{"id":23354,"date":"2015-04-22T14:29:08","date_gmt":"2015-04-22T12:29:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23354"},"modified":"2025-08-25T19:50:40","modified_gmt":"2025-08-25T17:50:40","slug":"mussolini-krux","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23354","title":{"rendered":"Mussolini Krux."},"content":{"rendered":"<p>Egal wie man zu den faschistischen Relikten steht, man muss der Pr\u00e4sidentin der Abgeordnetenkammer Laura Boldrini (SEL &#8211; <em>Sinistra Ecologia Libert\u00e0)<\/em> dankbar sein, dass sie eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Diskussion italienweit angesto\u00dfen hat. Auf Initiative von Partisanenverb\u00e4nden hatte Boldrini angeregt, den Schriftzug &#8220;MUSSOLINI DUX&#8221; vom Obelisken des &#8220;Foro Italico&#8221; zu entfernen &#8211; und einen Shitstorm geerntet. Wenngleich manche der Wortspenden der vergangenen Tage einem die Haare zu Berge stehen lassen und man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass nicht in jedem Fall Hirnaktivit\u00e4t im Spiel war, als die \u00c4u\u00dferungen get\u00e4tigt wurden, so ist allein die Tatsache, dass \u00fcber Geschichtsaufarbeitung gesprochen wird, f\u00fcr italienische Verh\u00e4ltnisse ein Schritt nach vorn. Einige Aspekte der nun angetretenen Diskussion m\u00f6chte ich nicht unkommentiert lassen.<\/p>\n<h6>Die interessante Koalition<\/h6>\n<p>Matteo Orfini, der Pr\u00e4sident des &#8220;linken&#8221; <em>Partito Democratico<\/em> und Koalitionspartner Boldrinis wies die Kammerpr\u00e4sidentin sogleich in die Schranken: &#8220;La scritta Mussolini Dux sull\u2019obelisco del Foro Italico? Io la lascerei l\u00ec. [&#8230;] Credo che la \u2018damnatio memoriae\u2019 sia un elemento di debolezza e non di forza da parte di chi la esercita.&#8221; Er f\u00fcgt sich mit seiner Aussage nahtlos in die zahlreichen Proteststimmen aus dem <a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.it\/2015\/04\/17\/orfini-boldrini-mussolini_n_7086406.html\">rechten bis rechtsextremen<\/a> Lager ein. Wohingegen in S\u00fcdtirol eher <a href=\"http:\/\/www.suedtiroler-freiheitskampf.net\/praesidentin-der-kammer-boldrini-gegen-mussolini-dux-heimatbund-erfreut-und-schickt-ihr-siegesdenkmal-buch\/\">konservative<\/a> bis rechtsgerichtete Kreise Boldrinis Vorsto\u00df begr\u00fc\u00dften. Von <em>Verdi Gr\u00fcne V\u00ebrc,<\/em> dem S\u00fcdtiroler Partner von SEL, h\u00f6rte man in dieser Angelegenheit hingegen keinen Ton.<\/p>\n<h6>Die unangenehme Geschichte<\/h6>\n<p>Francesco Storace (ex-MSI, ex-AN, ex-<em>La Destra,<\/em> jetzt <em>Forza Italia)<\/em> griff Boldrini via <em>Twitter<\/em> an und stellte fest: &#8220;Il presidente del Pd [Matteo Orfini] ha dato una lezione alla Boldrini, a cui d\u00e0 fastidio la storia nazionale&#8221;. Es ist also ein Problem, wenn einem die faschistische Diktatur und ihre Verbrechen Bauchweh bereiten? Als aufrechter Italiener muss man wohl uneingeschr\u00e4nkt stolz auf die italienische Geschichte sein? Historische Verantwortung oder das Eingest\u00e4ndnis irgendeiner historischen Schuld passen da nicht dazu. Martina Mussolini (!!!), die sich in <em><a href=\"http:\/\/www.ilgiornaleditalia.org\/news\/primopiano\/864592\/Martina-Mussolini---Sdegno-per.html\">Il Giornale D&#8217;Italia<\/a> <\/em>austoben darf, dazu: &#8220;Togliere quella scritta significa togliere l&#8217;identit\u00e0, assolutamente no. E poi non puoi togliere quello che non ti piace e tenere quello che ti piace, troppo comodo. Ho sentito di Comuni che parlano, oggi, nel terzo millennio, di togliere la cittadinanza onoraria a Mussolini.