{"id":12658,"date":"2012-09-10T15:10:39","date_gmt":"2012-09-10T13:10:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=12658"},"modified":"2023-09-24T10:55:39","modified_gmt":"2023-09-24T08:55:39","slug":"napolitano-bahnbrechende-rede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=12658","title":{"rendered":"Napolitano \u2014 bahnbrechende Rede."},"content":{"rendered":"<p>Als Gast im Kursaal konnte ich letzte Woche der Rede des italienischen Staatspr\u00e4sidenten Napolitano beiwohnen, die er anl\u00e4sslich der Verleihung des S\u00fcdtiroler Verdienstordens hielt.<\/p>\n<p>Zugegeben, meine Erwartungen waren gering. Einige nette Worte f\u00fcr S\u00fcdtirols Autonomie, die wenige Tage sp\u00e4ter schon wieder vergessen sind, vielleicht auch einige Gru\u00dfworte in den zwei Landessprachen Deutsch und Ladinisch konnte man sich durchaus erwarten, aber eben nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Rede Napolitanos \u00fcbertraf dann nicht nur die Erwartungen, sie kann als bahnbrechend bezeichnet werden und sollte die gesamte S\u00fcdtirolpolitik, ja vielleicht sogar Europapolitik in ein neues Zeitalter katapultieren.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen historischen R\u00fcckblick und einem Lob f\u00fcr alle BaumeisterInnen der S\u00fcdtiroler Autonomie, die seinerzeit eine unkontrollierte Dynamik verhindern konnten, schien der Staatspr\u00e4sident vom vorgefertigten Manuskript abzuweichen, ja die Rede schien er nun v\u00f6llig frei zu halten.<\/p>\n<p>Europa vergesse im tagt\u00e4glichen Kampf um die gemeinsame W\u00e4hrung zusehends seine Wurzeln. Europa sei nie nur als Wirtschaftsunion konzipiert gewesen. Die historische Erfahrung war das Unheil, das der ausufernde Nationalismus in zwei Weltkriegen \u00fcber den gesamten Kontinent gebracht hatte. Daraus wollte man lernen und die Kooperation zwischen den L\u00e4ndern derart verzahnen, dass nationale Alleing\u00e4nge verunm\u00f6glicht werden.<\/p>\n<p>Letzthin ist leider wieder eine Renaissance des Nationalstaates zu beobachten und die Rhetorik zwischen den einzelnen Mitgliedsl\u00e4ndern wird rauer. Zudem werden mittlerweile allzu viele Entscheidungen in einem \u201cpostdemokratischen\u201d Raum getroffen, wo sie von keinem demokratisch gew\u00e4hlten Parlament im klassischen Sinne legitimiert sind.<\/p>\n<p>Europa habe deshalb eine demokratische Reform notwendig. Das Parlament m\u00fcsse der eigentliche Souver\u00e4n sein und der europ\u00e4ische Rat, der von Vertretern nationaler Regierungen zusammengesetzt wird, von einer europ\u00e4ischen Regierung ersetzt werden, die vom europ\u00e4ischen Parlament gew\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>Neben dieser demokratischen Reform m\u00fcsse sich der Kontinent auch von den traditionellen Nationalstaaten emanzipieren. Die eigentliche Seele Europas liege in den Regionen. In diesem Sinne komme auch der Region S\u00fcdtirol bei der Entwicklung Europas eine Schl\u00fcsselrolle zu. Italien habe hier in der Vergangenheit h\u00e4ufig gebremst, aber mittlerweile habe diese gro\u00dfartige Kulturnation, die wiederum aus unterschiedlichen, faszinierenden Regionen bestehe, die Gr\u00f6\u00dfe, den S\u00fcdtirolerInnen ihre W\u00fcnsche nach einer weitgehenden Unabh\u00e4ngigkeit zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>&#8220;Auch habe ich als Pr\u00e4sident, der die Republik Italien vertritt, die Gr\u00f6\u00dfe mich bei den S\u00fcdtirolerInnen f\u00fcr das historische Unrecht, das 1919 durch die Annexion