{"id":25969,"date":"2015-11-18T01:28:45","date_gmt":"2015-11-18T00:28:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25969"},"modified":"2025-11-05T18:38:11","modified_gmt":"2025-11-05T17:38:11","slug":"quotation-242-achtung-falle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25969","title":{"rendered":"Achtung Falle."},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201cAch\u201d, sagte die Maus, \u201cdie Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, da\u00df ich Angst hatte, ich lief weiter und war gl\u00fccklich, da\u00df ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, da\u00df ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.\u201d \u2013 \u201cDu mu\u00dft nur die Laufrichtung \u00e4ndern\u201d, sagte die Katze und fra\u00df sie.<\/p>\n<p><em>\u2013 Franz Kafka<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Terrorismus f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig in eine Dilemma-Situation. Die \u00dcberreaktion des Provozierten geh\u00f6rt zum terroristischen Kalk\u00fcl. Gleichzeitig ist ein Ignorieren des Aggressors aufgrund der Ungeheuerlichkeit der Tat nahezu unm\u00f6glich. Und w\u00fcrde man es doch schaffen, w\u00fcrde der Terrorist den Schockierungsgrad so lange steigern, bis schlussendlich doch die \u00dcberreaktion eintritt.<\/p>\n<p>Der IS hat Letzteres mit seinem Pariser Anschlag offenbar bereits erreicht. Pr\u00e4sident Francois Holland sprach noch am selben Tag von &#8220;Krieg&#8221; und vom <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article148849810\/Papst-sieht-Terror-als-Teil-des-Dritten-Weltkriegs.html\">Papst<\/a> abw\u00e4rts ist vom &#8220;3. Weltkrieg&#8221; die Rede, (obgleich&nbsp;Franziskus das ganze noch am differenziertesten und metaphorischsten sieht). Das deutsche Handelsblatt titele gar <a href=\"http:\/\/www.wn.de\/Fotos\/Aktuelles\/Politik-Wirtschaft\/Die-Titelseiten-zur-Pariser-Terrorserie\/(Foto)\/1\">&#8220;Weltkrieg III.&#8221;<\/a> und dessen ehemaliger Chefedakteur Gabor Steingart schreibt: &#8220;Wer Terroranschlag sagt, will verharmlosen. Der Westen befindet sich in einem weltweit gef\u00fchrten Krieg mit radikalisierten Islamisten.&#8221; In S\u00fcdtirol darf Joseph Zoderer in der <a href=\"http:\/\/www.tageszeitung.it\/2015\/11\/17\/das-ist-der-dritte-weltkrieg\/\">Tageszeitung<\/a> die Apokalypse verk\u00fcnden:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist kein Weltkrieg, wie man ihn seit dem Zweiten Weltkrieg kennt, weil es keine Fronten zwischen L\u00e4ndern gibt. Aber was soll es anderes sein als Krieg, wenn man sich an keinem Ort der Welt mehr sicher f\u00fchlen kann? Das ist ein noch gr\u00f6\u00dferer Krieg als was wir uns bisher darunter vorgestellt haben. Die Welt steht in Flammen und insofern ist es ein Dritter Weltkrieg. Ein ganz teuflischer, weil es keine Fronten gibt. Wir sind \u00fcberall von Angreifern umgeben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Anschl\u00e4ge von Paris (Beirut, Sinai, Ankara, Yola &nbsp;usw.) sind grauenvoll, begangen von gott-, hirn- und herzlosen Verbrechern, oder wie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=glxh9ZgP7kc\">John Oliver<\/a> es ausdr\u00fcckte: &#8220;gigantic, fucking assholes, unconscionable, flaming assholes.