{"id":20284,"date":"2014-08-25T09:31:20","date_gmt":"2014-08-25T07:31:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=20284"},"modified":"2019-03-19T19:34:33","modified_gmt":"2019-03-19T18:34:33","slug":"schottland-vor-der-abstimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=20284","title":{"rendered":"Schottland vor der Abstimmung."},"content":{"rendered":"<p>In weiniger als einem Monat wird in Schottland dar\u00fcber abgestimmt, ob das Land ein unabh\u00e4ngiger Staat wird oder weiterhin bei Gro\u00dfbritannien verbleibt. Schon die Tatsache, dass abgestimmt werden kann ist demokratiepolitisch ein Quantensprung, der nicht ohne Folgen bleiben wird.<\/p>\n<p>In Anbetracht des nahenden Referendums wird verst\u00e4rkt ganzseitig aus Schottland berichtet.<\/p>\n<p>In der <em>Zeit<\/em> vom 24. Juli 2014 widmet sich Reiner Luyken der bevorstehenden Abstimmung. Selber in Schottland wohnhaft, ist Luyken schon l\u00e4nger bekannt f\u00fcr seine witzigen und mitunter hintergr\u00fcndigen Mails aus Achiltibuie, einem Dorf an der nordschottischen Westk\u00fcste. Weniger witzig war vor knapp zwei Jahren die Emp\u00f6rung Luykens \u00fcber die Pl\u00e4ne des schottischen Parlaments, das G\u00e4lische aufzuwerten. Abwertend schrieb Luyken vom unaussprechbaren G\u00e4lisch. Nun \u2014 viele Sprachen, die man nicht spricht sind unaussprechbar. Luyken outete sich im damaligen Artikel als Gegner der schottischen Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Der sachliche Schlagabtausch der Argumente kann der Demokratie im allgemeinen und einer basisdemokratischen Abstimmung nur gut tun. Etliche Standpunkte Luykens sind trotzdem etwas bizarr und scheinen nicht Teil einer konstruktiven Debatte zu sein.<\/p>\n<blockquote><p>Ein zerfallendes Land in Europa ist auch f\u00fcr die Weltgemeinschaft nicht gut. Schwedens Au\u00dfenminister Carl Bildt bef\u00fcrchtet eine \u201cBalkanisierung\u201d der britischen Inseln mit unvorhersehbaren Kosequenzen. Barack Obama erkl\u00e4rte, er w\u00fcnsche sich ein \u201cstarkes, stabiles, vereintes Gro\u00dfbritannien\u201d. Selbst der chinesische Ministerpr\u00e4sident Li Keqiang sprach sich f\u00fcr ein \u201cvereintes Vereinigtes K\u00f6nigreich aus\u201d.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Anh\u00e4nger des <em>Status Quo<\/em> haben sich noch nie schwer getan mit abstrusen Vergleichen aufzutrumpfen. Gro\u00dfbritannien mit dem Balkan zu vergleichen ist schon ein starkes St\u00fcck. Zudem sollte der schwedische Au\u00dfenminister wissen, dass vor gut 100 Jahren, als in Europa sich schleichend ein krankhafter Nationalismus breitmachte, der alsbald in die europ\u00e4ische Urkatastrophe m\u00fcnden sollte, gerade Schweden eine weise Entscheidung treffen sollte: 1905 wurde die Union zwischen Norwegen und Schweden aufgel\u00f6st. Friedlich \u2014 f\u00fcr kurze Zeit bestand die ernsthafte Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den beiden K\u00f6nigreichen. Seitdem sind Norwegen und Schweden souver\u00e4ne und unabh\u00e4ngige L\u00e4nder. Von einer Balkanisierung Skandinaviens ist wenig bekannt, ganz im Gegenteil: Die L\u00e4nder Skandinaviens arbeiten vorbildhaft zusammen.