{"id":15006,"date":"2013-05-14T10:06:55","date_gmt":"2013-05-14T08:06:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=15006"},"modified":"2025-06-11T13:52:31","modified_gmt":"2025-06-11T11:52:31","slug":"verkehrte-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=15006","title":{"rendered":"Verkehrte Welt."},"content":{"rendered":"<p>Der pazifistische Linkspolitiker oder der durchschnittliche Linksintellektuelle in Europa hegt meist eine gewisse Distanz bis Apathie zum Militarismus oder sieht das Milit\u00e4r zumindest nur als irgendwann vielleicht \u00fcberwindbare Notwendigkeit an. Und je h\u00f6her der Bildungsgrad, desto skeptischer steht man f\u00fcr gew\u00f6hnlich uniformiertem Gleichschritt gegen\u00fcber. Martialisches Machogehabe und Chauvinismus sind einem suspekt. Normalerweise. Denn das Alpini-Treffen in Bozen im vergangenen Jahr schuf eine verkehrte Welt.<\/p>\n<p>\u201cAuf die Alpini war der aufgekl\u00e4rte [sic] italienische S\u00fcdtiroler h\u00f6chstens heimlich stolz, seit der Bozner <em>Adunata<\/em> durfte man auf deutsch- wie italienischsprachiger Seite ganz offen seine Sympathien erkl\u00e4ren,\u201d <a title=\"Salto: Bozner Alpini in Piacenza.\" href=\"http:\/\/www.salto.bz\/de\/article\/13052013\/bozner-alpini-und-andere-piacenza\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">beobachtet<\/a> Christine Helfer auf Salto.bz. Wie wahr! Vor wenigen Tagen ging die <em>Adunata<\/em> 2013 in Piacenza zu Ende. Dort schm\u00fcckte sich der Landeshauptmannstellvertreter der \u201cMitte-links\u201d-Partei PD, Christian Tommasini, f\u00fcr eine Photo-Op mit Alpinihut und der gr\u00fcne (!?) Kammerabgeordnete Florian Kronbichler lie\u00df sich von den Gebirgsj\u00e4gern auszeichnen, da er \u2013 noch als Journalist \u2013 \u201cmit intellektueller Redlichkeit den tieferen Sinn des Alpini-Festes herausgearbeitet habe.\u201d Das hei\u00dft \u00fcbersetzt: \u201cEr hat kritiklos und wohlwollend im Sinne der Alpini berichtet.\u201d Wer wei\u00df; vielleicht geben schon bald Gr\u00fcnpolitiker \u201cGummi-Gummi\u201d beim GTI-Treffen in Reifnitz am W\u00f6rthersee und fungieren PD-Exponenten als Juroren beim Wettmarschieren der Sch\u00fctzen. Alles scheint m\u00f6glich angesichts obiger Kuriosit\u00e4ten.<\/p>\n<blockquote><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-15011\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/alpini.jpg\" alt=\"alpini\" width=\"520\" height=\"339\" srcset=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/alpini.jpg 520w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/alpini-150x97.jpg 150w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/alpini-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/alpini-460x300.jpg 460w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><\/p><\/blockquote>\n<p><small><em>Bild: Giuseppe Rava<\/em><\/small><\/p>\n<p>Hans Heiss hat in seinem bemerkenswerten Vortrag \u201cZweierlei Federn\u201d anl\u00e4sslich der <em>Adunata<\/em> in Bozen Sch\u00fctzen und Alpini verglichen und dabei den wirklich \u201ctieferen Sinn des Alpini-Festes\u201d herausgearbeitet. Eine Gleichsetzung von Alpini und Sch\u00fctzen ist zwar nicht zielf\u00fchrend, ein Vergleich zwischen den beiden \u201cEinheiten\u201d