{"id":13045,"date":"2012-10-27T09:40:00","date_gmt":"2012-10-27T07:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13045"},"modified":"2023-01-05T17:52:07","modified_gmt":"2023-01-05T16:52:07","slug":"offener-brief-an-dr-matthias-abram","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13045","title":{"rendered":"Offener Brief an Dr. Matthias Abram."},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><strong>Feldthurns, 25. Oktober 2012<\/strong><\/p>\n<p>Als Politologe, \u00fcberzeugter Demokrat und Antirassist muss ich Ihren Ausf\u00fchrungen, die Sie gestern beim Diskussionsabend der Gr\u00fcnen auf Schloss Maretsch get\u00e4tigt haben, aufs Vehementeste widersprechen.<\/p>\n<p>Ziel einer demokratischen Gesellschaft muss es sein, dass das \u201cunver\u00e4nderliche\u201d Merkmal (gleich welcher Natur es ist \u2014 Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie\/Nation\u2026) in den Hintergrund r\u00fcckt und nicht als Kategorisierungskriterium dient, an das eine unterschiedliche Behandlung innerhalb der Gesellschaft gekoppelt ist. Denn wenn wir Menschen nach unver\u00e4nderlichen Merkmalen kategorisieren, verleihen wir diesen Merkmalen Wichtigkeit, die unserem gr\u00f6\u00dften Ziel \u2013 dem Abbau der Separation und somit der Herstellung von gesellschaftlicher Harmonie \u2013 diametral entgegenwirkt. Ein derartiges Vorgehen w\u00e4re ein Paradebeispiel f\u00fcr Rassismus und entspringt einem zutiefst chauvinistischen Denken.<\/p>\n<h6>Ethnos vs. Demos<\/h6>\n<p>Glauben Sie daher wirklich, dass es hilft, langfristig Integration zu schaffen, indem wir jenes Merkmal, das der Integration im Weg steht, da wir uns als Gesellschaft nach wie vor eben vornehmlich national\/ethnisch \u2013 sprich unver\u00e4nderlich \u2013 definieren, noch einmal bewusst als Unterscheidungskriterium herausstreichen?<\/p>\n<p>In einer Demokratie sollten sich Menschen gem\u00e4\u00df ihren \u00dcberzeugungen \u2013 also ideologisch \u2013 und auf freiwilliger Basis gruppieren und mit anderen \u00dcberzeugungen in demokratischen Wettstreit treten. Wenn wir nach unver\u00e4nderlichen und nicht willentlich gew\u00e4hlten Merkmalen gruppieren, ist das rassistisch\/sexistisch\/nationalistisch und arbeitet somit einer weiteren, von uns allen gew\u00fcnschten, Demokratisierung der Gesellschaft entgegen.<\/p>\n<h6>Inklusives Modell vs. Abgrenzung<\/h6>\n<p>\u201cDie Ausl\u00e4nder\u201d sind keine homogene Einheit und Ihr Vorschlag, eine Art \u201cvierte Gruppe\u201d im Land schaffen zu wollen, ist daher eine Farce. Vielmehr m\u00fcssen wir allen Menschen gleich welcher Herkunft die Chance geben, sich ideologisch positionieren zu k\u00f6nnen und nicht aufgrund ihres unver\u00e4nderlichen Merkmals in eine Schachtel gepresst zu werden. Wieso sollten ein atheistischer Rechtsanwalt und Unternehmer aus Kolumbien, eine Angestellte im Sozialwesen aus Norwegen und eine strenggl\u00e4ubige muslimische Hausfrau aus Pakistan die gleichen Interessen\/\u00dcberzeugungen und somit das gleiche Vertretungsorgan haben? Wenn wir neben \u201cItalienern\u201d, \u201cDeutschen\u201d und \u201cLadinern\u201d eine vierte Gruppe schaffen, konterkarieren wir das Ziel, Rassismus und Nation zu \u00fcberwinden. Wir erweitern nur den Proporz (den wir ja eigentlich abschaffen wollen).<\/p>\n<h6>Aktion vs. Reaktion<\/h6>\n<p>Die derzeitige Situation bzw. Anomalie, die Sie so sehr schreckt und wegen der Sie sich vor der Selbstbestimmung\/-verwaltung f\u00fcrchten, ist vielmehr durch die Zugeh\u00f6rigkeit zum Nationalstaat bedingt. Die Behauptung, die S\u00fcdtiroler Bev\u00f6lkerung sei unf\u00e4hig, sich selbst zu verwalten und Gott m\u00f6ge uns davor bewahren, ist ein verwerflicher und h\u00f6chst sonderbarer (Auto-)Rassismus, der mich wiederum erschreckt und schockiert hat; eine Aussage, die eines Demokraten unw\u00fcrdig ist. Die europ\u00e4ischen Kolonialisten haben in Afrika und