{"id":15562,"date":"2013-06-15T14:53:49","date_gmt":"2013-06-15T12:53:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=15562"},"modified":"2023-08-19T13:26:16","modified_gmt":"2023-08-19T11:26:16","slug":"ein-mannerproblem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=15562","title":{"rendered":"Ein M\u00e4nnerproblem?"},"content":{"rendered":"<p>In den vergangenen Tagen wurde sehr viel Porzellan zerschlagen und noch mehr Unfug gesagt und geschrieben. Mittlerweile stehen sich vielerorts zwei einbetonierte Fronten gegen\u00fcber, die Zahlen und Fakten \u2013 sofern sie \u00fcberhaupt \u00fcber solche verf\u00fcgen \u2013 zu ihren Gunsten verdrehen oder aus Unwissen missinterpretieren, die f\u00fcr sachliche Einw\u00e4nde blind geworden sind und die jede \u00c4u\u00dferung sofort in eine Kategorie zu pressen versuchen. Pers\u00f6nliche Erlebnisse oder auch Erz\u00e4hlungen von Bekannten von Bekannten von Bekannten werden zu repr\u00e4sentativen Aussagen hochstilisiert und dienen als \u201cBeweis\u201d f\u00fcr die vorgebrachte These. Sokrates\u2019sche Induktion ist die Methode der Stunde (Josef ist gewaltt\u00e4tig. Josef ist ein Mann. M\u00e4nner sind gewaltt\u00e4tig). Die \u201cVerharmloser\u201d und \u201cBesch\u00f6niger\u201d wetteifern mit den \u201cSchwarzmalern\u201d und \u201cHetzern\u201d um die Deutungshoheit. Ob die Intention f\u00fcr die \u201cStopp der Gewalt\u201d-Kampagne eine gutgemeinte war, kann und will ich nicht beurteilen. Fest steht, dass sie gar manche dunklen Geister ans Licht rief und dass jegliche Besonnenheit in dieser Diskussion inzwischen v\u00f6llig verloren gegangen ist.<\/p>\n<p>Es ist daher h\u00f6chst an der Zeit, das Thema \u201cGewalt\u201d sachlich und auf Fakten basierend zu analysieren und die richtigen Schl\u00fcsse daraus zu ziehen.<\/p>\n<p>Den vom Qu\u00e4stor ver\u00f6ffentlichten Zahlen folgend begehen Ausl\u00e4nder verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig mehr Gewaltdelikte als Inl\u00e4nder. Wenngleich die Zahl von 42 Gewaltdelikten zu klein und der Beobachtungszeitraum von einem Monat zu kurz ist, um statistisch repr\u00e4sentative Aussagen treffen zu k\u00f6nnen, so lassen sich doch Trends herauslesen. Es wurde betont, dass \u201cnur\u201d vier dieser 42 Delikte von Albanern begangen wurden. Albaner machen rund ein Prozent der S\u00fcdtiroler Bev\u00f6lkerung aus. Sie waren im vergangenen Monat aber f\u00fcr zehn Prozent der Gewaltverbrechen verantwortlich. Und wenn sich laut Qu\u00e4stor italienische Staatsb\u00fcrger und Ausl\u00e4nder bei der Anzahl der Gewaltdelikte die Waage halten, hei\u00dft das, dass Ausl\u00e4nder neun Mal h\u00e4ufiger in Gewaltverbrechen involviert sind als Inl\u00e4nder, denn nicht einmal zehn Prozent der S\u00fcdtiroler Bev\u00f6lkerung sind ausl\u00e4ndische Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Die Anzahl der Gewaltdelikte ist jedoch nur bedingt aussagekr\u00e4ftig, da einige ma\u00dfgebliche Faktoren in einer rein quantitativen Aufz\u00e4hlung nicht ber\u00fccksichtigt sind.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t der Gewalt geht aus der Statistik nicht hervor. Eine vergleichsweise harmlose Handgreiflichkeit ist darin ebenso enthalten wie ein versuchter Totschlag.<\/p>\n<p>Obwohl Gewalt \u2013 mit Ausnahme von Notwehr \u2013 durch nichts zu rechtfertigen ist, geht auch das Motiv der Gewaltanwendung nicht aus den Zahlen hervor. Es besteht ein \u201cmoralischer\u201d Unterschied zwischen einem Gewaltakt, der sich willk\u00fcrlich und unprovoziert gegen jemanden richtet und einer aus einer besonderen emotionalen Situation heraus begangenen Tat (Reaktion auf eine Beleidigung, Handgemenge nach einem Verkehrsunfall usw.).<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00f6ffentliche Wahrnehmung und das Sicherheitsgef\u00fchl sind diese beiden Aspekte (Qualit\u00e4t und Motiv) jedoch nicht unwesentlich.<\/p>\n<p>Die Hauptdelinquenten bei Gewalt sind M\u00e4nner und innerhalb dieser wiederum die Altersgruppe zwischen 15 und 30 Jahren. In einigen Zuwanderergruppen ist diese Schicht \u00fcberrepr\u00e4sentiert, was zu einer h\u00f6heren Gewaltverbrechensrate innerhalb besagter Gruppen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>(Ob es Unterschiede zwischen der \u201cAnzeigedisziplin\u201d bei In- und Ausl\u00e4ndern gibt und ob die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung eine unterschiedliche ist, kann ich nicht beurteilen, da ich dazu keine belastbaren Daten gefunden habe.)<\/p>\n<p>Bei einer Aufschl\u00fcsselung der Gewalttaten nach Staatszugeh\u00f6rigkeit werden jedenfalls gewaltf\u00f6rdernde oder gar -bedingende Faktoren nicht ber\u00fccksichtigt (Missbrauch in der Kindheit, Gewalterfahrung in Kriegsgebieten, sozialer Status und soziale Isolation, Alkoholeinfluss usw.). Dadurch wird jedoch ein Kausalzusammenhang suggeriert, der so nicht existiert.