{"id":19949,"date":"2014-07-23T21:58:47","date_gmt":"2014-07-23T19:58:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19949"},"modified":"2025-10-17T12:17:16","modified_gmt":"2025-10-17T10:17:16","slug":"dokuzentrum-ein-guter-anfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19949","title":{"rendered":"Dokuzentrum: Ein guter Anfang."},"content":{"rendered":"<p>Eins sei gleich vorweggenommen: Das Dokumentationszentrum, das unter dem faschistischen Siegesdenkmal in Bozen errichtet wurde, hat meine gr\u00f6\u00dften Hoffnungen genausowenig erf\u00fcllt wie meine \u2014 vor allem in den letzten Stunden gewachsenen \u2014 gr\u00f6\u00dften Bef\u00fcrchtungen. Ich kann also ruhigen Gewissens bei meiner <a title=\"Tag der Aufarbeitung.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19936\">ersten Einsch\u00e4tzung<\/a> bleiben, dass es sich bei den ergriffenen Ma\u00dfnahmen um Schritte in die richtige Richtung handelt: Es wurde ein gemeinsamer Weg beschritten, und es ist wichtig, dass dies geschehen ist. Doch das Ziel ist noch fern.<\/p>\n<p>Von der Bozner Altstadt kommend habe ich mich also heute zum Siegesplatz begeben, um mir eine eigene Meinung \u00fcber die \u00bbHistorisierung\u00ab des Siegesdenkmals zu bilden. Vieles und sehr Widerspr\u00fcchliches wurde ja w\u00e4hrend der letzten Tage geschrieben. Schon die nach wie vor g\u00fcltige Namensgebung \u2014 ein <em>Siegesdenkmal<\/em> auf einem <em>Siegesplatz<\/em> \u2014 verr\u00e4t allerdings, dass noch einiges im Argen liegt. Von der Talferbr\u00fccke aus ist das Display mit dem Hinweis auf die Ausstellung im Keller kaum zu erkennen, daf\u00fcr nach wie vor die Monumentalit\u00e4t des Denkmals. Und das ist auch, was man sp\u00fcrt, sobald man sich unter Piacentinis Triumphbogen befindet: Der <em>eine<\/em> Ring an der <em>einen<\/em> S\u00e4ule schafft es in keinster Weise, die architektonische Wucht des Bauwerks auch nur ein klein wenig anzufechten. Wenn man steht, wo man bis vor kurzem aufgrund der Einz\u00e4unung gar nicht hingelangen konnte, n\u00e4mlich <em>im<\/em> Denkmal, wird die ganze Macht der Dimensionen, der Proportionen und der Materialien wirksam, die sich der faschistische Architekt ja bis ins Detail \u00fcberlegt hatte. Dies wird bis zum Schluss meines Besuchs die negativste Erfahrung sein, die ich machen musste: Im Grunde wurde die intrinsische Kraft eines faschistischen Denkmals erneut entfesselt, der man nichts entgegenzusetzen imstande (oder willens) war. Das ist wohl das wahre Problem dieses von lauter guten Absichten geleiteten Eingriffs: Von einem Mahnmal kann nicht die Rede sein.<\/p>\n<p>Ungl\u00fccklich ist auch die Tatsache, dass man vom Denkmal nicht direkt in das Dokumentationszentrum gelangt, obschon es zwei gro\u00dfe Treppen gibt, die vom Sockel hinab zum Eingang f\u00fchren. Die sind gesperrt \u2014 stattdessen muss man den eingez\u00e4unten Bereich wieder verlassen und \u00bbumgehen\u00ab, damit man schlie\u00dflich umst\u00e4ndlich \u00fcber den Park zum hinteren Eingang gelangt. Wer also nicht wirklich in das Dokumentationszentrum <em>will<\/em>, wird nicht dazu eingeladen, es zu besuchen. An dessen Eingang steht denn auch die Stele, die von der neuen Einrichtung k\u00fcnden soll \u2014 doch wie der Ring nimmt auch sie sich hier geradezu mickrig aus und ist von der Stra\u00dfe kaum sichtbar.<\/p>\n<p>Mich am Eingang von den freundlichen Damen auf Deutsch gr\u00fc\u00dfen zu lassen, ist mir weder bei meiner Ankunft, noch beim Verlassen des Dokumentationszentrums gelungen. Das ist an einem Ort, wo unter anderem die Italienisierung S\u00fcdtirols (mit)aufgearbeitet werden \u2014 und der ein neues Miteinander f\u00f6rdern \u2014 soll, eine irritierende Erfahrung.<\/p>\n<p>Betritt man den Keller, gelangt man geradeaus in die sogenannte <em>Krypta<\/em>, auf deren unpassende Bezeichnung schon der Gr\u00fcne Sigmund Kripp hingewiesen hatte, noch bevor es andere taten. Damit wird in einer <em>kritischen<\/em> Ausstellung <em>unkritisch<\/em> eine sakrale Bezeichnung weiterbenutzt, die die faschistischen Erbauer nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt hatten, um ihren politischen Anspr\u00fcchen zus\u00e4tzlich Nachdruck und Aura zu verleihen. In dem zentralen Raum werden vom totalit\u00e4ren Regime missbrauchte klassische Zitate wirkungsvoll mit Aussagen von Hannah Arendt oder Bertolt Brecht \u00fcberlagert. Hier gelingt im Kleinen, was mit dem Denkmal als Ganzes misslungen ist, n\u00e4mlich die tats\u00e4chliche Transformation der urspr\u00fcnglichen Bedeutung.