{"id":24827,"date":"2015-08-14T22:41:40","date_gmt":"2015-08-14T20:41:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=24827"},"modified":"2024-05-05T10:28:26","modified_gmt":"2024-05-05T08:28:26","slug":"die-zeitung-hat-keine-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=24827","title":{"rendered":"Die Zeit(ung) hat keine Schuld."},"content":{"rendered":"<p>In der diesw\u00f6chigen Ausgabe der <em>ff<\/em> holt der aus S\u00fcdtirol stammende Zeit-Redakteur Ulrich Ladurner unter dem Titel &#8220;Die Berge haben keine Schuld&#8221; wieder einmal zu einem Rundumschlag gegen S\u00fcdtirol und seine Bewohner aus. Ja, man kann es tats\u00e4chlich so sagen, denn differenziert wird in Ladurners<a title=\"Analyse zweier Koryph\u00e4en.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=13238\"> pseudopsychologischen Analysen&nbsp;<\/a>offenbar grunds\u00e4tzlich nicht.<\/p>\n<p>Einmal mehr unterstellt er seinen Landsleuten pauschal und ohne einen Hauch von Ironie (zumindest keine, die sich mir erschlie\u00dft), ignorante, selbstverliebte Hinterw\u00e4ldler zu sein. S\u00e4tze wie<\/p>\n<blockquote><p>Die S\u00fcdtiroler sind stolz auf ihre Provinzialit\u00e4t.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Ulrich Ladurner<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Warum sollte er [Anm.: der S\u00fcdtiroler] sich der Welt \u00f6ffnen, wenn er bisher doch sehr gut damit gefahren ist, sich ihr nicht zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Ulrich Ladurner<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Selbstbezogenheit ist f\u00fcr Psychologen wie f\u00fcr Politikwissenschaftler eine negative Kategorie, die schwerwiegende Folgen f\u00fcr die Betroffenen haben kann. S\u00fcdtiroler aber glauben, dass negativ nicht gleich sch\u00e4dlich bedeutet.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Ulrich Ladurner<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>belegen diesen Befund. Bizarr ist das Schauspiel vor allem deshalb, weil Ladurner beinahe in jedem Absatz schonungslos offenbart, dass es ihm bisweilen selbst genau an jenen Attributen fehlt, bez\u00fcglich welcher er bei &#8220;den S\u00fcdtirolern&#8221; einen Mangel verortet. Dass Ladurner durch diese Taktik den Beweis anstrengt, sich selbst ebenfalls nicht der Provinzialit\u00e4t seines Herkunftslandes entziehen zu k\u00f6nnen und Teil dieser retardierten Gesellschaft zu sein, wage ich zu bezweifeln. Irgendwie formuliert Ladurner seine abstrusen Thesen sogar recht geschickt, denn seine &#8220;Argumentation&#8221; ist dahingehend apodiktisch, als dass er jeden Zweifel an seiner Diagnose &#8211; wohl auch den meinen &#8211; als Beweis f\u00fcr die Richtigkeit seiner Aussagen umzudeuten vermag. Der S\u00fcdtiroler best\u00e4tige n\u00e4mlich seine Provinzialit\u00e4t unter anderem auch dadurch, dass er Kritik an dieser nicht gelten lasse. Umgekehrt k\u00f6nnte man aber auch argumentieren, dass es eines der untr\u00fcglichsten Zeichen eines provinziellen Geistes ist, andere pauschal der Provinzialit\u00e4t zu bezichtigen. Ich bin der Letzte, der eine differenzierte und vielfach auch notwendige Kritik an der Nabelschau, am &#8220;Mir-sein-mir&#8221; nicht zu sch\u00e4tzen wei\u00df, aber was Ladurner da von sich gibt ist eine Art Thomas Bernhard f\u00fcr die L\u00f6winger-B\u00fchne statt f\u00fcrs Burgtheater.<\/p>\n<p>Gerne strapaziert der Journalist Belege, die ohne Zusammenschau mit anderen Realit\u00e4ten \u00fcberhaupt nichts aussagen:<\/p>\n<blockquote><p>Umfragen nach interessieren sich die S\u00fcdtiroler kaum f\u00fcr internationale Politik.