionale Venezia Giulia e Dalmazia\u00ab von Bozen Sehr geehrter Herr B\u00fcrgermeister, lieber Gigi, sehr geehrter Herr Benussi, f\u00fcr Kriegsverbrechen, wie sie gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und auch noch danach an der italienischsprachigen Bev\u00f6lkerung im oberen Adriaraum begangen wurden, kann und darf es niemals [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-10232","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","entity-pd","issue-afk","issue-faschistische-relikte","issue-foibe","issue-geschichtsaufarbeitung","issue-sx-di-dx","location-sudtirolo","language-deutsch","person-giovanni-benussi","person-luigi-spagnolli","topic-faschismen","topic-geschichte","topic-kohasion","topic-politik"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10232","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10232"}],"version-history":[{"count":26,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10232\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97865,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10232\/revisions\/97865"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10232"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}