S\u00fcdtirols an Italien entstanden ist, zu entschuldigen. Es ist eine Schande, dass sich die Republik Italien noch nie daf\u00fcr eingesetzt hat, dass die historischen Namen dieser faszinierenden Alpenregion, im Einklang mit einer entsprechenden Empfehlung der UNO, ihren Platz einnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber nicht die Vergangenheit soll unsere kostbare Zeit einnehmen, sondern unsere gemeinsame Zukunft. Schon in den n\u00e4chsten Tagen und Wochen soll eine von mir angeregte Delegation zwischen Vertretern S\u00fcdtirols und des Zentralstaates die weitere Vorgangsweise zu einer weitgehenden Vollautonomie aushandeln. Dabei k\u00f6nnen bewusst Tabus angesprochen werden. In einem Zeitalter beschleunigter Geschichte kann ich mir sehr gut vorstellen, dass in einem zusammenwachsenden Europa, das den traditionellen Nationalstaat zusehends ersetzen muss, um Katastrophen wie im 20 Jh. zu verhindern, S\u00fcdtirol in 10 bis 15 Jahren v\u00f6llig frei \u00fcber den weiteren Status entscheiden kann. Der Weg zu einem wirklich demokratischen Europa von frei assoziierten Regionen wird von Italien nicht behindert werden. In diesem Sinne viel Gl\u00fcck f\u00fcr das mehrsprachige S\u00fcdtirol auf dem Weg zur v\u00f6lligen Eigenst\u00e4ndigkeit. Auf dass die VertreterInnen dieser faszinierenden Alpenregion die Verantwortung mit Weitsicht und Behutsamkeit und im Respekt aller hier lebenden Sprachgemeinschaften wahrnehmen m\u00f6gen.\u201d<\/p>\n<p>Ein Augenblick der ohrenbet\u00e4ubenden Stille legte sich \u00fcber den Meraner Kursaal, bevor <em>standing ovations<\/em> f\u00fcr das italienische Staatsoberhaupt aufbrandeten und mich von meinen Tr\u00e4umen rissen.<\/p>\n<p>Ich war wohl bei der Lekt\u00fcre der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> eingeschlafen, obwohl der Artikel, den ich soeben studiert habe, mehr als interessant ist. Der \u00f6sterreichische Schriftsteller Robert Menasse hat in der Er\u00f6ffnungsrede des \u201cM100 Sanssouci Colloquiums\u201d eine Lanze f\u00fcr ein Europa von frei assoziierten Regionen gebrochen. Der Nationalstaat findet darin keinen Platz mehr \u2014 aber dar\u00fcber mehr in einem anderen Beitrag.<\/p>\n<p>Ach, und zu Napolitano: Ist eben doch nur der Vertreter eines Nationalstaates im traditionellen Sinne. Ein Gebilde, das die letzten zwei Jahrhunderte gepr\u00e4gt hat, aber mittlerweile die Zukunft dieses Kontinents verbaut und aufs Spiel setzt.<\/p>\n<p>Etwas weiter ist da schon die d\u00e4nische K\u00f6nigin Margarethe, die am 21. Juni 2009 in gr\u00f6nl\u00e4ndischer Tracht gekleidet, dem gr\u00f6nl\u00e4ndischen Parlamentspr\u00e4sidenten Josef Motzfeldt das erste Exemplar des mit D\u00e4nemark ausgehandelten Gesetzes \u00fcber die Selbstverwaltung \u00fcberreichte.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Das verdr\u00e4ngte Anniversar.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=50817\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Entscheidung f\u00fcr Italien?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=21633\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"S\u00fcdtirol ist nicht\u2026 Hawai\u2019i.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=29317\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Gast im Kursaal konnte ich letzte Woche der Rede des italienischen Staatspr\u00e4sidenten Napolitano beiwohnen, die er anl\u00e4sslich der Verleihung des S\u00fcdtiroler Verdienstordens hielt. 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