{"id":23886,"date":"2015-05-23T17:08:40","date_gmt":"2015-05-23T15:08:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23886"},"modified":"2021-07-09T14:50:57","modified_gmt":"2021-07-09T12:50:57","slug":"m-verdorfers-abstruser-vergleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23886","title":{"rendered":"M. Verdorfers abstruser Vergleich."},"content":{"rendered":"<p>Im Morgengespr\u00e4ch von <em>Rai S\u00fcdtirol<\/em> vom 23.05.2015 \u00e4u\u00dfert sich die Historikerin Martha Verdorfer zur aktuellen Polemik um die <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23810\">Fahnenverordnung<\/a> der italienischen Regierung anl\u00e4sslich der Kriegserkl\u00e4rung Italiens an \u00d6sterreich-Ungarn.<\/p>\n<p>Der Grundtenor des Gespr\u00e4chs ist generell eine bestimmte Relativierung. Da wird von einem \u00e4rgerlichen und l\u00e4cherlichen Streit gesprochen, der durch einen ungeschickten Erlass der italienischen Regierung hervorgerufen wurde. Es wird zwar honoriert, dass die Fronten in diesem Streit nicht nach ethnischen Bruchlinien verlaufen und dass es nicht angebracht ist, den Toten mit einem Fahnenerlass zu gedenken. Trotzdem kritisiert Verdorfer, dass in S\u00fcdtirol eine Auffassung vorherrscht, dass es keinen Grund g\u00e4be, sich mit dem italienischen Gedenken zu solidarisieren oder da gemeinsam der Toten zu gedenken.<\/p>\n<p>Diesbez\u00fcglich gilt es anzumerken, dass &#8220;ungeschickter Erlass&#8221; schon beinahe ein Euphemismus ist. Zudem ist nicht die Polemik um den Fahnenerlass \u00e4rgerlich und peinlich, sondern der Fahnenerlass selbst ist \u00e4rgerlich und peinlich. Hier wird Ursache und Wirkung verwechselt.<\/p>\n<p>Sonderbar auch Verdorfers Kritik, dass sich S\u00fcdtirol weigert, sich am italienischen Gedenken zu beteiligen. Im weiteren Verlauf des Gespr\u00e4chs betont Verdorfer die europ\u00e4ische Dimension des Weltkrieges und kritisiert den in Tirol einengenden Blick auf die Brennergrenze. Dass ein &#8220;italienisches&#8221; Gedenken auch einengend ist und der europ\u00e4ischen Dimension des Konfliktes nicht gerecht wird, scheint f\u00fcr Verdorfer kein Thema zu sein.<br \/>\nZudem, wenn der italienischen Regierung eine Beteiligung S\u00fcdtirols wichtig ist, dann w\u00e4ren gleichberechtigte Gespr\u00e4che auf Augenh\u00f6he im Zuge der Vorbereitungen wohl eine Grundvoraussetzung. Ist die italienische Regierung jemals an die S\u00fcdtiroler Landesregierung herangetreten, um sich zu erkundigen, welche Vorstellungen und welche Voraussetzungen f\u00fcr eine eventuelle gemeinsame Feier notwendig w\u00e4ren? Nein. Eine &#8220;Provinz&#8221; beteiligt man nicht gleichberechtigt, einer &#8220;Provinz&#8221; erteilt man Befehle.<\/p>\n<p>Martha Verdorfer kritisiert, dass sich Tirol immer gerne als Opfer betrachtet und den 1. Weltkrieg auf 1915, die Dolomitenfront und die Brennergrenze reduziert. Man solle von dieser Zentralit\u00e4t wegkommen und den 1. Weltkrieg als gesamteurop\u00e4ischen Krieg betrachten.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Rai S\u00fcdtirol: Und weshalb h\u00e4lt man die Tiroler in dieser Opferhaltung fest, weil es praktisch ist oder ist der Geschichtsunterricht so schlecht, haben die Tiroler nichts gelernt was sonst so los war?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Martha Verdorfer: <\/strong>Ja, weil ich glaub tats\u00e4chlich, weil es praktisch ist und weil es schon ein bisschen, glaub ich, geh\u00f6rt es so, das ist auch, was ich am wenigsten an diesem Land mag, dass man so den Blick an der Brennergrenze, dass der dort oft haltmacht.<strong><br \/>\n<\/strong>Ich m\u00f6cht nur ein ganz kleines Beispiel, Belgien, ein kleines Land, das von den Deutschen \u00fcberrollt, \u00fcberrannt worden ist, ein neutrales Land, wo Massaker angerichtet worden sind. Also die haben sozusagen, die h\u00e4tten allen Grund jetzt sozusagen ein feindliches Verh\u00e4ltnis zu Deutschland zu haben. Und was ist mit Belgien, was ist mit Br\u00fcssel, sie sind heute das Symbol eines geeinten Europa. Ich denk mir, die haben ihre Rolle und dieses Leid als Ausgangspunkt genommen f\u00fcr eine neue Vision der Zukunft. Und ich glaub, das fehlt den S\u00fcdtirolern ein bisschen. Sie suhlen sich immer so ein bisschen in ihrer Sonderrolle, oder in ihrer Opferrolle oder sie sind die besonders Flei\u00dfigen, aber sie sind immer so ein bisschen besonders. Also es ist praktisch und es schmeichelt irgendwie der Identit\u00e4t.