{"id":16091,"date":"2013-07-15T17:11:30","date_gmt":"2013-07-15T15:11:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=16091"},"modified":"2024-10-21T18:36:42","modified_gmt":"2024-10-21T16:36:42","slug":"toponomastik-nuchtern-betrachtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=16091","title":{"rendered":"Toponomastik \u2014 n\u00fcchtern betrachtet."},"content":{"rendered":"<p><em>von Harald Knoflach\/Aglio\/Garlic<\/em><\/p>\n<p>Politiker und Kommentatoren aller Couleurs echauffieren sich dar\u00fcber, dass p\u00fcnktlich zum Sommerbeginn die Toponomastikdiskussion wieder aufflammt. Eine L\u00f6sung ist trotz entsprechenden Landesgesetzes nicht absehbar. Der Ball liegt mittlerweile wieder bei und in Rom. Solange die Toponomastikfrage eine ethnische bleibt, werden entweder L\u00f6sungen vorgeschlagen, die von der jeweils \u00bbanderen Ethnie\u00ab niemals akzeptiert werden k\u00f6nnen oder es kommt schlussendlich doch zu einem faulen Kompromiss, der keinen logisch nachvollziehbaren Kriterien folgt. Beides sind nicht gerade vielversprechende Aussichten. Daher wollen wir die Frage der Toponomastik einmal nicht von einem ethnischen Standpunkt aus betrachten (im Ursprung ist es n\u00e4mlich gar keine ethnische Frage).<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen zun\u00e4chst aufh\u00f6ren, von deutschen und italienischen Ortsnamen (von \u00bbladinischen\u00ab redet leider ohnehin fast nie jemand) zu sprechen. Viele \u00bbdeutsche\u00ab Orts- und Flurnamen in S\u00fcdtirol sind nicht \u00bbdeutsch\u00ab. Sie sind ladinisch bzw. r\u00e4toromanisch oder gar keltisch (von Kastelbell bis Naturns und tausende weitere). Zudem m\u00fcssen wir Offizialit\u00e4t von Gebrauch und Endonyme von Exonymen unterscheiden.<\/p>\n<p>Ein paar Beispiele zum besseren Verst\u00e4ndnis:<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Stadt Bayerns ist M\u00fcnchen. Von Italienischsprachigen wird sie \u00bbMonaco\u00ab, von Englischsprachigen \u00bbMunich\u00ab und von Dialektsprechern \u00bbMinga\u00ab genannt. Offiziell ist nur das endonyme M\u00fcnchen. In Gebrauch sind also viele Bezeichnungen, doch niemand fordert, Exonyme wie \u00bbMonaco\u00ab oder \u00bbMunich\u00ab auf die Ortstafel oder das offizielle Briefpapier der Stadt zu schreiben.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Stadt der Lombardei hei\u00dft Milano. Wir deutschsprachigen sagen \u00bbMailand\u00ab dazu. Wir haben Landkarten, auf denen Mailand steht und finden sogar dorthin, obwohl auf keinem Hinweisschild in Italien \u00bbMailand\u00ab zu lesen ist, sondern richtigerweise nur Milano.<\/p>\n<p>Prozentuell leben in Milano mehr Deutschsprachige als Italienischsprachige in Martell (dort sind es n\u00e4mlich genau 0,00 Prozent). Dennoch genie\u00dft in Martell die demnach exonyme Bezeichnung \u00bbMartello\u00ab Offizialit\u00e4t. Der einzige Grund, warum in Milano nicht \u00bbMailand\u00ab am Ortsschild steht (was es nat\u00fcrlich auch nicht soll) und in Martell aber sehr wohl \u00bbMartello\u00ab, liegt in der Logik des Nationalstaates, die meines Erachtens eine falsche ist und die Namensfrage erst zu einer ethnischen macht.<\/p>\n<p>In der ganzen Toponomastik-Diskussion geht es um nichts anderes als die Offizialit\u00e4t der Namen. Es wird nichts verboten oder ausgel\u00f6scht, denn den (exonymen) Gebrauch kann ich nicht vorschreiben oder beeinflussen. Exonyme wie endonyme Namen k\u00f6nnen sich auch ohne Offizialit\u00e4t in Gebrauch halten, wie meine Beispiele zu M\u00fcnchen und Milano belegen. Ahornach zum Beispiel wird von den meisten Einheimischen seit jeher \u00bbFochina\u00ab genannt, und Latzfons hei\u00dft \u00bbFlatzpis\u00ab.<\/p>\n<p>Offizialit\u00e4t sollten jedoch nicht zuletzt nach UNO-Richtlinien (aber auch nach den Gesetzen der Logik) nur endonyme Bezeichnungen haben. Daher hat man auch beispielsweise in Australien, Gr\u00f6nland, S\u00fcdafrika, Katalonien und anderen Orten vielen exonymen Bezeichnungen die Offizialit\u00e4t entzogen. Ayers Rock hei\u00dft nach \u00fcber 200 Jahren wieder Uluru, Godth\u00e5b hei\u00dft Nuuk und Pietersburg hei\u00dft Polokwane.<\/p>\n<p>Ab wann eine Bezeichnung als endonym und nicht exonym gilt, ist Auslegungssache. (Meist spricht man \u2014 bzw. die UNO \u2014 ab einem Bev\u00f6lkerungsanteil von 10 Prozent, der eine Bezeichnung verwendet, von endonym). Es ist meines Erachtens also \u00fcberhaupt nicht einzusehen, warum das ladinische La Val zwei (!) offizelle (!) exonyme (!) Bezeichnungen braucht. In La Val leben n\u00e4mlich nur 1,53 Prozent Deutschsprachige, die \u00bbWengen\u00ab verwenden und 0,81 Prozent Italienischsprachige, die \u00bbLa Valle\u00ab sagen. Offiziell sollte nur La Val sein. Das hindert aber niemanden daran, \u00bbWengen\u00ab oder \u00bbLa Valle\u00ab zu sagen, und diese Namen auch auf eine Landkarte zu schreiben.