{"id":19194,"date":"2014-05-17T23:36:06","date_gmt":"2014-05-17T21:36:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19194"},"modified":"2021-05-15T23:35:36","modified_gmt":"2021-05-15T21:35:36","slug":"das-wunder-von-malta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19194","title":{"rendered":"Das Wunder von Malta."},"content":{"rendered":"<p>Relativ unbeachtet hat sich auf der kleinen Mittelmeerinsel Malta ein kleines Wunder ereignet. So laut <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>, die am 16.04.2014 vom \u00bbWunder von Malta\u00ab spricht.<\/p>\n<p>Ein Wunder, in einem Kleinstaat? F\u00fcr viele Kritiker der innereurop\u00e4ischen Sezessionsbewegungen, die h\u00e4ufig einen R\u00fcckfall in eine mittelalterliche Kleinstaaterei beschw\u00f6ren, m\u00fcsste Malta geradezu als Negativbeispiel pr\u00e4destiniert sein.<\/p>\n<p>Auf gerade mal 316 km\u00b2, das ist etwas gr\u00f6\u00dfer als die Gemeinde Sarntal, mit 302 km\u00b2 die fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte Gemeinde S\u00fcdtirols, leben knapp 420.000 EinwohnerInnen. Einer der kleinsten Staaten der Welt weist wohl eine hohe Bev\u00f6lkerungsdichte auf, aber dort wo jeder jeden irgendwie kennt, k\u00f6nnen die Institutionen wohl nicht unabh\u00e4ngig funktionieren?<br \/>\nZudem hat die katholische Kirche geschichtlich bedingt einen starken Einfluss auf die maltesische Politik, so ist Schwangerschaftsabbruch strafbar und \u00bboben ohne\u00ab zu baden verboten. Die Scheidung war bis 2011 nicht zul\u00e4ssig und der Katholizismus ist in der maltesischen Verfassung als Staatsreligion verankert.<br \/>\nDas M\u00fcllproblem, das schon bei meinem ersten Besuch im Jahre 2001, w\u00e4hrend der EU-Beitrittsverhandlungen Maltas, die Tagespresse besch\u00e4ftigte, scheint immer noch nicht nachhaltig gel\u00f6st zu sein und bei den CO<sub>2<\/sub>-Emissionen ist bisher noch kein R\u00fcckgang, sondern in den vergangenen Jahren sogar eine Steigerung eingetreten.<br \/>\nZumindest einige Ingredienzien, die nicht gerade auf eine gro\u00dfe Progressivit\u00e4t schlie\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>Trotzdem weist der Kleinstaat Malta einige erstaunliche Leistungen auf. Die wirtschaftlichen Eckdaten sind ziemlich positiv. Mit 6,4% Arbeitslosigkeit liegt man EU-weit auf dem viertbesten Platz und in S\u00fcdeuropa ist man sogar Klassenprimus. Die Staatsverschuldung ist mit knapp 70% des BIP unter Kontrolle und im Vergleich zur Mittelmeerinsel Zypern, wo der Finanzsektor zu einer Krise f\u00fchrte, folgt der ebenfalls starke Finanzbereich auf Malta einer wesentlich konservativeren Philosophie, die sich weit weniger krisenanf\u00e4llig gezeigt hat, als in anderen L\u00e4ndern.<br \/>\nIm Korruptionsindex 2013 von <em>Transparency International<\/em> belegt Malta Platz 45. Dies ist noch einigerma\u00dfen akzeptabel. Keinesfalls ein Beleg f\u00fcr das Vorurteil, dass kleinere Einheiten, wo jeder jeden kennt, anf\u00e4lliger f\u00fcr Korruption w\u00e4ren. Italien liegt auf Rang 69, Griechenland auf Platz 80.