&#8221; Und dennoch sind wohl das letzte, was wir jetzt brauchen, Panik, Angst und Rachegef\u00fchl. Genau das hie\u00dfe, dass das terroristische Kalk\u00fcl aufgeht. Der IS mag \u00fcberdurchschnittlich brutal, verm\u00f6gend und vernetzt sein. Aber im Endeffekt sind diese paar tausend Idioten eine hundsnormale Terrororganisation, wie es schon etliche vorher gab und die es bestimmt nicht schaffen (sollte), eine Gemeinschaft von 7 Milliarden Menschen zu destabilisieren und in einen globalen Krieg zu jagen. Terrorismusforscher Peter Waldmann schrieb 2002 ein kurzes Papier unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.velbrueck-wissenschaft.de\/pdfs\/32.pdf\">&#8220;Das terroristische Kalk\u00fcl und seine Erfolgsaussichten&#8221;<\/a>, aus dem ich ein paar Abs\u00e4tze zitieren m\u00f6chte, die dies belegen und die uns hoffentlich wieder zur Besinnung bringen.<\/p>\n<blockquote><p>Der Dreiersequenz bei Vollzug und Wirkung terroristischer Aktionen entsprechen drei Personengruppen, die in das Geschehen einbezogen sind. Das sind zum ersten die Gewaltakteure selbst, von denen der terroristische \u00bbProze\u00df\u00ab seinen Ausgang nimmt, zweitens die Opfer der Gewaltanschl\u00e4ge und drittens die eigentlichen Zielgruppen, um deren emotionale Beeinflussung und entsprechende Verhaltensreaktionen es in erster Linie geht. Hier wiederum ist zu unterscheiden zwischen jenen, die als Angegriffene und potentielle Opfer weitere Verluste zu bef\u00fcrchten haben, und der Gegenseite anvisierter Sympathisanten, denen die Terroristen mit ihren Anschl\u00e4gen Mut zu machen und die sie f\u00fcr ihren Kampf zu mobilisieren trachten.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Von einer allgemeineren Warte l\u00e4\u00dft sich Terrorismus als ein Spezialfall des Handlungsprinzips \u00bbProvokation\u00ab interpretieren, dem wir in zahlreichen Machtkonstellationen begegnen. Bezeichnend f\u00fcr eine Provokation ist im Regelfall die Herausforderung eines Starken durch einen Schw\u00e4cheren.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Der Soziologe Rainer Paris [Anm.: der hei\u00dft wirklich so] hat sie definiert als \u00bbeinen absichtlich herbeigef\u00fchrten, \u00fcberraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter, moralisch diskreditiert und entlarvt\u00ab.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Der Angriff mu\u00df, soll er seinen Provokationseffekt nicht verfehlen, \u00fcberraschend, sozusagen aus heiterem Himmel, erfolgen. Dies entspricht genau den Momenten der Unberechenbarkeit, Unw\u00e4gbarkeit und Willk\u00fcr terroristischer Anschl\u00e4ge, durch die Verwirrung und Furcht gestiftet werden sollen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bez\u00fcglich der Verwendung des Wortes &#8220;Krieg&#8221; statt &#8220;Terror&#8221; schreibt Waldmann:<\/p>\n<blockquote><p>Man sollte sich bei der strukturellen Kl\u00e4rung der Frage nicht ohne weiteres von dem oft taktisch bedingten Gebrauch leiten lassen, den die am terroristischen \u00bbProze\u00df\u00ab beteiligten Akteure selbst von der Kriegsformel machen.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Ob und inwieweit eine Gewaltbotschaft vernommen wird, h\u00e4ngt vom allgemeinen Gewaltpegel in einer Gesellschaft ab. Es liegt auf der Hand, da\u00df in L\u00e4ndern, in denen Guerillagruppen einen Teil des Territoriums besetzt halten oder b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Verh\u00e4ltnisse herrschen (aktuelles Beispiel: Kolumbien), terroristische Anschl\u00e4ge keinen sonderlichen Eindruck hinterlassen. Das ist es, was f\u00fcr Terroristen die gewaltfreien westlichen Demokratien als Operationsfeld so attraktiv erscheinen lassen, wo eine \u00fcberraschende, brutale Gewalttat auf Anhieb gro\u00dfer allgemeiner Aufmerksamkeit sicher sein kann.