{"id":1053,"date":"2008-01-09T20:11:19","date_gmt":"2008-01-09T19:11:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1053"},"modified":"2019-02-27T19:07:39","modified_gmt":"2019-02-27T18:07:39","slug":"totalitares-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1053","title":{"rendered":"Die Totalitarismusfalle."},"content":{"rendered":"<p>Die heutige Aussage einer <em>Forza-Italia-<\/em>Politikerin in ihrem Blog, wonach sie der Landesadler, offizielles Wappen des Landes S\u00fcdtirol \u00bbmehr st\u00f6rt\u00ab als die Liktorenb\u00fcndel auf dem Bozner Siegesdenkmal, ist nur auf den ersten Blick unerkl\u00e4rlich. Bei n\u00e4herem Hinsehen handelt es sich um die logische Folge einer verzerrten und demokratiegef\u00e4hrdenden Betrachtungsart, die in unserem Lande l\u00e4ngst den Durchbruch geschafft hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte wurde eine Kultur der Ambiguit\u00e4t und des Revisionismus toleriert, ob des angeblich friedlichen Zusammenlebens ignoriert und letztlich noch aktiv gef\u00f6rdert. Dabei wurde wohl latent die Hoffnung gepflegt, Gras \u00fcber alle Wunden wachsen zu lassen, ohne sich einer ernst- und schmerzhaften Aufarbeitung der faschistischen und Nazi-Vergangenheit widmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es gibt keinen inhaltlichen Schlussstrich unter der totalit\u00e4ren Geschichte unseres Landes, und dies zeigt sich deutlich auch in der sporadisch einkehrenden Unf\u00e4higkeit, der Demokratie einen v\u00f6llig anderen Stellenwert zuzuordnen, als der Diktatur.<\/p>\n<p>Selbst nach dem Ende des Weltkrieges wurden Aufm\u00e4rsche vor faschistischen Denkm\u00e4lern geduldet, als seien sie Teil einer pluralen Gesellschaft und nicht Ausdruck von Verfassungsfeindlichkeit, wie in jedem demokratischen Land. Gerade Partisanen, Linkspolitiker, Intellektuelle beider gro\u00dfen Sprachgemeinschaften haben sich (anders als ihnen zust\u00fcnde) stets davor geh\u00fctet, dies h\u00f6rbar zu thematisieren und allzu heftig zu kritisieren.*<\/p>\n<p>Das geht sogar so weit, dass Intellektuelle jeder Couleur immer wieder direkte und indirekte Vergleiche zwischen Demokratie und totalit\u00e4ren Regimes zulassen oder gar selbst herstellen.<\/p>\n<p>Prominentestes, aber beileibe nicht einziges Beispiel: Die L\u00f6sung der Toponomastikfrage. Wie selbstverst\u00e4ndlich wird hier von meist linken Gegnern einer \u00c4nderung des Status Quo seit Jahren das Argument ins Feld gef\u00fchrt, eine Abschaffung der erfundenen italienischen Ortsnamen k\u00e4me einer Wiederholung faschistischen Unrechts mit ver\u00e4nderten Vorzeichen gleich. Ohne dabei zu bemerken, dass sie einer demokratischen Institution das Recht absprechen, eine in ihren Zust\u00e4ndigkeitsbereich fallende Entscheidung zu treffen. Niemals k\u00f6nnte die Entscheidung einer vom Souver\u00e4n gewollten Regierung dem Diktat eines Regimes auch nur \u00e4hneln!<\/p>\n<p>Gegner der Volkspartei, die unser Land seit Jahrzehnten (gut? schlecht?) regiert und in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden von einer zwar sinkenden, aber immer noch \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit der Bev\u00f6lkerung best\u00e4tigt wird, glauben ihrem Unmut auch dadurch Luft machen zu m\u00fcssen, dass sie einen angeblichen Demokratiemangel anprangern und der Partei im \u00dcbrigen die M\u00f6glichkeit vorenthalten m\u00f6chten, in bestimmten Feldern t\u00e4tig zu werden. Dies kann zum einen die bereits genannte Ortsnamensgebung sein, es kann sich aber auch um das \u00f6ffentliche Schulmodell handeln.<\/p>\n<p>In letzterem Fall ist nicht selten von einem angeblichen \u00bbVerbot\u00ab die Rede, plurilinguale Schulen einzurichten, was freilich nicht der Wahrheit entspricht. Wie in fast jedem Rechtsstaat dieser Welt wurde auch in S\u00fcdtirol ein (gutes? schlechtes?) \u00f6ffentliches Schulsystem etabliert, das f\u00fcr alle Sch\u00fcler gilt. Neben diesem Modell ist es m\u00f6glich, im privaten Bereich Alternativen anzubieten. Und es ist m\u00f6glich, im wissenschaftlichen und politischen Diskurs \u00c4nderungen am \u00f6ffentlichen Schulsystem vorzuschlagen. Solange die Mehrheit der S\u00fcdtirolerInnen jedoch hinter PolitikerInnen steht, die das aktuelle Schulmodell beibehalten m\u00f6chten, kann von einem undemokratischen Zwang nicht die Rede sein.<\/p>\n<p>Diese Logik f\u00fchrt denn nicht nur schnurstraks zu best\u00fcrzenden, eines Demokraten unw\u00fcrdigen Aussagen wie der eingangs erw\u00e4hnten, sondern m\u00f6glicherweise auch zur Einsicht, dass eine mit Gewalt durchgesetzte \u00bbL\u00f6sung\u00ab einer demokratisch getroffenen um nichts nachsteht \u2014 und sie in Effizienz (fast schon naturgem\u00e4\u00df) \u00fcbertrifft. Faschistische Relikte kann man also nur entfernen, wenn man sie materiell zerst\u00f6rt, wie den reitenden Duce in Waidbruck.<\/p>\n<p>Dabei m\u00fcssen die Fragen in einer Demokratie v\u00f6llig andere sein. Etwa: Wie kann man Mehrheitsentscheidungen inklusiver gestalten? Wie kann eine Ma\u00dfnahme besser abgestimmt und f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich kommuniziert werden? W\u00e4re es sinnvoll, die Bev\u00f6lkerung selbst an gewissen Entscheidungen teilhaben zu lassen? Fragen, die in S\u00fcdtirol noch zu selten gestellt werden.<\/p>\n<p>Von dieser Einsicht jedoch eine \u00c4hnlichkeit zu einem totalit\u00e4ren Regime abzuleiten, ist nicht nur ein grober Fehltritt, sondern auch noch hochgef\u00e4hrlich. Wir sind eine Demokratie!<\/p>\n<p><small><em>* Antifaschismus und Antinazismus sind nie zum gemeinsamen Gut geworden, sondern geh\u00f6ren nach wie vor in die Schublade der trennenden Vorw\u00fcrfe, die sich die Rechten beider Sprachgruppen mit gro\u00dfem Pathos und gleich gro\u00dfer Hinterfotzigkeit gegenseitig an den Kopf werfen.<\/em><\/small><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die heutige Aussage einer Forza-Italia-Politikerin in ihrem Blog, wonach sie der Landesadler, offizielles Wappen des Landes S\u00fcdtirol \u00bbmehr st\u00f6rt\u00ab als die Liktorenb\u00fcndel auf dem Bozner Siegesdenkmal, ist nur auf den ersten Blick unerkl\u00e4rlich. 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