<\/p>\n<p>Obwohl die schottische Unabh\u00e4ngigkeit sehr stark von Auslandsschotten aus \u00dcbersee mitunterst\u00fctzt wird, orientiert sich Schottland nicht wie das von England dominierte Gro\u00dfbritannien \u00fcber den Atlantik Richtung USA, sondern \u00fcber die Nordsee Richtung Europa. Immer wieder wird von britischen Premierministern von einer <em>special relationship<\/em> mit den USA gesprochen. Eine schottische Lehrerin und Bef\u00fcrworterin der Unabh\u00e4ngigkeit erkl\u00e4rte mir vor einem Monat in einem Gespr\u00e4ch bei meinem Aufenthalt in Schottland, dass man in Schottland wenig von dieser <em>special relationship<\/em> halte. W\u00e4hrend sich England \u00f6konomisch stark an neoliberalen Einfl\u00fcssen aus den USA orientiert, sieht man in Schottland das skandinavische Wohlfahrtsmodell als Vorbild und hat keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit der EU.<\/p>\n<p>Wenn sich Barack Obama f\u00fcr eine starkes Gro\u00dfbritannien auspricht, dann d\u00fcrfte dies wohl der <em>special relationship<\/em> zwischen England und USA geschuldet sein.<\/p>\n<p>Einigerma\u00dfen bizarr wird es, wenn Luyken die Meinung des chinesichen Ministerpr\u00e4sidenten als Argument gegen die Unabh\u00e4ngigkeit vorbringt. H\u00e4ngt eine innereurop\u00e4ische basisdemokratische Entscheidung von der Meinung Chinas ab? Welches demokratiepolitische Selbstverst\u00e4ndnis ist dies? Europa wird sich entscheiden m\u00fcssen, welche demokratischen Werte wir der Welt vorleben m\u00f6chten. Basisdemokratische Entscheidungen, die auch innereurop\u00e4ische Grenzverschiebungen erm\u00f6glichen oder das chinesische Modell von Demokratie?<\/p>\n<blockquote><p>Ein Tourist wird kaum merken, dass eine so wichtige Entscheidung ansteht. Doch es rumort. Nachbarn zerkriegen sich. Fremde werden ausgegrenzt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der politisch uninteressierte Tourist bekommt von der wichtigen Abstimmung in Schottland in der Tat nicht viel mit. Trotzdem f\u00e4llt auf, dass vor allem Unabh\u00e4ngigkeitsgegner das Argument der Spaltung der Gesellschaft vorbringen. Demokratie lebt vor allem auch von einer gesunden Streitkultur, vom sachlichen Schlagabtausch der Argumente und der Partizipation an Entscheidungsprozessen.<\/p>\n<p>Ohne diese Elemente haben wir dann scheinbar alternativlose, von den Bev\u00f6lkerungen losgel\u00f6ste Entscheidungen. Diese f\u00fchren zu Politikverdrossenheit und politischer Teilnahmslosigkeit.<\/p>\n<p>Zudem: Kaum eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung, weder das Frauenwahlrecht, die Homo-Ehe oder die Anti-Atomkraftlobby sind ohne heftige Debatten und den gesunden politischen Schlagabtausch ausgekommen. Eine demokratisch eingebettete, heftige Auseinandersetzung ist zudem wesentlich transparenter, als beispielsweise die TTIP-Verhandlungen, die von Lobbys in irgendwelchen Hinterzimmern verhandelt werden und der Bev\u00f6lkerung dann als alternativlos vorgeknallt werden.<\/p>\n<p>Wollen wir diese Art von Demokratie oder leisten wir uns auch eine gesunde Streitkultur? Auch von Unabh\u00e4ngigkeitsgegnern in S\u00fcdtirol wird das Argument der Spaltung der Gesellschaft allzu gerne aufgegriffen. Ein m\u00f6gliches Referendum \u00fcber die Losl\u00f6sung von Italien wird <a title=\"Option \u2014 und Selbstbestimmung.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=18399\">mit der Option verglichen.