&#8221; Was f\u00fcr ein Skandal aber auch. Komisch, dass den Deutschen ihre Vergangenheit in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts Unbehagen bereitet.<\/p>\n<h6>Der Autobahn-Vergleich<\/h6>\n<p>Ein klassisches Argument der Rechtsextremen in Deutschland, wenn es um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus geht, ist der Autobahn-Vergleich: &#8220;Hitler hat ja auch Gutes getan und beispielsweise die Autobahnen gebaut&#8221; bzw. &#8220;Wenn wir Geb\u00e4ude entnazifizieren, m\u00fcssen wir auch die Autobahnen abrei\u00dfen, denn die wurden auch von Hitler gebaut&#8221;. \u00c4hnliche Argumente h\u00f6rt man nun in der Diskussion um die Mussolini-Inschrift zuhauf von allen Seiten. Francesco Storace meint: &#8220;La presidente della Camera scoprir\u00e0 prima o poi l\u2019Istituto della Previdenza Sociale, fondato nel 1933, e proporr\u00e0 di abolire direttamente le pensioni.&#8221; Martina Mussolini fragt sich: &#8220;Togliere la scritta dall&#8217;obelisco? Allora si tolga tutto, l&#8217;Eur, le Citt\u00e0 di Fondazione, le leggi.&#8221; Simone di Stefano <em>(Casa Pound)<\/em> schl\u00e4gt in die gleiche Kerbe: &#8220;Si accomodi, per\u00f2 poi lo Stato smetta di usare lo Stadio Olimpico, le pisc<span class=\"text_exposed_show\">ine coperte, lo stadio dei marmi, il palazzo del CONI e l&#8217;universit\u00e0 IUSM.<\/span>&#8221; Ja sogar der bekannte Historiker Vittorio Vidotto l\u00e4sst sich im <em><a href=\"http:\/\/roma.corriere.it\/notizie\/cronaca\/15_aprile_19\/architettura-fascista-storia-assurdo-demolire-capolavori-3a630664-e662-11e4-aaf9-ce581604be76.shtml\">Corriere della Sera<\/a><\/em> zu folgender Aussage hinrei\u00dfen: &#8220;Cancellare le tracce urbanistiche del fascismo? Non ha alcun senso. Ormai vanno, anzi, conservate e restaurate come elementi importanti della nostra storia.&#8221; Kann es tats\u00e4chlich sein, dass hier niemand den Unterschied zwischen einem Zweckbau und einem Denkmal bzw. zwischen dem Pensionsgesetz und den Rassengesetzen versteht? W\u00e4hrend die Alltagsarchitektur k\u00fcnstlerischer Ausdruck des Selbstverst\u00e4ndnisses einer jeden Zeit ist und die faschistische Architektur daher nur das Intimidierende der Diktatur widerspiegelt, so ist die intrinsische und alleinige Bedeutung eines faschistischen Denkmals die Verherrlichung dieser Ideologie. Solche Denkm\u00e4ler unkommentiert im \u00f6ffentlichen Raum zu belassen, ist einer Demokratie im 21. Jahrhundert nicht w\u00fcrdig. Ob man sie nun in ein Museum verfrachtet, &#8220;entsch\u00e4rft&#8221;, &#8220;erkl\u00e4rt&#8221; oder abrei\u00dft, sollte in einer \u00f6ffentlichen Diskussion eruiert werden. F\u00fcr den S\u00fcdtiroler Heimatbund gibt es hingegen nur eine Option: &#8220;Denn hier [Anm.: S\u00fcdtirol] ist man immer mit der Ausrede der &#8216;Historisierung&#8217; zur Stelle, wenn es um die Entfernung von Symbolen einer menschenverachtenden Diktatur geht.&#8221; Ein Urteil \u00fcber Roberto Fiore <em>(Forza Nuova)<\/em> und Alessandro Cattaneo <em>(Forza Italia),<\/em> die Boldrinis Vorschlag mit der Zerst\u00f6rungswut der IS-Terroristen verglichen, erspare ich mir an dieser Stelle.<\/p>\n<h6>Der k\u00fcnstlerische Wert<\/h6>\n<p>Der Artikel im <em><a href=\"http:\/\/roma.corriere.it\/notizie\/cronaca\/15_aprile_19\/architettura-fascista-storia-assurdo-demolire-capolavori-3a630664-e662-11e4-aaf9-ce581604be76.shtml\">Corriere della Sera<\/a>,<\/em> der tendenziell gegen den Vorschlag Boldrinis gerichtet ist, betont vor allem den k\u00fcnstlerischen Wert der faschistischen Bauten und die angebliche Tatsache, dass der Rationalismus die meiststudierte Str\u00f6mung der Welt sei. Abgesehen davon, dass &#8211; wie oben erw\u00e4hnt &#8211; nicht zwischen Zweckbau und Denkmal unterschieden wird, l\u00e4uft auch die restliche Argumentation v\u00f6llig ins Leere, wie die Aussage des Architekturprofessors Giorgio Muratore belegt: &#8220;Sarebbe preoccupante se le scritte fossero ritenute ingombranti. Invece l\u2019ipotesi di toglierle \u00e8 semplicemente imbarazzante.