{"id":19974,"date":"2014-07-26T12:41:55","date_gmt":"2014-07-26T10:41:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19974"},"modified":"2023-01-05T19:45:04","modified_gmt":"2023-01-05T18:45:04","slug":"reise-in-die-unabhaengigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=19974","title":{"rendered":"Reise in die Unabh\u00e4ngigkeit."},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Artikel der Madrider Tageszeitung El Pa\u00ed\u00ads.<\/em><\/p>\n<p>Ein Teil der katalanischen Bev\u00f6lkerung hat w\u00e4hrend der letzten vier Jahre einen Neuanfang beschlossen. 24,6% der B\u00fcrgerinnen haben eine Reise in Richtung Unabh\u00e4ngigkeit begonnen, die sich von den identit\u00e4ren Motiven entfernt, auf welchen sie traditionell beruhte. Doch sie haben kein einheitliches Profil, das eine eindeutige Definition gestatten w\u00fcrde. Im Gegenteil: Dieses Ph\u00e4nomen betrifft so unterschiedliche Reisegef\u00e4hrten wie entt\u00e4uschte F\u00f6deralisten, von der langj\u00e4hrigen Verhandlungspolitik verdrossene W\u00e4hler der liberalen CiU, junge Emp\u00f6rte, \u00fcberzeugte Republikaner oder gar Zuwanderer, die der spanischen Migrationspolitik \u00fcberdr\u00fcssig sind. Das Bindeglied ist ein Strom der Hoffnung, der von einem gemeinsamen Projekt gen\u00e4hrt wird. Denn eher als ein Endpunkt ist diese Reise, den Aussagen der Reisenden zufolge, der Beginn von etwas Neuem.<\/p>\n<p>Der Wandel dieser Menschen zu Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrwortern hat die sezessionistische Option von 20%, die sie 2010 unterst\u00fctzten, auf 45,2% ansteigen lassen, wie das Meinungsforschungsinstitut (CEO) der katalanischen Staatsverwaltung <em>(Generalitat)<\/em> zuletzt feststellte; auf 47% laut der letzten Umfrage von <em>Metroscopia<\/em> vom 9. Juli; und auf 40% gem\u00e4\u00df Daten des CIS vom Mai 2013. Die Protagonisten dieses Umschwungs sind der Schl\u00fcssel zu einem historischen Kapitel \u00fcber die Beziehungen zwischen Katalonien und Spanien.<\/p>\n<p>Die Ursachen f\u00fcr diese <em>Bekehrung<\/em>, die rund 1,3 Millionen Wahlberechtigte durchgemacht haben, sind h\u00f6chst unterschiedlich. Doch die rund 20 f\u00fcr diese Reportage Befragten (eine Hausfrau, ein Historiker, zwei spanische Zuwanderer, zwei Politiker, ein ehemaliger Verfassungsrichter\u2026) verweisen stets auf den Vertrauensverlust spanischer Institutionen und auf das Urteil des Verfassungsgerichts von 2010 \u00fcber das katalanische Autonomiestatut (das 14 Artikel au\u00dfer Kraft setzte und den Begriff \u00bbNation\u00ab in der Pr\u00e4ambel f\u00fcr \u00bbjuristisch wirkungslos\u00ab erkl\u00e4rte).<\/p>\n<p>So erlebt es zum Beispiel Vicente Rodr\u00e0\u00adguez. Vor 63 Jahren in Mansilla de las Mulas (Le\u00f3n, Mittelspanien) geboren, lebt er seit 40 Jahren in Katalonien und bef\u00fcrwortet die Sezession. Er sitzt auf einer Terrasse im Stadtviertel Sants (Barcelona) und erz\u00e4hlt, dass es seiner Familie im Heimatdorf schwerf\u00e4llt, ihn zu verstehen. Er werde weder auf seine Wurzeln noch auf seine [spanische] Sprache verzichten, doch \u00bbes gibt keinen Weg zur\u00fcck\u00ab, so sagt er. Vor einiger Zeit glaubte er an ein f\u00f6derales Spanien \u2014 jetzt nicht mehr. \u00bbDas Fass zum \u00dcberlaufen brachte das mit dem Autonomiestatut\u00ab, erkl\u00e4rt er. Er glaubt, das System sei am Ende und \u00bbdas Spiel ausgespielt\u00ab. \u00bbMit der Unabh\u00e4ngigkeit k\u00f6nnen wir dazu beitragen, ein neues Land zu bauen, eine Verfassung zu schreiben und [vollst\u00e4ndige] Kontrolle \u00fcber Grundpfeiler wie die Bildung erlangen.