{"id":13892,"date":"2013-02-18T09:53:22","date_gmt":"2013-02-18T08:53:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13892"},"modified":"2023-07-20T19:05:08","modified_gmt":"2023-07-20T17:05:08","slug":"die-svp-und-die-fassadensprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13892","title":{"rendered":"Die SVP und die Fassadensprache."},"content":{"rendered":"<p>Deutsch und Italienisch seien in S\u00fcdtirol gleichgestellte Sprachen, steht im Autonomiestatut (Art. 99), welches im Fall zweinamiger Wanderschilder <a title=\"Perfekte Untertanen.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=12541\">penibel eingehalten<\/a> wird. \u00dcber die Wanderschilder hinaus wird das Ganze freilich \u00bbetwas weniger ernst\u00ab genommen. Vor einigen Jahren <a title=\"Die potemkinsche Sprache.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=733\">hatte ich<\/a> Deutsch in S\u00fcdtirol eine Fassadensprache genannt, eine Sandkastensprache f\u00fcr ein paar <em>autoctoni del nord<\/em>, die aber keinen \u00bbTiefgang\u00ab habe. Seitdem hat sich dies nicht nur auf eklatante Weise best\u00e4tigt, interessant ist auch der Umgang der <abbr title=\"S\u00fcdtiroler Volkspartei\">SVP<\/abbr> mit diesem f\u00fcr sie wohl sekund\u00e4ren Merkmal unserer (Achtung, keine Ironie!) Vorzeigeautonomie:<\/p>\n<ul>\n<li>Als ich im Jahr 2009 den LH anschrieb, um mich zu erkundigen, warum etwa die Staatspolizei und die Finanzwache auf ihren Uniformen \u2014 und zweitere auch auf ihren Fahrzeugen \u2014 keine zweisprachigen Aufschriften f\u00fchrten, bekam ich prompt <a title=\"Skandal\u00f6se Antwort aus dem Pr\u00e4sidium.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=2527\">die Antwort<\/a>, dass dadurch mein Recht auf Muttersprache nicht verletzt werde.<br \/>\nW\u00e4re spannend, zu sehen, was passiert, wenn die Gemeindepolizeien ihre Fahrzeuge nur auf Deutsch beschriften w\u00fcrden.<\/li>\n<li>Auch im Konsumentenschutz ist die deutsche Sprache nicht gleichgestellt. Im Grunde ist es in S\u00fcdtirol v\u00f6llig <em>wurscht<\/em>, ob etwa Produkte auch auf Deutsch etikettiert sind. Hauptsache, die italienische Etikettierung ist da. Fehlt sie, muss <a title=\"Kurzbericht Katalonien (I): Etikettierung.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1246\">manuell nachetikettiert<\/a> werden, anderenfalls drohen saftige Strafen. Das nennt das Autonomiestatut \u00bbGleichstellung\u00ab.<br \/>\nSeit es <img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\"> gibt, <a title=\"Eine Anfrage. Und ihre Antwort?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=28\">versuche ich<\/a>, mich f\u00fcr eine \u00c4nderung dieser Situation einzusetzen. Die zust\u00e4ndige Landesr\u00e4tin Kasslatter Mur sieht aber wohl keinen Handlungsbedarf. Europaparlamentarier Herbert Dorfmann <a title=\"Gleichberechtigung? Nicht zumutbar.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=5403\">nannte<\/a> die Forderung nach Zweisprachigkeit auf diesem Gebiet (wie es sie in vielen EU-L\u00e4ndern bereits gibt) sogar im Widerspruch zum europ\u00e4ischen Geist. Ist der Verzicht auf die eigene Sprache europ\u00e4ischer Geist?<\/li>\n<li>Neulich geht die geballte Staatsmacht sogar gegen Gesellschaftsspiele (Monopoly!) in deutscher Sprache vor, die keine italienische Spielanleitung haben. In einem mehrheitlich deutschsprachigen Land, wo Deutsch gleichgestellt ist, ist das eine sehr sinnvolle Vorgehensweise. <a title=\"Sprache: Das Fass l\u00e4uft \u00fcber.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13150\">Gemeldet<\/a> hat diese Hexenjagd nicht irgendwer, sondern die Handelskammer in Bozen \u2014 mit der Bitte an den Landtag, gesetzgeberisch t\u00e4tig zu werden. Die SVP sah sich dadurch bislang veranlasst&#8230; nichts zu tun und sich weiterhin vor allem um Parteiinterna zu k\u00fcmmern.<\/li>\n<li>Auf dem Gebiet der Medikamente g\u00e4be es sogar einschl\u00e4gige Gesetze, die den Pharmakonzernen zweisprachige Packungsbeilagen vorschreiben. Sie wurden jedoch nie zur Einhaltung gebracht. Stattdessen preist auch die SVP die <em>gro\u00dfartige<\/em> Errungenschaft, dass Apotheken \u00dcbersetzungen der Gebrauchsinformationen <em>auf Nachfrage<\/em> ausdrucken. Auch das ist keine Gleichberechtigung, wie es sie etwa in <a title=\"Es ist m\u00f6glich!\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7472\">Finnland<\/a> und der Schweiz gibt. Ausdrucken kann ein Apotheker in Berlin vielleicht sogar eine t\u00fcrkische Packungsbeilage.