<br \/>\n\u00dcberraschungen gibt es im Bildungsbereich: Die Pro-Kopf-Ausgaben f\u00fcr Bildung werden nur von den skandinavischen L\u00e4ndern und von Zypern \u00fcbertroffen. Der Mehrsprachigkeit Maltas Rechnung tragend wird der Unterricht in der Grund- und in der Sekundarschule sowohl in englischer als auch in maltesischer Sprache gestaltet. Beide Sprachen sind Pflichtf\u00e4cher f\u00fcr die Sch\u00fclerInnen. Auf diese Weise gelingt es, einen balancierten Ausgleich zu schaffen. Erst im Hochschulbereich werden die Vorlesungen gr\u00f6\u00dftenteils auf Englisch gehalten.<br \/>\nDas Maltesische ist die einzige semitische Sprache, die das lateinische Alphabet verwendet. Entwickelt hat sich das Maltesische aus einer Variante des Arabischen. Seit 2004 ist das Maltesische eine der offiziellen Amtssprachen der EU. In diesem Zusammenhang stellt sich die beinahe rhetorische Frage, ob das Maltesische als gleichberechtigte Sprache \u00fcberlebt h\u00e4tte, wenn Malta kein unabh\u00e4ngiges Land w\u00e4re, sondern Teil eines benachbarten Nationalstaates. Das Sardische auf Sardinien z.B. spielt im Vergleich zum Maltesischen ein Nischendasein und k\u00e4mpft ums \u00dcberleben. Zudem gilt es zu erw\u00e4hnen, dass maltesische Sch\u00fclerInnen laut Wikipedia im Schnitt 2,2 Fremdsprachen lernen, das ist nach Finnland und Luxemburg der h\u00f6chste Wert innerhalb der EU. Der Status eines unabh\u00e4ngigen Landes, das nicht der Doktrin der meisten Nationalstaaten \u2014 ein Land, eine Sprache \u2014 folgt, scheint bez\u00fcglich Mehrsprachigkeit positive Fr\u00fcchte zu tragen, da die Rahmenbedingungen keiner nationalstaatlichen Logik folgen.<\/p>\n<p><strong>Doch nun zum maltesichen Wunder:<\/strong> Mitte April, nach heftigen Debatten, hat Malta die Homo-Ehe eingef\u00fchrt, mit allem Drum und Dran, das Adoptionsrecht eingeschlossen.<br \/>\nWas ist danach passiert? Laut <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> haben ein paar Tausend Menschen das Ereignis gefeiert, das war&#8217;s. Selbst im katholischen Malta, wo der Apostel Paulus gelandet ist und die Kreuzritter ab 1530 f\u00fcr knapp drei Jahrhunderte den Ton angaben, ist das Abendland durch dieses Gesetz nicht untergegangen.<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr den Rest Europas hei\u00dft das Ereignis auf dem merkw\u00fcrdigen Felsen im S\u00fcden: Leute, bleibt gelassen. Das Abendland mag untergehen. An der Homo-Ehe hat das dann aber nicht gelegen.<\/p>\n<p>\u2014 SZ<\/p><\/blockquote>\n<p>Frei nach dieser Conclusio m\u00f6chte man anf\u00fcgen: Innerhalb der EU sind einige Regionen drauf und dran, souver\u00e4ne, unabh\u00e4ngige Staaten zu werden. Auch hier w\u00e4re Gelassenheit den Drohungen der Status-Quo-Apostel vorzuziehen. Das Mittelalter wird deshalb nicht restauriert. Das kleine Malta beweist, dass Kleinstaaten zu sehr progressiven Neuerungen f\u00e4hig sind, die selbst in gro\u00dfen Nationalstaaten, die f\u00fcr viele Status-Quo-Verfechter der Garant f\u00fcr Recht, Ordnung und Fortschritt sind, bisher noch nicht m\u00f6glich waren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Relativ unbeachtet hat sich auf der kleinen Mittelmeerinsel Malta ein kleines Wunder ereignet. So laut S\u00fcddeutsche Zeitung, die am 16.04.2014 vom \u00bbWunder von Malta\u00ab spricht. Ein Wunder, in einem Kleinstaat? F\u00fcr viele Kritiker der innereurop\u00e4ischen Sezessionsbewegungen, die h\u00e4ufig einen R\u00fcckfall in eine mittelalterliche Kleinstaaterei beschw\u00f6ren, m\u00fcsste Malta geradezu als Negativbeispiel pr\u00e4destiniert sein. 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