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Ulrich Ladurner<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Feststellung ist beispielsweise nur relevant, wenn sich das Verhalten der S\u00fcdtiroler ma\u00dfgeblich von jenem in anderen L\u00e4ndern unterscheidet. Sollte in anderen Gebieten das Interesse nahezu Null sein, w\u00e4re &#8220;kaum&#8221; ja bereits eine positive Errungenschaft. Besser noch aber beweist folgender Absatz, wie beliebig Ladurner Ph\u00e4nomene f\u00fcr seine Zwecke interpretiert.<\/p>\n<blockquote><p>Es ist eine Tatsache, dass junge S\u00fcdtiroler gerne Dialekt schreiben. Ob bei Facebook, bei Twitter oder in SMS-Nachrichten. Ausgerechnet in den sozialen Netzwerken des Internets, die das Symbol f\u00fcr die Globalisierung sind. Der Dialekt hingegen steht f\u00fcr das Lokale. Der totalen Entgrenzung im Internet setzt der S\u00fcdtiroler die Grenze des Dialekts entgegen. Wir bleiben wir! Das ist keine Hinwendung zur Welt, sondern eine Abkehr. Es ist kein Schritt zur Offenheit, sondern einer in die Isolation.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Ulrich Ladurner<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Es mag stimmen, dass heute mehr als fr\u00fcher im Dialekt geschrieben wird. Dies aber offenbar zu einer S\u00fcdtiroler Eigenart machen zu wollen, die noch dazu Ausdruck eines (bewussten und gewollten) Isolationismus &#8211; vor allem junger Menschen &#8211; sei, ist lachhaft.<\/p>\n<p>Einige Gedanken dazu:<\/p>\n<ul>\n<li>Verst\u00e4rkte dialektale Ausdrucksweisen in informellen Online-Konversationen sind kein S\u00fcdtiroler Ph\u00e4nomen und beschr\u00e4nken sich auch nicht auf die deutsche Sprache. Das ist eine <a href=\"https:\/\/books.google.it\/books?id=IeA8Q2fIN-0C&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de#v=onepage&amp;q&amp;f=false\">weltweite Tendenz<\/a>.<\/li>\n<li>SMS und E-Mails stehen der m\u00fcndlichen Konversation sehr nahe, ja ersetzen diese bisweilen. Ergo verwendet man auch \u00e4hnliche bzw. dieselben Ausdrucksmittel. Das, was Ladurner da zu beobachten glaubt, ist also kein neues, durch (un)bewusste Entscheidung herbeigef\u00fchrtes Verhalten. Es ist lediglich die \u00dcbertragung eines l\u00e4ngst bestehenden Kommunikationsverhaltens auf ein anderes Medium.<\/li>\n<li>SMS und E-Mails &#8211; ja sogar (halb)\u00f6ffentliche Facebookdiskussionen &#8211; sind oft mehr privater bzw. pers\u00f6nlicher Natur. Die neuen Medien werden zu einem Gro\u00dfteil zur Kommunikation mit dem engsten Umfeld genutzt, obwohl theoretisch die M\u00f6glichkeit best\u00fcnde, mit der ganzen Welt zu interagieren. Nur weil das Internet das Symbol der Globalisierung schlechthin ist, kann man daraus keine Notwendigkeit ableiten, es ausschlie\u00dflich global nutzen zu m\u00fcssen respektive widerspricht eine lokale Nutzung einer globalen nicht.<\/li>\n<li>In dieser Form der Konversation ist der Dialekt viel nuancenreicher als die Hochsprache, da er eng mit unserem Umfeld und der lokalen\/regionalen Kultur verkn\u00fcpft ist.<\/li>\n<li>Dialekt ist meist unsere Muttersprache und somit die Sprache der Intimit\u00e4t. Hochdeutsch hingegen ist die Sprache der Distanz.<\/li>\n<li>Obwohl SMS und E-Mails oft &#8220;verschriftlichte&#8221; Konversation sind, mangelt es der Schriftsprache daran, spontan und unkompliziert Emotionen bzw. Gef\u00fchle auszudr\u00fccken, da Mimik und Gestik entfallen. SMS, aber auch Twitter-Nachrichten, verf\u00fcgen \u00fcber eine begrenzte Anzahl von Zeichen. Daher behilft man sich des Dialektes, welcher diesbez\u00fcglich viel effizienter ist. \u00c4hnlich begr\u00fcndet sich der Gebrauch von Emoticons.