{"id":23190,"date":"2015-04-07T20:33:58","date_gmt":"2015-04-07T18:33:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23190"},"modified":"2025-11-13T14:42:04","modified_gmt":"2025-11-13T13:42:04","slug":"daheim-in-mythen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23190","title":{"rendered":"Daheim in Mythen?"},"content":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit hatte die <em>S\u00fcdtiroler Tageszeitung<\/em> (TAZ) berichtet, das renommierte Hamburger Wochenblatt <em>Die Zeit<\/em> arbeite an einem Bericht \u00fcber eine angebliche \u00bbVerdeutschung\u00ab S\u00fcdtirols. Laut TAZ-Informationen sollte darin vor allem die \u00bbgemischtsprachige Landtagsabgeordnete\u00ab (Eigendefinition) Elena Artioli zu Wort kommen.<\/p>\n<p>Am vorletzten Donnerstag ist der Artikel der freien S\u00fcdtiroler Reporterin <a title=\"Barbara Bachmann.\" href=\"http:\/\/barbarabachmann.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Barbara Bachmann<\/a> tats\u00e4chlich erschienen, <a title=\"Zeit: Daheim bei Fremden.\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/13\/italiener-minderheit-deutschsprachiges-suedtirol\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">er kann hier nachgelesen werden.<\/a> Die vorgebrachte Verdeutschungsthese ist \u00e4u\u00dferst d\u00fcrftig untermauert, der Beitrag weist insgesamt grobe M\u00e4ngel auf, die ich in der Folge aufdr\u00f6seln m\u00f6chte. Elena Artioli kommt nicht zu Wort.<\/p>\n<ul>\n<li>Bereits der Titel (\u00bbDaheim bei Fremden\u00ab) weist auf einen nationalistisch angehauchten Leitfaden hin, der sich durch den Artikel zieht und wonach eine anderssprachige Mehrheit in der Region eines Nationalstaats etwas Anr\u00fcchiges sei und einer Rechtfertigung bed\u00fcrfe.<\/li>\n<li>Einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Verdeutschungsthese l\u00e4sst Bachmann durch den postfaschistischen Landtagsabgeordneten Alessandro Urz\u00ec vortragen \u2014 ohne allerdings darauf hinzuweisen, welch radikale Ideologie er vertritt. Unter anderem sprach er sich noch im M\u00e4rz 2013 <a title=\"Ecco gli ipocriti del plurilinguismo.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=14317\">gegen die Gleichstellung der deutschen Sprache in der Produktetikettierung<\/a> aus und <a title=\"Le priorit\u00e0&nbsp; del centralismo.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=12765\">erwirkte<\/a> die r\u00f6mische Anfechtung <a title=\"Ortsnamengesetz verabschiedet.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=12687\">des Landesgesetzes zur Ortsnamensgebung<\/a>, das einen kompromiss deutscher und italienischer Parteien im S\u00fcdtiroler Landtag darstellt, um wenigstens einige der im Faschismus erfundenen, italianisierten Ortsnamen wieder abzuschaffen.\n<ul>\n<li>Urz\u00ec ortet \u00bbin den T\u00e4lern, in den kleinen Orten S\u00fcdtirols\u00ab einen \u00bbimmer heftiger werdenden antiitalienischen Diskurs\u00ab. Dies entbehrt nicht nur eines Belegs, sondern mutet besonders merkw\u00fcrdig an, nachdem gem\u00e4\u00df letzter Volksz\u00e4hlung die Italienerinnen in allen Bezirken <a title=\"ad \u201dM\u00e4ngel in Astat-Ergebnissen\u00e2\u20ac\u009d.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=11724\">au\u00dfer im Vinschgau und im Eisacktal anteilsm\u00e4\u00dfig zunehmen<\/a>; nachdem die Eltern deutschsprachiger Sch\u00fclerinnen ohne wesentliche Unterschiede zwischen Stadt und Land in einer (nicht repr\u00e4sentativen) Umfrage erst neulich mehr Italienischunterricht gefordert haben; nachdem die Italienischkenntnisse in S\u00fcdtirol <a title=\"S\u00fcdtiroler Sprachlandschaft.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7611\">deutlich besser sind<\/a>, als es die Zuordnung zu den Sprachgruppen vermuten lie\u00dfe. Und nachdem die Sch\u00fclerinnen deutscher Muttersprache <a title=\"Zweitsprachstudie deckt grobe M\u00e4ngel auf.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=3776\">wesentlich besser Italienisch lernen, als umgekehrt.<\/a><\/li>\n<li>Urz\u00ecs unwidersprochener Befund: \u00bbIn S\u00fcdtirol braucht man das Italienische nicht mehr.