\u00ab<\/p>\n<p>Dieser \u00bbpraktische Unabh\u00e4ngigkeitswille\u00ab, wie ihn der Dozent f\u00fcr Zeitgeschichte Borja de Riquer bezeichnet \u2014 ein alter F\u00f6deralist, der sich heute der Sezessionsbewegung angen\u00e4hert hat \u2014 kanalisiert die allgemeine Emp\u00f6rung, die, zum Teil aufgrund der Krise, ganz Spanien betrifft. Er hat im Enthusiasmus und in der Positivit\u00e4t des Sezessionsdiskurses (\u00bbHoffnung\u00ab, \u00bbVer\u00e4nderung\u00ab, \u00bbEntscheidungsrecht\u00ab, \u00bbNeubeginn\u00ab\u2026) eine hoffnungsstiftende Alternative gefunden. Die Unabh\u00e4ngigkeitsperspektive \u00bbist aufmunternd\u00ab, wie der Politologe Joan Subirats bemerkt. Und genau in diesem Freiraum befindet sich ein Gro\u00dfteil der neuen Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter.<\/p>\n<p>Die Erhebungen des <em>Centre d\u2019Estudis d\u2019Opini\u00f3<\/em>, einer Agentur der <em>Generalitat,<\/em> zeigen die gro\u00dfen Unterschiede, die zwischen den historischen Sezessionisten und denen der letzten Jahre bestehen. Die, die erst k\u00fcrzlich dazugesto\u00dfen sind, sind \u00e4lter (ein Drittel ist zwischen 50 und 64 Jahre alt); es sind mehr Frauen als M\u00e4nner; nur 24% davon verorten sich selbst im <em>Katalanismus<\/em>, w\u00e4hrend es bei den alten Sezessionisten rund 55% sind; nur 40% f\u00fchlen sich <em>nur katalanisch<\/em> und nicht <em>auch spanisch<\/em>, w\u00e4hrend dies bei den traditionellen Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrwortern 76% waren; mit 10% sind auch mehr Menschen dabei, die au\u00dferhalb Kataloniens geboren sind. In sprachlicher Hinsicht sprachen in ihrer Kindheit 31% der neuen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegten zu Hause Spanisch, bei den alten nur 8,9%.<\/p>\n<p>In einer zweiw\u00f6chigen Reise auf der Suche nach Erkl\u00e4rungen f\u00fcr diesen Umschwung war es leicht, eine \u00fcberw\u00e4ltigende positive Str\u00f6mung auszumachen, die fast alle Gesellschaftsschichten erreicht hat. Der \u00f6ffentliche Raum wurde von einer starken mediatischen Debatte eingenommen. Es mangelt an Selbstkritik und man teilt ein Klima von Optimismus und Verwegenheit. Oder \u00bbEnthusiasmus\u00ab, wie es in seiner Chronik der Journalist Manuel Chaves Nogales nannte, der 1936 von der Befreiung und Ankunft des katalanischen Pr\u00e4sidenten Llu\u00e0\u00ads Companys berichtete. Wenn man heute sein <em>\u00bfQu\u00e9 pasa en Catalu\u00f1a?<\/em> (Was ist in Katalonien los?) liest und davon absieht, dass es Ende der 1930er Jahre geschrieben wurde, findet man \u00fcberraschende \u00dcbereinstimmungen mit unserer Zeit. Damals setzte der Chronist darauf, dass sich nichts \u00e4ndern w\u00fcrde. Heute kann es niemand eindeutig vorhersagen.<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung, das neue Autonomiestatut, war laut allen Befragten eine Norm, die seit ihrer Niederschrift dazu angetan war, das Verh\u00e4ltnis zwischen Katalonien und Spanien durch mehr Autonomie zu verbessern. Doch am Ende erreichte sie das Gegenteil. Seit der Annahme des neuen Statuts durch das katalanische Parlament am 30. September 2005, seiner Best\u00e4tigung in einem Referendum (73,9% Zustimmung bei 49,4% Beteiligung) bis zum Verfassungsgerichtsurteil fast f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter verschlechterten sich die Beziehungen.