{"id":25436,"date":"2015-10-01T15:03:16","date_gmt":"2015-10-01T13:03:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25436"},"modified":"2024-05-05T10:36:08","modified_gmt":"2024-05-05T08:36:08","slug":"katalonien-politischer-rocknroll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25436","title":{"rendered":"Katalonien: Politischer Rock&#8217;n&#8217;Roll."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><em>Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Peter Kraus, geben wir hier einen Artikel wieder, der gestern <a title=\"SZ: Politischer Rock'n'Roll.\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/spanien-politischer-rocknroll-1.2669910\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in der \u00bbS\u00fcddeutschen Zeitung\u00ab<\/a> erschienen ist. Kraus ist Professor f\u00fcr Politikwissenschaften an der Universit\u00e4t Augsburg.<\/em><\/p>\n<p>Der Block der Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter hat am vergangenen Sonntag bei der Regionalwahl in Katalonien einen Sieg errungen, wenngleich es ein relativer Sieg ist. Bei einer au\u00dferordentlich hohen Wahlbeteiligung von 77,44 Prozent haben die Gruppierungen, die das Ausscheiden Kataloniens aus dem spanischen Staatsverband anstreben, eine absolute Mehrheit der Mandate im Regionalparlament erlangt. Die hohe Wahlbeteiligung ist insofern \u00fcberaus signifikant, als die in Spanien regierende konservative Volkspartei und die Madrider Medien bisher immer argumentiert haben, eine bislang schweigende Mehrheit der katalanischen W\u00e4hler w\u00fcrde der Unabh\u00e4ngigkeit eine klare Absage erteilen, wenn es um die Frage \u00bbSezession ja oder nein\u00ab ginge. Die Wahlen waren auf katalanischer Seite der Versuch, ein Ersatzplebiszit \u00fcber diese Frage zu veranstalten, da die Exekutive des K\u00f6nigreichs Spanien die Abhaltung einer echten Volksbefragung bislang um keinen Preis zulassen will. Spanien unterscheidet sich hier vom Vereinigten K\u00f6nigreich von Gro\u00dfbritannien und Nordirland, das im vergangenen Jahr die Schotten \u00fcber ihren Verbleib im britischen Staat abstimmen lie\u00df.<\/p>\n<p>Die katalanischen <em>independentistes<\/em>, repr\u00e4sentiert vom B\u00fcndnis Junts pel S\u00ed\u00ad (\u00bbGemeinsam f\u00fcr das Ja\u00ab) sowie der kleineren und radikaleren Candidatura d&#8217;Unitat Popular (einer losen Plattform linker Basisgruppen), haben die Wahlen nach Sitzen klar gewonnen, eine absolute Mehrheit der Stimmen allerdings knapp verfehlt. So bleibt letztlich offen, wie ein unter normalen Bedingungen abgehaltenes Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum in Katalonien ausgehen w\u00fcrde. Die katalanische Frage wird Spanien und Europa noch eine ganze Weile weiter besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>In der deutschen \u00d6ffentlichkeit wird der \u00bbProzess\u00ab \u2014 so die unter Katalanen gebr\u00e4uchliche Bezeichnung f\u00fcr den Weg, der ihr Land vom aktuellen Autonomiestatus zur Erlangung der staatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t f\u00fchren soll \u2014 h\u00e4ufig von einer Perspektive aus betrachtet, die recht borniert scheint. Zum einen wird der Streit um die politische Zukunft Kataloniens als Ausdruck des Konflikts zwischen reichen und armen Regionen gedeutet. Zum anderen wird das Gespenst heftiger ethnischer Gegens\u00e4tze, wie wir sie aus dem ehemaligen Jugoslawien kennen, heraufbeschworen. Doch wirtschaftliche Motive sind nur einer von vielen Faktoren, die die katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Viel wichtiger ist das unter einer gro\u00dfen Mehrheit katalanischer B\u00fcrger verbreitete Gef\u00fchl, als strukturelle Minderheit keinerlei M\u00f6glichkeit zu haben, eigene Anliegen