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>[Es bedarf] zweier zus\u00e4tzlicher Handlungssequenzen, damit das terroristische Kalk\u00fcl aufgeht: Erstens mu\u00df der angegriffene Staat \u00fcberreagieren, das hei\u00dft die Fassade von Recht und Rechtsstaatlichkeit fallenlassen und sich als der wahre Angreifer entpuppen; und zweitens mu\u00df diese \u00dcberreaktion die Masse der lauen und stillen Sympathisanten der Terroristen aus ihrer Reserve locken, aus passivem Widerstand eine offene Rebellion werden lassen, die schlie\u00dflich zum Sieg der Aufst\u00e4ndischen f\u00fchrt.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Aus zwei Gr\u00fcnden sollte man den unmittelbaren Zerst\u00f6rungs- und den mittelbaren Abschreckungseffekt, der von milit\u00e4rischen Exempeln ausgeht, wie soeben eines in Afghanistan statuiert wurde, nicht \u00fcbersch\u00e4tzen. Zum einen bedarf es nur minimaler infrastruktureller Voraussetzungen, um ein oder mehrere Lager, wie sie in diesem Lande existierten, an anderer Stelle wieder zu errichten. Dies gilt zumindest f\u00fcr den islamischen Radikalismus, dem ein riesiger, von Nordafrika bis nach Zentralasien reichender geographischer Raum f\u00fcr die Anlage bzw. den Ausbau vergleichbarer Schutzlager zur Verf\u00fcgung steht. Als Warnung und Abschreckung kann die Invasion Afghanistans zudem nur jenen islamischen Herrschern dienen, welche \u00fcber die Mittel und M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgen, die Entstehung eines Oppositionszentrums radikaler Islamisten auf ihrem Territorium zu verhindern, die also das Gewaltmonopol innerhalb ihres Staates aus\u00fcben.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Es kann nicht genug betont werden, da\u00df die Denkweise von Terroristen nur begrenzt den Gesetzen milit\u00e4rischer Logik folgt.&nbsp;Mag auch die von ihnen angestrebte umfassende Konfrontation, etwa der heilige Krieg (Djihad), nicht zustande kommen, so bedeutet das keineswegs, da\u00df sie in ihrer Wut und Opferbereitschaft nachlassen werden. Im Falle Afghanistans d\u00fcrfte sowohl die kriegerische Einmischung der USA in innerafghanische Angelegenheiten, also der neokoloniale Zug des milit\u00e4rischen Strafzugs, als auch die Tatsache, da\u00df viele K\u00e4mpfer von Al Quaida dabei ihr Leben lassen mu\u00dften und somit den M\u00e4rtyrertod starben, dazu beitragen, die Verbitterung und den Ha\u00df der Islamisten noch zus\u00e4tzlich zu sch\u00fcren. Terroristen sind von einem bestimmten Punkt des Engagements ab nicht mehr bereit, Niederlagen zu akzeptieren. R\u00fcckschl\u00e4ge wie auch Zugest\u00e4ndnisse, die ihnen gemacht werden, werden stets in positive Stimuli, ihre k\u00e4mpferischen Anstrengungen zu verst\u00e4rken, umgesetzt.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Zu den eigent\u00fcmlichen Z\u00fcgen terroristischer Gruppen geh\u00f6rt ein der modernen Welt und insbesondere den modernen Demokratien fremder Zeitbegriff. Dies gilt sowohl f\u00fcr die Entstehung dieser Gruppen als auch f\u00fcr die Realisierung der von ihnen angestrebten Ziele. Sie sind nicht auf rasche, definitive Erfolge angewiesen, sondern denken und planen in l\u00e4ngerfristigen, unter Umst\u00e4nden ganze Generationen umfassenden Zeitperioden. Darin liegt ein klarer Vorteil gegen\u00fcber f\u00fcr eine begrenzte Regierungszeit gew\u00e4hlten politischen F\u00fchrern, die schnell sp\u00fcrbare und sichtbare Fortschritte bei der Bek\u00e4mpfung der terroristischen Bedrohung vorweisen m\u00fcssen.