{"id":13238,"date":"2012-11-20T09:58:46","date_gmt":"2012-11-20T08:58:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13238"},"modified":"2023-07-17T21:28:03","modified_gmt":"2023-07-17T19:28:03","slug":"analyse-zweier-koryphaen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13238","title":{"rendered":"Analyse zweier Koryph\u00e4en."},"content":{"rendered":"<p>Zwei Koryph\u00e4en der S\u00fcdtiroler Schreibergilde besch\u00e4ftigten sich vergangene Woche mit dem Ph\u00e4nomen \u201cSystem S\u00fcdtirol\u201d \u2013 sofern es ein solches \u00fcberhaupt gibt und was auch immer man darunter versteht. Ulrich Ladurner, seines Zeichens <em>Zeit<\/em>-Redakteur, beobachtet innerhalb eines ausf\u00fchrlichen Berichts zum \u201cLand der Zukunft\u201d in der <em>ff<\/em> die \u201cS\u00fcdtiroler Normalisierung\u201d. Hans Karl Peterlini wiederum verortet in der <em>tt<\/em> das <a title=\"Tiroler Tageszeitung: Paradies im S\u00fcndenfall.\" href=\"http:\/\/www.tt.com\/Nachrichten\/5710807-2\/paradies-im-s%C3%BCndenfall.csp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201cParadies im S\u00fcndenfall\u201d<\/a>.<\/p>\n<p>Abgesehen vom etwas pathetisch-apokalyptischen Einstieg<\/p>\n<blockquote><p>Das Land, wo Milch und Lire flossen und das Edelwei\u00df \u00fcppig spross, erlebt einen regionalen Weltuntergang: Nachrichten von der Implosion des Erfolgsmodells S\u00fcdtirol.<\/p><\/blockquote>\n<p>besticht Peterlinis Analyse neben der sprachlichen Brillanz durch schl\u00fcssig-ausgewogene Argumentation. Fein s\u00e4uberlich entwirrt er das Netz aus G\u00fcnstlingswirtschaft, Alleinvertretungsanspruch und daraus resultierender Selbstgef\u00e4lligkeit. Das Resultat ist eine Elite, die quasi institutionell und systematisch gegen demokratische Grundprinzipien \u2013 allen voran die Gewaltenteilung \u2013 verst\u00f6\u00dft. Die Kontrollierten kontrollieren sich selbst. Die \u201cvierte Gewalt\u201d sitzt mit im Boot. Kritikf\u00e4higkeit ist ein Fremdwort. Die Politik ist zudem eng mit der verbeamteten Verwaltung verwoben bzw. spielt diese gleich selbst.<\/p>\n<p>Den Versuch einer Antwort auf die Frage, wie es zu dieser Machtkonzentration kommen konnte, startet Peterlini erst gar nicht. Er verzichtet daher auch explizit darauf, die Missst\u00e4nde zu einem Alleinstellungs- und Wesensmerkmal S\u00fcdtirols bzw. der S\u00fcdtiroler zu machen. Er trennt individuelle Verantwortung von kollektivem gesellschaftlichen Versagen. Das sei ihm hoch angerechnet.<\/p>\n<p>Es soll also Ladurners Aufgabe sein, im Verein mit der <em>ff<\/em>-Redaktion den skurrilen \u201cAutorassismus\u201d unverhohlen zu pflegen. Obschon im Titel von \u201cNormalisierung\u201d die Rede ist, verl\u00e4uft die Schlussfolgerung entlang jener Bahnen, die man in S\u00fcdtirol anscheinend immer dann bef\u00e4hrt, wenn man argumentativ nicht mehr weiter wei\u00df, die dem Autor in bestimmten Kreisen aber kurioserweise gleichzeitig ein ger\u00fcttelt Ma\u00df an \u201cWeltoffenheit\u201d, \u201cToleranz\u201d und \u201c\u00dcberlegen- bzw. \u00dcberlegtheit\u201d bescheren. Die Widerspr\u00fcche der eigenen Rede werden geflissentlich ignoriert \u2013 oder schlimmer noch \u2013 gar nicht erst erkannt.