\u00ab Eine merkw\u00fcrdige Aussage, nachdem das <em>Astat<\/em>-Sprachbarometer <a title=\"Am Landesgericht.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=247#Amtssprachen\">belegt<\/a>, dass es deutsch- und ladinischsprachige S\u00fcdtirolerinnen deutlich schwerer haben, ihre Muttersprachen im Umgang mit \u00f6ffentlichen \u00c4mtern zu gebrauchen als ihre italienischsprachigen Mitb\u00fcrgerinnen; nachdem Produktetiketten und selbst Packungsbeilagen von Medikamenten in der Regel nur auf Italienisch abgefasst sind und auch <a title=\"Die \u00fcberklebte Landessprache.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=22719\">nur auf Italienisch abgefasst sein m\u00fcssen<\/a>; Zugewanderte <a title=\"Zuwanderer zu Italienern.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=8504\">nur Italienischkenntnisse nachweisen m\u00fcssen<\/a>; internationale Handelsketten nicht selten auf Personal mit Deutschkenntnissen verzichten.<\/li>\n<li>Ferner behauptet Urz\u00ec, die Situation der Italienerinnen in S\u00fcdtirol sei \u00bbparadox\u00ab. \u00bbRechtlich gesehen geh\u00f6ren sie der gesamtstaatlichen Mehrheit an. In der Praxis der Region sind sie aber eine Minderheit und abh\u00e4ngig von den Entscheidungen der lokalen deutschen Mehrheit.\u00ab Das ist jedoch alles andere als paradox, solange man nicht den anachronistisch-nationalistischen Anspruch erhebt, die \u00bbnationale Mehrheit\u00ab m\u00fcsse tats\u00e4chlich in jeder einzelnen Region in der Mehrheit sein. Die von Italien nie ratifizierte <a title=\"Die Charta der Minderheitensprachen.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1348\">Europ\u00e4ische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen<\/a> des Europarats empfiehlt sogar ausdr\u00fccklich, innerstaatliche Verwaltungsgrenzen so zu gestalten, dass Minderheiten in ihrer eigenen Region nicht minorisiert werden.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Bachmann berichtet weiter, \u00bbals im Sommer 2013 beschlossen wurde, Bergh\u00fctten nur noch deutsche Namen zu geben\u00ab habe die Mail\u00e4nder Tageszeitung <em>Il Giornale <\/em>geschrieben: \u00bbIn diesem fantastischen St\u00fcck Italiens wird es jeden Tag heldenhafter, italienisch zu sein.\u00ab Sie \u00bbvergisst\u00ab sowohl zu erw\u00e4hnen, dass die italienischen Bezeichnungen haupts\u00e4chlich Erfindungen des protofaschistischen Extremisten und Assimilierers Ettore Tolomei waren, die die urspr\u00fcnglich deutschen ausl\u00f6schen sollten, als auch, dass <em>Il Giornale<\/em> zu Berlusconis rechtspopulistischem Medienimperium geh\u00f6rt.<\/li>\n<li>Selbst mit statistischem Zahlenmaterial wird salopp umgegangen. So behauptet die Autorin, seit Anfang der 1960er Jahre sei der Anteil italienischsprachiger S\u00fcdtiroler um \u00bbmehr als zehn Prozentpunkte\u00ab zur\u00fcckgegangen. Richtig ist, dass der R\u00fcckgang <a title=\"Wiki: Geschichte S\u00fcdtirols\/Demographie.\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geschichte_S%C3%BCdtirols#Demographie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">von 34,3% auf 24,5%<\/a> genau 9,8 Prozentpunkte betr\u00e4gt. Auch hier bleibt wichtiges unerw\u00e4hnt, n\u00e4mlich dass die Zahl von 1960 durch staatlich erzwungene und gef\u00f6rderte Zuwanderung zum Zwecke der Majorisierung v\u00f6llig aufgeblasen war.<\/li>\n<li>Dass die Zahl italienischer Landtagsabgeordneter nach den Landtagswahlen 2013 \u00bbvon acht auf f\u00fcnf, ein Siebtel der Mandatare bei einem knappen Viertel der Bev\u00f6lkerung\u00ab zur\u00fcckging, hat sehr viel mit der Zerstrittenheit und Zersplitterung der italienischen Parteien und sehr wenig mit Diskriminierung zu tun. Demokratische Wahlen sind frei und niemand wird gezwungen, sprachgruppenkonform zu w\u00e4hlen.<\/li>\n<li>Erstaunlich ist, dass eine Gr\u00fcne (Brigitte Foppa) es laut Bericht merkw\u00fcrdig findet, wenn im Landtag der Vorschlag zur <a title=\"Europa der Regionen im Netz \u2014 ohne uns.