gegen\u00fcber einem auch 40 Jahre nach Francos Tod im Namen der \u00bbeinen und unteilbaren\u00ab spanischen Nation zentralistisch agierenden Staat effektiv vertreten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h6>Tief gespaltene Gesellschaft? Selbst unter den Politikern bleibt der Umgangston jovial<\/h6>\n<p>Nicht viel erhellender ist es, den Prozess als Ausdruck der \u00bbethnonationalen\u00ab Identit\u00e4tssuche in Zeiten globaler Unsicherheit zu interpretieren. Katalonien ist keineswegs eine tief gespaltene Gesellschaft. Zwar polarisiert die Frage \u00bbUnabh\u00e4ngigkeit ja oder nein\u00ab die B\u00fcrger. Wie sollte es auch anders sein? Doch diese Polarisierung wird \u2014 \u00e4hnlich wie im vergangenen Jahr in Schottland oder 1995 in Qu\u00e9bec \u2014 demokratisch gut ausgehalten. In den Stra\u00dfen und Bars Barcelonas ist von tiefen Spaltungen nichts zu sp\u00fcren. Und auch unter Politikern, die f\u00fcr diametral entgegengesetzte Optionen stehen, wie Xavier Garc\u00e0\u00ada Albiol, der Nummer eins der spanisch-konservativen Volkspartei in Katalonien, und Ra\u00fcl Romeva, dem Spitzenkandidaten der sezessionistischen Koalition Junts pel S\u00ed\u00ad, bleibt der Umgangston jovial.<\/p>\n<p>Der sich politisch aufgekl\u00e4rt w\u00e4hnende Blickwinkel, der in Deutschland dominiert, neigt dazu, katalanische Forderungen nach kollektiver Selbstbestimmung vor dem Hintergrund der in nationalen Fragen stark problembehafteten eigenen Vergangenheit zu sehen. Zudem m\u00f6gen die nationalistischen Exzesse auf dem Balkan im Zuge der Aufl\u00f6sung Jugoslawiens eine Rolle spielen, wenn bundesrepublikanische Beobachter den gegenw\u00e4rtigen Konflikt zwischen Katalonien und Madrid einzuordnen und zu bewerten versuchen.<\/p>\n<p>Oft werden die Katalanen als skurril, wenn nicht gar als st\u00f6rend wahrgenommen. Ihre Forderungen erscheinen als anachronistisch, und immer wieder f\u00e4llt der Hinweis, dass Europa im Moment wichtigere Sorgen hat, als sich um die Befindlichkeit eines kleinen Volkes zwischen \u00f6stlichen Pyren\u00e4en und Mittelmeer zu k\u00fcmmern. Mitten im katalanischen Wahlkampf hat die Bundeskanzlerin mit ihrem Eintreten f\u00fcr die \u00bbterritoriale Integrit\u00e4t\u00ab Spaniens dem spanischen Premier Mariano Rajoy den R\u00fccken gest\u00e4rkt. In Spanien sto\u00dfen katalanische Selbstbestimmungsw\u00fcnsche bislang auf Granit, und auch unter Europas M\u00e4chtigen finden sie keine beherzten F\u00fcrsprecher.<\/p>\n<p>Viele Katalanen empfinden das beharrliche Ignorieren ihrer Anliegen nicht nur von Seiten Madrids, sondern auch von Seiten Br\u00fcssels und Berlins inzwischen als dem\u00fctigend. Die beeindruckenden Mobilisierungserfolge, die die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung seit 2010 vor Ort erzielt, scheinen nicht zuletzt den Zweck zu erf\u00fcllen, katalanische Ohnmachtsgef\u00fchle voluntaristisch zu \u00fcberwinden und die Hoffnung zu bewahren, dass sich harte politische Wirklichkeiten durch beharrlichen kollektiven Einsatz ver\u00e4ndern lassen. Denjenigen, f\u00fcr die es keine Politik jenseits der harten Grenzen staatlicher Realpolitik gibt, mag dies naiv erscheinen. F\u00fcr die Hunderttausende Katalaninnen und Katalanen, die in einem dichten Netz zivilgesellschaftlicher und politischer Assoziationen seit Jahren f\u00fcr das \u00bbRecht zu entscheiden\u00ab eintreten, ist der breite R\u00fcckhalt, den ihre Forderungen genie\u00dfen, hingegen ein Zeichen demokratischer W\u00fcrde und Legitimit\u00e4t. Im Kern ist der katalanische Prozess Ausdruck des Wunsches dieser B\u00fcrger, \u00fcber ihr politisches Schicksal nach demokratischen Regeln selbst bestimmen zu k\u00f6nnen. Ethno-Pathos und der Vergangenheit zugewandte Folklore spielen demgegen\u00fcber eine allenfalls marginale Rolle.