{"id":19288,"date":"2014-05-24T13:10:03","date_gmt":"2014-05-24T11:10:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19288"},"modified":"2026-05-02T22:47:18","modified_gmt":"2026-05-02T20:47:18","slug":"bahnhof-bozen-in-der-gigantomaniefalle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19288","title":{"rendered":"Bahnhof Bozen in der Gigantomaniefalle."},"content":{"rendered":"<blockquote><p><a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/5-13BU9_01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19290 size-full aligncenter\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/5-13BU9_01.jpg\" alt=\"Siegerprojekt Bahnhof Bozen\" width=\"960\" height=\"400\"\/><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><small><em>Siegerprojekt Masterplan Bozner Bahnhofsareal<\/em><\/small><\/p>\n<p>Das Areal des Bozner Hauptbahnhofs soll umgebaut werden: Durch einen Planungswettbewerb wurde ein <a title=\"Siegerprojekt\" href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20140817000539\/http:\/\/www.arealbozen.it\/de\/default.asp\">Siegerprojekt<\/a> erkoren, welches die Verlegung des Bahnhofs nach S\u00fcdosten vorsieht. Die historische Trasse durch Rentsch w\u00fcrde ersetzt und ca. 20 Hektar Fl\u00e4che auf dem bestehenden Betriebsgel\u00e4nde gewonnen werden. Das Projekt ist gigantisch und w\u00fcrde die Landeshauptstadt erheblich ver\u00e4ndern. Gleichzeitig ringt Bozen mit einem Kaufhausprojekt in unmittelbarer N\u00e4he, welches ebenfalls massive Auswirkungen auf die Stadt h\u00e4tte. Es stellt sich die Frage, ob zwei derartige Projekte nicht in einen gemeinsamen Masterplan einflie\u00dfen sollten, damit keine Fehlplanungen entstehen, die die Zukunft der Stadt nachhaltig beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Eines der vermutlich gr\u00f6\u00dften Bauprojekte im Land wird kaum in der \u00d6ffentlichkeit diskutiert. Auf der <a title=\"Projekthomepage Bhf. Bozen\" href=\"http:\/\/www.arealbozen.it\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Projekthomepage<\/a> sind nur sp\u00e4rliche Informationen verf\u00fcgbar, lediglich ein paar Bilder und ein <a title=\"Depliant\" href=\"http:\/\/www.arealbozen.it\/downloads\/ARBO_Depliant.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00bbDepliant\u00ab<\/a> sind f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt. Liest man darin, so trifft man auf einen Architekten-Slang, der nicht wirklich zum Verst\u00e4ndnis beitr\u00e4gt:<\/p>\n<blockquote><p>Der Wiedergewinnungsplan des Areals Bozen sieht eine Fl\u00e4che von ca. 475.000m\u00b2 vor. Diese setzt sich \u00fcberwiegend aus den frei gewordenen Bahnhofsfl\u00e4chen und dem Erwerb von Fl\u00e4chen im \u00f6stlichen Teil des Areals, die zur Verlegung der Gleistrasse notwendig sind, zusammen.<\/p>\n<p>Die Bebauungsstruktur f\u00fcgt sich der urbanen Morphologie Bozens ein und interpretiert bzw. transformiert kontextuell die bereits bestehenden Typologien. Die funktionale Aufteilung sch\u00f6pft die M\u00f6glichkeiten aller neuen Freifl\u00e4chen aus und sieht in der Bozner Boden Zone ein Wohnviertel, sowie eine Wohn-Handwerkerzone im Osten und ein polyfunktionales Zentrum mit terti\u00e4ren Funktionen und Kultur im S\u00fcden vor. Das Projektvolumen ber\u00fccksichtigt eine Siedlungsdichte von 3,5m\u00b3\/m\u00b2.<\/p>\n<p>Das Projekt entwickelt sich aus der Neupositionierung der Gleisharfe in Richtung S\u00fcden und der Beibehaltung des historischen Bozner Bahnhofsgeb\u00e4udes als Landmark. Das neue Aufteilungsschema sieht sieben durchgehende Gleise mit einem Kr\u00fcmmungsradius von 750m \u2013 mit dazugeh\u00f6rigen Bahnsteigen vor.<\/p>\n<p>Die alte Trasse, aktuell stellt sie einen <strong>Cut<\/strong> zwischen Rentsch und Bozner Boden dar, verwandelt sich zu einem verbindenden Element, einem <strong>Gr\u00fcnen Zipp<\/strong>, einem <strong>Paseo<\/strong> f\u00fcr Freizeitaktivit\u00e4ten der Bev\u00f6lkerung.