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte nun einwenden: \u00bbAber wenn wir nun ganz S\u00fcdtirol hernehmen, dann sind \u2018Wengen\u2019 und \u2018La Valle\u2019 sehr wohl Endonyme.\u00ab Ich glaube erstens, dass die Namensfrage von den unmittelbar Betroffenen gekl\u00e4rt werden muss \u2014 also den jeweiligen Einwohnern einer Fraktion, einer Gemeinde usw., da es sich ja um Flur-, Fraktions- bzw. Gemeindenamen handelt. Dabei ist es \u00fcbrigens auch v\u00f6llig irrelevant, wie gro\u00df und \u00bbbedeutend\u00ab die jeweiligen \u00d6rtlichkeiten sind. Die Unterscheidung zwischen Makro- und Mikrotoponomastik, wie sie das Landesgesetz vorsieht, l\u00e4uft komplett an diesem Verst\u00e4ndnis vorbei. Besagte Bewohner k\u00f6nnen dann auch entscheiden, ob sie einem Exonym Offizialit\u00e4t verleihen m\u00f6chten, oder nicht. Der Landesname (S\u00fcdtirol, Sudtirol, Alto Adige, Sudtirolo oder wie auch immer) wiederum ist dann nat\u00fcrlich Sache der ganzen Landesbev\u00f6lkerung. Im Grunde w\u00e4re diese Herangehensweise eine Erm\u00e4chtigung der B\u00fcrgerschaft. Alles andere hingegen ist Bevormundung. Wenn ich einen Hof habe, dann haben doch auch meine Nachbarn \u2014 egal wie gut ich mich mit ihnen verstehe \u2014 kein Mitspracherecht (au\u00dfer ich gestehe es ihnen zu), wie ich meinen Hof zu nennen habe. Das entscheide ich mit meiner Familie. Den Nachbarn bleibt es jedoch unbenommen, meinen Hof zu nennen, wie sie m\u00f6chten. Auf meinem T\u00fcrschild wird jedoch der von mir gew\u00e4hlte Name stehen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich meines Erachtens bei Fluren, Fraktionen und Gemeinden.<\/p>\n<p>Und zweitens (wenn obiger Einwand gerechtfertigt w\u00e4re) m\u00fcssten wir das dann aber auch konsequent durchziehen. Wie absurd das ist, m\u00f6chte ich am Beispiel Siegesplatz vs. Friedensplatz erl\u00e4utern:<\/p>\n<p>Wenn \u00bbganz S\u00fcdtirol\u00ab (bzw. mittlerweile \u00bbganz Italien\u00ab, denn es ist ja jetzt Sache der italienischen Regierung) und nicht blo\u00df das Ahrntal \u00fcber den Namen des Klockerkarkopfes befinden darf, dann h\u00e4tte auch ganz S\u00fcdtirol \u00fcber den Platznamen in Bozen abstimmen m\u00fcssen. (Auch wenn mir das zu erwartende Ergebnis dann besser gefallen h\u00e4tte, w\u00e4re das Bl\u00f6dsinn). Weiters k\u00f6nnte der Siegesplatz nach der Vetta-d&#8217;Italia-Logik auch ruhig auf Deutsch \u00bbFriedensplatz\u00ab und auf Italienisch \u00bbPiazza della Vittoria\u00ab hei\u00dfen. W\u00e4re zwar sch\u00f6n, f\u00e4nde ich jedoch irgendwie komisch. Es entspr\u00e4che aber genau jener Logik, wie wir sie zurzeit bei der Toponomastik anwenden.<\/p>\n<p>Die Arroganz der offiziellen (!) Bezeichnung \u00bbMt. Everest\u00ab zeigt, warum wir Offizialit\u00e4t unbedingt anhand der Unterscheidung zwischen Endonym und Exonym vergeben sollten. Der h\u00f6chste Berg der Welt hat seit Jahrhunderten zwei endonyme Bezeichnungen. Zwei deshalb, weil er ob seiner Un\u00fcberwindbarkeit zwei V\u00f6lker voneinander trennt und diese dem Berg von ihrer jeweiligen Seite aus einen anderen Namen gaben: auf Tibetisch Qomolungma und auf Nepali Sagarmatha. Dann kamen die Engl\u00e4nder und nannten den Berg \u00bboffiziell\u00ab Mt. Everest (nach einem Vermessungstechniker). Dieser Sir Everest wollte diese Ehre gar nicht, da er festgestellt hatte, dass der Berg bereits einen (vom zweiten wusste er damals noch nicht) Namen trug. Er wollte die endonyme Bezeichnung verwenden und keine exonyme aufoktroyieren. Er wurde aber nicht geh\u00f6rt. Dennoch sollten wir uns an ihm ein Beispiel nehmen. Mit \u00bbR\u00fcckg\u00e4ngigmachung der Geschichte\u00ab hat das \u00fcberhaupt nichts zu tun und mit (mangelnder) Zwei- bzw. Dreisprachigkeit schon gar nicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Harald Knoflach\/Aglio\/Garlic Politiker und Kommentatoren aller Couleurs echauffieren sich dar\u00fcber, dass p\u00fcnktlich zum Sommerbeginn die Toponomastikdiskussion wieder aufflammt. Eine L\u00f6sung ist trotz entsprechenden Landesgesetzes nicht absehbar. Der Ball liegt mittlerweile wieder bei und in Rom. 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