{"id":26948,"date":"2016-02-03T23:34:32","date_gmt":"2016-02-03T22:34:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=26948"},"modified":"2021-08-27T15:05:58","modified_gmt":"2021-08-27T13:05:58","slug":"bargeldlos-volle-kraft-in-die-postdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=26948","title":{"rendered":"Bargeldlos volle Kraft in die Postdemokratie."},"content":{"rendered":"<p>Mittlerweile h\u00e4ufen sich die Forderungen zur Abschaffung des Bargeldes. Beschr\u00e4nkungen bei der Bezahlung mit Bargeld bestehen schon in verschiedenen L\u00e4ndern und immer h\u00e4ufiger wird die v\u00f6llige Abschaffung des Bargeldes von den USA bis Europa in den buntesten Farben als Fortschritt geschildert. Was da nicht alles versprochen wird. Von der Abschaffung der Schwarzarbeit ist die Rede, die organisierte Kriminalit\u00e4t w\u00fcrde wirksam bek\u00e4mpft und im \u00fcbrigen ist es sowieso schneller, bequemer, sicherer und kosteng\u00fcnstiger ohne Bargeld zu verkehren.<\/p>\n<p>Wer schon mal an der Supermarktkassa warten musste bis Vorderfrau\/Vordermann die Bancomatkarte aus der Brieftasche kramt, diese in das entsprechende Leseger\u00e4t einf\u00fchrt und den Pin-Code eintippt, um einen Betrag von 5 Euro 90 zu bezahlen, mag den Geschwindigkeitsvorteil schon mal ernsthaft anzweifeln, der hier angepriesen wird. Dieses Argument f\u00e4llt sowieso in die Kategorie der <em>peanuts,<\/em> wenn wir die gesamte Dimension einer bargeldlosen Welt beleuchten. In Zukunft soll ja mit dem Smartphone kontaktlos bezahlt werden. Alles wird virtuell, der Bezug zu Zahlen geht vollends verloren. W\u00e4hrend Ebbe in der Brieftasche noch eine nachvollziehbare Gr\u00f6\u00dfe darstellt, verlieren sich die Bytes, die zwischen Banken hin und hergeschoben werden, v\u00f6llig im Virtuellen.<\/p>\n<p>Selbst die fl\u00e4chendeckende Bek\u00e4mpfung der Schwarzarbeit ist volkswirtschaftlich nur oberfl\u00e4chlich betrachtet der gro\u00dfe Wurf. Schon vor Jahrzehnten beschrieb die renommierte Wirtschaftszeitung <em>The<\/em> <em>Economist, <\/em>dass Schwarzarbeit bis zu einer bestimmten Gr\u00f6\u00dfenordnung volkswirtschaftlich sogar ein Vorteil ist und zwar immer dann, wenn es sich um Mikro-Transaktionen handelt, die sonst nicht stattfinden w\u00fcrden. Diese Gelder kommen h\u00e4ufig den unteren Einkommensschichten zugute und werden schon beim \u00fcbern\u00e4chsten Schritt wieder Teil des legalen Wirtschaftskreislaufes, da sie 1 zu 1 in den Konsum flie\u00dfen. Zudem kann, wie die <em>FAZ<\/em> schon vor etlichen Monaten aufgezeigt hat, auch in einer bargeldlosen Welt Schwarzarbeit verg\u00fctet werden, etwa durch Tauschgesch\u00e4fte, Fremdw\u00e4hrungen oder Kreativbezahlungen, wie z.B. Amazon-Gutscheine.<\/p>\n<p>Die organisierte Kriminalit\u00e4t beeindruckt dies sowieso nicht. Die programmieren sich notfalls, immer laut <em>FAZ<\/em>, ihre eigenen Zahlungssysteme. Zudem, ganz glaubw\u00fcrdig klingt der Aktionismus pro Abschaffung des Bargeldes in dieser Hinsicht ohnehin nicht. Steueroasen und kriminelle Geldstr\u00f6me k\u00f6nnte man bereits heute bei entsprechendem politischen Willen wirksamer austrocknen.<\/p>\n<p>Ob bargeldlose Zahlungsmethoden mehr Sicherheit als Geldscheine bieten und kosteng\u00fcnstiger sind ist ebenfalls mehr als unsicher. Bis heute werden Bancomatkarten geklont, Kreditkartendaten missbraucht und Kontodaten geklaut. Mir wurden innerhalb 6 Wochen zwei Kreditkarten, da jemand meine Daten verwendete, automatisch gesperrt. Einmal als ich in Siebenb\u00fcrgen (Rum\u00e4nien) unterwegs war. Gl\u00fccklicherweise verlasse ich mich als alter Globetrotter sowieso am liebsten auf Bargeld und ich geriet in keinen Engpass.<br \/>\nDie zu erwartenden Bankgeb\u00fchren f\u00fcr den l\u00fcckenlosen bargeldlosen Zahlungsverkehr d\u00fcrften wohl ebenfalls kaum kosteng\u00fcnstiger sein als das heutige Bargeldsystem. Auch wenn der Konsument davon direkt nichts merkt. Irgendwo m\u00fcssen auch heute schon die Kreditkarten- und POS-Geb\u00fchren in den Endpreis eingerechnet werden.<\/p>\n<p>Trotzdem sind die Argumente zu mehr Sicherheit, mehr Bequemlichkeit und wirksamer Bek\u00e4mpfung der Kriminalit\u00e4t reine Ablenkungsman\u00f6ver vom gro\u00dfen, geplanten Wurf unserer \u00bbEliten\u00ab aus Politik und Gro\u00dffinanz.<\/p>\n<p>Die eigentliche Gefahr besteht in der Durchleuchtung unseres gesamten Zahlungsverhaltens und in der M\u00f6glichkeit der Zentralbanken und Finanzministerien zum totalen Durchgriff.