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als Pendler interessiert mich rund um das Bahnhofsprojekt nat\u00fcrlich die Funktionalit\u00e4t des Bahnhofes, hier wirft das Siegerprojekt einige Fragen auf, welche bisher nicht in einem ausreichenden Ma\u00df beantwortet wurden. Es muss folglich eine Priorisierung der Funktionen vorgenommen werden, indem sich das Podrecca-Projekt einer kritischen Pr\u00fcfung stellen sollte:<\/p>\n<ol>\n<li>Der Bahnhof Bozen ist zuallererst ein Bahnhof, der wichtigste Verkehrsknotenpunkt im Land. Deshalb sollte die Planung sich diesem \u00fcbergeordneten Ziel unterordnen. Nur wenn der neue Bahnhof entscheidende Vorteile gegen\u00fcber dem alten Standort hat, sollte eine Verlegung angedacht werden.<\/li>\n<li>Der Bahnhof soll zu einem multimodalen Zentrum ausgebaut werden. Die optimale Erreichbarkeit zu Fu\u00df, mit dem Fahrrad, \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel und Pkw ist der zweitwichtigste Baustein f\u00fcr die Planung.<\/li>\n<li>Der heutige Standort ist optimal, das Zentrum ist in wenigen Gehminuten erreichbar, wichtige Einrichtungen, wie die Landh\u00e4user, sind in unmittelbarer N\u00e4he zum Bahnhof angesiedelt. Eine Verlegung weg vom Zentrum ist suboptimal.<\/li>\n<li>Der Bahnhof besteht aus einem historischen Geb\u00e4ude, das unter Denkmalschutz steht und folglich bei einer Verlegung nicht einfach abgerissen werden kann. Somit stellt sich die Frage, was mit dem historischen Geb\u00e4ude passieren soll.<\/li>\n<li>In den letzten Jahren ist die Nutzung der Nahverkehrsz\u00fcge nach S\u00fcdtirol massiv gestiegen, der Bahnhof hat folglich an Bedeutung enorm gewonnen, jeder kann am Morgen beobachten, welche Fu\u00dfg\u00e4ngerstaus es beim Verlassen des Bahnhofes gibt. Der Bahnhof als Verkehrsdrehscheibe wird in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen, deshalb sollte bereits heute auf die zu erwartenden steigenden Verkehrsstr\u00f6me geplant werden. Eine Beschneidung der Kapazit\u00e4t des Bahnhofes kann nicht hingenommen werden.<\/li>\n<li>Die Fl\u00e4chen s\u00fcd\u00f6stlich des Bahnhofes, vor allem Rangiergleise und der Betriebshof, sind hingegen wertvolle Grundst\u00fccke, die einer st\u00e4dtischen Nutzung unterzogen werden sollten. Voraussetzung ist allerdings, dass Alternativfl\u00e4chen zur Verf\u00fcgung stehen, damit die wichtigsten betrieblichen Infrastrukturen f\u00fcr Unterhalt und Abstellung von Z\u00fcgen gew\u00e4hrleistet werden. Diese stehen bereits heute in Bozen S\u00fcd neben dem Stahlwerk zur Verf\u00fcgung. F\u00fcr den G\u00fcterverkehr hingegen sollten keine Fl\u00e4chen mehr vorgesehen werden, hier w\u00e4re es besser in Autobahnn\u00e4he ein Umschlagzentrum zu errichten, welches vor allem auf Container und Wechselbeh\u00e4lter ausgerichtet sein soll.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wenn all diese Funktionen gew\u00e4hrleistet sind, kann die st\u00e4dtische Nutzung angegangen werden, wobei eine Fl\u00e4che von ca. 20 Hektar frei w\u00fcrde. Der Immobilienmarkt in der Stadt, wo viele gewerbliche Fl\u00e4chen besonders in Bozen S\u00fcd frei stehen, ist nicht auf dieses neue Angebot angewiesen. Im Wohnungsmarkt hingegen besteht weiterhin eine erhebliche Nachfrage, der Standort w\u00e4re aber nicht die beste Wohnlage in Bozen, da die Sonne im Winter beispielsweise erst sehr sp\u00e4t zum Vorschein kommt.<\/p>\n<p>Das Siegerprojekt sieht eine Verlegung des Bahnhofes in Richtung S\u00fcdosten vor, die n\u00f6rdliche Zufahrt durch Rentsch wird auch mitverlegt. Die Bahnnutzer erhalten einen neuen Bahnhof, der aber die Fu\u00dfwegl\u00e4ngen in Richtung Zentrum erh\u00f6ht. Problematisch sind die Bahnsteiggleise im Bahnhof, welche eine Kr\u00fcmmung aufweisen, weshalb es f\u00fcr den Zugf\u00fchrer unm\u00f6glich ist, den Zug bei der Abfahrt zu \u00fcberblicken. Solche Kr\u00fcmmungen wurden bei fr\u00fcheren Bahnhofsbauten aus gutem Grund nie angewendet.