{"id":1323,"date":"2008-10-25T00:12:04","date_gmt":"2008-10-24T22:12:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1323"},"modified":"2023-04-26T23:07:15","modified_gmt":"2023-04-26T21:07:15","slug":"haiders-erbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1323","title":{"rendered":"Haiders Erbe."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p>Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Robert Menasse, ver\u00f6ffentliche ich hier einen vorz\u00fcglichen Kommentar, der j\u00fcngst zeitgleich in der Schweizer <em>Weltwoche<\/em> und der Wiener <em>Presse<\/em> erschienen ist, und der \u2014 \u00fcber den Sonderfall Haider hinaus \u2014 auch f\u00fcr S\u00fcdtirol von au\u00dferordentlichem Interesse ist. Gerade auch in Hinblick auf die bevorstehenden Landtagswahl.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u2022<\/p>\n<h6><strong><span style=\"color: #000099;\">Unser Bub<\/span><\/strong><\/h6>\n<p><em>J\u00f6rg Haider war der erste Studentenf\u00fchrer, dem auch die Alten zujubelten. Er war ein Erfolgspolitiker, der aus dem Geiste der Achtundsechziger sch\u00f6pfte. Und das Land erstarrte vor ihm. Ein exklusiver Essay des \u00f6sterreichischen Schriftstellers Robert Menasse.<\/em><\/p>\n<p>In \u00d6sterreich wird der Tod einer \u00f6ffentlichen Person nicht von einem Amtsarzt, sondern erst von den Medien beglaubigt: wenn selbst die Feinde, Gegner und Konkurrenten jemanden in den Zeitungen und im Fernsehen hochleben lassen, dann kann man sicher sein: dieser Mensch ist wirklich tot. Was hierzulande als \u201cPiet\u00e4t\u201d bezeichnet wird, n\u00e4mlich die pl\u00f6tzliche Einigkeit dahingehend, \u00fcber einen nur noch Gutes zu sagen, ist in Wahrheit blo\u00df deren entfernt verwandte \u00f6sterreichische Kulturtechnik, den konkreten Menschen durch eine Legende zu ersetzen, die es erm\u00f6glicht, seine wirklichen Taten und deren Konsequenzen zu verdr\u00e4ngen und zugleich \u201cals Erbe\u201d anzunehmen.<\/p>\n<p>Im kulturellen Leben mag man diese Technik mit Achselzucken und ironischem L\u00e4cheln als \u201causgleichende Ungerechtigkeit\u201d verbuchen, wie etwa im Fall von Thomas Bernhard: er, der Zeit seines wirksamen Lebens von der zutiefst \u00f6sterreichischen Ressentiment-Koalition aus \u201cPresse\u201d-Abonnenten und \u201cKrone\u201d-Lesern als \u00f6sterreichischer Staatsfeind mit Hass verfolgt worden war, wurde sofort nach seinem Tod von eben diesen \u201cPatrioten\u201d zur nationalen Legende verkl\u00e4rt: \u201cEin gro\u00dfer Dichter! Und wir haben ihn hervorgebracht!\u201d Letzteres stimmt nat\u00fcrlich, aber nicht so, wie sie es meinen. \u00dcbrig bleibt \u201cgro\u00dfer Dichter\u201d \u2013 und die, die es immer schon gesagt haben, nicken nun synchron mit den ehemaligen Gegnern. So werden in \u00d6sterreich Gr\u00e4ben zugesch\u00fcttet, und man merkt, dass man zum \u201cGraben\u201d in Wahrheit \u201cGrab\u201d sagen m\u00fcsste.<\/p>\n<h6>Die Verrottung des Faschismus-Begriffs<\/h6>\n<p>Im politischen Leben aber, und im Besonderen im Fall von J\u00f6rg Haider, ist diese Technik gemeingef\u00e4hrlich und deshalb nicht mehr ironisierbar. Denn: J\u00f6rg Haider war ein Faschist.<\/p>\n<p>Das zu sagen ist nicht piet\u00e4tlos. Denn wenn in \u00d6sterreich Einigkeit dar\u00fcber besteht, dass \u00fcber einen Toten nur Gutes gesagt werden darf, dann ist diese Einigkeit just durch das Aussprechen dieser Wahrheit bestens bedient: F\u00fcr die Faschisten ist es doch gut, wenn einer, der gerade zur Legende verkl\u00e4rt wird, ein Faschist war, und f\u00fcr die Antifaschisten ist es gut, wenn es gesagt wird.