<\/p>\n<p>Carles Viver Pi-Sunyer erlebte jenen Prozess aus der N\u00e4he. Wenige repr\u00e4sentieren diese Reise zur Sezession besser als er. Als sehr gewissenhafter Mann des Gesetzes war er neun Jahre lang Verfassungsrichter und von 1998 bis 2001 Vizepr\u00e4sident des VGs. Nach jener Zeit war er Mitglied des Teams, das das neue Autonomiestatut verfasste \u2014 mit dem Auftrag, die Verfassungskonformit\u00e4t zu garantieren. Mit dem Urteil war er \u00fcberhaupt nicht einverstanden. Heute steht er dem <em>Consell Assessor per a la Transici\u00f3 Nacional<\/em> (CATN) vor, dem Organismus, der die Generalitat zu praktischen Fragen der Unabh\u00e4ngigkeit ber\u00e4t. Seiner Meinung nach ist das die einzige L\u00f6sung. \u00bb2005 wollten wir sehen, ob in der spanischen Verfassung Platz f\u00fcr eine Autonomiereform ist, die der <em>Generalitat<\/em> mehr politische M\u00f6glichkeiten, eine bessere Finanzierung und nationale Anerkennung zugesteht\u00ab, erkl\u00e4rt er. \u00bbDoch so wie es der Staat interpretiert, haben die W\u00fcnsche einer Mehrheit von Katalanen keinen Platz\u00ab.<\/p>\n<p>Laut dem letzten Meinungsbarometer des <em>Centre d\u2019Estudis d\u2019Opini\u00f3<\/em> w\u00fcrden sich 57,6% in einer Volksabstimmung f\u00fcr einen eigenen Staat aussprechen; davon w\u00fcrden 81,8% auch der zweiten Frage, ob dieser Staat unabh\u00e4ngig sein soll, ihre Zustimmung geben. Doch wenn man noch eine f\u00f6derale Option in die Befragung einschlie\u00dfen w\u00fcrde, so zeigt es eine Umfrage von <em>Metroscopia<\/em> f\u00fcr <em>El Pa\u00ed\u00ads<\/em>, w\u00fcrde dieser dritte Weg (38%) die Unabh\u00e4ngigkeit (31%) \u00fcberfl\u00fcgeln. Das ist genau der Weg, den die katalanischen Unternehmer fordern. Doch laut dem CEO glauben 64,7% nicht, dass der Staat etwas Akzeptables anbieten wird.<\/p>\n<p>Ebenso unwahrscheinlich findet es der Historiker Borja de Riquer. In seinem Haus in Valldoreix (15km von Barcelona entfernt) bietet er uns eine Analyse dieser neuen Str\u00f6mung, deren Neuheit, wie er behauptet, im \u00bbOptimismus\u00ab und im Willen liegt, \u00bbeinen souver\u00e4nen Staat zu gr\u00fcnden, ohne Nationalist sein zu m\u00fcssen\u00ab. Au\u00dfer auf die f\u00f6deralistisch eingestellte Basis des sozialistischen PSC, \u00bbdie das Warten satt hat\u00ab, weist er auf eine Generation 20- bis 30-J\u00e4hriger hin, die nie gew\u00e4hlt hatten und jetzt von der Unabh\u00e4ngigkeit angespornt wurden. \u00bbMenschen unter 40 k\u00f6nnen von der Geschichte absehen, von Dingen wie den Verdiensten des K\u00f6nigs im Putschversuch von 1981\u00ab, argumentiert er. \u00bbSie denken an die Zukunft. Sie sind beruflich verzweifelt und kanalisieren ihre Frustration in eine hoffnungsvolle Perspektive\u00ab. Daher der Erfolg neuer Projekte wie jenes der CUP, einer sezessionistischen und partizipativen Bewegung, die den Erfolg von <em>Podemos<\/em> [bei der EU-Wahl] im restlichen Spanien vorwegnahm.