<\/p>\n<p>Gewaltverbrechen notwendigerweise mit Ethnie und Herkunft in Verbindung zu bringen, ist kontraproduktiv. Eine derartige Praxis stigmatisiert die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit jener, die nicht gewaltt\u00e4tig sind. Diese Stigmata f\u00fchren zu sozialer Isolation, was wiederum einer der Mitgr\u00fcnde f\u00fcr Gewalt ist. Ethnische Verkn\u00fcpfungen sind aber nicht nur deshalb falsch, weil sie verallgemeinernd und dadurch tendenziell rassistisch sind, sondern weil sie eben in der Analyse f\u00fcr die Ursachen der Gewalt viel zu kurz greifen. Freilich lassen sich bestimmte Aspekte im Umgang mit Gewalt auch kulturalisieren. Ein Vergleich der Rechtssysteme in unterschiedlichen Kulturkreisen zeigt dies. W\u00e4hrend in einigen L\u00e4ndern des Nahen Ostens, Afrikas und S\u00fcdostasiens K\u00f6rperstrafen bis hin zur Verst\u00fcmmelung sowie Ungleichbehandlung von Mann und Frau fixer Bestandteil der Rechtsordnung sind und in L\u00e4ndern wie den USA, China, Saudi Arabien, Japan, Indien usw. die Todesstrafe nach wie vor existiert, sind derartige Praktiken aus europ\u00e4ischen Gesetzen (mit Ausnahme Wei\u00dfrusslands) l\u00e4ngst verschwunden.<\/p>\n<p>Dennoch l\u00e4sst die Herkunft keine zwingenden R\u00fcckschl\u00fcsse auf das Gewaltverhalten zu. Dasselbe gilt f\u00fcr Geschlecht, Alter oder sozialen Status. Die Wahrscheinlichkeit, dass M\u00e4nner Gewalttaten begehen, ist eine h\u00f6here als bei Frauen. Auch bei Ausl\u00e4ndern und Jugendlichen ist diese Wahrscheinlichkeit aufgrund unterschiedlichster Faktoren h\u00f6her. Diese Tatsache l\u00e4sst aber keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf Personen zu, die dieselben Merkmale aufweisen (m\u00e4nnlich, ausl\u00e4ndisch, jugendlich). Anders gesagt: M\u00e4nner werden nicht nur aus dem Grund zu Gewaltt\u00e4tern weil sie M\u00e4nner sind. Wir haben ebenso wenig ein \u201cM\u00e4nnerproblem\u201d wie wir ein \u201cAusl\u00e4nderproblem\u201d haben. Oder umgekehrt: Wenn wir ein \u201cAusl\u00e4nderproblem\u201d haben, haben wir noch viel mehr ein \u201cM\u00e4nnerproblem\u201d.<\/p>\n<p>Ein weiterer besorgniserregender Aspekt der Diskussion ist die Forderung nach mehr Video\u00fcberwachung und einer Ausweitung der Kompetenzen privater Sicherheitsdienste. Diese Forderungen reduzieren das Gewaltph\u00e4nomen auf den sicherheitspolitischen Aspekt. Die viel wichtigere \u2013 weil urs\u00e4chliche \u2013 Komponente Sozialpolitik kommt in der Diskussion beinahe nicht mehr vor. Video\u00fcberwachung verhindert Gewalt nicht bzw. nur scheinbar. Sie verschiebt (zeitlich) oder verlagert (\u00f6rtlich) sie vor allem. Ebenso ist die Aufwertung privater Securities mehr Symptom- als Ursachenbek\u00e4mpfung. Die Verw\u00e4sserung des rechtsstaatlichen Gewaltmonopols ist ein bedenklicher Trend. Sich im gesetzlichen Rahmen bewegender Ausdruck von Zivilcourage f\u00e4llt freilich nicht darunter. Es ist vielmehr die institutionell sanktionierte Auslagerung von Sicherheitsaufgaben, die eigentlich dem Staat vorbehalten sein sollten.<\/p>\n<p>Zwei wesentliche St\u00fctzen des Rechtsstaates sind die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit und die konsequente und nichtdiskriminierende Exekution der Gesetze. In beiden Bereichen ist die derzeitige Situation \u2013 soweit ich das beurteilen kann \u2013 nicht zufriedenstellend. Es ist meines Erachtens skandal\u00f6s, dass das Gesetz den Einsatzkr\u00e4ften nicht erm\u00f6glicht, die Beschuldigten in dem Fall, der Ausl\u00f6ser der ganzen Diskussion war, festzunehmen. Die Verd\u00e4chtigen haben sich bereits \u00e4hnlicher Verbrechen schuldig gemacht, sind also Wiederholungst\u00e4ter und auf freiem Fu\u00df somit eine Gefahr f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit. Das Betretungsverbot f\u00fcr Bozen, eine \u201cschriftliche Ermahnung\u201d (!!!) und die teilweise R\u00fccknahme der Aufenthaltsbewilligung durch den Qu\u00e4stor sind eine absurde bis l\u00e4cherliche Reaktion auf derartige Delikte.<\/p>\n<p>Ob die gef\u00fchlte \u2013 weil nicht erwiesene \u2013 Unt\u00e4tigkeit der Exekutive allein der oben beschriebenen Gesetzeslage geschuldet ist, wei\u00df ich nicht. Jedenfalls tragen diese Umst\u00e4nde nicht zu einer Deeskalation der Stimmung bei, sondern versch\u00e4rfen diese zusehends.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Tagen wurde sehr viel Porzellan zerschlagen und noch mehr Unfug gesagt und geschrieben. 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