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Zwar gelingt es ihnen h\u00e4ufig, den \u00f6ffentlichen Raum und das kollektive Denken mit spektakul\u00e4ren Anschl\u00e4gen zu besetzen und nicht allein die Gegenseite zu heftigen milit\u00e4rischen \u00dcberreaktionen zu veranlassen, sondern die Wahrung der \u00f6ffentlichen Sicherheit zu einem allgemeinen Trauma und Dauerthema werden zu lassen. Doch der entscheidende Erfolg im Sinne einer Eskalation der bewaffneten Auseinandersetzung sowie eines an ihrem Ende stehenden Machtumschwungs bleibt ihnen im Regelfall versagt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dem IS muss man kurz- und langfristig begegnen. Sich jetzt auf einen Luft- und eventuell einen Bodenkrieg zu konzentrieren ist aber die teuerste, ineffizienteste und zugleich am wenigsten erfolgversprechende Methode, da&nbsp;sie eben oben angesprochenes Kalk\u00fcl bedient.<\/p>\n<p>Beispielsweise hat der &#8220;War on Terror&#8221; seit 9\/11 allein im&nbsp;Irak laut einer Berechnung der <a href=\"http:\/\/watson.brown.edu\/costsofwar\/\">Brown University<\/a> 370.000 unmittelbare Kriegstote gefordert und den USA 4,4 Billionen (4,000.000,000.000) Dollar gekostet. Wirklich beendet wurde das Terrorproblem dadurch nicht. Weder im Irak noch anderswo. Sogar aus den USA verortet man mittlerweile <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2015\/11\/18\/opinion\/how-to-fight-isis.html?_r=0\">andere als die gewohnten<\/a> T\u00f6ne.<\/p>\n<p>Ein paar Ideen, wie man 4,4 Billionen&nbsp;Dollar (4.400 Milliarden) eventuell besser einsetzen k\u00f6nnte und gleichzeitig ein paar Hunderttausend Leben schont.<\/p>\n<ul>\n<li>Kriminalistische Verfolgung der T\u00e4ter und Hinterleute im Rahmen unseres Rechtssystems.<\/li>\n<li>Ausbau der EU-weiten polizeilichen Zusammenarbeit<\/li>\n<li>Kommunikationswege des IS unterbinden (Internet, Mobilfunk usw.).<\/li>\n<li>Verst\u00e4rkte Investitionen in den Cyberwar. Das Internet ist das wichtigste Rekrutierungsinstrument des IS.&nbsp;Online-Kan\u00e4le (Youtube, Facebook usw.) kappen.<\/li>\n<li>IS-Konten einfrieren.<\/li>\n<li>Waffenexporte einstellen.<\/li>\n<li>Diplomatische Bem\u00fchungen ausbauen.<\/li>\n<li>Druck auf Unterst\u00fctzer aus\u00fcben (anstatt ihnen Fu\u00dfballweltmeisterschaften zuzuschanzen).<\/li>\n<li>Materielle Versorgungswege des IS abschneiden.<\/li>\n<li>IS Gesch\u00e4fte (\u00d6l- und Antiquit\u00e4tenverkauf usw.) verunm\u00f6glichen.<\/li>\n<li>Verzicht der Medien, IS-Propagandavideos \u00f6ffentlich auszustrahlen. Konzentration auf den reinen Nachrichtenwert.<\/li>\n<li>Massiver Ausbau von Streetwork-, Bildungs- und Infrastrukturprogrammen in den &#8220;Hotspots&#8221; europ\u00e4ischer Gro\u00dfst\u00e4dte. (F\u00fcr ein paar Milliarden Euro, die man jetzt locker und ohne mit der Wimper zu zucken in Kriegsger\u00e4t investiert, ginge da schon ein bisschen was).<\/li>\n<li>Europ\u00e4ische Verpflichtung, Imame vor Ort&nbsp;auszubilden und Verbot au\u00dfereurop\u00e4ischer Finanzierung.<\/li>\n<li>Sch\u00e4rfer gegen Paralleljustiz in Problemvierteln vorgehen.<\/li>\n<li>usw.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und wir m\u00fcssen uns damit anfreunden, dass zumindest auf kurze bis mittlere Sicht&nbsp;einige von uns (immer noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sehr sehr wenige) in diesem Kampf f\u00fcr und um die Freiheit ihr Leben werden lassen m\u00fcssen. Aber:<\/p>\n<blockquote><p>Wer Freiheit f\u00fcr Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren.<\/p>\n<p><em>\u2013 Benjamin Franklin<\/em><\/p><\/blockquote>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cAch\u201d, sagte die Maus, \u201cdie Welt wird enger mit jedem Tag. 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