<\/p>\n<p>Unter den neuen Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrwortern gibt es auch Arbeiter und Mitglieder der gro\u00dfen Gewerkschaften \u2014 die wichtigsten spanischen Gewerkschaften UGT und CC OO unterst\u00fctzen in Katalonien die Durchf\u00fchrung des Referendums. Au\u00dferdem sind \u00fcberzeugte Republikaner darunter, die ihre \u00dcberzeugungen nach dem R\u00fccktritt von K\u00f6nig Juan Carlos wiederbelebt haben. Santi Medina, ehemaliger Arbeiter der mythenbehafteten <em>Pegaso<\/em> sowie Historiker der Gewerkschaft CC OO, wurde in Cuenca (Region Kastilien-La Mancha) geboren und kam 1956 nach Katalonien. Obschon er weder an den Missbrauch katalanischer Ausgleichszahlungen durch Spanien glaubt, noch an identit\u00e4re Motive, w\u00fcrde er heute f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit stimmen. \u00bbIch bin Republikaner und es w\u00e4re eine Form, die spanische Monarchie zu schw\u00e4chen und die Staatsstruktur zu \u00e4ndern\u00ab, sagt er. \u00bbIch wei\u00df, dass uns nicht das Paradies auf Erden bevorsteht und dass es am Anfang keine wirtschaftliche Besserung geben wird, doch es g\u00e4be einen sozialen Wandel, der die Gesellschaft \u00f6ffnen w\u00fcrde. Ein kleines Land wird n\u00e4her an der Bev\u00f6lkerung sein und die Streitkultur f\u00f6rdern\u00ab.<\/p>\n<p>Doch die Wirtschaft z\u00e4hlt nat\u00fcrlich auch. Der st\u00e4rkste Zuwachs unter den Sezessionisten wurde, wie Umfragen best\u00e4tigen, seit Feber 2012 verzeichnet. Ein katalanischer Soziologe erinnert daran, dass dieser Umschwung auf den Wahlsieg des PP bei den Kongresswahlen im November 2011, auf die Ablehnung eines Fiskalpakts zwischen Staat und Katalonien (im September) und auf den H\u00f6hepunkt der K\u00fcrzungen sowie auf die schlimmsten Auswirkungen der Krise folgte. \u00bbDie Auffassung eines Teiles der Bev\u00f6lkerung ist, dass f\u00fcr die kommende Legislatur von der Zentralregierung nichts zu erwarten ist, weshalb man radikale Alternativen suchen muss\u00ab, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n<p>Vielleicht konnten die Sezessionisten deshalb in vielen Arbeitervierteln der Metropolregion Barcelona, wie Cornell\u00e1, El Prat, Molins de Rey und Hospitalet enorm zulegen, wie die letzten Wahlergebnisse beweisen. Dies trifft sogar auf die ehemaligen Hauptst\u00e4dte der Textilindustrie Terrassa und Sabadell zu. In Sabadell wurde bei den Europawahlen die [linkssezessionistische] ERC, die nicht einmal im Gemeinderat vertreten ist, zur st\u00e4rksten Partei vor dem dort regierenden PSC. Dies zeigt auch, dass das \u00bbEntscheidungsrecht\u00ab [also die Selbstbestimmung] \u00bbnicht verhandelbar\u00ab ist, wie Manola Estepa Parra, 82 Jahre alt, in ihrem Wohnzimmer in einer Arbeiterkolonie versichert. Ihr ganzes Leben lang war sie freiwillige Arbeiterin, kam mit 24 aus einem kleinen Dorf bei Fuente Obejuna (Region Andalusien) nach Katalonien und hat zuletzt die CUP gew\u00e4hlt. Sie spricht kein Katalanisch. Doch sie ist fest vom \u00bbEntscheidungsrecht\u00ab \u00fcberzeugt. Etwas, wogegen nur noch zwei Parteien (PP und <em>Ciutadans)<\/em> opponieren.