<\/a> Der Deal zweier Diktatoren zur ethnischen S\u00e4uberung einer Region wird mit einer basisdemokratischen Abstimmung verglichen, die zudem niemanden zum Verlassen des Landes auffordert. Auch dieses Argument zeugt von einem sonderbaren Demokratieverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Wenn Luyken die Ausgrenzung von Fremden thematisiert, verschweigt er \u00fcbrigens, dass einflussreiche Immigrantengruppen hinter der Unabh\u00e4ngigkeit stehen. Schottland verfolgt einen sogenannten inklusivistischen Ansatz, der nicht nach ethnischen Kriterien unterscheidet. Darin finden sich Immigranten wieder.<\/p>\n<p>Fast schon nach Gleichgewichtsdenken zwischen den M\u00e4chten aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg klingt ein weiteres Argument des Zeit-Autors:<\/p>\n<blockquote><p>Das europ\u00e4ische Dreieck aus angels\u00e4chsischem Freihandel, deutschem Korporatismus und franz\u00f6sischem Staatsdenken w\u00e4re angeschlagen; die Verteidigungsstrategie der Nato ebenso.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Argument verdeutlicht fast schon plakativ eines der Hauptprobleme Europas: Das gute und schlechte Wetter machen einige wenige gro\u00dfe L\u00e4nder. Diese funktionieren auch in Br\u00fcssel nach nationalstaatlichen Kriterien und Interessen. Das Ausfransen der Nationalstaaten an ihren Bruchstellen kann innerhalb der EU zu einer v\u00f6llig neuen Dialektik und wie von vielen Politologen vermutet, zu einer weit st\u00e4rkeren Integration f\u00fchren, als dies heute der Fall ist.<\/p>\n<p>Und auch die Nato d\u00fcrfte eine Verteidigungsstrategie ohne die vier mit Trident-Raketen best\u00fcckten U-Boote finden, die allesamt in der Clyde M\u00fcndung bei Glasgow stationiert sind. Alex Salmond will im Falle der Unabh\u00e4ngigkeit ein atomwaffenfreies Schottland. Alternativh\u00e4fen gibt es in Gro\u00dfbritannien keine.<\/p>\n<p>Immerhin l\u00e4\u00dft Luyken in seinem ziemlich einseitig gehaltenem Artikel zumindest gelten, dass die schottischen Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter keine dumpfen Rechten sind, sondern in Deutschland vorwiegend SPD oder die Gr\u00fcnen w\u00e4hlen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wesentlich differenzierter und sachlicher als die <em>Zeit<\/em> berichten die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> und die Frankfurter FAZ letzthin \u00fcber Schottland.<\/p>\n<p>In der Ausgabe vom 16.\/17. August 2014 widmet sich die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> vor allem der schottischen Szene aus Schriftstellern, Malern, Musikern und Schauspielern, die sich mehrheitlich zur Unabh\u00e4ngigkeit bekennen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die erfolgreiche schottische Kriminalautorin MacDermid, die sich lange nicht entscheiden konnte und die an Alex Salmond gar einiges auszusetzen hat, sind folgende Gr\u00fcnde ausschlaggebend am 18. September f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit zu stimmen:<\/p>\n<blockquote><p>Es gibt ein tief wurzelndes sozialdemokratisches Element in der schottischen Kultur, eine Tradition der gegenseitigen Unterst\u00fctzung, die es in der englischen Kultur sp\u00e4testens seit Thatcher nicht mehr gibt. Dabei gehe es keineswegs um den alten Hut &#8220;Ihr seid Engl\u00e4nder, wir hassen euch&#8221;. Unser Nationalismus ist ein staatsb\u00fcrgerlicher, wir hei\u00dfen Immigranten willkommen. Was glauben Sie, warum ausgerechnet unsere Immigranten aus S\u00fcdostasien die Unabh\u00e4ngigkeitskampagne so leidenschaftlich unterst\u00fctzen? Es geht um Hoffnungen, nicht um Hass, sagt Val MacDermid: &#8220;Unser Gesundheits- und Bildungswesen, die sozialen Einrichtungen, das entspricht meiner Weltsicht. Die Art, wie in Westminster Politik gemacht wird, funktioniert hier nicht. Wir brauchen einen Neubeginn.