<\/p>\n<p>Wenn nun doch Widerspruch laut wird, dann liegt es daran, dass es ebenfalls zu den \u00f6sterreichischen Eigent\u00fcmlichkeiten geh\u00f6rt, dass sowohl die Mehrzahl der Faschisten als auch die meisten Antifaschisten nicht genau wissen, was Faschismus ist, wie er sich in Mentalit\u00e4tsmustern, in politischen Vorstellungen, Absichten und Handlungen wirklich zeigt.<\/p>\n<p>Das hat einen einfachen Grund. Der Faschismus-Begriff bezeichnet in \u00d6sterreich nicht eine Form von politischem Extremismus, sondern ist selbst eine Synthese aus zwei Extremen, die sich gegenseitig aufheben: einerseits bezeichnet er etwas so grauenhaft D\u00e4monisches, dass nur ein D\u00e4mon, aber kaum ein wirklicher Mensch ihm entspricht (dies wurde im Jahr 1986 vom damaligen Generalsekret\u00e4r und Justizsprecher der christlichsozialen \u00f6sterreichischen Volkspartei, Michael Graff, paradigmatisch formuliert: \u201cWem man nicht nachweisen kann, dass er sechs Juden eigenh\u00e4ndig erw\u00fcrgt hat, ist unschuldig!\u201d). Gleichzeitig wird er von besorgten Gem\u00fctern, die bei jeder Gelegenheit nichts Geringeres als Faschismus wittern, so banalisiert, dass er letztlich auf fast alles und alle zutrifft, dadurch aber auf keinen mehr wirklich.<\/p>\n<p>Wenn man diese Verrottung des Faschismus-Begriffs mitbedenkt, kommt man der vordergr\u00fcndig schillernden Ambivalenz J\u00f6rg Haiders, die er zeigte und bediente, und den Gr\u00fcnden f\u00fcr die Unsicherheit, wie er politisch auf den Begriff gebracht werden k\u00f6nne, schon n\u00e4her.<\/p>\n<p>J\u00f6rg Haider ist Jahrgang 1950, geh\u00f6rt also jener Generation an, die heute gemeinhin als \u201cdie Achtundsechziger\u201d bezeichnet wird. Seltsam, dass das in den Diskussionen \u00fcber ihn nie mitreflektiert wurde. Man muss sich das vorstellen: ein zweifellos intelligenter junger Mann, der in einer Zeit, in der allenthalben Menschen seines Alters rebellierten und mit dem Nazi-Vater und der V\u00e4tergeneration brachen, genau dies nicht machte: den Bruch mit seinen Eltern, die nicht nur nationalsozialistisch belastet waren, sondern der NS-Ideologie immer noch treu waren. Er hat es einmal erkl\u00e4rt: Er habe von seinen Eltern so viel Liebe erfahren, dass er ihre Weltanschauung, ihre Biographien und ihr Handeln unm\u00f6glich in Frage stellen konnte. Der Zusatz, dass er, der Nachgeborene, das Kind der demokratischen Zweiten Republik, seine Eltern als \u201clupenreine Demokraten\u201d erlebt habe, weil sie \u201cimmer w\u00e4hlen gegangen\u201d sind, kann man als sp\u00e4tere zynische Floskel ebenso wie als Wahrheit am damaligen Stand seiner politischen Bildung ansehen.<\/p>\n<p>Aber der Zeitgeist ging in diesen pr\u00e4genden Jahren doch durch ihn hindurch: das grunds\u00e4tzlich Ketzerische, Antiautorit\u00e4re, verspielt Freche muss ihn fasziniert, gepr\u00e4gt haben, die gefeierte Macht der Phantasie und ihre Losung \u201cdie Phantasie an die Macht\u201d ebenso wie die damalige Rekonstruktion von Sozialismus und Gerechtigkeit, vor allem der allenthalben diskutierte Widerspruch zwischen Gerechtigkeitsempfinden und b\u00fcrgerlichem Recht.