<\/p>\n<p>Wenn Ladurner schreibt<\/p>\n<blockquote><p>Die S\u00fcdtiroler erschaffen in der Abgrenzung ihre Identit\u00e4t. Erst der Feind gibt ihnen die M\u00f6glichkeit, zu wissen, wer sie sind. Er ist der Spiegel, in dem sie sich erkennen. Ohne ihn w\u00e4ren sie orientierungslos und verloren.<\/p><\/blockquote>\n<p>dann trifft das wohl auch auf ihn selbst zu, wo er sich doch am Feindbild \u201cHinterw\u00e4ldlerischer S\u00fcdtiroler\u201d seit l\u00e4ngerer Zeit g\u00fctlich tut (vergl. \u201cironischer\u201d Kommentar zum B\u00e4renunfall). Obschon es richtig ist, dass sich die Autonomie \u2013 durch die Zugeh\u00f6rigkeit S\u00fcdtirols zu einem Nationalstaat bedingt, wohlgemerkt \u2013 \u00fcber das \u201cAnderssein\u201d legitimiert bzw. legitimieren muss. Gleichzeitig verkennt Ladurner aber, dass \u201cWeltoffenheit\u201d weltweit wohl eher die Ausnahme denn die Regel ist und Attribute wie Toleranz und Offenheit bzw. Engstirnigkeit und Chauvinismus sich nicht an Landesgrenzen halten oder gar festmachen lassen, sondern jede Gesellschaft wie das Nahtl einen Rindsbraten durchziehen. Um jedoch die generelle Zur\u00fcckgeblieben- und Verdorbenheit der S\u00fcdtiroler zu untermauern, schreckt man vor keiner noch so grotesken Pauschalisierung zur\u00fcck. Anders gesagt: Man erhebt das Defizit zum Wesens- und Alleinstellungsmerkmal und w\u00fcrzt das Ganze mit \u00dcbertreibung.<\/p>\n<blockquote><p>Denn die S\u00fcdtiroler erleben jetzt, was geschieht, wenn sie wirklich unter sich sind: Sie versinken im Sumpf der Korruption. [\u2026] Die SVP hat dieses Land bis aufs Mark verdorben. Das ist ihre historische Schuld. [\u2026] Die S\u00fcdtiroler sind die gr\u00f6\u00dften Feinde der S\u00fcdtiroler, weil sie es verlernt haben, sich auf angemessene Weise mit der Welt zu verbinden. Sie verstehen sich nicht als B\u00fcrger dieser Welt, sondern als r\u00e4uberische Piraten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Angesichts dieser Horrorfigur von Gesellschaft muss doch der von der <em>ff<\/em> unter anderem als Zukunftsl\u00f6sung vorgeschlagene Ausbau der B\u00fcrgerbeteiligung \u2013 die direkte Demokratie \u2013 eine Schreckensvision sein.<\/p>\n<p>Die Bildunterschrift zu einer Aufnahme aus dem muslimischen Gebetsraum in der Bozner Schlachthofstra\u00dfe liest sich passend dazu folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p>Was f\u00fcr ein Bild haben wir von Einwanderern? Anderswo fragt man die Menschen: Wer bist du, woher kommst du, was bringst du Neues mit, wir leben in Angst vor dem Fremden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wiederum wird Xenophobie als Alleinstellungs- und Wesensmerkmal S\u00fcdtirols suggeriert. Freilich gibt es Xenophobie in diesem Land, die aufs Vehementeste bek\u00e4mpft geh\u00f6rt. Derartige Pauschalverurteilungen sind jedoch so falsch wie kontraproduktiv und im Kern paradoxerweise rassistisch. Der Vergleich mit Kanada \u2013 darauf spielt das \u201canderswo\u201d an \u2013 hinkt auch geh\u00f6rig. Eine umfassende Analyse der Einwanderungssituation w\u00fcrde den Rahmen sprengen \u2013 nur so viel:<\/p>\n<p>Es stimmt, dass Kanada die h\u00f6chste Einwanderungsrate aller L\u00e4nder hat. Es hat aber auch eine der niedrigsten Bev\u00f6lkerungsdichten. Die Regeln zur Einwanderung sind zudem sehr selektiv. Willkommen ist, wer gebraucht wird. Abgesehen von Familienzusammenf\u00fchrungen und Asylwerbern m\u00fcssen Einwanderer vor