&#8221; Der k\u00fcnstlerische Wert des Obelisken ist n\u00e4mlich im Zusammenhang mit dem Umgang faschistischer Denkm\u00e4ler v\u00f6llig irrelevant. Er entbindet uns nicht von der Verpflichtung zu einem ad\u00e4quaten Umgang mit diesem Erbe und entscheidet h\u00f6chstens \u00fcber Abriss oder Musealisierung. Gleichzeitig ist auch das Ausma\u00df der Forschung nicht von Bedeutung. Zum einen m\u00fcssen Qualit\u00e4t und Forschungsinteresse nicht in Zusammenhang stehen. Zum anderen schlie\u00dfen sich Forschungsinteresse und Kontextualisierung historisch belasteter Bauwerke nicht aus. Beispielsweise gilt Albert Speers Werk in Fachkreisen nicht unbedingt als wegweisend, dennoch ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten f\u00fcr Forscher \u00fcberaus interessant und eine Entsch\u00e4rfung bisweilen angebracht.<\/p>\n<h6>Die &#8220;anderen Probleme&#8221;<\/h6>\n<p>Nat\u00fcrlich durfte in der Diskussion auch das &#8220;Haben wir denn keine anderen Probleme?&#8221;-Argument nicht fehlen. Bisweilen gew\u00fcrzt mit einer geh\u00f6rigen Portion Rassismus a la Martina Mussolini: &#8220;Ora la Presidente della Camera dice che vuole cancellare quella scritta, mi chiedo: ma davvero l&#8217;Italia non ha problemi pi\u00f9 gravi? La Presidente si preoccupa tanto dei rom e non vede le persone anziane, le famiglie che non arrivano alla fine del mese. E pretende che il nostro sostegno vada a un popolo che non lavora &#8216;per tradizione'&#8221;. Wir d\u00fcrfen uns also nicht um die Erhaltung von Pompeji k\u00fcmmern, ein neues Konzerthaus bauen oder eine gef\u00e4hrliche Stra\u00dfenstelle mit einem &#8220;liegenden Polizisten&#8221; entsch\u00e4rfen. Denn wir haben ja auch gr\u00f6\u00dfere Probleme.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"SMG wirbt mit Faschismus.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25536\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Bereit f\u00fcr ein Friedensdenkmal?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=30518\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Tortosa, monumento da abbattere?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=29901\"><code>03<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"G-20 im faschistischen EUR.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=69026\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Verherrlichung von Mussolini am CONI-Hauptsitz.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=77594\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Faschismus: 80 Jahre Verharmlosung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=93654\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a> <a title=\"I toponimi e la glottofagia coloniale.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94130\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>04<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Egal wie man zu den faschistischen Relikten steht, man muss der Pr\u00e4sidentin der Abgeordnetenkammer Laura Boldrini (SEL &#8211; Sinistra Ecologia Libert\u00e0) dankbar sein, dass sie eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Diskussion italienweit angesto\u00dfen hat. 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