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Interessant auch die Position von Brian Cox, dem schottischen Schauspieler, der in New York lebt. Cox war sein Leben lang ein Labour-Anh\u00e4nger. Obwohl er weiterhin Labour die Treue h\u00e4lt, die gro\u00dfteils gegen die Unabh\u00e4ngigkeit sind, gibt es f\u00fcr Cox keine Alternative zu einem eigenst\u00e4ndigen schottischen Staat:<\/p>\n<p>&#8220;Wer denkt, dass unsere Politik und unsere Kultur durch die Unabh\u00e4ngigkeit privinzieller w\u00fcrde, versteht die schottische Geschichte nicht richtig&#8221;, sagt Cox. &#8220;Wir sind noch nie kleinkariert gewesen, sondern immer pluralistisch.&#8221;<\/p>\n<p>Auch Brian Cox h\u00e4lt nichts von der Braveheart-Romantik mancher Nationalisten. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil er selbst in dem Film mitspielte, der einen so erstaunlichen Einfluss auf das schottische Selbstverst\u00e4ndnis hatte.<\/p>\n<p>Interessant, dass Cox, \u00e4hnlich wie Val MacDermid nach der Unabh\u00e4ngigkeit gerne einen politischen Neubeginn s\u00e4hen. F\u00fcr sie ist es keineswegs ausgemacht, dass die SNP f\u00fcr immer regieren wird. Interessant ist dieser Gedankengang vor allem deshalb, da Cox und Val MacDermid sehr klar zwischen den Chancen der Unabh\u00e4ngigkeit auf der einen Seite und einigen Positionen einzelner Politiker unterscheiden k\u00f6nnen, die diese Unabh\u00e4ngigkeit vielleicht mit etwas zuviel Folkloregedanken verbinden.<\/p>\n<p>In S\u00fcdtirol wird bei \u00e4hnlichen Diskussionen ja h\u00e4ufig das Argument vorgebracht, ich lasse mich im Falle einer Unabh\u00e4ngigkeit doch nicht von den Freiheitlichen oder von Eva Klotz regieren. Als ob das eine mit dem anderen zusammenh\u00e4ngen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, wie das Referendum in Schottland ausfallen wird, haben die Ereignisse gro\u00dfen Einfluss auf andere euro\u00e4ische Regionen:<\/p>\n<ol>\n<li>Demokratiepolitisch ist es ein Quantensprung, dass \u00fcberhaupt abgestimmt werden kann.<\/li>\n<li>Die gesamtgesellschaftliche Debatte und Diskussion w\u00e4re ohne das Referendum nie in dieser Art und Weise in Gang gekommen.<\/li>\n<li>Sollte Schottland gegen die Unabh\u00e4ngigkeit stimmen, wird es wahrscheinlich zu einem weitreichendem Ausbau der Autonomie kommen. In S\u00fcdtirol wird immer behauptet, wenn man die Unabh\u00e4ngigkeit verlange, dann wird einem die Autonomie genommen. Ein klassisches Totschlagargument, um jede wohltuende gesamtgesellschaftliche Diskussion im Keim zu ersticken.<\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In weiniger als einem Monat wird in Schottland dar\u00fcber abgestimmt, ob das Land ein unabh\u00e4ngiger Staat wird oder weiterhin bei Gro\u00dfbritannien verbleibt. Schon die Tatsache, dass abgestimmt werden kann ist demokratiepolitisch ein Quantensprung, der nicht ohne Folgen bleiben wird. In Anbetracht des nahenden Referendums wird verst\u00e4rkt ganzseitig aus Schottland berichtet. In der Zeit vom 24. 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