kann bisweilen aber durchaus erhellend sein. Die Gleichsetzung ist deswegen nicht legitim, da die Alpini nach wie vor Teil der offiziellen Streitkr\u00e4fte eines demokratischen Staates sind und somit sogar eine h\u00f6here moralische Verpflichtung <span style=\"text-decoration: underline;\">allen<\/span> gegen\u00fcber haben als die Sch\u00fctzen, die ein Privatverein sind. Letztere d\u00fcrfen sich ideologisch positionieren und die Grenzen der Meinungsfreiheit ausloten. Streitkr\u00e4fte d\u00fcrfen das nicht. Dessen ungeachtet sind Heiss&#8217; Ausf\u00fchrungen enorm treffsicher und zugleich entlarvend was Selbstbild und Geschichtsverst\u00e4ndnis der Alpini betrifft.<\/p>\n<p>Die Alpini verk\u00f6rpern genau jenes Gesellschaftsbild (martialisch, patriarchal, hierarchisch), das in einem tirolerischen Kontext von oben erw\u00e4hnten \u201cAlpini-Sympathisanten\u201d zumeist als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und ewiggestrig bezeichnet wird. Hans Heiss stellt fest, dass \u201cSch\u00fctzen und Alpini [\u2026] mit ihren Aufm\u00e4rschen bewusst und wirkungsvoll Territorien [besetzen], mehr noch &#8211; sie \u00fcberschreiten absichtsvoll symbolische Grenzen, um mittels massiver Pr\u00e4senz F\u00fclle und Macht zu demonstrieren. [\u2026] Alpini-Adunate und Auftritte der Sch\u00fctzen marschieren [\u2026] den Weg zur\u00fcck: In ihrer Formation w\u00e4chst nicht die pers\u00f6nliche Verantwortung, hier wird nicht an die F\u00e4higkeit zu individuellem B\u00fcrgersinn und B\u00fcrgermut appelliert, sondern die Gewissheit vermittelt, dass in der Unterordnung [\u2026] ein Gutteil allen Heils liegt.\u201d F\u00fcr eine zweifelhafte Appeasement-Haltung werden also ansonsten wie eine Monstranz vorangetragene Grunds\u00e4tze \u00fcber Bord geworfen. S\u00fcdtiroler Intelligenzija und die linke Reichsh\u00e4lfte marschieren im Gleichschritt und stimmen in die Alpini-Huldigung mit ein. Als Rechtfertigung dient meist der Sager: \u201cDie Alpini tun auch viel Gutes und haben sich in Bozen ordentlich aufgef\u00fchrt.\u201d Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit wird einfach zur herausragenden Tugend erhoben. \u201cIst es wirklich eine staunenswerte Gro\u00dftat, wenn eine aus Steuermitteln finanzierte Truppeneinheit, eine mit \u00f6ffentlichen Mitteln reich dotierte Vereinigung wie ANA eine anerkennenswerte, aber auch pflichtgem\u00e4\u00dfe Leistung vollf\u00fchrt?\u201d fragt sich daher auch Hans Heiss.<\/p>\n<p>Ein weiteres, noch viel gravierenderes Manko der Alpini ist jedoch ihr anachronistisches Geschichtsverst\u00e4ndnis. Wie der Teufel das Weihwasser scheuen f\u00fcr gew\u00f6hnlich Intellektuelle und Linkspolitiker zu Recht Organisationen, die auch nur im Verdacht von Geschichtsrevisionismus oder Nazi-Faschismus-Apologie stehen. Das Ulrichsbergtreffen w\u00e4re f\u00fcr Kronbichler, Tommasini und Co. wohl ein Tabu. Bei den Alpini wird eine Ausnahme gemacht.