<\/p>\n<p>Der PSC war bis vor wenigen Wochen [nach anf\u00e4nglicher Zustimmung] auch dagegen. Unter anderem deshalb trat Ernest Maragall, historisches PSC-Mitglied, ehemaliger katalanischer Bildungsminister sowie Bruder des einstigen katalanischen Pr\u00e4sidenten Pasqual Maragall (PSC), im Oktober 2012 aus der Partei aus. Dann gr\u00fcndete er die <em>Neue Katalanische Linke<\/em>, die bei den Europawahlen ein B\u00fcndnis mit ERC einging und somit klaffende Wunden im PSC offenlegte. Auf der Terrasse der <em>Fundaci\u00f3 Catalunya Europa<\/em> weist er die Betitelung \u00bbBekehrter\u00ab zur\u00fcck. Er sei genau dort, wo er bereits war, als 2005 der neue Autonomieentwurf an den Staat geschickt wurde, versichert er uns. Was sich ge\u00e4ndert hat, seien die Umst\u00e4nde. \u00bbAll dies wurde vom Autonomiestatut freigesetzt. Doch ohne tiefere Gr\u00fcnde, vorhergehende Befindlichkeiten, historische Motive, die sprachliche und kulturelle Realit\u00e4t, w\u00e4re all dies nur ein vor\u00fcbergehender politischer Kampf\u00ab, sagt er. Wir fragen Maragall, wieviele von denen, die nach der Urteilsverk\u00fcndung auf die Stra\u00dfe gingen, seiner Meinung nach das Verfassungsgerichtsurteil oder den Autonomieentwurf gelesen hatten. \u00bbDie Leute wissen, dass das Statut zur\u00fcckgewiesen wurde und dass das Verfassungsgericht es nicht anerkannte\u00ab, antwortet er. \u00bbDas ist ein korrektes Bewusstsein, das einer Realit\u00e4t entspricht, die vielleicht nur von Akademikern n\u00e4her studiert wurde, die aber von allen geteilt wird. Die Leute werden auch von Intuitionen geleitet\u00ab.<\/p>\n<p>So etwas geschieht dem 30j\u00e4hrigen Santi Codina, einem ehemaligen PP-W\u00e4hler. Bis vor kurzem hatte er die spanische Flagge auf seinem Balkon in Rub\u00e0\u00ad. Jetzt h\u00e4ngt er die Unabh\u00e4ngigkeitsflagge raus. Wie er h\u00e4tten sich 90% seiner Familie w\u00e4hrend der letzten Jahre zu Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrwortern gewandelt, sagt er. Er f\u00fchrt es auf die Handlungsweise der letzten spanischen Regierungen, auf Korruption und auf die Skandale der Monarchie zur\u00fcck. Er gibt gerne zu, dass er sich auf Wahrnehmungen st\u00fctzt. \u00bbIch glaube nicht, dass die Unabh\u00e4ngigkeit ein Allheilmittel ist, doch es kommen viele Gr\u00fcnde zusammen: politische Kommentare \u00fcber Katalonien, die Missachtung der katalanischen Sprache, die Finanzierung\u2026 warum haben die Basken ein Finanzierungsmodell, das wir nicht haben k\u00f6nnen? Warum wurden der Hafen und der mediterrane Bahnkorridor nicht gest\u00e4rkt? Und das mit Schottland war wirklich zuviel \u2014 du siehst wie ein fortschrittliches Land ganz normal abstimmen darf\u2026\u201d, sagt er.<\/p>\n<p>Das schottische Beispiel unterscheidet sich vom katalanischen genau durch den Aspekt des Optimismus und der Hoffnung. Doch w\u00e4hrend in Spanien auf Gesetze und auf die Verfassung verwiesen wird, um Sezessionsgel\u00fcste in Zaum zu halten, zielen die Argumente von David Cameron im Vereinigten K\u00f6nigreich darauf ab, die Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter von den Vorteilen der Union zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Die \u00bbUnt\u00e4tigkeit der Zentralregierung\u00ab oder die \u00bbAussch\u00f6pfung des Dialogs\u00ab sind einige der Gr\u00fcnde, die die Mitglieder von <em>S\u00famate<\/em> nennen, einer Vereinigung spanischsprechender Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter, die urspr\u00fcnglich aus anderen Provinzen Spaniens stammen. Sie haben den <em>Prozess<\/em> mit ihrer Haltung revolutioniert, fast alle Parteien