{"id":1223,"date":"2008-06-15T10:11:02","date_gmt":"2008-06-15T08:11:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1223"},"modified":"2023-04-10T22:40:04","modified_gmt":"2023-04-10T20:40:04","slug":"zweisprachige-schule-individuum-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1223","title":{"rendered":"Zweisprachige Schule."},"content":{"rendered":"<h6>Individuum und Gesellschaft<\/h6>\n<p>In letzter Zeit wird in S\u00fcdtirol wieder verst\u00e4rkt die zwei- oder mehrsprachige Einheitsschule, bzw. die zwei- oder mehrsprachige Schule als Zusatzangebot zu den bestehenden Modellen gefordert. In erster Linie sind die Eltern um diesen Dammbruch bem\u00fcht, eine Umfrage des Sozialforschungsinstitutes <em>Apollis<\/em> legt sogar nahe, dass \u2013 im Widerspruch zur politischen Stimmung \u2013 eine \u00e4u\u00dferst breite Mehrheit der Gesamtgesellschaft diese Umstellung w\u00fcnscht. Unklar bleibt, welches Modell dabei angestrebt wird.<\/p>\n<p>Zu sagen ist, dass eine Schule, in der beide Sprachen gleicherma\u00dfen als Unterrichtssprachen dienen, auch mir sehr erstrebenswert scheint. F\u00fcr&#8217;s Individuum, das kann ich als mehrsprachig aufgewachsener Mensch auch aus eigener Erfahrung best\u00e4tigen, kann man die Vorteile einer hohen Kompetenz in mehreren Sprachen kaum \u00fcberbewerten. Es ist im \u00dcbrigen hinreichend erwiesen, welch positive Auswirkungen ein Schulsystem auf Immersionsbasis f\u00fcr den einzelnen Sch\u00fcler hat, und dass man Menschen am besten im j\u00fcngsten Kindesalter mit zus\u00e4tzlichen Sprachen konfrontiert.<\/p>\n<p>Was jedoch in Deutschland oder Frankreich, ja in Trient oder Innsbruck reibungs- und bedenkenlos funktionieren kann, da mehrsprachige und Immersionsschulen von einem klar definierten und \u00bbkoh\u00e4dierten\u00ab Kontext ges\u00e4umt werden, kann und wird im Umfeld einer Minderheit zu Spannungen, wenn nicht zu herben Verlusten in der tats\u00e4chlichen gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dass die mehrsprachige Schule niemals ein Zusatzangebot sein wird, verschweigen deren Bef\u00fcrworter gerne, um noch gr\u00f6\u00dfere Widerst\u00e4nde zu vermeiden. Es ist jedoch so gut wie ausgemacht, dass sich diesem Schulmodell kaum jemand wird entziehen k\u00f6nnen, sobald es existiert. Jeder, der dann seinen Nachwuchs in eine Schule des heutigen, des \u00bbalten\u00ab Modells schickt, nimmt zun\u00e4chst eine herbe Benachteiligung seines Kindes billigend in Kauf \u2014 sowohl in der Gesellschaft, als auch auf dem Arbeitsmarkt. Die \u00bbeinsprachig\u00ab deutsche und italienische Schule blieben dann vermutlich Horte nationalistischer Hitzk\u00f6pfe, wo Eltern auf Kosten ihrer Kinder Politik betrieben, und sollten wohl besser ganz geschlossen werden.<\/p>\n<p>Falls die mehrsprachigen Schulen hingegen Aufnahmetests durchf\u00fchrten, um die \u00dcberforderung von weniger gut vorbereiteten Kindern zu vermeiden, ist mit einer sprachlichen Klassengesellschaft zu rechnen, in der einige vom \u00f6ffentlichen Schulsystem wesentlich bessere Voraussetzungen f\u00fcr&#8217;s Leben garantiert bekommen, als andere.<\/p>\n<p>Eine Umstellung des Schulsystems darf jedenfalls nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Wer von den Vorteilen der Immersion f\u00fcrs Individuum undifferenziert auf angebliche Vorz\u00fcge f\u00fcr die Gesellschaft schlie\u00dft, nimmt eine Abk\u00fcrzung, die unter Umst\u00e4nden in eine Sackgasse ohne Wendem\u00f6glichkeit f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das Ergebnis einer durch und durch mehrsprachigen Schule kann (vorerst) nichts anderes sein als eine durch und durch mehrsprachige Gesellschaft. Ein Idealzustand f\u00fcr ein Land wie S\u00fcdtirol, wo mehrere Sprachen beheimatet sind. Ein Idealzustand jedoch, der ohne die n\u00f6tigen Vorkehrungen das Zeug hat, in k\u00fcrzester Zeit zumindest eine Sprache auszul\u00f6schen. Denn in diesem Land gibt es inzwischen ein in seiner Art zwar teilweise unbefriedigendes, jedoch sehr fein austariertes Gleichgewicht zwischen den Sprachen, das ein neues Schulsystem sehr schnell aus den Fugen geraten lassen kann.