<\/p>\n<p>Er studierte Rechtswissenschaften und nahm dies mit: die ideologische Fetischisierung von Phantasie, die Lust am Ketzerischen und ein verqueres Gerechtigkeitsempfinden \u2013 er empfand als Unrecht, was seinen Eltern nach 1945 abverlangt worden war, als sie, die doch immer nur idealistisch das Beste wollten, kurzfristig der B\u00fcrgerrechte verlustig gegangen und dazu gezwungen worden waren, den Verrat ihrer Ideale zu heucheln. Dies sollte seine ganze Karriere hindurch f\u00fcr ihn charakteristisch bleiben: mit dem Gestus des \u201cnat\u00fcrlichen\u201d Rechtsempfindens als studierter Jurist phantasievoll das Recht zu brechen.<\/p>\n<h6>Haiders 68er-Faszination<\/h6>\n<p>Wenn er Achtundsechzig nicht wie ein Schwamm aufgesogen h\u00e4tte, w\u00e4re er, mit seiner Treue zur famili\u00e4ren Pr\u00e4gung, ein rechtsextremer Sektierer geworden wie Gottfried K\u00fcssel oder Michael K\u00fchnen, ein F\u00fchrer ohne Volk.<\/p>\n<p>Wenn er aber auf Achtundsechzig konsequent reagiert und den Bruch mit seinen Eltern vollzogen h\u00e4tte, h\u00e4tte er werden k\u00f6nnen, was er immer wieder f\u00fcr sich beansprucht hatte: der politische Erbe und Nachfolger Bruno Kreiskys.<\/p>\n<p>Aber dies sind Spekulationen und nur insofern gerechtfertigt, als sich J\u00f6rg Haider selbst immer wieder dahingehend ge\u00e4u\u00dfert hatte.<\/p>\n<p>Jedenfalls war ihm in diesem Widerspruch zwischen NS-Verst\u00e4ndnis und 68er-Faszination zweierlei klar \u2013 und man kann das als Hegel&#8217;sche Aufhebung eines Widerspruchs studieren: erstens, dass \u201creine\u201d NS-Nostalgie und Nazi-Programmatik definitiv gesellschaftlich erledigt waren. Zweitens, dass ein jugendlicher Antiautoritarismus, der letztlich selbst eine neue Form des Autorit\u00e4ren schick machte, eine Gesellschaft bewegen konnte.<\/p>\n<p>Wo landet man, wenn man von nationalsozialistischer Pr\u00e4gung all die NS-Spezifika aufgibt, die tats\u00e4chlich politisch-programmatisch erledigt waren? Den Traum von einem gro\u00dfdeutschen Reich mit Anschluss \u00d6sterreichs, die konsequente milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung zum Zweck von Eroberungskriegen, die physische Vernichtung von Juden, \u201cAndersartigen\u201d und politischen Gegnern \u2013 wenn man das vom Nationalsozialismus abzieht, landet man in \u00d6sterreich unweigerlich im Austrofaschismus. Nicht unbedingt in jedem Detail programmatisch, aber auf jeden Fall charakterlich. Dieser Charakter schl\u00e4gt jedoch politisch durch: der Austrofaschist will einen autorit\u00e4r gef\u00fchrten Staat, ersetzt Vernichtung durch Ausgrenzung, Blut und Boden durch Heimat, Rassismus durch rabiaten Patriotismus, und der austrofaschistische politische F\u00fchrer interpretiert Verfassung und Rechtssystem als blo\u00dfes Selbsterm\u00e4chtigungsrecht.<\/p>\n<h6>Austrofaschismus ohne Mief<\/h6>\n<p>Dass der Austrofaschismus Haiders nicht den Mief des Dollfu\u00df- und Schuschnigg-\u00d6sterreich hatte, lag daran, dass er ihn mit dem Pep eines Achtundsechziger-Studenten-F\u00fchrers verkaufte. Jung, unbek\u00fcmmert frech, phantasievoll, die autorit\u00e4re Manie als antiautorit\u00e4re Manier ausstellend. Aber die, die es anging, verstanden ihn: J\u00f6rg Haider war der erste Studentenf\u00fchrer, dem auch die Alten zujubelten. Er war ihnen \u201cunser Bub\u201d, der Apfel nicht all zu weit von ihrem Stamm.