<\/li>\n<li>Diese Entwicklung ist eine, die viele Sprachwissenschaftler mit gro\u00dfer Spannung verfolgen und eigentlich blo\u00df konservative Sprachpuristen negativ und als &#8220;Bedrohung&#8221; oder &#8220;Verfall&#8221; empfinden.<\/li>\n<li>Und selbst wenn der Griff zum Dialekt eine bewusste Entscheidung ist, muss diese nicht notwendigerweise eine r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte sein. Der R\u00fcckgriff auf das Regionale (zu beobachten bei Produkten, Kreisl\u00e4ufen, B\u00fcrgerbeteilung &#8211; aber auch der Sprache) ist zwar eine Reaktion auf die bzw. ein Korrektiv zur Globalisierung, aber nicht zwingend ein Signal f\u00fcr Isolation. Im Gegenteil: Obst vom Biobauern und Multikulti gehen oft Hand in Hand.<\/li>\n<li>Wenn man m\u00f6chte, kann man den jugendlichen Hang zum Dialektschreiben auch als eine Art Rebellion verstehen. Ein n. c. kaser hat auch alles klein, ein H. C. Artmann im Dialekt geschrieben. Ein Aufbegehren also gegen die starren Normen, wie und was man zu schreiben hat &#8211; was etwas subkulturiges an sich hat. Wobei laut einer Schweizer Studie Bildung und Alter beim Verfassen von Dialektnachrichten in den neuen Medien kaum eine Rolle spielen. Das Ph\u00e4nomen zieht sich n\u00e4mlich durch alle Schichten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Man sieht also, dass es f\u00fcr den Gebrauch des Dialekts im Internet mannigfaltige Gr\u00fcnde gibt. F\u00fcr Ladurner jedoch ist klar: Die jungen S\u00fcdtiroler isolieren sich von der Welt. *facepalm* (um im Internet-Dialekt zu bleiben &#x1f926;)<\/p>\n<p>Da ich nicht davon ausgehe, dass Ladurner Dialekt f\u00fcr grunds\u00e4tzlich etwas Schlechtes h\u00e4lt, sehe ich keinen Grund, warum man in einem informellen Kontext nicht auch schriftlich Dialekt verwenden sollte. Es geht doch vielmehr darum, im jeweiligen Kontext die jeweils passende Sprachebene zu finden. Und da sehe ich bei den wenigsten Dialektschreibern (zu denen ich mich auch z\u00e4hle) Schwierigkeiten. S\u00fcdtiroler, die im Forum von www.tageszeitung.it Dialekt schreiben, schreiben im Forum von www.derstandard.at Hochdeutsch. Sie haben im Facebookchat gleichzeitig den Schulfreund, mit dem sie sich im Pusterer Dialekt unterhalten und die Urlaubsbekanntschaft aus Norddeutschland, mit der sie hochdeutsch kommunizieren. Sie verfassen eine Online-Bewerbung auf Hochdeutsch und ein E-Mail an die Fu\u00dfballkollegen im Dialekt. Das ist weder ein Problem, noch ein Widerspruch und schon gar kein Ausdruck von Isolation, sondern einer von &#8220;innerer Mehrsprachigkeit&#8221;. Diese F\u00e4higkeit zur Diglossie gereicht den Sprechern\/Schreibern wissenschaftlich nachweisbar zum Vorteil, was die Sprachkompetenz betrifft.<\/p>\n<p>Das alles kann man vielerorts nachlesen. In der <a href=\"http:\/\/diepresse.com\/home\/science\/4613196\/Dialekt-bis-Internet_Deutsche-Sprache-wird-bunter\">Presse<\/a>, in der <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/die-verschriftlichung-der-mundart-1.17973385\">NZZ<\/a>, ja sogar in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/26\/Dialekte-26\">Zeit<\/a>. Die Zeit(ung) hat also keine Schuld.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Aus dem Bauch heraus.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=85454\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der diesw\u00f6chigen Ausgabe der ff holt der aus S\u00fcdtirol stammende Zeit-Redakteur Ulrich Ladurner unter dem Titel &#8220;Die Berge haben keine Schuld&#8221; wieder einmal zu einem Rundumschlag gegen S\u00fcdtirol und seine Bewohner aus. Ja, man kann es tats\u00e4chlich so sagen, denn differenziert wird in Ladurners pseudopsychologischen Analysen&nbsp;offenbar grunds\u00e4tzlich nicht. 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