<\/p>\n<p>Freilich sind die Alpini von heute nicht f\u00fcr die furchtbaren Verbrechen verantwortlich, die ihre Vorg\u00e4nger begangen haben. Als offizieller Teil der Streitkr\u00e4fte w\u00e4ren die Alpini jedoch zu einer modernen Erinnerungskultur und Geschichtsaufarbeitung \u2013 im Sinne der historischen, nicht der individuellen Verantwortung \u2013 verpflichtet. Diese ist aber nicht einmal in Ans\u00e4tzen vorhanden. Stattdessen suhlt man sich im Opfermythos und negiert jedwede historische Schuld. \u201cDer Blick auf eigene, oft genug sinnlose und durch falsche Unterordnung bewirkte Opfer m\u00fcsste eigentlich dazu veranlassen, Traditionen in kritischer Sch\u00e4rfe zu durchleuchten. Das Gegenteil ist der Fall: Geschichte und Tradition entfalten eine legitimierende, ja sogar l\u00e4hmende Macht, die alle Zweifel aus dem Weg r\u00e4umt. Und in der Fixierung auf den eigenen Opferstatus verschwinden die eigene Verantwortung und T\u00e4terschaft\u201d, best\u00e4tigt Hans Heiss den befremdlichen Umgang der Alpini mit ihrer Vergangenheit. Eine derartige Verweigerung m\u00fcsste f\u00fcr gew\u00f6hnlich gen\u00fcgen, um Distanz zu halten oder wenigstens politischen und gesellschaftlichen Druck aufzubauen, aufdass die Alpini sich ihrer Verantwortung stellen. Stattdessen regiert nach wie vor das anachronistische und in einem europ\u00e4ischen Kontext befremdliche Geschichtsverst\u00e4ndnis. Journalisten wie Kronbichler werden zu \u201cMitt\u00e4tern\u201d. Sie \u00fcben sich im Ausbreiten des Mantels des Schweigens und im Verharmlosen. \u201cDie Beteiligung von Alpinitruppen an kolonialen Expansionskriegen in \u00dcbersee [\u2026] wird bagatellisiert und fl\u00fcchtig \u00fcbergangen. Die aktive Teilnahme von Alpinisoldaten an den Mordbrennereien deutscher Gebirgsj\u00e4ger in Griechenland, ihre systematische Vernichtung von D\u00f6rfern in Widerstandsgebieten [\u2026] ist dem Vergessen anheim gefallen. Die brutale K\u00e4lte eines Alpini-Generals wie Gastone Gambara, der am Balkan als Lagerkommandant zu traurigem Ruhm gelangt ist, bleibt unerw\u00e4hnt. Und dass die Alpini in der Russlandkampagne [\u2026] energisch an Repression und Judenmord beteiligt waren, schwindet hinter ihrem Opferstatus\u201d, fasst Heiss die unaufgearbeiteten Kriegsverbrechen zusammen. Kritiker und Mahner werden dann auch leicht zu Spielverderbern und Spa\u00dfbremsen, die eine gute Party nicht zu sch\u00e4tzen wissen.<\/p>\n<p>Es ist absto\u00dfend und beklemmend, wie im Zusammenhang mit den Alpini doppelte Standards angelegt werden. Das Ausblenden des zweifelhaften Umgangs mit der Vergangenheit, die Verkl\u00e4rung martialisch zur Schau getragener M\u00e4nnlichkeit in Oktoberfestatmosph\u00e4re und die Erh\u00f6hung der Selbstverst\u00e4ndlichkeit zum herausragenden Merkmal sind Taktiken, die nicht in ein vereintes, demokratisches und gleichberechtigtes Europa passen. Die \u201cAlpiniphilie\u201d ist kein Beispiel f\u00fcr \u201cconvivenza\u201d sondern eine bedenkliche Abkehr von modernen, weltoffenen Prinzipien zum Zwecke der Anbiederung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der pazifistische Linkspolitiker oder der durchschnittliche Linksintellektuelle in Europa hegt meist eine gewisse Distanz bis Apathie zum Militarismus oder sieht das Milit\u00e4r zumindest nur als irgendwann vielleicht \u00fcberwindbare Notwendigkeit an. Und je h\u00f6her der Bildungsgrad, desto skeptischer steht man f\u00fcr gew\u00f6hnlich uniformiertem Gleichschritt gegen\u00fcber. 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