<\/p>\n<p>Rund um diesen Raum ist die eigentliche Dokumentationsst\u00e4tte angesiedelt: In insgesamt 18 Etappen wird den Besucherinnen die Geschichte des Siegesdenkmals vermittelt. Anders als bef\u00fcrchtet wird sehr wohl auch auf die Abtrennung des s\u00fcdlichen Tirols von \u00d6sterreich, auf die Entnationalisierungspolitik, auf die Katakombenschulen oder auf die \u00dcbersetzung von Orts- und Personennamen w\u00e4hrend des Faschismus hingewiesen. Damit ergibt sich ein recht vollst\u00e4ndiges Gesamtbild, das dem Bildungsauftrag gerecht wird. Auffallend sparsam jedoch wird in den Texten mit Bewertungen und Verurteilungen umgegangen, was es trotz allem erm\u00f6glicht hat, dass selbst die neofaschistische <em>CasaPound<\/em> die Objektivit\u00e4t der Darstellungen gelobt hat. Etwas mehr Mut h\u00e4tte man sich von der Historikerinnenkommission eigentlich erwarten d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>St\u00f6rend sind hingegen vor allem Details, wie die Tatsache, dass die \u00dcberschriften nur in englischer Sprache gro\u00df hervorgehoben sind, wo es sich doch um einen Parcours handelt, der den \u00bbEinheimischen\u00ab einen neuen Zugang zur eigenen Geschichte verschaffen soll. Demzufolge scheint auch die Sprachreihung Englisch &#8211; Italienisch &#8211; Deutsch fragw\u00fcrdig, wobei dadurch der deutsche Titel in einigen R\u00e4umen so weit nach unten gerutscht ist, dass er von den Exponaten verdeckt wird. Unbedingt h\u00e4tte auch die ladinische Sprache ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen, was leider ausgeblieben ist. Und dass im Englischen fast ausschlie\u00dflich die Ortsnamen von Tolomei zum Handkuss kommen, ist speziell an diesem Ort ein Unding.<\/p>\n<p>Trotzdem: Bei aller Kritik und Irritation <em>en detail<\/em> muss das Gesamturteil \u00fcber die Dokumentationsausstellung, die \u00fcbrigens auch handwerklich gut umgesetzt wurde, absolut positiv ausfallen. Sie stellt f\u00fcr S\u00fcdtirol (und speziell f\u00fcr die Landeshauptstadt) einen echten Paradigmenwechsel dar: Wenn sie nicht als Endstation, sondern als Ansto\u00df f\u00fcr einen Prozess verstanden wird \u2014 und das soll nach Auskunft der ma\u00dfgeblich daran Beteiligten so sein \u2014 kann man ihre Er\u00f6ffnung nur begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Keller also insgesamt einen unerwartet guten Eindruck hinterl\u00e4sst, stellt das Denkmal als solches eine (ebenfalls unerwartet) gro\u00dfe Herausforderung dar, f\u00fcr die in Zukunft wohl noch eine L\u00f6sung gefunden werden muss. Sowohl die sogenannte <em>Krypta<\/em> mit den effektvollen \u00dcberlagerungen als auch der geplante Eingriff am Mussolinidenkmal des Finanzgeb\u00e4udes k\u00f6nnten wohl gute Ideengeber sein.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Fehlender Kontext.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=39355\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Siegesdenkmal: Historisierung verh\u00f6hnt.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=43280\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Postcolonial Italy \u2013 Mapping Colonial Heritage.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=58321\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"TdG: Siegesdenkmal.\" href=\"https:\/\/umap.openstreetmap.fr\/de\/map\/topographie-des-grauens-topografia-degli-orrori_564738?feature=Siegesdenkmal#17\/46.50112\/11.34632\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span class=\"loc-icon\"><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eins sei gleich vorweggenommen: Das Dokumentationszentrum, das unter dem faschistischen Siegesdenkmal in Bozen errichtet wurde, hat meine gr\u00f6\u00dften Hoffnungen genausowenig erf\u00fcllt wie meine \u2014 vor allem in den letzten Stunden gewachsenen \u2014 gr\u00f6\u00dften Bef\u00fcrchtungen. 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