anderen Teilen der Welt (bestimmt auch in Ecuador) deckungsgleich argumentiert. Es wundert mich einigerma\u00dfen, dass ausgerechnet Sie als Experte f\u00fcr Interkulturalit\u00e4t in diese intellektuelle Falle tappen. Anstatt die S\u00fcdtiroler Bev\u00f6lkerung also pauschal zu verunglimpfen und ihre demokratisch gef\u00e4llte Entscheidung auf arrogante Art als Minderwertigkeit auszulegen, w\u00e4re es vielmehr Aufgabe des Demokraten, \u00dcberzeugungsarbeit f\u00fcr die eigenen Ideen zu leisten. Eine Grundvoraussetzung f\u00fcr den demokratischen Wettstreit ist die Abwesenheit einer solchen Meinungshierarchie, solange sich eben diese Meinungen innerhalb des demokratischen Grundkonsenses bewegen. Argumentierte Kritik an gesellschaftlichen und politischen Zust\u00e4nden ist freilich legitim. Das Defizit jedoch zu einem Wesensmerkmal zu machen ist Rassismus. Wir leben in einem Staat, in dem ein Herr Berlusconi fast eineinhalb Jahrzehnte Regierungschef war. Diese Tatsache berechtigt mich als Gegner Berlusconis jedoch nicht, das italienische Wahlvolk als unf\u00e4hig, sich selbst zu verwalten, zu diffamieren, sondern ist vielmehr Auftrag, konsequenter f\u00fcr meine \u00dcberzeugungen einzutreten und diese auch zu leben. Die Gr\u00fcnen sollten \u2013 wie sie das bei Umweltthemen in den 1980er-Jahren auch waren \u2013 wieder zur politischen Avantgarde werden und sich auf die Aktion und nicht die Reaktion konzentrieren.<\/p>\n<h6>Vielfalt vs. Einfalt<\/h6>\n<p>Das durch den \u201cRechtfertigungsdruck\u201d entstandene Demokratiedefizit ist meines Erachtens \u00fcber das im Grunde urlinke Prinzip der Selbstbestimmung\/-verwaltung viel leichter \u00fcberwindbar, da die Daseinsberechtigung der Sammelpartei entfiele und Normalit\u00e4t einkehren k\u00f6nnte, wie das auch in Nordtirol und anderen \u00e4hnlichen Regionen der Fall ist. Wir k\u00f6nnen unsere Autonomie nicht \u2013 wie viele zu glauben scheinen \u2013 \u00fcber das \u201cBessersein\u201d sondern nur \u00fcber das \u201cAnderssein\u201d rechtfertigen. Ein Ausbau der Autonomie zementiert jedoch dieses Anderssein (m\u00fcssen) im nationalen Sinne nur noch mehr und schafft gleichzeitig mehr Feindseligkeit in den Provinzen und Regionen ohne Sonderstatut. Die Abschaffung der Autonomie w\u00fcrde hingegen die Vielfalt im Land zerst\u00f6ren. (F\u00fcr diese These gibt es bereits gen\u00fcgend \u201cBest-Practice-Beispiele\u201d innerhalb Italiens).<\/p>\n<p>Wie gesagt: <strong>Die Autonomie ist eine gute Antwort auf ein falsches System. Nach meinem Daf\u00fcrhalten w\u00e4re es jedoch logischer und h\u00f6chst an der Zeit, die Kr\u00e4fte dahin zu lenken, die Fehlentwicklung zu korrigieren, als lediglich die Reaktion auf den Systemfehler zu verbessern.<\/strong> Sie betreiben reine Symptombek\u00e4mpfung die gleichzeitig die Krankheit perpetuiert und einer nationalistischen Logik folgt. Die Brennerbasisdemoratie und somit auch mein Ansatz besch\u00e4ftigen sich mit den Ursachen und entziehen sich eingefahrener nationalistischer Denkstrukturen.<\/p>\n<p>Auch wenn manche unserer Ans\u00e4tze idealistisch-utopisch klingen m\u00f6gen, so war und ist die Wahrscheinlichkeit keine politische Kategorie (vergleiche dazu auch Thomas Benedikter). Oder anders gesagt: Neues und \u201cUnm\u00f6gliches\u201d kann nur entstehen, wenn man es auch zu denken wagt.<\/p>\n<p>Denken Sie einmal dar\u00fcber nach! (Oder fragen Sie Jimmy Wales, Nick Vujicic oder Barack Obama.)<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Ihr gestriger Vorredner<br \/>\nHarald Knoflach<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feldthurns, 25. Oktober 2012 Als Politologe, \u00fcberzeugter Demokrat und Antirassist muss ich Ihren Ausf\u00fchrungen, die Sie gestern beim Diskussionsabend der Gr\u00fcnen auf Schloss Maretsch get\u00e4tigt haben, aufs Vehementeste widersprechen. 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