{"id":25216,"date":"2015-09-09T19:34:56","date_gmt":"2015-09-09T17:34:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25216"},"modified":"2019-07-17T10:31:16","modified_gmt":"2019-07-17T08:31:16","slug":"25216","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25216","title":{"rendered":"Landeshauptmann, Totschlag, Argumente."},"content":{"rendered":"<p>Einige signifikante Ausz\u00fcge aus den Wortmeldungen des Landeshauptmanns im Zuge des <a title=\"Gespr\u00e4ch mit F\u00fcrst und Landeshauptmann.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=24803\">Diskussionsabends<\/a> mit F\u00fcrst Hans-Adam II. von Liechtenstein und Wolfgang Niederhofer (<img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\">):<\/p>\n<blockquote><p>Es ist aus meiner Sicht <strong>gef\u00e4hrlich<\/strong>, so zu tun, als ob man mit Unterschriften Sammeln oder auch einer Volksabstimmung einen Prozess in Gang setzen k\u00f6nnte, der etwas bewegen w\u00fcrde. Ich halte das f\u00fcr <strong>gef\u00e4hrlich<\/strong>, diese Karte spielt man <strong>nur einmal<\/strong>, aber man muss diese Karte spielen, wenn die Voraussetzungen daf\u00fcr gegeben sind. <strong>Man muss daran arbeiten, dass die Voraussetzungen geschaffen werden k\u00f6nnen.<\/strong> Dieser nationalstaatliche Gedanke [\u2026] und die Territorialhoheit des Staates, der Grundlage f\u00fcr solche Verfassungen ist, der ist durchaus \u00fcberholt, also da schlie\u00dfe ich mich schon an, aber es ist eine Tatsache. Und es ist <strong>fahrl\u00e4ssig<\/strong>, wenn man in S\u00fcdtirol immer so tut, als ob das nicht derzeit die Realit\u00e4t w\u00e4re. Die Politik ist dann halt auch die Kunst des M\u00f6glichen, man schafft Visionen, Utopien, das ist legitim, man denkt dar\u00fcber nach, was anders sein k\u00f6nnte.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>[Das Einheitsgebot mag] nicht mehr korrekt sein, nicht gerecht sein, dar\u00fcber l\u00e4sst sich zurecht diskutieren, nur haben wir jetzt eine starre Verfassung, die auch genau regelt, wie die Verfassung abzu\u00e4ndern ist. Und dar\u00fcber hinweg kommt man entweder mit diesen Regeln oder mit Revolution, <strong>das hei\u00dft Krieg.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Ich bin jetzt nicht der Verteidiger der Zugeh\u00f6rigkeit S\u00fcdtirols zu Italien, diese Rolle will ich absolut nicht einnehmen. Deshalb, bevor noch einmal morgen vielleicht irgendwo in einem Internetmedium steht, ich habe gesagt, dass wenn man ein Selbstbestimmungsreferendum macht, dann bricht Krieg aus\u2026 also das m\u00f6chte ich schon noch einmal pr\u00e4zisieren: Nein, ich habe nur gesagt, um den Artikel 5 [der Verfassung] abzu\u00e4ndern, macht man das entweder einvernehmlich, man einigt sich irgendwie, <strong>man erzeugt politischen Druck, man \u00fcberzeugt das Parlament<\/strong>, was auch immer \u2014 aber wenn das einvernehmlich nicht geht, dann ist halt die Revolution das andere, ja? <strong>Aber nicht, dass ich gesagt habe, dass deshalb ein Krieg ausbricht, bitte das nicht so zu verstehen.<\/strong> [\u2026] Es gibt nat\u00fcrlich eine dritte L\u00f6sung, der Staat Italien zerf\u00e4llt.