suchen ihre N\u00e4he. Ihr Pr\u00e4sident, Eduardo Reyes \u2014 ein Pensionist aus Cordoba, der im Alter von 9 Jahren nach Katalonien kam \u2014, versichert, dass er 21 Kilogramm verloren hat, seit er f\u00fcr <em>S\u00famate<\/em> kreuz und quer durch Katalonien reist. \u00bbIch kann nicht f\u00fcr das restliche Spanien k\u00e4mpfen und Spanien wird sich nicht ver\u00e4ndern. Deshalb mache ich es dort, wo ich Wurzeln geschlagen habe. Ich glaube, dass es keine andere M\u00f6glichkeit gibt, als die Unabh\u00e4ngigkeit. Wir m\u00fcssen die Politiker austauschen, die Verfassung und die Staatsstruktur. Wir sind so oft nach Madrid gefahren, um Reformen anzumahnen, es gibt keine weitere M\u00f6glichkeit mehr. Ich traue denen nicht mehr\u00ab, sagt er. \u00bbDas beste Unterfangen ist der Aufbau eines neuen Staates, nicht die Reform des bestehenden\u00ab.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, an diesem \u00bbAufbau\u00ab teilzuhaben, macht auch einigen der 1,2 Millionen ausl\u00e4ndischer B\u00fcrger Hoffnung, die mit Aufenthaltsgenehmigung in Katalonien leben. Denn 4,7% der neuen Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter sind nicht in Spanien geboren. Die Uruguayanerin Ana Surra (61) hat soeben <em>S\u00ed, amb nosaltres<\/em> (Ja, mit uns) gegr\u00fcndet, einen Verein wie <em>S\u00famate<\/em> f\u00fcr Ausl\u00e4nder in Katalonien. Sie ist seit elf Jahren hier und all ihre Erfahrungen mit staatlichen Immigrationsgesetzen \u00bbwaren desastr\u00f6s\u00ab. \u00bbSie haben uns wie Vieh behandelt. Als unser Beitrag zur Sozialf\u00fcrsorge von Vorteil schien, hat man uns Aufenthaltsgenehmigungen erteilt. Dann wieder schickten sie uns zur\u00fcck in unser Land\u00ab. Unter anderem vom wachsenden Optimismus angetrieben glaubt sie, dass dies im neuen Katalonien nicht passieren wird, \u00bbdenn hier wurde vom ersten Tag an auf das Zusammenleben gesetzt\u00ab.<\/p>\n<p>Doch es ist unm\u00f6glich zu sagen, was am ersten Tag nach der Unabh\u00e4ngigkeit geschehen w\u00fcrde. Die Losung dieser aus so unterschiedlichen Reisegef\u00e4hrten bestehenden Bewegung ist es, geschlossen bis zur eventuellen Volksabstimmung vom 9. November zu gelangen. Deshalb wurden manche entscheidende Fragen noch nicht bis ins Detail ausdiskutiert. Ebensowenig die wirtschaftlichen Konsequenzen, der Anteil am Steuerdefizit und an der Staatsverschuldung, die Katalonien mitzunehmen h\u00e4tte, wie der katalanische Unternehmer Joan Molas bemerkt. Der Geist dieser Reise n\u00e4hrt sich aus der Gewissheit, dass das System am Ende und ein radikaler Wechsel n\u00f6tig ist. Und man nimmt vielfach in Kauf, dass es manche Antworten erst am Wegesende geben wird.<\/p>\n<p><small><em>\u00dcbersetzung: <img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\"><\/em><\/small><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Artikel der Madrider Tageszeitung El Pa\u00ed\u00ads. Ein Teil der katalanischen Bev\u00f6lkerung hat w\u00e4hrend der letzten vier Jahre einen Neuanfang beschlossen. 24,6% der B\u00fcrgerinnen haben eine Reise in Richtung Unabh\u00e4ngigkeit begonnen, die sich von den identit\u00e4ren Motiven entfernt, auf welchen sie traditionell beruhte. Doch sie haben kein einheitliches Profil, das eine eindeutige Definition gestatten w\u00fcrde. 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