<\/li>\n<li>Im Bereich der Gesetzgebung ist Deutsch ebenfalls eine reine Fassadensprache. Anders als in der Schweiz, wo jede der drei Sprachfassungen eines Bundesgesetzes zur Interpretation herangezogen werden kann, sind in S\u00fcdtirol sogar auf Deutsch ersonnene, geschriebene und verabschiedete Landesgesetze nur in ihrem italienischen Wortlaut bindend. Damit kann mitunter einer \u00dcbersetzerin im Landtag \u2014 die die Vorlagen vom Deutschen ins Italienische \u00fcbertr\u00e4gt \u2014 mehr interpretatorischer Spielraum zukommen, als der Gesetzgeberin selbst. Ein internationaler Sonderfall. Die SVP hat dem Vernehmen nach nie etwas an dieser Ungleichbehandlung der Sprachen auszusetzen gehabt.<\/li>\n<li>Bei der Integration von Zugewanderten, einem der sensibelsten Bereiche f\u00fcr die k\u00fcnftige Entwicklung und Ausrichtung unserer Gesellschaft, hat der Staat die <a title=\"Zuwanderer zu Italienern.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=8504\">ausschlie\u00dfliche Durchf\u00fchrung von Italienischtests<\/a> \u2014 auch in S\u00fcdtirol \u2014 durchgesetzt. Deutsch existiert in dieser Hinsicht gar nicht. Schlussendlich musste das die SVP schlucken, doch sie r\u00fchmt den v\u00f6llig unzureichenden Umstand, dass die neuen S\u00fcdtirolerinnen (vielleicht besser: die neuen Italienerinnen?) durch freiwillige Deutschkurse ein paar Zusatzpunkte auf ihrem Integrationskonto ergattern k\u00f6nnen. Wie sehr die SVP dieses Thema untersch\u00e4tzt, zeigt die Tatsache, dass es im \u00bbbahnbrechenden\u00ab <a title=\"SVP \u2014 quo vadis?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13592\">Abkommen<\/a> mit dem <abbr title=\"Partito Democratico\">PD<\/abbr> nicht einmal enthalten ist.<\/li>\n<li>J\u00fcngst hat das Kassationsgericht sogar <a title=\"Gericht: Deutsch nur f\u00fcr Indigene.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13300\">entschieden<\/a>, dass Prozesse in deutscher Sprache nur Autochthonen zustehen. Die Gerichtsbarkeit ist in S\u00fcdtirol f\u00fcr Ausl\u00e4nderinnen, selbst wenn aus der EU kommend, ausschlie\u00dflich italienisch. Es ist kein Unterschied, ob eine \u00d6sterreicherin in Palermo oder in Bozen klagt. Zwar bellte Karl Zeller dagegen \u2014 doch auch dieses Thema ist nicht im Koalitionsabkommen mit dem PD enthalten.<\/li>\n<li>All dies vorausgeschickt, scheint es nur konsequent, wie LH Durnwalder jetzt auf eine Anfrage von Sven Knoll geantwortet hat: Dieser erkundigte sich im Landtag, wie es sein k\u00f6nne, dass die Polizei den B\u00fcrgern ganz offen empfehle, ihre Anzeigen auf Italienisch zu machen, da sonst nur in S\u00fcdtirol nach dem gestohlenen Gegenstand oder dem vermissten Angeh\u00f6rigen gesucht werde, und nicht auf Staatsebene (bzw. international). Durnwalders Reaktion: Ist doch normal, S\u00fcdtirol sei schlie\u00dflich an Italien angegliedert worden und nicht umgekehrt. Ein Gedicht. Das d\u00fcrfen wir uns also unter der im Statut verk\u00fcndeten Gleichstellung vorstellen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wer hier keinen Handlungsbedarf sieht, darf sich nicht wundern, dass die Mehrsprachigkeit unserer Gesellschaft von vielen nicht als Nutzen, sondern als stetige Entwicklung in Richtung vorherrschender <em>lingua franca<\/em>, der Nationalsprache, empfunden wird. Das ist auch der Grund, warum wir eine Abschaffung der letzten, wenngleich anachronistischen Schutzmechanismen <em>innerhalb<\/em> des heutigen, nationalstaatlichen Rahmens \u2014 wie sie etwa <a title=\"Kronbichlers Freiheit.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13743\">manche <em>Gr\u00fcne<\/em><\/a> fordern, aber wie sie eben auch die SVP tatenlos duldet \u2014 als kulturellen Selbstmord einstufen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt mittelfristig nicht im Einklang mit, sondern auf Kosten der Mehrsprachigkeit verfolgt, vertritt eine durchaus legitime Position. Er\/sie soll den W\u00e4hlerinnen jedoch reinen Wein einschenken und nicht Engagement f\u00fcr kulturelle Vielfalt vort\u00e4uschen.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Minorisierte Sprachen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72762\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsch und Italienisch seien in S\u00fcdtirol gleichgestellte Sprachen, steht im Autonomiestatut (Art. 99), welches im Fall zweinamiger Wanderschilder penibel eingehalten wird. \u00dcber die Wanderschilder hinaus wird das Ganze freilich \u00bbetwas weniger ernst\u00ab genommen. 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