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=22557\">Ersetzung von .it durch .eu<\/a> bei der Internetdomain des Landes gemacht wird \u2014 oder wenn angedacht wird, S\u00fcdtiroler Sportlerinnen bei internationalen Wettbewerben mit neutraler Bekleidung statt italienischen Trikots antreten zu lassen. Die \u00dcberwindung des Nationalen und die Betonung des Europ\u00e4ischen sollte eigentlich ein Anliegen gr\u00fcner Politik sein.<\/li>\n<li>Senator Francesco Palermo bezeichnet die deutschsprachige Bev\u00f6lkerung als eine \u00bbMehrheit mit Minderheitskomplex\u00ab. F\u00fcr einen Verfassungsrechtler angesichts der bereits erw\u00e4hnten Empfehlungen des Europarats eine seltsame Auffassung. M\u00fcssen Minderheiten auf staatlicher, regionaler <em>und<\/em> kommunaler Ebene gleichzeitig in der Minderheit sein, um nicht eines Minderheiten<em>komplexes<\/em> bezichtigt zu werden?<\/li>\n<li>Palermo kenne noch Zeiten, in denen Bars ethnisch getrennt waren. \u00bbMittlerweile h\u00e4tten sich die die italienischsprachigen S\u00fcdtiroler &#8220;mit einer gewissen Hierarchie abgefunden&#8221;, sagt er.\u00ab Angesichts der Tatsache, dass es gerade in Bozen mitunter sehr schwierig ist, sich in Bars und L\u00e4den (mit der Bedienung) auf Deutsch zu verst\u00e4ndigen, ist das eine wirklich erstaunliche Aussage.<\/li>\n<li>Als Gegenargument dazu, dass sich S\u00fcdtirol \u00bbals funktionierende mehrsprachige Provinz (sic)\u00ab verstehe, z\u00e4hlt Bachmann unter anderem auf, dass es neben deutschen Tageszeitungen eine italienische Tageszeitung (in Wirklichkeit sind es deren zwei) gibt. W\u00e4re es f\u00fcr ein funktionierendes mehrsprachiges Land besser, wenn es Zeitungen nur in einer Sprache g\u00e4be? Oder m\u00fcssten s\u00e4mtliche Medien mehrsprachig sein?<\/li>\n<li>Desweiteren schreibt die Autorin, dass die <abbr title=\"S\u00fcdtiroler Volkspartei\">SVP<\/abbr> eisern am ehtnischen Proporz festhalte. Dass heute gerade die Italienerinnen davon profitieren, wie selbst Postfaschist Alessandro Urz\u00ec gesteht, bleibt leider unerw\u00e4hnt.<\/li>\n<li>Auch Bachmann kann sich schlie\u00dflich nicht verkneifen, den <a title=\"Die Geburt eines neuen Mythos?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=16699\">Mythos<\/a> zu erneuern, wonach \u00bbdie einen immer schlechter Italienisch sprechen\u00ab w\u00e4hrend die anderen aufholen. Daten hierzu gibt es nicht, wie aufgrund <a title=\"Andrea Abel zur L2-Entwicklung.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=16744\">ausgiebiger<\/a> <a title=\"Zweitsprachentwicklung: Keine Daten.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=14288\">Recherchen<\/a> zweifelsfrei feststeht. Wir werden die Journalistin trotzdem anschreiben und nach ihren Quellen fragen.<br \/>\nJene Daten, die zu den Zweitsprachkenntnissen der S\u00fcdtirolerinnen vorliegen, lassen zwar kein Urteil \u00fcber deren Entwicklung im Lauf der Zeit zu, belegen jedoch, dass die deutschsprachigen S\u00fcdtirolerinnen nach wie vor deutlich besser Italienisch sprechen, als umgekehrt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Die SVP und die Fassadensprache.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13892\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Der Autonomie-Vergleich.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=21539\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Katalog.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=17782\"><code>03<\/code><\/a>&nbsp;<span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span>&nbsp;<a title=\"Sprachpolitik: Eine Bankrotterkl\u00e4rung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23449\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Kaum mehr Italiener\u2026?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=33749\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Sprachgruppen: Falschinformationen vom Landesrat.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=96106\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit hatte die S\u00fcdtiroler Tageszeitung (TAZ) berichtet, das renommierte Hamburger Wochenblatt Die Zeit arbeite an einem Bericht \u00fcber eine angebliche \u00bbVerdeutschung\u00ab S\u00fcdtirols. 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