<\/p>\n<p>Stichwort gl\u00e4serner B\u00fcrger: Schon heute hinterlassen wir eine Unmenge an Spuren, die unser Leben beinahe l\u00fcckenlos nachverfolgen lassen. Durch die v\u00f6llige Abschaffung des Bargeldes bewegen wir uns in eine neue Dimension. Jede auch noch so kleine Zahlung l\u00e4sst sich nachvollziehen. Und von jedem Menschen l\u00e4sst sich problemlos ein Konsumprofil erstellen. Schon heute besteht kein wirksamer Datenschutz. Auch in Zukunft g\u00e4be es keine Garantie, dass diese hochsensiblen Daten nicht Akteuren in die H\u00e4nde fallen, die daraus den gr\u00f6\u00dften Nutzen ziehen.<\/p>\n<p>Stichwort Zentralbanken: Es ist ein offenes Geheimnis, dass die meisten westlichen Industriestaaten nicht in der Lage sind ihre exorbitanten Staatsschulden mit herk\u00f6mmlichen Methoden (Reduzierung der Staatsausgaben, Erh\u00f6hung der Steuereinnahmen, Steigerung des Wirtschaftswachstums) zu tilgen. Da braucht es nun kreativere Methoden. Negativzinsen hei\u00dft das Zauberwort. Die <em><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/anleihen-zinsen\/wem-nuetzen-negativzinsen-14046757.html\">FAZ vom 2.02.2016, \u00bbWem n\u00fctzen Negativzinsen?\u00ab<\/a><\/em> bringt die Sache folgenderweise auf den Punkt:<\/p>\n<blockquote><p>Ein Negativzins ist nichts anderes als eine Art Geschenk: Nicht der Schuldner muss f\u00fcr den Kredit einen Zins zahlen, sondern der Anleger muss daf\u00fcr zahlen, dass der Schuldner Geld von ihm annimmt. Negative Zinsen verteilen Verm\u00f6gen von Gl\u00e4ubigern zu Schuldnern um.<\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00fcrden Verm\u00f6gen auf Bankkonten nun durch Negativzinsen bestraft, w\u00fcrden die Sparer massiv auf Bargeld ausweichen. Das Horrorszenarium des Bankensystems. Und nun klingelt es. Wenn es kein Bargeld mehr gibt, kann auch niemand mehr darauf ausweichen.<br \/>\nDie <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/finanzen\/geldanlage\/moderne-zahlsysteme-ohne-bargeld-droht-sparern-negativzins\/9716606-3.html\"><em>Wirtschaftswoche<\/em><\/a> beschreibt den Mechanismus wie folgt:<\/p>\n<blockquote><p>Weil die Zinss\u00e4tze schon nahe null sind, k\u00f6nnte die Geldhaltung auf Konten mit negativen Zinsen bestraft werden. Wer Geld bei der Bank parkt, zahlt eine Geb\u00fchr. Normalerweise w\u00fcrden die Menschen dann auf Bargeld ausweichen, der Negativzins w\u00fcrde wirkungslos. K\u00f6nnen sie aber nicht mehr bar bezahlen, w\u00fcrde das Geld auf die Konten getrieben \u2013 oder ausgegeben. So k\u00f6nnte der Konsum angekurbelt werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der moderne B\u00fcrger wird zur gl\u00e4sernen Konsummaschine, w\u00e4hrend unsere politische Elite mit den Steuergeldern noch leichtsinniger umgehen kann. Negativzinsen fressen auch die Staatsschulden auf.<\/p>\n<p>Und was passiert, wenn man gegen diese Orwell\u2019sche \u00dcberwachung aufbegehrt? Ja, dann steht dem Staat eine sehr wirksame Methode zur Verf\u00fcgung. Entweder es wird das Konto oder das Smartphone gesperrt, und der unbequeme B\u00fcrger ist enteignet.<\/p>\n<p>Klingt nach Verschw\u00f6rungstheorie. Um es nicht soweit kommen zu lassen, braucht es wieder ein gesch\u00e4rftes Bewusstsein f\u00fcr die demokratisch-freiheitlichen Errungenschaften, die in den letzten Jahrhunderten m\u00fchevoll erarbeitet und erk\u00e4mpft wurden. Schon heute entscheiden nicht mehr die Parlamente (z.B. TTIP Verhandlungen) \u00fcber die wesentlichen Entscheidungen, und ohne wirksame direktdemokratische Mechanismen haben die B\u00fcrgerInnen ohnehin nur alle 4 bis 5 Jahre die M\u00f6glichkeit, indirekt mitzubestimmen. Und selbst die sogenannte vierte Gewalt gef\u00e4llt sich zusehends in der Rolle als Regierungsprecher, anstatt wirksam Kontrolle auszu\u00fcben.<br \/>\nPostdemokratie ante portas?<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, Bargeld ist in M\u00fcnzen geschlagene Freiheit. Jeder B\u00fcrger kann ohne gro\u00dfen Aufwand durch mehr Bargeldzahlungen einen Beitrag zur Verteidigung dieser b\u00fcrgerlichen Freiheit leisten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittlerweile h\u00e4ufen sich die Forderungen zur Abschaffung des Bargeldes. Beschr\u00e4nkungen bei der Bezahlung mit Bargeld bestehen schon in verschiedenen L\u00e4ndern und immer h\u00e4ufiger wird die v\u00f6llige Abschaffung des Bargeldes von den USA bis Europa in den buntesten Farben als Fortschritt geschildert. Was da nicht alles versprochen wird. 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