der Einreise gen\u00fcgend Geldreserven (ca. \u20ac 9.000) nachweisen k\u00f6nnen und entweder bereits \u00fcber einen fixen Arbeitgeber in Kanada verf\u00fcgen oder einer von 29 dringend gebrauchten Berufsgruppen angeh\u00f6ren. Die geographische Lage bewirkt \u00fcberdies, dass es keine leicht befahrbaren Zuwanderungswege gibt. Kanada grenzt bekanntlich nur an ein Land, welches ebenso eine selektive Einwanderungspolitik betreibt. Die tragischen Vorf\u00e4lle im Mittelmeer zeigen, dass selbst die vergleichsweise kurze \u00dcberfahrt von Afrika nach Europa ein lebensgef\u00e4hrliches Unterfangen ist. Der Atlantik und Pazifik sind f\u00fcr \u201cGl\u00fccksritter\u201d un\u00fcberwindbare Barrieren.<\/p>\n<p>Jedenfalls scheinen manche Kommentatoren Angesichts der Turbulenzen den Durchblick zu verlieren. Reaktionen auf den SEL-Skandal tendieren zur \u00dcberproportionierung von Relevanz wie wir sie sonst bislang nur von SVP-Vertretern kannten, wenn es um neue \u201cErrungenschaften\u201d ging. Schlussfolgerungen und L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge folgen hingegen alt-eingefahrenen Denkmustern und bedienen sich billiger Allgemeinpl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Vorausgeschickt, dass mir pers\u00f6nlich die Vision einer Energieversorgung in \u00f6ffentlicher Hand durchaus erstrebenswert erscheint (Stichwort Kalifornien), so ist die Vorgehensweise bei der Konzessionsvergabe dennoch durch nichts zu rechtfertigen und die involvierten Personen geh\u00f6ren strafrechtlich verfolgt. Die Conclusio, dass ein veritabler Skandal in so vielen Jahren \u201cAlleinherrschaft\u201d (so weit, zu behaupten, dass der LH in seiner Allmacht auch noch die italienische Justiz kontrolliert, ging nicht einmal die <em>ff<\/em>) ein ganzes Land bis aufs Mark verdorben habe, ist mir dann doch ein wenig zu keck.<\/p>\n<p>Noch kecker finde ich aber, dass bei den 25 Zukunftsl\u00f6sungen f\u00fcr unser Land die Selbstbestimmung komplett ausgespart wurde. Da echauffiert man sich seitenweise \u00fcber das \u201cSystem S\u00fcdtirol\u201d, will aber gleichzeitig nicht wahrhaben, dass einer der Hauptgr\u00fcnde, warum eine derartige demokratiepolitische Anomalie gedeihen konnte, die Zugeh\u00f6rigkeit zu Italien ist. Ursachenforschung statt Symptombek\u00e4mpfung hie\u00dfe das Gebot der Stunde. Das hei\u00dft selbstverst\u00e4ndlich nicht, dass Italien Schuld am SEL-Skandal hat. Es ist vielmehr in seinem Selbstverst\u00e4ndnis als Nationalstaat \u2013 wie im \u00fcbrigen alle anderen Nationalstaaten auch \u2013 der ideale N\u00e4hrboden f\u00fcr \u2013 im \u00fcbertragenen Sinne \u2013 \u201cgeschlossene Gesellschaften\u201d in Minderheitengebieten.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Der Rassismuslackmustest.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=24898\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Immigration und Vertrauen in die EU.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=54759\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Koryph\u00e4en der S\u00fcdtiroler Schreibergilde besch\u00e4ftigten sich vergangene Woche mit dem Ph\u00e4nomen \u201cSystem S\u00fcdtirol\u201d \u2013 sofern es ein solches \u00fcberhaupt gibt und was auch immer man darunter versteht. 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