<\/p>\n<p>Dass Haiders Austrofaschismus aber nicht als solcher erkannt wurde, lag nicht an der jugendlichen Frechheit, mit der er auftrat, sondern am \u00f6sterreichischen Faschismusbegriff selbst. In \u00d6sterreich wird, wie schon gesagt, der Faschismus erst mit den systematischen Verbrechen des Nationalsozialismus assoziiert, oder aber bereits mit irgendwelchen T\u00fcmeleien an Stammtischen oder Bierzelten. Wenn nur das als faschistisch bezeichnet wird, was die Begriffsbestimmung des Nationalsozialismus erf\u00fcllt, dann war Haider kein Faschist. Wenn aber alles als faschistisch bezeichnet wird, was blo\u00df die Begriffsbestimmung des autorit\u00e4ren Charakters von Nebenan erf\u00fcllt und von der \u00fcberwiegenden Mehrheit eines demokratischen Staates als gesellschaftliche Normalit\u00e4t empfunden wird, dann ist nichts und niemand faschistisch, auch Haider nicht.<\/p>\n<h6>Umwortung statt Umwertung<\/h6>\n<p>Das Problem des Austrofaschismus ist, dass er, anders als der Nationalsozialismus, nie sanktioniert und aufgearbeitet wurde. Die Arbeiterm\u00f6rder und Demokratiezerst\u00f6rer mussten sich nie fragen lassen, ob sie nicht auch Fehler oder gar Verbrechen begangen hatten, im Gegenteil: da sie als konkurrierender Faschismus gegen den Nationalsozialismus und gegen Hitler waren, standen sie nach 1945 pl\u00f6tzlich als Widerstandsk\u00e4mpfer und Antifaschisten da. W\u00e4hrend die Nazis \u201cumerzogen\u201d wurden, konnten sie ungebrochen ihre Weltanschauung in die wiedergegr\u00fcndete \u00f6sterreichische Republik mitnehmen. Als f\u00fcr die Nazis die Umwertung ihrer Werte zwingend wurde, konnten sich die Austrofaschisten mit der Umwortung aller Worte begn\u00fcgen. Ihr Faschismus hie\u00df nun \u201cPatriotismus\u201d und aus \u201cklerikal\u201d wurde in der politischen Programmatik ein nettes \u201cchristlich\u201d.<\/p>\n<p>Dieser Faschismus konnte als unschuldiger im gesellschaftlichen Bewusstsein durchgesetzt werden, weil er ja gegen Hitler war, und heute ist er es erst recht. Er braucht keinen R\u00fcckgriff auf alte Symbole, weil ihm heute alles zum Symbol des Patriotismus werden kann, die Liebe wie der Hass, die R\u00fchrseligkeit gegen\u00fcber der heimischen Natur in jedem Wortsinn wie die brutale Ausgrenzung von Ausl\u00e4ndern, sozial Deklassierten und anderen \u201cSchmarotzern\u201d. Er braucht keinen R\u00fcckgriff auf die alte Programmatik, weil er sie zeitgen\u00f6ssisch leben kann, er hat nichts gegen das Parlament, deren Rechte er etwa durch die parlamentarische Gesch\u00e4ftsordnung beschneiden oder l\u00e4hmen kann. Er hat nichts gegen eine demokratische Verfassung, weil er von Fall zu Fall f\u00fcr den Bruch dieser Verfassung eine Mehrheit zu organisieren imstande ist, und wenn er es nur mit dem Trick macht, den Widerspruch zur Verfassung selbst zum Verfassungsgesetz zu erkl\u00e4ren und damit dem Zugriff durch den Verfassungsgerichtshof zu entziehen.<\/p>\n<p>Aus dem hausgemachten Faschismus wurde ein Fasching, ein Gaudium, eine bejohlte Selbst\u00fcberh\u00f6hung, der \u201cFeschismus\u201d (Armin Thurnher), zugleich das geradezu als ontologisch empfundene Rassemerkmal der \u00f6sterreichischen Promenadenmischung, ein sentimental betulicher Stolz darauf, \u201cwie wir sind\u201d, als h\u00e4tte es kein Werden gegeben.<\/p>\n<p>Es hat eine simple Logik, dass J\u00f6rg Haider von Wahl zu Wahl zulegte. Sein fescher \u201c\u00d6sterreich zuerst!