<\/p>\n<p>Mir ist weltweit keine durch und durch mehrsprachige Gesellschaft \u2014 wo also die Mehrsprachigkeit der Gesamtheit auch einer v\u00f6lligen Mehrsprachigkeit jedes Einzelnen entspricht \u2014 bekannt, die sich auf Dauer gehalten h\u00e4tte, ohne eindeutig zugunsten der einen oder anderen Sprache zu kippen: Bereits wenn zehn perfekt Mehrsprachige an einem Tisch zusammensitzen, kann man deutlich beobachten, wie in k\u00fcrzester Zeit eine der Sprachen die \u00dcberhand gewinnt und die andere(n) de facto \u00bbausschaltet\u00ab. Aus welchem Grund auch sollte eine ganze Gesellschaft in ihrem Alltag [!] den Aufwand betreiben, mehr als eine Sprache aufrecht zu erhalten, wenn s\u00e4mtliche Mitglieder (zumindest) eine dieser Sprachen perfekt beherrschen? Im Falle einer Minderheit in einem Nationalstaat scheint mir dies sogar unm\u00f6glich. Mit welcher Begr\u00fcndung sollte man sprachliche Sonderrechte einfordern, wenn s\u00e4mtliche B\u00fcrger auch die Staatssprache so gut wie ihre Regionalsprache sprechen?<\/p>\n<h6>Risikomanagement<\/h6>\n<p>Wir haben in diesem Land einen gro\u00dfen Schatz, den wir \u00bbgesellschaftliche Mehrsprachigkeit\u00ab nennen k\u00f6nnten. Dieser Schatz resultiert heute aus einer unvollkommenen \u00bbindividuellen Mehrsprachigkeit\u00ab, die jedoch auf Dauer nicht befriedigend ist, da sie dem gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht f\u00f6rderlich ist.<\/p>\n<p>Aber: Wir haben einen einigerma\u00dfen gesunden Patienten und eine sofortige Behandlung, durch die wir seinen vorzeitigen Tod riskieren. Wollen wir tats\u00e4chlich Hand anlegen? Oder sollten wir vielmehr zuerst die Risiken minimieren?<\/p>\n<p>Konsens bei <img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\"> war bisher, dass die beste Voraussetzung f\u00fcr die Zusammenf\u00fchrung von gesellschaftlicher und individueller Mehrsprachigkeit die Unabh\u00e4ngigkeit unseres Landes w\u00e4re; nicht Unabh\u00e4ngigkeit <em>per se<\/em>, sondern eine speziell auf Koh\u00e4sion bedachte, auf Pluralismus ausgerichtete. Eine sofortige L\u00f6sung im hier und jetzt w\u00fcrde ich bef\u00fcrworten, wenn es eindeutige Zeichen g\u00e4be, dass sie gl\u00fccken w\u00fcrde. Ich sehe keine.<\/p>\n<p>Dies hei\u00dft jedoch auch nicht, dass ich auf den St.-Nimmerleinstag vertr\u00f6ste und bis dahin Unt\u00e4tigkeit anrate. Wenn ich hier stets das katalanische Modell anpreise, so weil die Katalanen m. E. ein f\u00fcr eine Minderheit sehr hohes Ma\u00df an gesellschaftlichem Zusammenhalt und Konsens f\u00fcr Autonomie und Eigenregierung geschaffen haben. Der Dreh- und Angelpunkt dieses Modells ist eine Einheitsschule mit \u00bbContent and Language Integrated Learning\u00ab (CLIL), eine mehrsprachigen Schule mit klar asymmetrischer Sprachgewichtung zugunsten des Katalanischen. Die Einsicht, die katalanische und kastilische Eltern eint, ist jene, dass diese Asymmetrie ein Kippen innerhalb des spanischen Nationalstaats (zugunsten der spanischen \u00bbStaatssprache\u00ab) am besten verhindern kann, da die regionale Politik das staatliche Ungleichgewicht ausgleicht.<\/p>\n<p>Diese Sprachpolitik beschr\u00e4nkt sich jedoch nicht auf die Schule, sondern zielt darauf ab, eine tats\u00e4chlich mehrsprachige Gesellschaft durch eine tats\u00e4chliche Asymmetrie im Kontext zu unterst\u00fctzen. Katalonien hat eine offiziell definierte Landessprache. Im Autonomiestatut ist zwar auch die kastilische Sprache als Amtssprache definiert, eine Ungleichbehandlung (\u00bbaffirmative action\u00ab!) ist jedoch erlaubt und ganz im Sinne der Gleichgewichtswahrung. Das S\u00fcdtiroler Autonomiestatut nach dem Proporzmodell erlaubt hingegen kein Korrektiv, alle Sprachen sind immer und \u00fcberall gleich zu behandeln. Eine Politik, die schnell und flexibel auf Entwicklungen reagieren kann, ist damit ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Eine asymmetrische \u2014 behutsam an hiesige Verh\u00e4ltnisse angepasste \u2014 Gesamtl\u00f6sung nach katalanischem Vorbild w\u00e4re nach meinem Daf\u00fcrhalten ein guter Wegbereiter f\u00fcr die eventuell anzustrebende Unabh\u00e4ngigkeit und Schaffung einer durch und durch <em>idealen<\/em>, also auch auf individueller Ebene mehrsprachigen Gesellschaft. Ohne den n\u00f6tigen Sicherheitsabstand zu jedem Nationalstaat bin ich jedoch strikt gegen undifferenzierte Abk\u00fcrzungen.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Zweisprachige Schule (II).\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=30232\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Ich m\u00f6chte nicht d\u00fcrfen k\u00f6nnen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=50201\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Immersion ist f\u00fcr Minderheiten nicht.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64168\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Individuum und Gesellschaft In letzter Zeit wird in S\u00fcdtirol wieder verst\u00e4rkt die zwei- oder mehrsprachige Einheitsschule, bzw. die zwei- oder mehrsprachige Schule als Zusatzangebot zu den bestehenden Modellen gefordert. 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