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Vergleich mit Belgien ist geradezu grotesk:<\/p>\n<ul>\n<li>Es ist nicht bekannt, dass Belgien oder Teile von Belgien gegen den Willen der dortigen Bev\u00f6lkerung als Folge des 1. Weltkrieges von Deutschland annektiert wurden. Ganz im Gegenteil. Mit Eupen-Malmedy wurde ein deutschsprachiges Gebiet vom Deutschen Reich an Belgien angegliedert.<\/li>\n<li>Es ist nicht bekannt, dass die deutsche Bundesregierung den BelgierInnen vorschreibt, wie dem 1. Weltkrieg zu gedenken sei.<\/li>\n<li>Es ist insbesondere nicht bekannt, dass die deutsche Bundesregierung am 4. August 2014, anl\u00e4sslich des 100-j\u00e4hrigen Gedenkens zum deutschen Einmarsch in Belgien, per Erlass vorgeschrieben hat, diesem Ereignis durch Hissen der deutschen Flagge an allen \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden Belgiens zu gedenken.<\/li>\n<li>Es ist bekannt, dass sich die Bundesrepublik Deutschland, zumindest f\u00fcr eine Gr\u00e4ueltat (Massaker von Dinant) zwar sp\u00e4t (2001), aber immerhin, entschuldigt hat. Es ist nicht bekannt, dass sich jemals eine italienische Regierung in S\u00fcdtirol f\u00fcr die Annexion oder f\u00fcr den Faschismus entschuldigt h\u00e4tte.<\/li>\n<li>Als unabh\u00e4ngiges und souver\u00e4nes Land kann Belgien seine Zukunftsvisionen im Rahmen internationaler Vertr\u00e4ge selbst definieren und umsetzen. S\u00fcdtirol kann dies nicht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn wir von europ\u00e4ischer Vision und Blick \u00fcber den Tellerrand sprechen, dann g\u00e4be es ein wesentlich naheliegederes Beispiel: Das geografisch nicht weit von Belgien entfernte Luxemburg.<br \/>\nDas unabh\u00e4ngige und souver\u00e4ne Luxemburg definiert sich, ohne jeglichen nationalstaatlichen Einfluss, etwa Frankreichs oder Deutschlands, als mehrsprachig. In Luxemburg gibt es auch einige EU-Institutionen und dank dem Status eines unabh\u00e4ngigen Landes k\u00f6nnen die gut 500.000 LuxemburgerInnen die EU-Politik gleichberechtigt mitgestalten. Als kleines Land ist Luxemburg geradezu gezwungen, international vernetzt zu sein.<\/p>\n<p>Eine Realit\u00e4t, die in vielen Punkten Schnittmengen mit den Visionen von <img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\"> aufweist. Woran scheitern diese Visionen? Nicht an denjenigen B\u00fcrgerInnen S\u00fcdtirols, die sich an aufgezwungenen, nationalstatlichen Symbolen reiben, sondern an denjenigen, die sich immer dann echauffieren, wenn zaghaft die nationalstaatliche Logik in Frage gestellt wird. Der Fahnenerlass ist Teil dieser nationalstaatlichen Logik. Eine Logik, entsprungen aus der vergifteten Ideologie, die den 1. Weltkrieg verursacht hat.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Morgengespr\u00e4ch von Rai S\u00fcdtirol vom 23.05.2015 \u00e4u\u00dfert sich die Historikerin Martha Verdorfer zur aktuellen Polemik um die Fahnenverordnung der italienischen Regierung anl\u00e4sslich der Kriegserkl\u00e4rung Italiens an \u00d6sterreich-Ungarn. Der Grundtenor des Gespr\u00e4chs ist generell eine bestimmte Relativierung. Da wird von einem \u00e4rgerlichen und l\u00e4cherlichen Streit gesprochen, der durch einen ungeschickten Erlass der italienischen Regierung hervorgerufen [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-23886","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","entity-eu","issue-banalnationalism","location-letzebuerg","location-ostbelgien","language-deutsch","medium-rai","topic-comparatio","topic-geschichte","topic-grenzen","topic-kleinstaaten","topic-medien","topic-militar","topic-nationalismus","topic-politik","topic-symbolik"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23886"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23886\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23925,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23886\/revisions\/23925"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}