\u201d-Patriotismus erntete, was im Wiederaufbau der Republik ges\u00e4t worden war. Und es ist erst recht logisch, dass es, als Haiders Partei eine ausreichende Gr\u00f6\u00dfe erreicht hatte, zu einer Koalition der modernen Austrofaschisten mit der Nachfolgepartei der alten Austrofaschisten kommen musste. Die <abbr title=\"\u00d6sterreichische Volkspartei\">\u00d6VP<\/abbr>-<abbr title=\"Freiheitliche Partei \u00d6sterreichs\">FP\u00d6<\/abbr>-Koalition war das wahre \u00d6sterreich auf der Basis einer \u00d6sterreich-Ideologie, die zuvor, als es J\u00f6rg Haider noch nicht gab, von allen mitgetragen wurde. Und die Kritik an dieser Koalition war \u2013 erraten! \u2013 unpatriotisch, internationalistisch anti-\u00f6sterreichisch.<\/p>\n<h6>Blindes Haider-kritisches \u00d6sterreich<\/h6>\n<p>Sozialdemokraten und Gr\u00fcne machten zwei verheerende Fehler. Sie witterten zwar Faschismus, konnten ihn aber nicht verstehen. Sie konnten nur die N\u00e4he Haiders zu NS-Gedankengut identifizieren, Bewusstseinsreste aus der Pr\u00e4gung durch sein Elternhaus, aber nicht, in welche wirkliche und wirksame N\u00e4he er schon l\u00e4ngst gelangt war. Es wurde zum Selbstl\u00e4ufer, bei jeder Gelegenheit warnend \u201cNazi! Nazi!\u201d zu rufen, was aber keinem seiner W\u00e4hler zu denken gab und zum Umdenken bewegen konnte. Denn sie waren keine Nazis, sahen sich mit einigem Recht nicht als Nazis, konnten nicht verstehen, dass Haider und sie als seine W\u00e4hler Nazis sein sollten \u2013 sie waren doch nur \u201cPatrioten\u201d, rabiate, aber nach bisherigem Konsens unschuldige \u201cPatrioten\u201d.<\/p>\n<p>So konnte das Haider-kritische \u00d6sterreich nicht sehen, dass die Gefahr gar nicht Haider hie\u00df, sondern Sch\u00fcssel. Der moderne, freche Austrofaschismus brauchte den alten, miefigen, aber ins demokratisch Staatstragende gewendeten Austrofaschismus, um eine Mehrheit mit Staatsweihen zu bilden und gegen die \u201croten Gfrieser\u201d, die \u201cNestbeschmutzer\u201d, die Ausl\u00e4nder erst so richtig loslegen zu k\u00f6nnen, unter dem Titel \u201cModernisierung \u00d6sterreichs\u201d.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr stand in der \u00d6VP der richtige Mann zur rechten Zeit bereit. Unter Sch\u00fcssels Vorg\u00e4nger Busek w\u00e4re das noch nicht, unter Sch\u00fcssels Nachfolger Molterer nur vielleicht, unter Pr\u00f6ll nicht mehr gegangen. Die Gefahr hie\u00df Wolfgang Sch\u00fcssel, nur er konnte aus Haiders rotzig-widerspr\u00fcchlichem, antiautorit\u00e4r-autorit\u00e4rem Austrofaschismus definitiv \u00f6sterreichische Staatsr\u00e4son machen. (Die harten wirtschaftspolitischen Interessen, die die \u00d6VP dahinter versteckte, sind ein eigenes Kapitel). Und darauf waren Sozialdemokraten, Gr\u00fcne und die kritische \u00f6sterreichische Intelligenz nicht vorbereitet.<\/p>\n<p>Ihr zweiter Fehler war, nicht den Unterschied zwischen Kritik und der Konsequenz, die man daraus zieht, zu begreifen. Vieles, das Haider brachial kritisierte, war tats\u00e4chlich kritikw\u00fcrdig. Keiner kann politisch Erfolg haben, der nicht die Themen anspricht, die die Menschen bewegen, der nicht gegen eine Situation ank\u00e4mpft oder anzuk\u00e4mpfen scheint, unter der viele leiden oder die ihnen zumindest auf die Nerven geht. Die Frage, die den Unterschied zwischen Parteien ausmacht, ist doch, welche Konsequenzen man aus der Kritik zieht, welche L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge man hat.