<\/p>\n<p>Obwohl ich keine Kostensch\u00e4tzung kenne, sollte immer auch die Frage gestellt werden, welche alternativen Projekte stattdessen angegangen werden sollten:<\/p>\n<ul>\n<li>Bozen weist keine Bahnhofsumfahrung f\u00fcr G\u00fcterz\u00fcge auf. Dieses Projekt sollte aber gr\u00f6\u00dfte Priorit\u00e4t erlangen, da es die Stadt mit einem Schlag von einer erheblichen L\u00e4rmquelle befreien w\u00fcrde. Man kann jedem empfehlen, sich in der Nacht z.B. in St. Jakob die Durchfahrt eines G\u00fcterzuges anzuh\u00f6ren, wo zehntausende Menschen in ihrer Nachtruhe gest\u00f6rt werden.<br \/>\nZudem w\u00fcrde ein derartiger Umfahrungstunnel auch eine betriebliche Entlastung darstellen, da f\u00fcr die Abwicklung der Personenz\u00fcge im Stadtbereich (z.B. Bozen-Meran) mehr Trassen zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Rentsch und viele andere Stadtteile w\u00fcrden mit einem Schlag kein L\u00e4rmproblem mehr haben. Innsbruck hat beispielsweise seit 15 Jahren einen Umfahrungstunnel.<\/li>\n<li>In S\u00fcdtirol m\u00fcssten dringend Infrastrukturprojekte f\u00fcr die Eisenbahn angegangen werden, allen voran die Bahnstrecke Bozen-Meran, die in einem bedauernswerten Zustand ist, die Riggertalschleife, die Elektrifizierung der Vinschger Bahn w\u00fcrden allesamt zu einer wesentlichen St\u00e4rkung des Bahnverkehrs beitragen. Eine Bahnhofsverlegung bringt aus Sicht des Fahrgasts im Vergleich keinen zus\u00e4tzlichen Nutzen.<\/li>\n<li>Gro\u00dfprojekte werden von Politikern geliebt. Kleinere, billigere Projekte, die in kurzer Zeit zu einer wesentlichen Entlastung oder Verbesserung der Situation f\u00fchren w\u00fcrden, werden hingegen nicht mit der notwendigen Priorit\u00e4t behandelt. W\u00e4re dem so, h\u00e4tte man am Bahnhof l\u00e4ngst eine gro\u00dfz\u00fcgige Fu\u00dfg\u00e4ngerunterf\u00fchrung in die Bahnhofsallee gebaut und damit den Pendlern eine schnelleren und bequemeren Zugang zum Bahnhof geschaffen. Ich habe von einem derartigen Projekt nie geh\u00f6rt.<\/li>\n<li>Gro\u00dfprojekte kosten vielfach mehr, als veranschlagt, weisen h\u00e4ufig eingen geringeren Nutzen auf und sind zudem meist versp\u00e4tet. Ich h\u00f6re seit den 1980er Jahren vom Brennerbasistunnel, seitdem ist ein Vierteljahrhundert vergangen, der BBT steht aber fr\u00fchestens in 20 Jahren zur Verf\u00fcgung, da habe ich mittlerweile mein Rentenalter erreicht. Das \u00bbJahrhundertprojekt\u00ab Bahnhof Bozen wird dasselbe Schicksal ereilen, da zu gro\u00df, zu teuer und zu umstritten.<\/li>\n<li>Bisher konnte noch niemand <strong>glaubhaft<\/strong> erkl\u00e4ren, weshalb der Bahnhof verlegt werden soll. Die Fl\u00e4chen hinter dem Bahnhof stehen auch ohne Verlegung zur Verf\u00fcgung, somit ist es fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig ein Nullsummenspiel, allerdings ein sehr teures. W\u00fcrde man den Bahnhof belassen wo er ist, ihn modernisieren, durch mindestens zwei breite Fu\u00dfg\u00e4ngerunterf\u00fchrungen f\u00fcr die Stadt durchl\u00e4ssiger gestalten, die \u00fcbrigen Fl\u00e4chen einer vern\u00fcnftigen Nutzung unterziehen, dann h\u00e4tte man dieselben Vorz\u00fcge, allerdings zu wesentlich geringeren Kosten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Ausf\u00fchrungen lassen f\u00fcr mich nur einen Schluss zu: Das Projekt ist eine gigantische Immobilienspekulation auf Kosten der Bahnreisenden und der Bev\u00f6lkerung. Dass vor allem ein Immobiliendeal im gro\u00dfen Stil dahintersteckt, zeigt f\u00fcr mich auch der Umstand, dass beim urspr\u00fcnglichen Projekt die Fahrradabstellanlagen \u00bbvergessen\u00ab wurden. Bereits heute parken rund um den Bahnhof an die 1.000 Fahrr\u00e4der, unverst\u00e4ndlich wie man sowas \u00fcbersehen kann!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Siegerprojekt Masterplan Bozner Bahnhofsareal Das Areal des Bozner Hauptbahnhofs soll umgebaut werden: Durch einen Planungswettbewerb wurde ein Siegerprojekt erkoren, welches die Verlegung des Bahnhofs nach S\u00fcdosten vorsieht. Die historische Trasse durch Rentsch w\u00fcrde ersetzt und ca. 20 Hektar Fl\u00e4che auf dem bestehenden Betriebsgel\u00e4nde gewonnen werden. Das Projekt ist gigantisch und w\u00fcrde die Landeshauptstadt erheblich ver\u00e4ndern. 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