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Die Katalanen haben eine Situation, wo sie auf dem Papier eine sehr weitreichende Autonomie haben, <strong>in vielen Bereichen wesentlich weiter reichend als unsere<\/strong> \u2014 Zivilrecht zum Beispiel, da hat Katalonien bedeutende Zust\u00e4ndigkeiten, die wir nicht haben. In der Tat verwehrt Madrid den Katalanen aber ein fundamentales Element einer Autonomie, n\u00e4mlich das Geld, die \u00bbMarie\u00ab. Dort siehts wesentlich schlechter aus, und es n\u00fctzt eine Autonomie auf dem Papier gar nichts, wenn man kein Geld hat, und das ist auch nat\u00fcrlich der Grund, warum die Katalanen <strong>v\u00f6llig zu recht eine Ab\u00e4nderung fordern, auch einen eigenen Staat fordern<\/strong> und viele M\u00f6glichkeiten fordern, weil diese Autonomie, die sie haben f\u00fcr sie sicher kein Weg ist. Wir haben eine andere Autonomie, also bei den Finanzen d\u00fcrfen wir uns nicht beklagen\u2026 es ist nie genug Geld da, es w\u00e4re auch fein, wenn uns der Staat noch ein Geld schicken w\u00fcrde ist klar, aber wenn wir uns vergleichen mit dem Finanzausgleich anderer fortgeschrittener europ\u00e4ischer L\u00e4nder, stehen wir gut da, besser, wesentlich besser als der Durchschnitt.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Hervorhebungen von mir.<\/em><\/p>\n<p>Dazu noch einige Gedanken:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Landeshauptmann versteht es sehr gut, besser noch <a title=\"Kriegs- und Totschlagargument.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=6806\">als sein Vorg\u00e4nger<\/a>, in Zusammenhang mit der Selbstbestimmung von \u00bbGefahr\u00ab und \u00bbKrieg\u00ab zu reden und somit die Bev\u00f6lkerung einzusch\u00fcchtern. Dass er dies dann (halbherzig, denn er besteht ja darauf, dass es ohne Zustimmung Italiens zur Revolution \u2014 das hei\u00dft zum Krieg \u2014 kommen w\u00fcrde) wieder zur\u00fcckgenommen hat, ist taktisch hervorragend, denn die Begriffe (\u00bbGefahr\u00ab und \u00bbKrieg\u00ab) haben in der Zwischenzeit bereits ihre Wirkung in der Zuh\u00f6rerschaft entfacht.<\/li>\n<li>Warum man die Karte der Selbstbestimmung nur einmal spielen kann, bleibt unklar und ist kaum nachvollziehbar. Qu\u00e9bec hat mehr als einmal \u00fcber die Losl\u00f6sung von Kanada abgestimmt und auch, dass es in Schottland eine weitere Abstimmung geben wird, wird kaum bezweifelt. H\u00f6chstens der Zeitpunkt (nach der kommenden Wahl zum schottischen Parlament oder erst in einer Generation) ist strittig.<\/li>\n<li>Wenn der Landeshauptmann sagt, man m\u00fcsse daran arbeiten, dass die Voraussetzungen f\u00fcr eine Abstimmung geschaffen werden k\u00f6nnen, dann stellt sich die Frage fast schon von selbst, was denn die SVP w\u00e4hrend der letzten Jahre und Jahrzehnte daf\u00fcr getan hat. Der Eindruck ist zumindest, dass sie daran gearbeitet hat, dass die Voraussetzungen ganz sicher nicht geschaffen werden und dass alles so bleibt, wie bisher. Das ist auch die Botschaft, die tagein, tagaus vermittelt wird.<\/li>\n<li>Bei der Aufz\u00e4hlung der m\u00f6glichen Optionen (Verfassungs\u00e4nderung oder Revolution) scheint Landeshauptmann Kompatscher die wichtigste zu vergessen, n\u00e4mlich die Demokratie \u2014 man k\u00f6nnte auch sagen: die Politik. In einer Demokratie muss es m\u00f6glich sein, dass Regeln ge\u00e4ndert werden, und es darf nicht sein, dass ein starker politischer Wille von nicht zu erf\u00fcllenden Auflagen verhindert wird. Dies ist jedoch der Fall, wenn eine Region die mehrheitliche Zustimmung des staatlichen Parlaments ben\u00f6tigt, um ihre Zukunft zu bestimmen. Im konkreten Fall ben\u00f6tigen wir sogar eine Zweidrittelmehrheit. Es w\u00e4re unvorstellbar \u2014 weil undemokratisch \u2014 dass Gro\u00dfbritannien, wollte es aus der EU austreten, eine Zweidrittelmehrheit im Europaparlament zustandebringen m\u00fcsste. Dabei ist Gro\u00dfbritannien der EU immerhin freiwillig beigetreten, anders als S\u00fcdtirol der italienischen Republik.