<\/p>\n<p>Haiders Talent bestand darin, vieles zu Recht in Frage zu stellen, und dann glaubw\u00fcrdig zu sein, auch wenn er falsche Antworten gab. Aber es wurde f\u00fcr alle, die Haiders Gesinnung ablehnten, zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit, zum Automatismus, schon seine Kritik zu kritisieren und zur\u00fcckzuweisen, so als erwiese sich Antifaschismus bereits darin, verbissen zu verteidigen, was ein Faschist kritisiert, statt selbst vern\u00fcnftigere L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge anzubieten. Jahrzehntelang hatte die linke Intelligenz zum Beispiel die \u00f6sterreichische Nebenregierung durch die Sozialpartner kritisiert, als jedoch J\u00f6rg Haider die Sozialpartnerschaft frontal angriff, begannen die Linksintellektuellen sie reflexhaft zu verteidigen.<\/p>\n<p>Das produzierte Schizophrenien, in denen sachliche Diskussionen nicht mehr m\u00f6glich waren. Haider bekam Zulauf, weil er kritisierte, was viele kritisierten, seine Gegner verloren Zustimmung, weil sie zum Teil wider besseres Wissen eben dies verteidigten. H\u00e4tte Haider gesagt, dass zwei Mal zwei vier ist, die Antifaschisten h\u00e4tten eine neue Mathematik begr\u00fcndet. H\u00e4tte er den Kampf gegen den Klimawandel zur Koalitionsbedingung erkl\u00e4rt, die Gr\u00fcnen h\u00e4tten Braunkohlekraftwerke gefordert.<\/p>\n<h6>Sch\u00fcssel scheiterte am Geist, den er rief<\/h6>\n<p>Auf diese Weise ist damals in wechselseitigem und gemeinsamen Verschulden mehr an politischer Kultur in \u00d6sterreich zerst\u00f6rt worden, als zuvor dem Anschein nach aufgebaut worden war. Der Erfolg Haiders und der Misserfolg in der Auseinandersetzung mit ihm haben ein politisches Klima geschaffen, in dem nur noch patriotischer Populismus m\u00f6glich scheint, und politische Unterschiede nur noch daran festgemacht werden, ob der Populist popul\u00e4r ist oder nicht. Wolfgang Sch\u00fcssel, der Prototyp des Populisten, der nicht popul\u00e4r ist, ist selbst an diesem Geist, den er rief, gescheitert. Nicht er hat Haider \u201cgeb\u00e4ndigt\u201d, wie man heute sieht, er ist vielmehr an der Messlatte Haider, mit der er zu spielen glaubte, als zu klein gemessen worden.<\/p>\n<p>Umgekehrt wurde das politische Denken in \u00d6sterreich zugleich dadurch verw\u00fcstet, dass nun jeder, der politische Ziele formuliert, die auf breite Zustimmung in der Bev\u00f6lkerung sto\u00dfen, sofort als Populist denunziert wird. Das ist jetzt Werner Faymanns Problem. Aber leider nicht nur seines.<\/p>\n<p>Haider ist tot. Und wir alle m\u00fcssen mit ihm leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u2022<\/p>\n<blockquote><p>Lieber Simon Constantini!<br \/>\nVon der <em>Presse<\/em> erfuhr ich, dass Sie meinen Artikel \u00fcber J\u00f6rg Haider in Ihren Blog stellen wollen.<br \/>\nDas freut und ehrt mich &#8211; hier also selbstverst\u00e4ndlich meine Zustimmung.<br \/>\nIch w\u00fcnsche Ihnen alles Gute, viel Erfolg und bei der Wahl in S\u00fcdtirol keinen all zu gro\u00dfen Schock.<br \/>\nHerzlichst, Ihr<br \/>\nRobert Menasse<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Ehre ist freilich ganz meinerseits.<\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Robert Menasse, ver\u00f6ffentliche ich hier einen vorz\u00fcglichen Kommentar, der j\u00fcngst zeitgleich in der Schweizer Weltwoche und der Wiener Presse erschienen ist, und der \u2014 \u00fcber den Sonderfall Haider hinaus \u2014 auch f\u00fcr S\u00fcdtirol von au\u00dferordentlichem Interesse ist. 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