<\/p>\n<p>Dies wird jedesmal deutlich, wenn man Aktivisten der Bewegung reden h\u00f6rt, etwa am Freitag vor den Wahlen auf der Abschlusskundgebung von Junts pel S\u00ed\u00ad, einer schillernden Koalition, die liberale und linke politische Kr\u00e4fte, gesellschaftliche Organisationen, Intellektuelle, K\u00fcnstler und Sportler mit dem Ziel gebildet haben, um den Weg f\u00fcr eine katalanische Republik zu ebnen. Die Ansprachen von Politikern werden eingerahmt von einem Happening, bei dem neben lokalen Pop-Bands und der afrokatalanischen Jazzs\u00e4ngerin M\u00f3nica Green die Gitanos von <em>Sabor de Gr\u00e0cia<\/em> auftreten. Die katalanischen Roma aus Barcelonas Szene-Stadtteil singen Rumbas f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit und lassen sich zwischendurch von dem aus Puerto Rico eingeflogenen S\u00e4nger Jerry Medina begleiten.<\/p>\n<p>Als Spitzenkandidaten der Parteien, die sich den <em>independentisme<\/em> auf die Fahnen geschrieben haben, wenden sich Oriol Junqueras und Artur Mas in katalanischer Sprache an die 70.000 versammelten Anh\u00e4nger. Doch die Vertreter von S\u00famate (\u00bbMach mit\u00ab), einer Organisation, die sich als Sprachrohr \u00bbzugewanderter\u00ab Katalanen im Prozess versteht, geben ihre Statements zuvor auf Spanisch ab.<\/p>\n<p>Dies ist keine Bewegung, die danach strebt, auf dem Gebiet der von Karl dem Gro\u00dfen gegr\u00fcndeten Spanischen Mark im 21. Jahrhundert ein ethnokulturelles Ghetto zu errichten, wie manch ein spanischer Intellektueller gegen die Causa catalana ins Feld gef\u00fchrt hat. Es ist eine Bewegung, die bisher in allen ihren Schritten darum bem\u00fcht war, demokratische Glaubw\u00fcrdigkeit und kosmopolitische Offenheit zu vermitteln. Es ist in weiten Teilen eine Bewegung, die versucht, im realpolitischen \u00bbEuropa der Staaten\u00ab eine L\u00fccke f\u00fcr das \u00bbEuropa der B\u00fcrger\u00ab aufzurei\u00dfen. Und es ist eine neuartige Bewegung, die \u2014 wie so vieles, was sich heute in einem sklerotischer denn je anmutenden Europa von unten artikuliert \u2014 althergebrachte Raster zu sprengen und einen politischen Paradigmenwechsel anzuk\u00fcndigen scheint.<\/p>\n<h6>Es geht nicht um reaktion\u00e4re Folklore, sondern um fortschrittliche Selbstorganisation<\/h6>\n<p>Der katalanische Prozess steht weniger f\u00fcr einen angestaubten oder gar regressiven identit\u00e4ren Trachtentanz als f\u00fcr zeitgem\u00e4\u00dfen mediterranen Rock&#8217;n&#8217;Roll. Es gibt darin gewiss nicht nur Licht, sondern durchaus auch Schatten. Aber in Katalonien wird die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, anders als im Veneto oder zum Teil wohl auch in Flandern, nicht von Wohlstandschauvinismus oder v\u00f6lkischem Atavismus angetrieben. Sie ist vielmehr Ausdruck einer zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation und eines demokratisch getragenen Selbstbehauptungswillens, die auch vor den starren Strukturen etablierter Staatlichkeit nicht haltmachen wollen. Es ist gerade dieses innovative Moment, das in Deutschland und in Europa ernst genommen werden sollte, um zu vermeiden, dass die Europ\u00e4ische Union zu einer reinen Ordnungsanstalt wird, in der die Verwaltung des Status quo Bem\u00fchungen um demokratischen Wandel keinen Spielraum l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Katalonien: EU wird hohen Preis zahlen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=46199\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small> \u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Peter Kraus, geben wir hier einen Artikel wieder, der gestern in der \u00bbS\u00fcddeutschen Zeitung\u00ab erschienen ist. 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