<\/li>\n<li>Wenn er von der Erzeugung politischen Drucks spricht, scheint der Landeshauptmann f\u00fcr einen Augenblick trotzdem an die Macht der Politik zu glauben. Dann aber ist unverst\u00e4ndlich, warum er die M\u00f6glichkeiten auf das Einvernehmen (im Sinne einer rechtlich einwandfreien Verfassungs\u00e4nderung) und auf die Revolution reduziert. Auch in diesem Falle stellt sich jedoch die Frage, was die SVP gemacht hat, um politischen Druck zu erzeugen. W\u00e4re die Einreihung in die demokratischen Selbstbestimmungsbestrebungen, die derzeit in Europa im Gange sind, nicht eine exzellente M\u00f6glichkeit, politischen Druck aufzubauen?<\/li>\n<li>Dass auch Arno Kompatscher gesteht, dass Katalonien eine sehr weitreichende Autonomie hat, in vielen Bereichen weiterreichend als unsere, ist wohltuend. Dies wurde ja lange Zeit beharrlich geleugnet.<br \/>\nMit Zust\u00e4ndigkeiten <a title=\"Der Autonomie-Vergleich.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=21539\">in der Gestaltung des Zivilrechts<\/a> oder im kulturellen Bereich kann man auch ohne Geld bzw. mit geringen Geldmitteln sehr viel erreichen, was Katalonien stets eindr\u00fccklich bewiesen hat. Und man kann im Umkehrschluss auch mit viel Geld zwar wirtschaftlich stark, aber sprachlich-kulturell schwach aufgestellt sein, wie S\u00fcdtirol leider viel zu oft zeigt.<\/li>\n<li>Ob der finanzielle Unterschied zwischen S\u00fcdtirol und Katalonien noch immer so gro\u00df ist, l\u00e4sst sich leider sehr schwer ermitteln, weil die Daten hierzu in Italien sehr sp\u00e4rlich flie\u00dfen \u2014 und auch das Land kaum Anstrengungen unternimmt, f\u00fcr mehr Transparenz zu sorgen. Vielmehr werden die genauen Zahlen geh\u00fctet wie ein Staatsgeheimnis. W\u00e4hrend der Landeshauptmann im Rahmen des <a title=\"Das Finanzabkommen im Wortlaut.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=21231\">Finanzabkommens<\/a> gern von einem einmaligen Erfolg spricht, sagt etwa der Trentiner Alt-Landeshauptmann Lorenzo Dellai, <a title=\"Quotation (205): Solidariet\u00e0\u00a0 \u00abnazionale\u00bb.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=23266\">dass wir uns inzwischen weit von den einstigen 90% entfernt haben.<\/a><\/li>\n<li>Dass Landeshauptmann Kompatscher jedoch die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Forderung nach einem eigenen Staat gro\u00dfteils auf den finanziellen Aspekt reduziert, ist schlie\u00dflich entt\u00e4uschend: Seiner Auffassung nach ist also f\u00fcr die Selbstbestimmung nicht der politisch-demokratische Wille der Bev\u00f6lkerung ausschlaggebend, sondern der \u2014 wie es in S\u00fcdtirol genannt wird \u2014 \u00bbEgoismus\u00ab. Wenn die \u00bbMarie\u00ab knapp wird, dann ist es pl\u00f6tzlich legitim, Druck aufzubauen, wie es die Katalanen machen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Einvernehmliche Scheidung einer Zwangsehe.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25159\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Schottisches Missverst\u00e4ndnis.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25147\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Ein modernes \u00bbB\u00fcrgerrecht\u00ab.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=16850\"><code>03<\/code><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige signifikante Ausz\u00fcge aus den Wortmeldungen des Landeshauptmanns im Zuge des Diskussionsabends mit F\u00fcrst Hans-Adam II. von Liechtenstein und Wolfgang Niederhofer (): Es ist aus meiner Sicht gef\u00e4hrlich, so zu tun, als ob man mit Unterschriften Sammeln oder auch einer Volksabstimmung einen Prozess in Gang setzen k\u00f6nnte, der etwas bewegen w\u00fcrde. 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